Fritz Rougemont
Aby Warburg und die wissenschaftliche Bibliophilie

Aus: Imprimatur I (1930), S. 11-17.

Mit dem Tode Professor Aby Warburgs (26. Oktober 1929) hat die „Gesellschaft der Bücherfreunde zu Hamburg“ eines ihrer ältesten und tätigsten Mitglieder verloren. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, nicht jetzt, nicht an dieser Stelle, des Gelehrten oder gar des Menschen Warburg in seiner ganzen Tiefe, des Reichtums und der Vielseitigkeit seiner geistigen Energien zu gedenken. Ebensowenig aber möchte die bloße Chronik seiner Tätigkeit im Rahmen der Gesellschaft, wie lebhaft sie sich auch in Vorträgen und Anregungen äußerte, am Platze sein. So anspruchsvoll das eine, so ungenügend scheint das andere. Denn Warburg gehörte zu jenen Menschen, deren Reichtum bei aller Aktivität sich nicht im Tun erschöpft. Es ist ihre eigentliche Bedeutung und zugleich der unschätzbare Gewinn, den andere aus ihrer Nähe empfangen, daß sie mehr sind als sie tun, daß die tiefste Anregung, die sie geben können, ihrem Dasein entspringt, den Kräften, Spannungen, Problemen, an die ihr Dämon sie wie uns heranzwingt.

Von einem Vermächtnis also wird, wenn überhaupt, zu reden sein, von Aufgaben mehr noch als von Resultaten, von der Bedeutung, die Warburgs Forschung für die bibliophile Arbeit haben könnte, haben sollte. Daß er selbst von früher Jugend auf ein passionierter Freund des Buches war, daß alles Sammeln und Suchen von Büchern auf einer ursprünglichen Sympathie beruhte und in ihr seinen immer erneuten Antrieb fand, wollen wir vorausschicken. Warburg steht damit nur in jener großen Reihe von Humanisten, für die, seit den Tagen der Renaissance bis zu Burckhardt hin, Bildung und Buch eine untrennbare Einheit bedeuten. Das Ethos der Bildung, die Verantwortung, mit anderen Worten, vor dem Erbe antikabendländischer Kultur führte Warburg zum Buch. Es wurde ihm so sehr eine Quelle des Wissens wie ein Weg der Selbsterziehung und -gestaltung. „Das Buch ist eines der unbekanntesten Mittel der Selbstbildung“, pflegte er zu sagen. Und er verstand zu lesen; er verstand es in einem weiten und neuen Sinne, der schließlich jede menschliche Äußerung vom entwickelten Wort bis zum vorbegrifflichen Bilde kühn umfaßte. Wie Warburg, wo er ging und stand, auf kurzen und weiten Reisen, sich von seinen Büchern umgeben wissen wollte, so begleiteten sie ihn auch bis in die entlegensten Gebiete seiner Forschung. Man kann sagen, daß er mit seinen Entdeckungen auf geistesgeschichtlichem Gebiete das Buch und seinen Wert als Quelle, als Dokument vielfach erst mitentdeckte. Seine Tendenz, zu lesen, wo er sah, hat tiefere Wurzeln als ein bloßes bibliophiles Interesse. Auch dachte er nicht daran, die Gestaltungen einer menschlichen Ausdrucksform durch Analogien aus einer anderen voreilig zu deuten. Aber seine besondere Vorstellungsart, die die Grenzen zwischen den einzelnen „Formen“, wie eine späte Geographie der Erkenntnis sie gezogen hatte, leidenschaftlich durchbrach und verwischte – freilich um sich zur neuen Scheidung immer wieder hindurchzuringen – , diese Vorstellungsart eröffnete ihm das Verständnis einer geschichtlichen Welt, in der sich unter der Herrschaft des Mythos und seiner Symbole Kunst, Wissenschaft und Religion noch ungeklärt zu einer Einheit zusammenfügten. Es galt, diese Symbole zu lesen; es galt, Wort und Zeichen, Buch und Bild gleichermaßen als ihre Träger zu erkennen.

Eine solche Schätzung des Buches ist keineswegs für den Kunsthistoriker, der Warburg ursprünglich war, eine Selbstverständlichkeit. Die ästhetische Interpretation wird nie das Kunstwerk als solches aus seinem Stoff oder aus dem Leben seines Schöpfers begreifen wollen. Die literarische Quelle, die beides liefert, ist für sie Dienerin, nicht mehr. Erst Warburgs entschiedenes Fortschreiten von der rein ästhetischen Ansicht des Kunstwerks zur kulturwissenschaftlich-ikonographischen, sein vertieftes Verständnis für das, was bildhafter Ausdruck auch jenseits und vor aller „Kunst“ im Ganzen menschlicher Symbolik und ihrer Geschichte, ihrer Wandlungen und Wanderungen bedeutet, sprengte die alten Grenzen.

Bildhaftes Denken erschöpft sich nicht im Kunstwerk. Die Kunst im reiner, Sinne der Ästhetik ist eher die späte Verklärung und „Humanisierung“ der allgemeinen mythischen Weltansicht. Immer wieder muß sie das Bild erst aus den Fesseln der Magie und Astrologie befreien, um es im „reinen Schein“ sich gegenüberzustellen. Auch sie nimmt auf ihre Art an dem Kampfe teil, den die Wissenschaft, freilich mit anderer Radikalität und unter eigenen Prinzipien, führt. Mit anderer Radikalität: es ist die Eigenart der künstlerischen Gestaltung, daß sie die mythische Ausdrucksformel nicht vernichtet, daß sie vielmehr das Pathos der elementaren „Bilder“, von Tod, Opfer, Raub, Verfolgung, in sich aufnimmt und gebändigt bewahrt. Erst diese Eigenart rechtfertigt vollends Warburgs Methode. Noch die Werke eines Raffael, eines Dürer, eines Rernbrandt wollen gelesen und geschaut werden. Sie stehen bei aller genialen Einzigartigkeit so gut in der Tradition des bildhaften Denkens wie in jener der künstlerischen Anschauung.

Es versteht sich, welche Fülle neuer Perspektiven diese Erkenntnis dem Forscher eröffnet. Mit bewußter Konsequenz werden hier alle Lebensäußerungen zusammengesehen, ihre Grenzen übersprungen, um sie schließlich im geschichtlichen Prozeß neu entstehen zu sehen. Das Problem solcher Entstehung, solcher Lösung und Befreiung tritt in den Kreis geschichtlicher Untersuchung, ist es nur einmal erkannt, ist es ferner – und das gilt insbesondere für Warburg – in der Frage der Auseinandersetzung des abendländischen Geistes mit dem antiken Doppelerbe freier bildnerischer Humanität und dunkler Dämonengläubigkeit zur Fülle greifbarer historischer Probleme konkretisiert, so erschließt sich der geistesgeschichtlichen Forschung in der Tat ein völlig unbearbeitetes, bislang sprödes und verachtetes Material „redender“ Quellen. Der pathetische Gehalt eines Kunstwerks tritt in die engste Nachbarschaft zu den Empfindungen und Gedanken, Bräuchen und Festlichkeiten der sozialen Gemeinschaft und damit zu jenen Dokumenten des Alltags, in denen sie ihren unmittelbaren, durch nichts verfälschten Niederschlag gefunden haben. Warburg hat auf diese Weise, um ein Beispiel zu nennen, an Hand von Brief und Urkunde, Inventar und Testament die geistige Welt des Mediceerkreises wie der Florentiner Kaufleute sich zu vergegenwärtigen gesucht, um aus ihr heraus die Schöpfungen eines Botticelli, eines Ghirlandajo zu verstehen. Das gesamte, reichbewegte Leben einer Zeit wurde hier „abgehört“, seine Spannungen, wie Warburg es oftmals sagte, mit der Präzision und Feinfühligkeit eines „Seismographen registriert“. In diesen Kreis von Quellen tritt als später Bruder das Buch. Und hier ist denn auch Warburgs eigentliche Bedeutung für die Bibliophilie zu suchen. Seine völlig neue Art, das Buch für alle Gebiete historischer Forschung kulturpsychologisch auszunutzen, mußte der systematischen Bücherkunde und -pflege, wie er sie selbst einst in der Gründungssitzung der Hamburger Gesellschaft forderte, unmittelbar zugute kommen. Freilich, die Bibliophilie im engeren und kunstgewerblichen Sinne kommt dabei nicht auf ihre Rechnung. Warburgs Problemstellung führte ihn wie auf dem Felde seiner besonderen Wissenschaft, der Kunstgeschichte, in eine andere Richtung. Nicht dem schönen, sondern dem „interessanten“ Buche, der wissenschaftlichen, nicht der ästhetischen Bibliophilie galt seine Arbeit.

Es möchte vielleicht auf den ersten Blick so scheinen, daß oft genug die bloße Passion eines Sonderlings ihn auf das Seltsame, Entlegene, das Kuriosum hingewiesen hätte. Groschenliteratur der Vergangenheit und Gegenwart, krause Mißgeburten einer vom Aberglauben emporgetriebenen Publizistik lebten da wieder auf, Dokumente, die ein anderer Historiker übersehen hätte, übersehen, um sich damit – wie Warburg es einmal formuliert- „das Kuriosum als tiefreichendste Quelle völkerpsychologischer Einsicht zu verschütten“. Gerade der Renaissanceforschung geben sie ja, wie wir sahen, eine bedeutungsvolle Wendung. In den Äußerungen des Alltags, in den Broschüren, die – für den Tag und die Stunde bestimmt – das wirkliche Leben der Menschen mit seinen Ängsten und Hoffnungen als Weissagung, als astrologischer Kalender oder hermetische Praktik, als religiöse oder politische Flugschrift widerspiegeln, in ihnen manifestiert sich die tatsächliche kul turelle Situation am unmittelbarsten. Das gleichsam unterirdische Fortfließen von Bildgläubigkeit und Bildtradition, Grad und Charakter der Antikenrezeption, werden offenbar. Es kommt hinzu, daß das gedruckte Buch in den Zeiten seiner Anfänge und ersten Verwendung zum entscheidenden Vehikel der Entwicklung wird. Handschrift, Altarbild, Wandteppich hatten bis dahin mühsam und umständlich den Dienst internationalen Kulturaustausches versehen; sie sind die Vortruppen, in denen Norden und Süden mit ihren gedanklichen wie künstlerischen Ausdrucksmitteln um das klassische Erbe ringen. Was nun aber diese schwerfälligen Boten ersetzt, was eigentlich erst, in einer seelisch gelockerten Zeit, die große Überflutung Europas mit klassischen Bildformen aber auch antik-heidnischem Bildzauber ermöglicht, das ist ein ungleich leichteres, behenderes, volkstümlicheres Mittel des Aus tausches: das Buch.

In der „Gesellschaft der Bücherfreunde“ selbst hat Warburg einmal in einem Vortrag eine solche Wanderung antiker Bildformen vom oberitalienischen Kartenspiel bis zum Lübecker „Nygen Kalender“ des Steffen Arndes verfolgt;: „Für die wissenschaftliche Bibliographie, heißt es da, ergibt sich als sicheres Ergebnis, daß dieser Kalender von 1519, der nur ein naives Erzeugnis volkstümlicher Literatur zu sein scheint, vielmehr ein entwicklungsgeschichtlich sehr bemerkenswertes Kunsterzeugnis ist, dem eine über das lokalgeschichtliche Interesse weit hinausgehende kulturgeschichtliche Bedeutung zufällt. Denn durch ihn läßt sich die verschollene Etappenstraße nachweisen, auf der jene Bilder hin und her wandern konnten, die durch die Druckkunst befreit und mobil gemacht, eine neue Epoche des Austausches künstlerischer Kultur zwischen Norden und Süden anbahnten und vermittelten.“ Solche Probleme der Forschung also führten Warburg zur Bibliophilie. Oder sollen wir vielmehr sagen: Die ursprüngliche Passion des Sammlers empfing aus solcher wissenschaftlichen Problematik Richtung und Gehalt? Es gibt eine Seite in Warburgs Sammeltätigkeit, die noch dem tieferdringenden Blick unverständlich, fragwürdig und launenhaft erscheinen mag. Das ist das Archiv von Alltagsdoku menten der Gegenwart, Zeitungen vor allem, das er anlegte und mit leidenschaftlicher Konsequenz vervollständigte. Wenn wir freilich diese Dokumente näher betrachten, so zeigt sich, daß sie nichts anderes sind als jene Raritäten und Kuriositäten der Vergangenheit, die der Historiker Warburg zum Range wertvollster Quellen erhoben hatte. Es gilt als eine Berufsregel der Geschichtsforschung, die Gegenwart und ihr Werden aus dem Bereich der Arbeit auszuschließen, weil die allzupersönliche Nähe der Ereignisse, die Befangenheit des Forschers selbst, den „objektiven“ Blick verwirren möchte. Aber wie für Warburg dieser gelassene Blick selbst immer wieder entbrannte in persönlichster Anteilnahme, wie das Fernste ihm zur drohenden Nähe, zur Spannung wurde, die seine eigene Existenz erschütterte, so konnte er umgekehrt an den Bewegungen nicht vorübergehen, die in der Gegenwart, halbvollendet, die alten Kulturwerte fortleiteten. Und wenn auch hier seine besondere Art des kulturpsychologischen Ahnungsvermögens sich nicht in voreilige Lösungen, dogmatische Schicksalssprüche und gefährliche Weissagungen verstrickte, ergriff er doch die Probleme, war es ihm doch darum zu tun, für ihre Lösung, ja schon die bloße Einsicht in ihre Bedeutung das geeignete Material bereitzustellen. In diesem Sinne sammelte er die Literatur, die heutzutage bildhaft zuordnendes Denken in Magie und Astrologie weiterdenkt, sammelte er die Spätlinge antiker Formensprache, Briefmarke und Reklamebild, sammelte photographische Aufnahmen bedeutsamer Ereignisse, Ausschnitte aus der Presse, und endlich jene Zeitungsbilderbogen, die – jüngste Nachkommen des Einblattdrucks – in ihrer wunderlichen Zusammenstellung Charakter und Tendenz der Gegenwart offenbaren. Überall lebten hier, zum Teil in völliger „Inflation“, die antiken Ausdruckswerte und -formen weiter, überall traten die alten nord-südlichen Spannungen wieder zutage. Der moderne „Arbeitsmensch“ kämpfte um seine geistige Freiheit. Die Hydra mythisch- magischen Denkens erhob sich gegen ihn und durchbrach den mühsam errungenen „Denkraum der Besonnenheit“. In diesem Kampf kämpfte Warburg mit. Kulturpsychologie und Kulturpolitik verbanden sich ihm hier auf einer letzten Stufe. Die Probleme der Forschung wurden zum Rüstzeug für die Auseinandersetzungen und Entscheidungen der Gegenwart.

Aber nicht davon sollte die Rede sein. Es galt nur, noch einmal von einer neuen Seite die eigentümliche Perspektive aufzuweisen, die Warburg der wissenschaftlichen Bibliophilie erschlossen hat.

Es möge zuletzt erlaubt sein, mit ein paar andeutenden Worten auf jene Schöpfung Warburgs hinzuweisen, die er gleichsam als Monument und Zeugnis seiner Wertung des Buches vor uns hingestellt hat: seine kulturwissenschaftliche Bibliothek. Der Forscher und der Sammler haben in gleichem Maße zu ihrem Aufbau beigetragen. Ihr Programm – oft und leidenschaftlich formuliert – ist ebensosehr, das Buch in den Dienst der geistesgeschichtlichen, speziell der bildgeschichtlichen Forschung zu stellen, wie eben diese Forschung an das Buch, den Text, das „Wort“ heranzuführen, sie mit ihm bis in die entlegensten Gebiete bibliophilen Wissens vertraut zu machen. Der ganze Aufbau der Bibliothek ist derart geeignet, den Arbeitenden an die Bücher heranzuzwingen. Problemkreise Warburgscher Provenienz, keine „sachlichen“ Gruppen im Sinne einer hergebrachten Wissenschaftslehre (die doch nur das Resultat einer veralteten Problemstellung wäre), geben das Prinzip der Anordnung. Zugleich sind damit Wachsen und Entwicklung der Bibliothek, aber freilich auch ihre notwendigen Grenzen, gekennzeichnet. Eine „Problembibliothek“ kann und will nicht die Universalität einer allgemeinen Bibliothek beanspruchen. Es gilt, sie in sich zu vervollständigen. Und so hat Warburg denn im Rahmen seiner Probleme, aber weit über die augenblicklichen Lösungen und ihren Bedarf hinaus gesammelt, gesammelt, um es zu wiederholen, vielleicht aus einer ursprünglichen Passion, aber mit der immer erneuten, immer schärfer gefaßten Begründung und Absicht, sich selbst, seinen Mitarbeitern und allen künftigen Forschern im „Laboratorium kulturwissenschaftlicher Bildgeschichte“, allen verantwortungsbewußten Verwaltern mediterranen Erbgutes ausreichendes Material und Rüstzeug zur Verfügung zu stellen.

 

nach oben