August Ernst Umbreit
Die Bibliophilie in Deutschland (1843)

Aus: Serapeum. Zeitschrift für Bibliothekswesen, Handschriftenkunde und ältere Litteratur 4 (1843), Nr. 21 und 25, S. 113-124 und 142-144.


D i e  B i b l i o p h i l i e  i n  D e u t s c h l a n d als Gegenstand nationaler Beachtung.

Es wird jetzt so viel über die deutsche Nationalität gesprochen, geschrieben, gesungen und geklungen, gelegentlich auch ihr zu Ehren gegessen und getrunken, dass es denn doch wohl auch noch einer einzelnen Stimme erlaubt sein wird, etwas zur Sprache zu bringen, das freilich nichts mit Essen und Trinken zu thun hat, auch nicht sich um allgemeine Redensarten bekümmert, das aber trotz dem beachtet werden muss, wenigstens beachtet zu werden verdient, wenn von einer Nationalität in der That die Rede ist. Ich denke mir nämlich das, was man eine Nationalität nennt, durchaus als etwas Praktisches; ich denke mir, dass Nationalität die eigenthümliche Aeusserung der Lebenskraft eines Volkes ist, vermöge welcher dieses Volk die durch die Natur und die Geschichte, diese zweite Natur, in dasselbe gelegten bessern Anlagen ungestört nach innen und aussen entwickelt. Nationalität würde sonach sich nur darin zeigen, was und wie ein Volk etwas thut, und dann, was und wie ein Volk vermöge dieses Thuns etwas besitzt. Da es nun offenbar auf Thun und Besitzen ankommt, und sich beides denn doch nicht ohne mannigfaltigen Inhalt und besondere Gegenstände denken lässt, so glaube ich nichts zu thun, was jener Aufregung schadet, die durch das Gewahrwerden des wiederer wachten Strebens nach Nationalität jetzt in Deutschland hervorgebracht wird, wenn ich hier einen solchen Gegenstand der Beachtung empfehle, der für nationale That und nationalen Besitz von Wichtigkeit ist. Dieser Gegenstand ist die Bibliophilie mit den heilsamen Folgen, die sie hat, wenn sie in einem Volke einheimisch ist. Da so Manches, was zur vollen, thatkräftigen Entwickelung unserer Nationalität doch so nothwendig ist, selbst durch blos innere Hemmnisse für uns bis jetzt unerreichbar geblieben ist; so unterlasse man es wenigstens nicht, nach andern Punkten der Peripherie hin etwas zu leisten. Doch zur Sache.

I. B i b l i o p h i l i e;  w a s  s i e  i s t ?

Zur Beantwortung dieser Frage stellen wir zuvor die zweite auf: Was ist ein Bibliophile? — Ein Bibliophile ist ein Mensch, der von der Bedeutung jener körperlich geistigen Existenzen, welche wir Bücher nennen, innigst überzeugt ist, indem ihm durch die Anschauung einer solchen Existenz die leibhaftige Gegenwart eines bedeutenden Momentes des gestaltend fortwirkenden Culturgeistes der Menschen zu Theil wird, in individueller Gestaltung. Ihm ist es zur Ueberzeugung geworden, wie die Menschheit aus ihrer inhaltsvollen, gestaltenreichen Beziehung zu Welt und Leben heraus sich ein Organ anbildete, dem ihr eigenes, mächtiges und unerschöpfliches Leben als Seele inwohnt. Er gewahrt also in der Bücherwelt nicht blos eine Welt des Geistes nur für die rein geistige Bewegung in uns, sondern zugleich auch materielle Bildungen des uns umgebenden Weltwesens, wie es sich uns zu durch uns zu gestaltenden Schöpfungen darbietet. Darum gewährt ihm ein Buch die erhebende Anschauung von der Einheit zweier Welten, welche Einheit ja gerade in dem mit urkräftiger Freiheit und voll unendlicher, inhaltsvoller Beziehungen sich bewegenden und sich immer neu gestaltenden Leben der Menschheit ihre schönste Bethätigung findet. Indem diese Grundansicht, wenn auch nicht immer klar und deutlich ausgesprochen, in dem Bibliophilen als anregendes Princip lebt, betrachtet er jede einzelne Erscheinung auf seinem Felde unter dem Lichte solcher Ansicht. Hierdurch schärft sich sein Auge mehr und mehr, und sein betrachtender Verstand dringt immer tiefer und sicherer in die ihm zur Beschäftigung gegebenen Verhältnisse ein. Jedes Buch, das für ihn Interesse hat, würdigt er in seiner ganzen Erscheinung nach seinem Inhalte und nach seinem Aeussern; gewahrt er doch an einem solchen Buche den Ausdruck mannigfacher Fähigkeiten und Thätigkeiten der Menschheit, wie sie sich zu einer ganz eigentümlichen Lebensäusserung eben dieser Menschheit vereinigt haben. Er hat sich überzeugt, dass die Buchdruckerkunst von ihrer Erfindung an durch eine Menge höchst wichtiger Welt- und Lebensmomente bedingt, gestaltet, geschichtlich individualisirt wurde und immer wird. Unendlich ist das Ineinanderspielen solcher Momente. Religion, Politik, Wissenschaft, Kunst, Technik, National-Wohlstand und -Wehestand, Staatsverfassung, Handelsstaat, Fabrikstaat, Ackerbaustaat, endlich Krieg oder Frieden, unterjochter oder beherrschender Staat und was nicht noch Alles? bedingen oft wirklich indefinibel zu unendlichen Gestaltungen das Gefild, auf dem sich der Bibliophile ergeht. Es ist hier ein Wirken, Schaffen, Streben, Leben, wie es gar mancher Gelehrte auf seiner Studirstube nicht ahnet. Die Meisten, wenn sie über ein Buch klagen, das durch schlechten Druck, nichtsnutziges Papier, geist- und geschmacklose Ausstattung u. dergl. unangenehm ist, denken doch nicht im mindesten daran, wie vielleicht alle die eben genannten Momente in einer Reihe historischer Entwickelungen mit eingreifend wirken mussten, damit eins oder das andere dieser Bücher von der traurigen Gestalt so hervortreten konnte. So verdankt oft der staubige Pedant seinen Augenschmerz der lebendigen Wirkung mächtiger Daseinsmomente.

Welche Bücher haben denn nun für den Bibliophilen ein Interesse? — Um diese Frage zu beantworten, müssen wir immer bedenken, dass hier von einem scharf hervortretenden Interesse die Rede ist, und nicht blos von jener augenblicklich vorübergehenden Aufmerksamkeit, welche selbst durch einen unbedeutenden Gegenstand des Faches beim Manne vom Fache erregt wird. In dieser letztern Hinsicht hat freilich selbst das noch wenigst bedeutende Buch ein Interesse für den Bibliophilen; es verdient doch immer noch in die Hand genommen, wenn auch gleich wieder hingelegt zu werden. Das Interesse, welches wir hier meinen und wodurch das Bestreben des Bibliophilen constituirt und charakterisirt wird, ist natürlich auch in der vorhandenen Bibliophilie schon ausgesprochen. Die Eigenschaften derjenigen Bücher, welche das Interesse des Bibliophilen erregen, sind demnach nicht so schwer auszusprechen, wenn wir nämlich nur auf jenes constituirende und charakterisirende Interesse sehen. Jedes Buch, welches uns jenes oben näher bezeichnete Lebensorgan der Menschheit in seiner Bedeutung, auf eine individuelle Weise, geistig körperlich zur Anschauung bringt, besitzt die so eben geforderten Eigenschaften. So werden denn von den Bibliophilen die Bücher folgender Kategorien gesucht:

a) A l l e  I n c u n a b e l n.

Sie sind es, welche uns jene sich neu bildende Lebensäusserung der Menschheit eben in ihrer energischen Neuheit und jugendlichen Frische darstellen. Nach beiden Welten hin, sowohl der geistigen, als der materiellen, sind sie in unserm Falle von der höchsten Bedeutung; denn wenn sie einerseits uns zum Bewusstsein bringen, welche geistige Producte und geistige Richtungen das neu sich bildende Organ zuerst in Anspruch nahmen, so bringen sie uns zugleich auch andrerseits zur Anschauung jenes Organ selber in einer höchst bedeutenden Gestaltung. Wer gewahrt nicht hier, in dieser letztern Hinsicht, freies sich selbst Gewahrwerden mächtiger, so eben in's Leben getretener Jugendkraft, reichbegabtes Streben des Zeitalters zu charakteristisch materieller Gestaltung und productives stolzes Bewusstsein höchst würdigen Zweckes? Jede Officin der Incunabeldrucker ist die Geburtsstätte erstgeborner Kinder eines erneuten Culturgeistes der Menschheit, der, wie er aufklärend die Geister geistig erfasst, auch plastisch gestaltend in der für ihn beziehungsvollen materiellen Welt fortlebt und webt. Man nehme ja jede Incunabel mit Achtung in die Hand, sie zeugt von der Andacht der alten Meister.

b) M e r k w ü r d i g e  D r u c k e  h ö c h s t  v e r s c h i e d e n e r  A r t.

Hier ist das Feld sowohl in seiner Ausdehnung als in seiner innern Mannigfaltigkeit so, dass genügende Gränzbestimmungen nicht anzugeben sind. Es seien daher hier auch nur einige Gegenstände aus der Fülle dieser Kategorie angeführt: Prachtausgaben; von Schönsperger's Tewrdanckh bis auf die Gegenwart. Eben so ausgezeichnete Drucke aller Zeiten. Drucke berühmter und merkwürdiger Officinen; sie zeigen uns ganz vorzüglich das historische Vor- und Rürkwärtsschreiten jener geistig-materiellen Lebensäusserung nach beiden Seiten hin; ich nenne nur die Ratdolt , Manutii, Frobenii, Oporini, Stephani, Plantini. Druckcuriosa u. s. w. Zu bemerken ist noch, dass sich besonders bei dieser Kategorie eine Ausartung der Bibliophilie zeigt, indem sie in pedantische Liebhaberei übergeht. So unter Anderm ist es gewiss komisch, wenn man ein Buch blos eines albernen Druckfehlers wegen kauft, wie z. B. jene Ausgabe der Cansteinischen Bibel, wo aus Versehen 2. Mos. 20, 14 steht: Du sollst ehebrechen. Ein dergleichen Exemplar soll für die Wolfenbüttler Bibliothek für 50 Thaler gekauft worden sein. Dass sich von jener Auflage (der 34sten) wegen Confiscation derselben nur wenige Exemplare erhalten haben, weswegen diese nun sehr selten sind, dieses bietet doch wirklich nicht das geringste Interesse dar. Andrerseits darf man jedoch auch den Vorwurf gehaltloser Liebhaberei in Beziehung auf seltene Bücher nicht zu weit ausdehnen; denn seltene Bücher haben für den Bibliophilen in gar mancherlei Hinsicht Bedeutung, was Manchem, der sich blos ihres Inhaltes wegen für Bücher interessirt, nicht deutlich ist. Jedes Buch ist für den Bibliophilen gleichsam eine leibhaftige Persönlichkeit voll historischer Beziehungen, und oft trägt ein selten gewordenes Buch, ob es gleich seinem literarischen Inhalte nach nicht viel sagt, bedeutend zur Completirung solcher Beziehungen bei. Dem Bibliophilen wäre es z. B. gar nicht einerlei, ob er die so seltene Originalausgabe von Logau's dreitausend Sinngedichten, oder einen neuen, ganz vollständigen und richtigen Abdruck derselben in Händen hätte. In letzterer Hinsicht lernte er eine bedeutende Poesie als solche vollständig kennen, in ersterer Hinsicht machte er gleichsam eine persönliche Bekanntschaft dieser Poesie, wie sie bei ihrem leibhaftigen Eintritt in die Welt ihm begegnet. Die Bedeutung der historischen Beziehungen jener Bücherpersönlichkeiten (wie ich sie hier nennen will) kann freilich grösser oder geringer sein, und es gehört eben zum Wesen des ächten Bibliophilen, dieses würdigen zu können.

c) M a n u s c r i p t e.

Wir können sie hier in zwei Klassen eintheilen: in solche, welche vor der Erfindung der Buchdruckerkunst geschrieben sind, und in solche, mit denen dies nach dieser Erfindung der Fall war. Was nun die erstere Klasse betrifft, so wird wohl Niemand bezweifeln wollen, dass sie ein Gegenstand für den Bibliophilen ist. Stellen sie uns doch durch ihre Erscheinung dar, wie vor der Erfindung der Buchdruckerkunst jene Lebensäusserung der Menschheit, welche sich erst durch diese Erfindung ausbildete und organisirte, sich ankündigte als Keim, welcher, endlich in das ihm angemessene Element einwurzelnd, sich dann schnell zu einer eigentümlichen Lebensgestaltung organisirte. Was ferner die Manuscripte der zweiten Klasse betrifft, so stehen sie in so bedeutsamen und mannigfaltigen Beziehungen zur bibliologischen Welt, dass sie auch ein Augenmerk des Bibliophilen sind. Dass dies nicht bei allen Manuscripten der Fall ist, versteht sich von selber.

d) X y l o g r a p h i s c h e  B ü c h e r.

Diese mögen nun vor der Erfindung der Buchdruckerkunst oder nach derselben gedruckt worden sein, so bleiben sie immer sehr merkwürdig für den Bibliophilen.

Uebrigens bringt es die Natur der Sache mit sich, dass der Bibliophile, indem wir einen Begriff von den Richtungen seines Strebens festzusetzen suchen, hinsichtlich dieser Richtungen nicht beengt werden kann, sowohl was die Ausdehnung derselben im Allgemeinen, als auch eine Begünstigung derselben im Einzelnen betrifft. Der Bibliophile bewegt sich in der Mitte des geistigen und auch theilweise des ästhetischartistischen Weltwesens, wo die historischen Entwickelungen und Entfaltungen desselben in einander greifen, so, dass er nicht bei übrigens sicherer Behauptung seines bibliophilischen Standpunktes hier oder da anknüpfen sollte, indem er seine Richtung in ein benachbartes Gebiet übergehen lässt, um dadurch sein eigenes Gebiet für seine Individualität desto belebter zu machen; denn Leben ist Einheit in unbegränzbaren Beziehungen. Aber auch da, wo sich der Bibliophile innerhalb seines eigenthümlichcn Gebietes hält, steht es ihm frei, die eine oder die andere Kategorie dieses Gebietes besonders zu begünstigen, ja vorzugsweise zu cultiviren, was bei einem solchen Individuum oft schon blos die Folge von äusseren Lebensbedingungen desselben ist, wie z. B. des Vermögens. Jedoch auch schon innere Neigung kann ihn mehr für die eine als die andere Kategorie bestimmen. So zieht ein Kenner und Liebhaber der Malerei bei seinem Sammeln die niederländische Schule vor, ein anderer die italienische u. s. w. Ist in irgend einer Sache Toleranz und ächt liberale Gesinnung nöthig, so in dieser, wo denn doch Alles auf unermüdliche liebevolle Neigung ankommt, wenn etwas Aechtes, fruchtbar Weiterwirkendes vorhanden sein soll. Wie jener Kunstliebhaber, wenn er ein ächter Kunstliebhaber ist, die ganze Kunst kennt und liebt trotz seiner specifischen Kunstliebhaberei, so ist es auch ein gleicher Fall mit dem ächten Bibliophilen, wenn seine Neigung sich auf eine einzelne Kategorie specificirt.

Nun wenden wir uns wieder zu unserer oben aufgestellten Frage: was ist Bibliophilie? — Nach der so eben geschlossenen Auseinandersetzung vom Wesen des Bibliophilen scheint freilich unsere jetzige Frage ziemlich müssig dazustehen, doch geben wir hier immer eine Nominaldefinition der Bibliophilie (ihre Realdefinition ist schon in obiger Auseinandersetzung gegeben), da wir jetzt nicht mehr von dem Bibliophilen, sondern von der Bibliophilie sprechen werden. Wir sagen demnach: Die Bibliophilie ist die Freude an der Existenz von Büchern, insofern durch dergleichen Existenzen eine eigenthümliche, für alle Zukunft unzerstörliche Thätigkeit der Menschen als Welt- und Lebensmoment zur Anschauung gebracht wird in aller seiner historischen Breite und Fülle. Dass mit dieser Freude auch die Neigung verbunden ist, solche Existenzen sich eigenthümlich zu verschaffen, ist natürlich, denn das, woran man eine grosse Freude hat, wünscht man auch zu besitzen, wenn es seiner Natur nach ein Gegenstand für den Besitz ist.

II. B i b l i o m a n i e.

Sie ist die schon so oft gerügte Uebertreibung der Bibliophilie, insofern diese letztere zur einseitigen Liebhaberei wird. Uebrigens macht man oft schon dem tüchtigen Bibliophilen den Vorwurf der Bibliomanie von Seiten des Nichtbibliophilen, was jedoch nicht auffallen darf, denn wie sollte es wohl der Nichtbibliophile verstehen können, dem Bibliophilen hierin die Gränzen vorzuzeichnen? Was würde wohl der Nichtbibliophile dem Bibliophilen vernünftigerweise erwiedern können, wenn ihm der letztere auf den Vorwurf der Bibliomanie ungefähr Folgendes entgegnete: „Getrauest Du Dich wohl, Dich in den Mittelpunkt meiner Bestrebungen mit Leib und Seele zu versetzen, die Idee, welche mich durchdringt, ihrem ganzen Inhalte nach lebendig in Dir werden zu lassen, wie sie sich in mir als in einem historisch bedingten Individuum gebildet hat, denn ein solches zweites, mir ganz ähnliche Ich musst Du allerdings erst in Dir erleben, wenn Du mit Sicherheit bestimmen willst, was der in mir lebenden Idee, zufolge ihrer gegebenen empirischen Bedingungen, förderlich oder nichtförderlich ist. Ich bin auf ganz eigenthümliche Weise in mein ganz eigenthümliches Gebiet geführt worden, und Du willst mir jetzt nach blos allgemeinen Principien ein Quartier abstecken? O geh, Deine Messkette wird hier zur Fessel." Es ist nichts leichter, als da, wo eine wohlbegründete, kräftige Neigung sich liebevoll ergeht, in Beziehung auf einiges Einzelne pedantische Liebhaberei nachzuweisen. Die dieses thun, sind oft selber nichts anderes als Pedanten.

III. W e r t h  u n d  W ü r d e  d e r  B i b l i o p h i l i e.

Wer von der Wahrheit des bis jetzt über das Wesen des Bibliophilen und der Bibliophilie Gesagten überzeugt ist, wird auch von dem Werth und der Würde der Bibliophilie überzeugt sein, die ihr schon an sich zukommen, noch abgesehen von dem mannigfachen Nutzen, den sie sonst noch gewährt. Jedes geistige Hineinleben und jede Beschäftigung voll Ernst, Liebe und Klarheit mit einem grossen, jetzt noch und auch in eine unberechenbare Zukunft fortwirkenden Lebensverhältnisse ist an sich selber höchst werthvoll, angemessen der Würde des menschlichen Geistes. Es giebt Beschäftigungen, und Niemand wird dies leugnen wollen, welche schon an sich selber Zweck für das menschliche Bewusstsein sind, denn dies Bewusstsein existirt ja nicht ursprünglich als ein leeres Gefäss, sondern sein Inhalt, der zugleich auch seine innigste Beziehung zur Welt ist, ist ja eben auch seine Existenz.

IV. N u t z e n  d e r  B i b l i o p h i l i e.

Dass die Bibliophilie durch Aufspüren, Sammeln und Erhalten der Bücher den Wissenschaften und der durch die Literatur zu gewinnenden Cultur sehr förderlich ist, also hier einen bedeutenden Nutzen gewährt, kann wohl getrost als allgemein zugestanden ausgesprochen werden. Nur das will ich noch hier bemerken, wie auch das bibliophilische Sammeln und Aufbewahren bibliographischer Seltenheiten selbst oft da noch für die Wissenschaften nützlich wird, wo der Inhalt solcher Seltenheiten, an sich betrachtet, literarisch unwichtig erscheint. Solch ein Buch oder Büchlein klärt oft ungemein auf, nicht sowohl durch das, was man darin findet, a1s vielmehr durch das, was nicht darin gefunden wird. Ein ganzer, bisher für uns dunkler Zeitraum in der Cultur einer Wissenschaft u. s. w. wird uns oft erst durch die Einsicht in solch eine Scharteke klar. Wie mancher seinen Gegenstand mit Geist und Fleiss behandelnde Forscher würde einer unruhvollen und vergeblichen Bemühung überhoben sein, wenn eben eine solche Scharteke noch zu haben gewesen wäre. Dadurch aber, dass dies nun nicht der Fall war, jedoch noch eins oder das andere von diesem Buche, was die Aufmerksamkeit rege halten musste, überliefert worden war, wie z. B. Titel, Name des Autors, Zeit seiner Erscheinung, Umstände, unter denen es erschien, Umstände, die seine Erscheinung begleiteten, Ort seiner Erscheinung u. s. w. — dadurch eben wurde solch ein vortrefflicher Forscher um seine kostbare Zeit unnütz gebracht.

Ein anderer sehr grosser und bei weitem noch nicht hinlänglich anerkannter Nutzen, den die Bibliophilie stiftet, besteht darin, dass sie, was die äussere Erscheinung der Bücher betrifft, eine edlere Gestaltung derselben befördert, ja einheimisch macht. Man spottet häufig in Deutschland über die Bibliophilie der Engländer, weil, leider Gottes! bei uns noch oft genug Philister und Pedant in einer Person auftritt, und ein solcher ist dann freilich nicht fähig, zu einem lebendigen Begriffe von jener Erscheinung zu gelangen, wie dieselbe in jener grossen, freien und mächtigen Nation besonders einheimisch werden m u s s t e. Doch lassen wir eine fernere Betrachtung hierüber jetzt bei Seite, und beachten wir hier nur dieses, dass es grossentheils mit der englischen Bibliophilie zuzuschreiben ist, wenn wir uns, was die Ausstattung der englischen Bücher betrifft, im Allgemeinen an der Solidität und Zierlichkeit derselben erfreuen; von ihren Prachtausgaben nicht einmal zu reden. Wo das Buch schon als äussere Erscheinung ein bedeutsamer Gegenstand für das Auge ist, da kann es nicht fehlen, dass diejenigen, welche auf die Gestaltung solch einer Erscheinung Einfluss haben, diese Sache auch mit der gehörigen Wichtigkeit behandeln.

Der grösste Nutzen, den jedoch die Bibliophilie bringt, besteht darin, dass sie einen günstigen Einfluss auf das ethische Lebensverhältniss des gesammten Literaturwesens hat. Wenn eine Anschauungs- und Betrachtungsweise Überhand nimmt, wie sie nach meiner obigen Auseinandersetzung der Bibliophilie eigen ist, so kann es nicht fehlen, dass das Bücherwesen in dem Geiste einer Nation sich immer würdiger spiegelt. Sollte wohl nicht mehr sittliche Scheu sowohl beim Publikum, als bei den Schriftstellern in Beziehung auf die geistig-materiellen Existenzen, welche wir Bücher nennen, sich regen, wenn wir diesen Existenzen schon als solchen einen Anspruch auf Symbolik höchster Lebensbeziehungen zwischen Geist und Materie zugestehen? Ja, wenn wir diese Existenzen selbst als leibhaftige Thaten und Leiden jener Beziehungen erblicken, indem sie ein Stück Geschichte derselben sind, welches zugleich seine Bestimmung für eine unendliche Zukunft hat? Wie nun diese Betrachtungsweise durch eine würdige äussere Gestaltung der Bücher auch in der Anschauung immer frisch erhalten wird, so müsste es doch unnatürlich zugehen, wenn sich nicht auch das sittliche Moment hinsichtlich des literarischen Gehaltes immer mehr geltend machte. Unter dem sittlichen Moment ist aber hier nicht etwa ein Theil des Inhaltes der Literatur zu verstehen, wie z. B. moralische und ascetische Schriften, sondern jene heilsame Scheu, welche ein Buch schon an sich als einen Gegenstand hoher Achtung betrachtet; eine Scheu, von der auch Göthe ein Gleiches im Sinne hat, wenn er schreibt: „Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen, die aus personificirten Begriffen entstehen, und uns gar nicht kleiden würden, bei ihm aber völlig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle Kunst von der Allegorie beherrscht wurde. Auch findet derselbe Gleichnisse, wo wir sie nicht hernehmen würden; z. B. vom Buche. Die Druckerkunst war schon über hundert Jahre erfunden, dessen ungeachtet erschien ein Buch noch als ein Heiliges, wie wir aus dem damaligen Einbände sehen, und so war es dem edeln Dichter lieb und ehrenwerth; wir aber brochiren jetzt Alles und haben nicht leicht vor dem Einbande, nach seinem Inhalte, Respekt.“ Auch Wilhelm Grimm deutet auf so etwas hin, wenn er in dem Haltaus'schen Buchdruckeralbum sagt: „Indem der druck das eigenthümliche und persönliche der handschrift vernichtet, tritt er in einen weiteren kreiss und fordert allgemeine geltung. Daher seine sittliche, fast magische gewalt, die selbst der Schriftsteller empfindet, wenn er den ersten bogen seines ersten werkes erblickt. Es hat menschen gegeben, und ich wünsche sie wären nicht lächerlich geworden, welche es für unmöglich hielten, dass eine Unwahrheit könne gedruckt werden, und welche selbst die rothenkircher reden nicht bezweifelt hätten.“ Am meisten hat sich diese in der That fromme Gesinnung noch im Volke selbst erhalten; überall, wo bei ihm noch ein gesunder, tüchtiger Sinn waltet, lässt sich auch jene heilsame Scheu finden. Möge man ja diesen Funken nicht in der Asche verglimmen lassen. Dieses nun auch in höherer Potenz bei dem cultivirten Theile des Publikums, wie auch bei den Schriftstellern selbst zu sehen, ist gewiss auch mit ein Resultat der in ihren Rechten anerkannten Bibliophilie. Das Schreiben eines Buches soll eine würdige, reine Sache sein, ja für den Schriftsteller selbst ein bedeutungsvolles Ereigniss seines innern Lebens, ein Act innerer Reinigung und Kräftigung, eine Bethätigung höheren Weltberufes. Dies ist das eigentlich sittliche Moment der Literatur, welches mitunter auch Büchern moralischen Inhalts abgeht. Wie passt es sich aber nun, wenn solche hochwichtige Thaten des Geistes, auf das Sudelhafteste ausgestattet, der Welt vor die Augen gestellt werden, sie, die wie die Krieger beim Triumphzuge, im schönsten Ehrenschmucke einhertreten sollten? Welchen Widerspruch muss ein Schriftsteller empfinden, wenn er die ihm so theuern Kinder seines reinsten Selbst nur auf das dürftigste und gröbste gekleidet herumwandeln sieht, wie Findelkinder, deren man sich nur etwa annimmt, weil man sie doch nun einmal nicht erfrieren lassen kann! Und wie viel fehlt noch einem Schriftsteller, wenn er diesen schreienden Widerspruch nicht selbst empfindet.

V. B i b l i o p h i l i e  i n  B e z i e h u n g  a u f  D e u t s c h l a n d.

Deutschland hat eine vollständig entwickelte Literatur, am Gehalte gediegen, am Inhalte rühmlichst mannigfaltig, an Ausbreitung immer mehr gewinnend unter freiwilliger Anerkennung seitens der Fremden. Deutschland hat die Geschichte der Wissenschaften und der Literatur vortrefflich bearbeitet. Deutschland hat endlich in der Wissenschaft der Bibliographie Grosses geleistet, so dass es darin von keiner andern Nation übertroffen wird. Wer sollte da nun nicht glauben, dass auch die Bibliophilie in ihrem vollen Rechte von den Deutschen anerkannt sei, dass sie ihrer schönen Bedeutung nach tiefe Wurzeln in Deutschland geschlagen habe? Und doch ist es nicht so. Nicht blos England und Frankreich, sondern auch Holland und Belgien sind uns hierin weit voraus. So wunderlich nun auch diese Sache auf den ersten Blick erscheint, so ist doch solch ein wunderlich scheinender Widerspruch in der That nicht vorhanden. Die ganze Sache hängt auf das Innigste mit dem Vorwürfe des Mangels am höhern praktischen Sinne zusammen, den man oft genug der deutschen Nation machen hört, und dessen objectiven Thatbestand man nicht gänzlich verneinen kann. Die Bibliophilie verlangt aber gerade das Vorhandensein jedes höhern praktischen Sinnes in einer Nation, wenn sie in einer solchen lebendig werden soll; daher kommt es denn auch, dass in der wegen ihres praktischen Sinnes weltberühmten englischen Nation die Bibliophilie auch so recht heimisch geworden ist.

Was ich schon oben von Bedeutung, Würde und Nutzen der Bibliophilie im Allgemeinen gesagt habe, gilt natürlich auch hier in seiner besondern Beziehung auf Deutschland. Wenn die Bibliophilie mit in den Lebenskreis einer gebildeten Nation gehört, so ist es durchaus nothwendig, dass sie auch in Deutschland einheimisch wird, nämlich dass man nicht blos hier und da einige Notiz von ihr nimmt, sondern dass die Nation selber sich an ihrem Dasein erfreut. Nun treten aber auch noch einige speciell nationale Verhältnisse hervor, welche unserer gemeinschaftlichen Mutter Germania die Pflege der Bibliophilie besonders empfehlen.

Dadurch, dass in Deutschland die Buchdruckerkunst erfunden worden ist, hat dasselbe auch eine grosse Verpflichtung in bibliophilistischer Hinsicht auf sich, wobei die Nationalehre stark betheiligt ist. In Deutschland wurde nicht blos die Buchdruckerkunst erfunden, sondern auch mit Anerkennung von Seiten der Nation aufgenommen, mit Liebe gehegt, mit Achtung behandelt, grossgezogen, herrlich ausgebildet und verbreitet in alle Welt, und dies wiederum durch Deutsche selbst. Auch wurde Deutschlands Ruhm wegen ihrer Erfindung und ihrer Verbreitung allgemein anerkannt und auch vom Auslande laut verkündigt. Es wird nicht unpassend sein, hier wenigstens einige solcher Lobsprüche aus dem ersten Jahrhunderte der Buchdruckerkunst, welche uns alle von Ausländern zu Theil wurden, herzusetzen:

Philippus Beroaldus aus Bologna sagt in einer seiner Elegien, worin er sich mit dem Lobe Deutschlands beschäftigt O Germania, die du lehrst, Bücher vermittelst des Druckes zu schreiben, du Erfinderin einer Sache, welche nützlicher ist, als was uns je das Alterthum gab.

Markus Antonius Coccius, zubenannt Sabellicus, geboren 1436, gestorben 1506, also ein vollständiger Zeitgenosse der Erfindung der Buchdruckerkunst und ihrer Verbreitung, nennt diese Erfindung eine merkwürdige Sache, die es auch nicht verdiene, dass sie in Zukunft weniger bewundert werde, weil sie nun allgemeiner geworden sei, sondern sie verdiene eine immer grössere Bewunderung. Dieser deutschen Erfindung sei, wie es sich auch gebühre, im Anfange grosse Bewunderung und kein geringerer Nutzen zu Theil geworden. Der schönen Erfindung Urheber, Johann Gutenberg, von ritterlichem Stande, habe zu Mainz mit mehr Vertrauen als Hoffnung die Sache versucht u. s. w. (Die Worte des Sabellicus lauten, so wie sie bei ihm im Zusammenhange vorkommen: Per idem tempus libraria impressio apud Kalos vulgari coepta est res sane memorabilis, nec minore admiratione digna, sed multo admirabilior futura, si non adeo vulgari contigisset. Mirum et vix crediblie dictu, sed verius vero tantum literarum uno die opificem unum formare, quantum vix biennio velocissimus queat librarius. Commentum id Teutonicum fuitque ab initio in multa, ut debuit admiratione, nec minore quaestu. Pulcherrimi inventi author Joannes Gutenbergius, equestri vir dignitate, Moguntiaeque res primum tentata est, majori quidem fiducia, quam spe, annis circiter sexdecim priusquam in Italia res coepta sit vulgari.)

Matthäus Palmerius aus Florenz, gestorben 1483, sagt in seiner Fortsetzung der Chronik des Eusebius zum Jahre 1457: Wie viel diejenigen, welche sich auf die Wissenschaften legen, den Deutschen schulden, kann durch keine Art von Rede ausgedrückt werden. Nämlich die anno 1440 von Johann Gutenberg zum Jungen, einem Ritter zu Mainz am Rheine, mit angestrengtem Geiste erfundene Kunst, Bücher zu drucken, verbreitet sich jetzt fast in alle Theile der Erde, wodurch das ganze Alterthum, den Nachkommen um weniges Geld verschafft, in unzähligen Bänden gelesen wird.

Der bekannte Paulus Jovius, geboren I486, gestorben 1552, sagt in seinen elogiis: Denn die erfreulichste Aussaat wird uns selbst durch die wunderbare Fruchtbarkeit des deutschen Himmels. Wir glauben, es möge durch eine verborgene Einwirkung der Gestirne geschehen sein, dass jener, durch das beschwerliche Wehen des Boreas zu Kälte und Eis verurtheilte Himmel die ungestalteten und vorher erstarrten Geister erweichte und aufregte. Denn nicht zufrieden mit ihrem alten Kriegsruhm, wodurch sie den Römern, den Völkerüberwindern, derselben kriegerischen Schmuck entrissen, bewahren sie denselben auch glücklich vermittelst der unerschütterlichen Strenge der Disciplin; aber auch die Zierden des Friedens, die Wissenschaften und die schönen Künste entrissen sie dem ausgemergelten Griechenlande und dem (o Schmach!) schlafenden Italien. Nämlich zu den Zeiten unserer Väter wurden zuerst Baumeister, dann Maler, Bildner, Bildschnitzer, Mathematiker und kunstreiche Techniker u. s. w. aus Deutschland berufen. Nicht zu verwundern ist dies auch, da sie ja uns für die zu druckenden Bücher eherne Formen von einer vorher ungebräuchlichen und ausserordentlichen Erfindung, und für den Krieg gleicherweise furchtbare eherne Maschinen brachten.

Der Franzos Robert Gaguin giebt zur Zeit Ludwigs XI. in einem Epigramme Deutschland den Lobspruch, dass er die Buchdruckerkunst, welche er vorher sehr preist, ein edles Abbild von Deutschlands Kunst und Ingenium nennt:

Hoc tulit Inventum felix Germania Terris,
Artis et Ingenii nobile Schema sui.

Auch eine Lobrede eines weltberühmten Holländers, des Erasmus Roterodamus stehe hier, welcher schreibt:

Auch heute noch besteht die ruhmreiche Stadt Moguntia oder Maguntiacum, so wie ausgezeichnet durch mehrere andere Begabungen, so auch besonders hervorragend durch einen erzbischöflichen Sitz; edel durch eine berühmte Schule der Wissenschaften und sehenswürdig wegen vieler daselbst befindlicher Denkmäler des Alterthums. Endlich ist sie nicht bloss nur durch der Alten, also durch fremde Wissenschaft, sondern auch durch eigene Geister verherrlicht; so wie sie denn sehr viele aadere (!), in jeder Art der Gelehrsamkeit vortreffliche Männer hervorgebracht hat, so ganz vorzüglich auch den Theodor Gresmund, einen Mann, den die Natur selbst für die Humanität, die Wissenschaften und jene wahrhaft attische Wohlredenheit geschaffen und zugerichtet hat. Dieser Stadt schulden alle diejenigen, welche den Wissenschaften obliegen, nicht wenig, wegen jener vortrefflichen und beinahe göttlichen Erfindung, Bücher mit zinnernen Buchstaben zu drucken, welche, wie man versichert, dort gemacht worden ist. Das Volk derselben wurde einst, als ein das linke Rheinufcr bewohnendes, zu den Galliern gezählt, heutigen Tages ist es sowohl durch Herrschaft, als durch Bildung und Sprache, endlich auch (was das vorzüglichste ist) durch Humanität der Sitten, Bescheidenheit, Treue so deutsch, dass kein anderes deutscher ist.

Hat nun das eigenthümliche Streben und Weben der menschlichen Neigung, welches wir oben als Bibliophilie anerkannt haben, es sich zur Aufgabe gemacht, die so eben gerühmte Erfindung in ihren auch jetzt und immer fortdauernden Thaten und Leiden als einen höchst würdigen Gegenstand zu behandeln, sie durch eine reine Theilnahme zu verherrlichen vor den Augen der Welt und sie durch mannichfache, geordnete und reiche Folgen ihrer Productionen für eine fortgehende Anschauung lebendig zu erhalten; so kommt es doch wohl Deutschland vor allem zu, diese Neigung oder Thätigkeit kräftigst in sich zu hegen, ja seine Nationalehre verlangt dies sogar. Es geziemt sich nicht, dass das, was unsere braven Vorfahren mit klarem Bewusstsein, festem Willen und ausdauernder Kraft zur Fortgestaltung der Menschheit, zur Weiterhinausrückung des Lebenskreiscs derselben erfanden, gestalteten und weit aus verbreiteten, von uns in pedantischer und philistermässiger Selbstvergessenheit vernachlässigt werde. Leider ist es jedoch jetzt so bei uns und darum ist in dieser Noth die Hülfe um so dringender anzurufen. Engländer, Franzosen, Holländer, Belgier thun es uns in der so heilsamen Anerkenntniss desjenigen weit zuvor, das gerade uns Deutschen zum hohen Preise gereicht. Unsere kostbarsten bibliographischen Nationalschätze sind schon, insoweit sie literarisch bekannt sind, dem grössern Theil nach ins Ausland gewandert, wo sie sich oft genug in den Händen reicher und vornehmer Privatleute befinden, während sie bei uns nur noch vereinzelt in den öffentlichen Bibliotheken zu sehen sind, und doch sind gerade diese Schätze gleichsam die leibhaftigen Zeugen von einer der ruhmreichsten Grossthaten unseres Volkes, der Erfindung und Verbreitung der Buchdruckerkunst, denn, wie gesagt, auch diese Verbreitung ist eine That des deutschen Volkes. Deutsche waren es, die als die Sendboten der Weltgeschichte dieses sicht- und greifbare Evangelium einer neuen Schöpfung der fort und fort wirkenden Menschheit in alle Lande Europas verbreiteten.

Da ich übrigens schon weiter oben von dem Nutzen gesprochen habe, den eine richtig erkannte und durchgeführte Bibliophilie folgerichtig hervorbringt, so mag hier ein Jeder selber die Anwendung davon auf Deutschland machen, was um so leichter ist, da uns in Deutschland der Augenschein so ziemlich das Gegentheil von den oben angegebenen Vorteilen zeigt.

So sehen wir denn, dass, wenn wir dem wieder sein Recht in Anspruch nehmenden Nationalbewusstsein dies Recht vollständig gewähren wollen, wir auch hinsichtlich der Bibliophilie hinter den andern gebildeten Nationen nicht zurückstehen dürfen. Was und wie Alles geschehen muss, um das erwünschte Resultat angemessen zu befördern, dies unmassgeblich auszusprechen, sei einer andern Zeit und Gelegenheit aufbewahrt. Jeder über den hier behandelten Gegenstand Unterrichtete sieht freilich gleich ein, dass in dieser Hinsicht sehr viel durch tüchtige, einsichtig und umsichtig geleitete Bibliophilenvereine gethan werden muss. Eine historische und vergleichende Darstellung aller vorhandenen Bibliophilenvereine möchte daher eben so nützlich als interessant sein, besonders wenn man die ethischen und materiellen Verhältnisse der verschiedenen Nationen selbst mit in die Vergleichung hereinzöge. Es möchte sich da wohl eine Ansicht von der Bibliophilie ergeben, welche eine ganz andere wäre als diejenige ist, die noch viele Deutsche von derselben haben. Hier diese kleine Abhandlung hat nur die Absicht, vorerst die Aufmerksamkeit auf ihren Gegenstand festzuhalten, wie auch auszusprechen, worauf es denn eigentlich ankomme; denn es muss allerdings zugestanden werden, dass man auch jetzt in Deutschland hie und da gesonnen ist, sich unseres besprochenen Gegenstandes anzunehmen, ja dass man sogar einige Anstalt dazu getroffen hat. Gewiss kann behauptet werden, dass auch in Deutschland einstens die Bibliophilie mit ihren heilsamen Folgen auf einen grünen Zweig kommen wird. Wenn es nur recht bald geschieht, denn es ist gerade nicht einzusehen, dass es auch hinfort eine Eigenschaft des deutschen Volkes bleiben müsse, über Sachen, die practisch angegriffen sein wollen, sich erst vorher müde und matt zu theoretisiren.

 

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