Karl Wolf
Zum Artikel des Herrn Paul Alicke „Auch etwas über Bibliophilie“ in Nr. 66 d. Bl. vom 20 März 1905.

Aus: Börsenblatt Nr. 74 vom 30. März 1905, S. 3104.


Bücher – das scheint der Grundgedanke von Herrn Alickes Artikel zu sein – sollen in erster Linie der Belehrung und Unterhaltung dienen; Schaden drohe dem Buchhandel einmal durch die Tagespresse, die das Bedürfnis nach Belehrung und Unterhaltung schon zu weit befriedige, dann durch die Bibliophilen, weil durch sie dem regelrechten Handel große Summen entzogen würden.

Unter „Bibliophilen“ versteht Herr Alicke den systematischen Büchersammler, der, ohne daß ihm Bücher ein inneres Bedürfnis wären, sie zum Sammelobjekt nimmt und unter gewissen äußern Gesichtspunkten aufhäuft. Herr Alicke macht einige sehr treffende Bemerkungen über die Narrheit solchen Büchersammelns; aber es läßt sich doch nicht recht ersehen, weshalb diese mehr als humoristisch genommen werden und gar als Grundschaden des Buchhandels angesehen zu werden brauchte. Die Sammel-Epidemie hat sich eben auch auf die Bücher erstreckt; dieser oder jener reiche Sammellustige, der seine Zeit und sein Geld bisher für andre Kuriositäten verschwendete, wendet sich nunmehr dem vornehmern Bücherport zu. Nun, dadurch wird dem Antiquariatshandel neues Geld zugeführt, und der Gesamtbuchhandel wird gewiß nichts dadurch verlieren, daß diese Gelder statt in Marken, Streichhölzerschachteln oder historischen Hosenknöpfen in kuriosen oder seltnen alten Büchern aufgewandt werden.

Reine Büchernarren sind nun ja ziemlich selten; es gibt immer noch eine erfreuliche Anzahl wirklicher Bücherfreunde, d. h. Büchersammler und Bücherkenner zugleich; nur muß der Antiquar so oft die betrübende Erfahrung machen, daß bei dieser Kategorie Kauflust und Geldbeutel meist in gar keinem Verhältnis stehen. Viele suchen das Missverhältnis dadurch zu heben, daß sie sich neben ihrem eignen Sammelobjekte dem Aufspüren kostbarer andrer Seltenheiten widmen, um sie gelegentlich günstig zu tauschen oder zu veräußern, und so Mittel für ihre Liebhaberei flüssig zu machen. Es ist dies eine Praxis, wie sie ähnlich auch von öffentlichen Bibliotheken angewandt wird und letzthin namentlich von Herrn Oberbibliothekar Geiger in Tübingen empfohlen worden ist. Daß dieser „verkappte Buchhandel“ dem Berufs-Antiquariat viel schadet, ist kaum richtig; die meisten Antiquare kennen viel unangenehmere „Bibliophilen“, nämlich solche, die über ihre Mittel darauf loskaufen und dann nach einigen Jahren geschäftlichen Verkehrs auf die „schwarze Liste“ gesetzt werden müssen.

Jedes Handelsgewerbe, so auch das Antiquariat, kann nur gedeihen, wenn es einem Bedürfnis dient. Die Bedürfnisse, die das Antiquariat zu befriedigen hat, sind: 1. Sammelobjekte, 2. wertvolle oder nützliche aber nicht mehr im Handel befindliche Bücher, 3. billige Bücher. Die Ausstattung der Kataloge wird sich ganz danach zu richten haben, welchem Bedürfnis die darin angezeigten Bücher dienen sollen. Abgesehen davon, daß die Kosten des Katalogs dem vorauszusehenden Gewinn entsprechen müssen, sollte man sich hauptsächlich hiervon leiten lassen. Einem Katalog mit kostbaren Sammelobjekten wird eine splendide Ausstattung mehr nützen als schaden; einem Katalog, dessen Inhalt auf billig kaufen wollende Interessenten absieht, wird eine zu reiche Ausstattung eher schaden, da der would-be-Käufer bezüglich der Preise leicht mißtrauisch werden könnte, während er bei einem bescheiden aussehenden Katalog sich leichter einbilden wird, besonders billig zu kaufen.

Oxford, März 1905

 

nach oben