Blick ins Buch

Josef Hegenbarth: Der Teufel und seine Großmutter

Josef Hegenbarths Zeichnungen zum Märchen Der Teufel und seine Großmutter

«Es war ein großer Krieg» – so beginnt dieses Märchen der Brüder Grimm, in dem drei Soldaten desertieren, weil der Sold des König nicht fürs Leben reicht. Aber sie geraten in noch größere Not. Der Teufel in Drachengestalt befreit sie; jedoch haben die Drei sich ihm damit verschrieben; nach sieben Jahren will er sie holen kommen; nur wenn sie dann ein Rätsel lösen, können sie ihre Freiheit zurückerlangen. Das Ende ist, wie es sich gehört, märchenhaft: des Teufels Großmutter selbst hilft dem mutigen Soldaten, der sich traut, sie um Hilfe zu bitten; der Teufel fährt zur Hölle und die drei Soldaten, aus denen inzwischen feine Herren geworden sind, leben «vergnügt bis an ihr Ende».

Der Maler, Zeichner und Illustrator Josef Hegenbarth (1884–1962) hat dieses weniger bekannte Märchen zwischen 1940 und 1942 mit acht farbigen Pinselzeichnungen, einer einfarbig schwarz gehaltenen Pinsel- und einigen Federzeichnungen skizziert und illustriert. Sie alle sind in dem vorliegenden Buch erstmals zusammen mit dem Märchentext gedruckt. Mehr Andeutung als akribische Ausführung, dynamisch, skurril in Perspektive und Szenerie – die Bildfolge wirke wie ein Storyboard, so der Befund des Herausgebers und Gestalters Christopher Breu und der Redakteurin Katja Schöppe-Carstensen. Entsprechend spannungsreich sind die Doppelseiten der Broschur komponiert. Kino im Kopf? Kino im Buch! Die linke Seite zeigt formatfüllend das Hauptbild, während oben rechts eine weitere (kleiner präsentierte) Zeichnung die nächste Szene schon andeutet, bevor sie nach dem Umblättern dann selbst linksseitig und groß erscheint. Flüchtig-feiner schneller Strich findet sich neben körperfüllender Teufels-Drachen-Farbigkeit. Dazu passen die kräftige serifenlose Schrift Calluna und der Flattersatz.

Die beiden Textbeiträge (Blocksatz, bei gleichbleibend luftigem Layout) beleuchten die Bilderfolge sowie Hegenbarths Illustrationskunst insgesamt. Andreas Bode stellt dessen Affinität zu literarischen Stoffen heraus, zu Märchen und märchenhaften Erzählungen, aber eben auch zu Flaubert, Gogol, Goethe, Cervantes. Hegenbarth zeigt Spannung, Dynamik und Dramatik, auch Witz, vermittelt durch angedeutete Mimik, Gestik, Bewegung, Körperhaltung sowohl von Menschen wie von Tieren (auch Teufeln) – dies waren zeitlebens seine Lieblingsmotive. Das Wichtigste war ihm stets: mit wenigen Strichen das Wesentliche einzufangen. Kaum einer konnte das besser als er, der «unersättliche Beobachter, Reporter und Jongleur des Lebens».

Der Großteil des künstlerischen Nachlasses einschließlich des Wohn- und Atelierhauses in Dresden Loschwitz ging, von der Witwe verfügt, an das Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Das Erbe dieses bemerkenswerten Künstlers mit dem so besonderen Pinselstrich lebendig zu halten, liegt aber auch der Hegenbarth Sammlung Berlin am Herzen. Sie versteht sich «als Institution für eine persönliche Kunstvermittlung» und bietet mit jährlich drei bis vier thematischen Wechselausstel-lungen immer neue Blickwinkel auf Hegenbarths umfangreiches Œuvre. So rückt sie «sein stilles Medium ins Licht der Gegenwart»; dazu trägt ebenfalls die Publikationsreihe Herrn Hegenbarths Entdeckungen bei, zu der die vorliegende handliche Broschur gehört und die wegen der Bindung mit Fadenheftung und freiem Rücken auch mit bestem Aufschlagverhalten punktet.

Silvia Werfel

Fotos: Christopher Breu

Im Detail

Der Teufel und seine Großmutter
Ein Märchen der Brüder Grimm, illustriert von Josef Hegenbarth

Berlin: Hegenbarth Sammlung Berlin 2016
(Herrn Hegenbarths Entdeckungen Band 3)

Mit Betrachtungen von Christopher Breu und Katja Schöppe-Carstensen sowie einem Aufsatz von Andreas Bode zu Josef Hegenbarths Illustrationskunst

52 Seiten, 21 teils ganzseitige Abbildungen, Broschur mit offener Fadenheftung und Schutzumschlag, 16 × 21,5 cm. 10 €