Georg Witkowski:
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bibliophilie

Erster von fünf Vorträgen gehalten bei den Tagungen der Gesellschaft der Bibliophilen zu Frankfurt a. M. am 9. Oktober 1920

Aus: Die Bücherstube. Blätter für Freunde des Buches und der zeichnenden Künste 1 (1920), S. 136-140.


Die Bibliophilen gelten nicht wenigen als die die Drohnen im Reiche der Bücher. Sie leben in der eigenen Lust, leisten keine der Allgemeinheit nützliche Arbeit und mißbrauchen die Früchte wissenschaftlichen und künstlerischen Schaffens als Gegenstände eines Sammelsports, wenn nicht gar noch bedenklicherer Neigungen. So fällt nach dem Gemeinurteil das Treiben der Bibliophilen unter die Kategorie jener Luxusgewohnheiten, die wir uns vielleicht gestatten durften, solange wir ein reiches Volk waren, die aber nunmehr von den Anhängern Walter Rathenaus als auszumerzende Schädlinge empfunden werden.

Hoffentlich brauche ich Niemand unter Ihnen, meine Damen und Herren, erst zu sagen, daß jene Vorstellung vom Wesen der Bibliophilie irrig ist. Dem echten Bücherfreunde werden seine Schätze nicht zu Gegenständen eines egoistisch sinnlichen Genießens. Wenn er an Ihrem Äußeren seinen Schönheitssinn befriedigt, wenn die Freude an der Seltenheit das Herz des Sammlers höher schlagen läßt, so bedeuten diese Empfindungen nur Begleitsymptome der seelischen Erhebung, die von den Inhalten ihm gewährt wird. Schön und deshalb begehrenswert dünkt uns ein Buch, wenn Form und Gehalt einander entsprechen; Alter und Seltenheit allein vermögen ohne diese Eigenschaften keinen Reiz auszulösen, und wenn gewisse Nebenerscheinungen der jungen deutschen Bibliophilie dieser Andeutung ihres Wesens zu widersprechen scheinen, so begibt sich hier nur das gleiche, wie auf allen Feldern menschlicher Tätigkeit, zumal auf solchen, die erst seit Kurzem urbar gemacht sind und noch so manchen Stein des Anstoßes der in die Furchen schneidenden Pflugschar hemmend auf den Weg werfen.

Noch nicht ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit man in Deutschland von einer größeren Bibliophilen-Gemeinde sprechen kann. Wohl gab es zuvor schon einzelne Sammler alter, seltener und schöner Bücher. Es waren fast ausschließlich Männer, die den Dichtern der Vergangenheit ihre Teilnahme zuwandten und die aus Liebe zu den Autoren oder noch häufiger im Interesse ihres Studiums die frühen Drucke zu erwerben suchten. Die Zahl dieser Sammler war so gering, daß von Ihnen irgend eine Wirkung auf die Preisgestaltung nicht ausgehen konnte, auch die Werte der am internationalen Markt schon zuvor geschätzten frühesten Erzeugnisse des Buchdrucks und der Handschriften blieben bei uns bis an die Gegenwart heran unverhältnismäßig niedrig. Zudem fehlte es an jedem Wollen und Können für eine dem besseren Geschmack zusagenden Buch-Herstellung, selbst nachdem in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich die Blicke zu der deutschen Renaissance, der ersten Blütezeit des Buchgewerbes, zurückgewandt hatten und ein historisierendes Kunstgewerbe entstanden war. Die wenigen von dieser Bewegung zeugenden drugulinschen Drucke, die Versuche Georg Hirths und Otto Hupps in München beweisen das durch ihre Vereinzelung unter der Menge der sogenannten Prachtwerke und der künstlerisch völlig trostlosen Ausgaben unserer edelsten Geistesschätze. Damals legte auch der wohlhabende Deutsche auf den Besitz einer eigenen Bücherei kaum irgend ein Gewicht und gegen die Beschaffenheit seiner Bücher war er völlig gleichgültig. Auch hier galt die Parole „billig und schlecht“ mit allen den bekannten Konsequenzen volkswirtschaftlicher Art.

Indessen hatte in den anderen europäischen Ländern auf dem Gebiete der Buchherstellung und des Sammelwesens längst der Aufstieg begonnen, auf sehr verschiedenen Wegen und mit sehr verschiedener Wirkung. In Frankreich weckten Kenner, wie die Brüder Concourt, das Verständnis für die Illustratoren des Rokoko und schufen aus vorher kaum beachteten illustrierten Büchern des 18. Jahrhunderts Kostbarkeiten, während die Freunde des geschmückten oder durch kapriziösen Inhalt den Feinschmecker reizenden Werkes jüngerer Zeit sich zur Herstellung von Privatdrucken in nicht wenigen Vereinen zusammenschlossen. Davon gingen jedoch keine irgendwie merkbaren Einflüsse auf das französische Buch aus; es blieb bis zur Gegenwart einförmig und verschloß sich jedem Versuch einer neuen Gestaltung.

Anders in England. Hier führte die Renaissance-Bewegung zurück zu den Primitiven, und in William Morris erfand der Erneuerer aller Reize der unvergleichlichen Denkmäler der Inkunabel-Zeit. Die wenigen, kostbaren Erzeugnisse der Kelmscott-Preß wirkten Wunder. Sehr bald gewann auch das billige Buch in England einen ästhetisch erfreulicheren, freilich immer historisch bedingten Charakter.

Von hier kam für Deutschland der Anstoß. Er kreuzte sich mit der gleichzeitigen Bewegung des Jugendstils und mit dem schon vorhandenen historischen Interesse. Wie unklar all diese Bestrebungen in ihren Anfängen waren, können die ersten Bände der Zeitschrift für Bücherfreunde, des frühesten deutschen bibliophilen Organs, bezeugen. Es wurde im Jahre 1897 begründet, nicht um einem vorhandenen Bedürfnis zu genügen, sondern um es zu erwecken: das Bedürfnis nach dem Buche als Gegenstand der Sammlerfreude und des Kunstsinns. Es ist erstaunlich, wie schnell dort, wo zuvor weder Teilnahme noch Verständnis für bibliophile B estrebungen zu entdecken war, in den gelehrten und begüterten Schichten der deutschen Gesellschaft, das Interesse daran sich ausbreitete. Schon Anfang 1899 konnte die Gesellschaft der Bibliophilen ins Leben treten und gewann bald hunderte von Mitgliedern.

Zwei wichtige in die Weite gehende Folgen ergaben sich daraus. Die wachsende Schar derer, die das schöne und seltene Buch besitzen mussten, ermöglichte auf dem Gebiete des Antiquariats und des Verlagsbuchhandels einen unerwarteten Aufschwung. Für das Antiquariat kam es zu einer neuen, wesentlich höheren Preisbemessung. Sie trat zum ersten Mal bei der Kürschner-Auktion in Leipzig im Frühjahr 1905 zu männiglichem Entsetzen hervor und führte zu einem langsamen, aber beharrlichen Steigen der Preise, bis jene Umwälzungen aller Werte einsetzten, die der Krieg mit sich brachte. Man kann sagen, daß bis dahin die Bibliophilie auf das Antiquariat eine völlig gerechtfertigte und durchaus günstige wirtschaftspolitische Wirkung ausgeübt hat. Sie ließ den Wert der wissenschaftlichen Literatur und der billigen Konsum-Artikel unberührt und verlieh nur den durch ihre inneren und äußeren Qualitäten für den Sammler begehrenswerten Stücken die ihnen zukommende Schätzung.

Noch bedeutsamer war die zweite Folge der erwachenden deutschen Bibliophilie. Mit einer Schnelligkeit und in einer Fülle, die Niemand hätte ahnen können, erstanden neue Buch-Typen, die den Forderungen eines geläuterten Geschmacks und der Echtheit des Materials zu genügen suchten. Die alten großen Dichter deutscher und fremder Zunge wurden in würdige Gewänder gekleidet, auch den Lebenden gewährte wenigstens hier und da der Nährvater ihrer Geisteskinder edlere Gestalt und sogar wissenschaftliche Literatur begann ein harmonisches Äußeres zu gewinnen.

Von anderer Seite wird später zu zeigen sein, welche belebende und notwendige Wirkung auf den Geschmack von dieser Bewegung ausging. Jetzt ist nur von den materiellen Werten zu reden, die durch sie gesteigert oder neu geschaffen wurden. Gesteigert wurde die Herstellung neuer Schriftgattungen, das Entstehen von künstlerisch beratenden Schriftgießereien wie namentlich den beiden nun vereinigten Frankfurt-Offenbacher Offizinen Stempel und Klingspor, ferner die Erzeugung hochwertiger Druckpapiere und kostbarer Einbände. Es war für den deutschen Charakter bezeichnend, daß alle diese Errungenschaften sogleich mit erstaunlicher Tatkraft von einer Reihe alter Verleger und neu entstehenden Verlagsunternehmen angewandt wurden, um der Allgemeinheit an Stelle der gewohnten Dürftigkeit Bücher zu bieten, deren Anblick schon durchaus erfreulich war, und das zu einem Preise, der kaum den früheren überstieg.

Damit aber erwachte die Freude am Besitz des Buches um seiner Form und seines Inhalts willen in sehr breiten Schichten. Nun erst begann der Durchschnitts-Deutsche den Wert einer eigenen Bibliothek zu schätzen und für diese nicht nur gute sondern auch schön gedruckte, dauerhaft gebundene Bücher zu verlangen. Unmittelbar auch der Bibliophilie als Sammlersport entsprang bei uns die Bibliophilie als allgemeines Bedürfnis bis in die Schicht der mäßig besoldeten Lehrer und Beamten hinein.

Für jeden, der mit offenen Augen die Entwicklung der letzten 25 Jahre auf diesem Gebiete verfolgt hat, liegt die Reihenfolge der Faktoren klar zu Tage: Streben einzelner nach Begründung einer deutschen, bibliophilen Ansprüchen genügenden Buchherstellung, unmittelbar darauf folgend Eingehen des Verlags auf diese Wünsche, Erwachen des Verständnisses für buchtechnische Unterschiede und erhöhte Lust am Besitz eigener, durch Inhalt und Ausstattung wertvoller Bücher.

Aus der Statistik der gesamten, bis zum Kriege steigenden buchgewerblichen Produktion wird sich der Einfluss dieser Faktoren nicht herausheben lassen, aber das Aufblühen so vieler Verlage, Druckereien, Schriftgießereien und Buchbindereien vor allem die jetzt erst entstandenen zahlreichen guten Werke guter und bester Qualität bezeugen das worauf es ankommt zur Genüge, nämlich den gewaltigen volkswirtschaftlichen Einfluß der Bibliophilie.

Die Folgerung für Gegenwart und Zukunft ist leicht zu ziehen. Ich glaube gezeigt zu haben, daß die Freude am Qualitätsbuch erst die Freude am Bücherbesitz verbreitet hat. Schwindet die Qualität, verliert das deutsche Buch seinen bibliophilen Charakter, wird es wieder zu einem Gebrauchsgegenstand ohne ästhetische Form, so wird auch der Hauptanreiz für die Kauflust schwinden, umsomehr, da die gesteigerten Preise ohnehin auf jeden Fall einen argen Hemmschuh bedeuten. Man wird einwenden, heutzutage und in der nächsten Zukunft fehlten uns auf jedem Gebiete die Möglichkeiten, irgend einen Luxus zu bezahlen. Aber gerade beim Buche bedeutet Qualität keinen Luxus. Kräftiges, holzfreies Papier und dauerhafter Einband, sorgfältiger, klarer Satz und sauberer, tiefschwarzer Druck sind alles Voraussetzungen für die Lebensdauer und damit für die Erhaltung der im Buche angelegten Kapitalien des einzelnen und des Volksvermögens. Geschmack aber und sorgsam gewählter Inhalt vereinigen sich mit den eben genannten äußeren Attributen des bibliophilen Buches, damit ihm allen Hemmnissen zum Trotz der alte Käuferkreis und einer Reihe hochstehender Industrien Beschäftigung gewahrt bleibe.

Würde das deutsche Buchgewerbe wieder auf den Stand zurücksinken, auf dem es sich vor dem Entstehen der deutschen Bibliophilie befand, so würde damit auch ein sicherer Rückgang der Kauflust, nicht nur des Geschmacks verbunden sein. Wenn unsere Buchhändler seit einiger Zeit über mangelnden Absatz klagen, so darf man mindestens einen Teil des Rückgangs darauf zurückführen, daß die neuhergestellten Bücher den Ansprüchen bibliophiler Käufer nicht mehr genügen. Damit sind nicht etwa die sogenannten Luxusdrucke gemeint, von denen sogleich zu sprechen sein wird, sondern die in regulären Auflagen hergestellten, zum Teil in vielen Tausenden verbreiteten Drucke. Wer sich einmal als holzfreies Papier, korrekten Satz, guten Druck und soliden Einband gewöhnt hat, dem müssen eben die jetzigen Produkte widerstehen. Die Verleger werden bald erkennen, daß sie mit der Verwendung der Surrogate schlechter fahren, als mit noch teureren Preisen. Unser Publikum hat sich bereits daran gewöhnt, für wirklich wertvolle Bücher früher unerhörte Summen anzulegen (es sei an die Erfolge Spenglers und des Grafen Keyserling erinnert), aber es will dafür auch gediegene Inhalte und gute Ausstattung erhalten.

Der dadurch bedingte höhere Aufwand kann leicht als volkswirtschaftlich fruchtbar, auch in jetziger Zeit, erkannt werden. Mag für den Massenkonsum, für Kochtöpfe und Fahrräder, die Herstellung möglichst weniger Typen und schmuckloseste Außenform jetzt angebracht sein, für alle diejenigen Gegenstände, die nicht der Lebensnotdurft dienen, bleiben die alten Bedingungen, nach denen nur gesteigerter Anreiz ihren Absatz fördert, in Kraft. Würde das in unserem Sinne gute Buch in Deutschland zum Untergang verdammt werden, so würde auf mannigfachen Herstellungsgebieten die Arbeit fehlen oder wenigstens stark gemindert werden. Auch ist zu berücksichtigen, daß diesem guten Buche für die Darstellung des deutschen Wesens jenseits unserer Grenzen eine repräsentative Aufgabe zufällt. Vor kurzen schrieb mir ein befreundeter niederländischer Kollege, dem ich einen guten deutschen Druck gesandt hatte, er habe diesen Beweis ungeminderter Kultur überall herumgezeigt und dadurch Staunen erregt. Solche Beweise ließen sich wohl mehren.

Auf Grund von allem bisher Gesagten erlaube ich mir den Leitsatz zu formulieren: Die Herstellung inhaltlich wertvoller, technisch einwandfreier, in der berechtigten Bedeutung des Wortes bibliophiler Bücher bedeutet auch in der Gegenwart keinen schädlichen oder überflüssigen Aufwand. Sie ist vielmehr von Herstellern und Verbrauchern nach Möglichkeit zu fördern. Eine Sonderbesteuerung, deren Höhe die weitere Herstellung gutgedruckter und solidgebundener Bücher unterbinden würde, würde zahlreiche Industrien schädigen, ohne den damit angestrebten fiskalischen Nutzen zu erbringen.

Den letzten Worten möchte ich noch einige Erläuterungen hinzufügen. Wir alle wissen, daß der Staat jetzt jedes brauchbare Mittel nützen muß, um die ungeheure Last der Schulden und der laufenden Ausgaben zu tragen. Und gewiß ist jeder Deutsche im Prinzip mit Steuern auf unnötigen und unfruchtbaren Aufwand einverstanden, mögen auch vielfach nicht unerhebliche private Interessen dadurch geschädigt werden. Aber der Nutzen für die Allgemeinheit soll in einem nicht zu ungünstigen Verhältnis zu dem privaten Nachteil stehen. Diese Forderung erscheint in den Bestimmungen des § 15 des Umsatzsteuergesetzes vom 24. Dezember 1919, soweit sie sich auf Bücher und Bucheinbände beziehen, noch nicht wesentlich verletzt. Wir können uns damit einverstanden erklären, daß unter Nummer II, 3 Erzeugnisse des Buchdrucks auf besonderem Papier mit beschränkter Auflage der erhöhten Steuer unterworfen werden. Sollte aber die Geldnot des Reiches den Versuch hervorrufen, über diese Grenze hinauszugehen, so müßte dagegen ebenso Widerspruch erhoben werden, wie von Seiten der Gesellschaft der Bibliophilen und anderer Korporationen schon früher gegen die erhöhte Steuer auf alte Drucke in § 21, 3 des Umsatzsteuergesetzes, leider ohne Erfolg, berechtigte Einwände hervorgebracht wurden.

In dem eben Gesagten und in der Gesetzgebung, auf die es sich bezieht, ist den sogenannten Luxusdrucken bereits eine besondere, von der sonstigen Buchproduktion getrennte Stellung zugewiesen worden. Vielfach betrachtet man diese Luxusdrucke als die eigentlichen Verkörperungen der Bibliophilie, deren Wesen sich in der besonderen Kostbarkeit der Stoffe, in den ungewöhnlich kleinen Auflagen, in dem Überwiegen des Interesses am Äußeren gegenüber dem Inhalt, endlich auch wohl in der Seltsamkeit dieser Inhalte ausdrücken soll. Wäre dem so, dann müsste in der Tat die Daseinsberechtigung der deutschen Bibliophilie heutzutage sehr zweifelhaft erscheinen. Die eben aufgezählten Eigenschaften können einem edlen und reinen Schöpfungsverlangen Befriedigung gewähren. Sie können Künstlern, dem Buchgewerbe und dem Buchhandel Erwerbsmöglichkeiten gewähren, die auch heutzutage nicht als unberechtigt und das Nationalvermögen schädigend zu gelten haben. Wenn noch dazu Vereine von Bibliophilen lediglich für ihre Mitglieder solche Publikationen ins Werk setzen, so wird diese Art von Luxusdrucken, die dem Handel fast völlig entzogen sind und die nur einer wissenschaftlich-künstlerischen Liebhaberei ihr Entstehen danken, gewiß von keinen anderen Standpunkte aus anzufechten sein.

Eine zweite, ebenso berechtigte Gattung, bilden die mit besonderer Sorgfalt und mit Hilfe kostbarer Stoffe hergestellten Abzüge von Drucken, die nach allenthalben verbreitetem Gebrauch neben den regulären Auflagen in kleiner Zahl hergestellt werden. Dem anspruchsvollen Bücherfreund und dem Sammler ist damit etwas geboten, was sein Herz erfreut, und die Preise pflegen, wenigstens bei den guten deutschen Verlegern, nicht übermäßig hinaufgetrieben zu werden. Um die Kalkulation solcher Drucke richtig zu beurteilen, müssen die Werte der guten Papiere, der meist aus Ganzpergament oder Ganzleder bestehenden Einbände und die an sich erhöhten Kosten jeder Sonder-Herstellung in Anschlag gebracht werden.

Daneben gibt es nun aber seit der Kriegszeit eine vorher in Deutschland kaum vorhandene Kategorie von sogenannten Luxusdrucken, wie solche früher schon in Amerika für die törichte Prunksucht ungebildeter Nabobs von geschäftstüchtigen Spekulanten fabriziert wurden. Kurz vor dem Kriege berichtete die Zeitschrift für Bücherfreunde in ihrem New-Yorker Brief, wie der Nouveau Riche, der sich etwas bibliophilen Geschmack zulegen zu müssen glaubte, zu seinem Zwecke kam, indem man z.B. ein Dickens, der angeblich nur in 15 Exemplaren gedruckt sein sollte, mit dick aufgetragener Reklame zum Preise von 2000 Dollar für jeden Band – oder mit anderen Worten 50000 Mk. nur für die Pickwickpapers! - aufgehängt wurde. In den Kollektionen solcher Art wurde alles Mögliche zusammengewürfelt, selbstredend nur in numerierten Exemplaren und nur auf Subskription erhältlich. Damals behauptete der Berichterstatter, solche Erscheinungen wären in Deutschland weder existenzberechtigt noch existenzfähig. In einem späteren Briefe konnte er melden, daß die Behörden den Unternehmern dieser Ausgabe wegen Übervorteilung zu Leibe gegangen wären und erwähnte als Kuriosum einen Sonderfall, wo für eine Ausgabe von Mark Twains Werken Werken bei einem Herstellungswert von 408 Dollar ein Preis von 5200 Dollar gezahlt worden war.

Der Krieg hat mit der Klasse der neuen Reichen auch die ihre Dummheit und ihren Ungeschmack ausnützende Literatur dieser Art in Deutschland ins Kraut schießen lassen. Damals sind so viele Luxusbücher bei uns produziert worden wie in den letzten Jahren, und niemals war die Sorgfalt der Hersteller und das Urteil auf Seiten der Käufer geringer. Wenn nur die Ankündigung von irgendwelchen besonderen Eigenschaften der Exemplare berichten, bekannte Drucker- oder Künstlernamen nennen konnte, dann waren alle Vorzugsausgaben sofort vergriffen. Ein großer Teil, wenn nicht die Mehrzahl der Käufer erwarb diese Bücher auf Spekulation, um sie sogleich denen, die bei der Subskription leer ausgegangen waren, oder auch andern Schiebern mit gewaltiger Steigerung der ohnehin ungeheuren Preise weiterzugeben. So kommt es, daß kleine 3 Oktav-Bogen enthaltende Pappbände bei einem Herstellungswert von höchstens 20 bis 30 Mk. zu einem Barpreis von 220 Mk. von der Presse, die als Herausgeber zeichnete, angeboten und dann womöglich gleich zum doppelten oder dreifachen Betrag wieder verkauft wurden.

Dieser Wucher ist vielleicht nicht so gemeinschädlich wie der mit Gegenständen des täglichen Bedarfs, aber die schnöde Gewinnsucht, die Ausnützung des Ungeschmacks, der Unkenntnis und der Eitelkeit ist moralisch ebenso verwerflich. Zwar braucht man mit der Sorte von neugebackenen Büchersammlern, die auf diese Produkte hereinfallen, kein Mitleid zu haben, doch wünschte man den Herstellern und Verbreitern der sogenannten bibliophilen Bücher neuesten Datums ähnliche Behörden, wie jene in Amerika, die den dortigen Genossen durch Anklagen wegen unwahrer Anpreisung und Übervorteilung das Handwerk zu legen suchen. Jedenfalls soll von den deutschen Bibliophilen gegen diese ganze Industrie Einspruch erhoben werden, weil sie nicht nur wirtschaftlich schadet, sondern auch unsere Bestrebungen zu diskreditieren und den ohnehin in Deutschland noch nicht besonders gefestigten Sinn für das gute Buch zu erschüttern droht.

Ich erlaube mir deshalb als einen zweiten Leitsatz vorzuschlagen:

Die deutschen Bibliophilen erklären, daß die neuerdings überhandnehmenden, häufig den Ansprüchen an Geschmack und Solidität der Herstellung nicht genügenden und zu unverhältnismäßig hohen Preisen angebotenen und weiterverkauften Luxusdrucke von ihnen als Erzeugnisse einer niedrigen Gewinnsucht und der Berechnung auf mangelndes Urteil der Käufer verurteilt werden. Sie würden es begrüßen, wenn dort, wo zwischen Herstellungswert und Verkaufspreis erst jüngst gedruckter Bücher ein übermäßiger Unterschied festzustellen ist, gegen Hersteller und Händler gerichtlich eingeschritten werden könnte.

Vielleicht mögen manche unter Ihnen, meine Damen und Herren, eine solche Entschließung wie die oben vorgeschlagene für allzu scharf oder sogar für gefährlich halten. Mir scheint es jedoch notwendig, die allgemeine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß auch wir gegen die Erzeugnisse eines sinnlosen und unzeitgemäßen Luxus und gegen jede Art von Ausbeutung Widerspruch erheben, damit die Sache der bescheidenen und berechtigten Bibliophilie von jenen Auswüchsen und dem gegen sie gerichteten Unwillen nicht geschädigt werde. Nur dann können wir die höhere Aufgabe erfüllen, die uns jetzt mehr noch als früher neben der Befriedigung stiller, eigener Neigungen zufällt: den Sinn für das schöne und gute Buch in Deutschland zu verbreiten, unsere Verleger, Künstler und Drucker in ihren Bestrebungen zu unterstützen und so auch mit von unserer Seite etwas beizutragen, damit die gefährdete seelische Gesundheit und der gesunkene Sinn für innere und äußere Schönheit gestärkt werde. Erobern wir so dem schönen, wertvollen deutschen Buche daheim und im Auslande neue Bereiche, dann schaffen wir nicht nur ideelle Werte, sondern auch wirtschaftliche und erweitern die scheinbar eigenbrödlerische, aristokratische Bibliophilie als einen nicht unwichtigen Faktor unseres nationalen Erwerbslebens.

 

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