Patet omnibus veritas, nondum est occupata.
Multum ex illa etiam futuris relictum est.

 

Herbert Schauer über Rolf Schlenker: Bibliographie der deutschen vogelkundlichen Literatur von 1480 bis 1850. Stuttgart: Hiersemann, 2004. XV, 241 S. ISBN 3-7772-0425-0, 248.- €

Diese Bibliographie war ein Desiderat. Lange Zeit mußten Antiquare und Sammler für das Gesamtgebiet der Ornithologie mit Anker, Zimmer und Wood zurechtkommen. Anker beschrieb 1938 die Vogelbücher der Universitätsbibliothek Kopenhagen, Wood 1931 die Bestände der McGill University in Montreal und Wood 1926 die Sammlung Ayer. Alle drei Sammlungskataloge sind aus keiner Handbibliothek wegzudenken. Als erste Universal­bibliographie kam 1953 die Bibliographie Die illustrierten Vogelbücher von Claus Nissen heraus. 1976 folgte die Bibliographie der deutschen und der niederländischen Jagdliteratur 1480-1850 von Kurt Lindner. Darin fanden sich viele Titel zum Vogelfang, zur Käfighaltung und zum Präparieren. Lindners vielgepriesenes Werk gab Schlenker den Anstoß zu seiner Arbeit, die, unterstützt von vielen Sammlern und Bibliothekaren, nun vorliegt. Schlenkers Werk wird aus drei Quellen gespeist: aus vorhandenen Bibliographien, großen Sammlungen und Antiquariatskatalogen.

Die Erwartung der Fachwelt ist natürlich ziemlich gespannt. Löst Schlenker das Rätsel der Teutschen Ornithologie von Borkhausen, wie dröselt er den Knoten der Göchhausen-Ausgaben auf, wie kommt er mit der verzwickten Tafelkollation von Brehms Papageienmonographie zurecht? Bevor wir uns diesen Fragen zuwenden, sei kurz der Aufbau des Werkes skizziert.


Abgrenzung

Wer aus anderen Gefilden kommt, findet hier Wissensgebiete kartographiert, die er allenfalls in Schotts Listen gesucht hätte. Dianassologie, Oologie, Taxidermie und was der Seltsamkeiten mehr sind. Alle gehören ins weit gefaßte Gebiet der Ornithologie, vom Ei bis zum ausgestopften Exemplar im Naturalienkabinett.

Vernünftigerweise verzeichnet Schlenker nur das selbständig erschienene Schrifttum und schließt allgemeine Naturgeschichten (wie Oken, Schubert und Borowski) aus. Den Begriff „deutsch“ faßt er allerdings sehr weit. Zunächst einmal ist damit das ganze deutschsprachige Schrifttum, also auch alle Übersetzungen (die deutschen Buffon- und Jardin-Ausgaben), gemeint. Dann zählen für ihn auch lateinische Titel deutscher Autoren dazu, ferner lateinische Ausgaben ausländischer Autoren, die in Deutschland gedruckt wurden (beispielsweise der Tractatus de venatione des Sebastiano de Medicis). Er teilt aber auch Übersetzungen der deutschen Titel ins Holländische, Dänische, und Tschechische mit (jeweils in der Landessprache), ja sogar russische Titel finden sich (aber hier nicht in der Originalsprache, sondern in angenäherter deutscher Übersetzung; wie das besser zu machen ist, demonstriert der angelsächsische Sprachraum, beispielsweise Lada-Mocarski).

Die Grenze des Begriffs „vogelkundlich“ liegt für Schlenker bei Abhandlungen über Naturalienkabinette, ja er nimmt sogar Auktionskataloge eines zu versteigernden Naturalienkabinetts und anderer Sammlungen (208-09) auf. Diese Grenze wird überschritten, wenn er reine Bibliographien mit einschließt, also Cobres (aber nur im Reprint!), Engelmann (die Originalausgabe mit der Angabe „von dieser Ausgabe gibt es ein Reprint“), Enslin, Kreysig und Laurop. Diese Bibliographien haben im Hauptalphabet nichts zu suchen und gehörten in die Abteilung „Zitiertes Schrifttum“. Ebenso unverständlich ist die Aufnahme rein poetischer Produkte, beispielsweise dreier Titel von Hans Sachs. Sie werden aufgenommen, weil das Reizwort „Vogel“ in ihrem Titel vorkommt. Aber wenn dieses Kriterium entscheidet, dann ist Schuberts „Forelle“ ein ichthyologisches Werk und das „Yellow Submarine“ der Beatles gehört in die Marineliteratur. Ganz abgesehen davon, daß die drei Titel in der Bibliographie nichts zu suchen haben, sind sie so schlecht beschrieben, daß man nur den Kopf schütteln kann. Bei einem deutschen Autor aus dem 16. Jahrhundert einen Stummeltitel hinzuschreiben und auf das British Museum zu verweisen, genügt einfach nicht. Hier muß man schon zu anderen Bibliographien greifen.

Problematisch ist natürlich auch die Aufnahme von Reiseberichten. Christian August Fischers Reise nach Montpellier im Frühjahr 1804 erschien 1805 bei Hartknoch in Leipzig. Warum wurde sie aufgenommen? Nun, auf den Seiten 377-385 findet sich eine Beschreibung der Vögel von Nîmes. Hier sind zwei Einwände zu machen. Der erste ist prinzipieller Natur. Wenn man den Begriff „vogelkundliche Literatur“ so weit faßt, daß man auch gelegentliche Erwähnungen und Beschreibungen in der Reiseliteratur als eigene Nummer in die Bibliographie nimmt, dann muß man hunderte von Reiseberichten in die Bibliographie übernehmen. Und das ist nicht geschehen. Der zweite ist technischer Natur. Die Beschreibung des Werkes ist völlig ungenügend. Die Reise nach Montpellier bildet den ersten Band der Reisen in das südliche Frankreich (Goed. V, 521, 33-34; Huerkamp 45), und das sollte man als Bibliograph nicht verschweigen.

Wie fragwürdig diese Ausdehnung des Gegenstandsbereichs wird, kann man an den zwei Linné-Titeln sehen, die Schlenker in die Bibliographie nimmt. Unter 211.1 findet man die Abhandlung von Naturalien-Cabinetten in der ersten deutschen Ausgabe, erschienen 1771 in Leipzig. Diese wird vermutlich aufgenommen, weil sich in Naturalienkabinetten immer ausgestopfte Vögel finden. Insofern ist die Aufnahme also noch zu rechtfertigen. Als zweiten Titel findet man die Fauna suecica in der von Crusius in Leipzig gedruckten Ausgabe von 1800. Hier durchbricht Schlenker ohne Begründung sein Prinzip der Nichtaufnahme von allgemeinen Naturgeschichten. Ihm die Aufnahme beider Titel vorzuwerfen, wäre beckmesserisch, aber man sehe sich einmal an, wie Schlenker sie beschreibt. Auf dem Titel der Abhandlung von Naturalien-Cabinetten (die er für so wichtig hält, daß er sie sogar abbildet), heißt es „Aus dem lateinischen übersetzt und mit Anmerkungen (Schlenker liest falsch „Anmerckungen“) herausgegeben von C. v. M.)“. Nun gibt Schlenker einen einzigen bibliographischen Nachweis und schreibt lapidar: „Die Übersetzung wird Chr. Gottlieb von Murr oder Carl von Meidinger zugeschrieben.“ Belegt wird das nicht. Der Linné-Bibliograph Soulsby (Nr. 1777) schreibt sie Christoph Gottlieb von Murr zu, ebenfalls Holzmann-Bohatta (III, 2557). Außerdem unterschlägt Schlenker, daß es von der Abhandlung einen Raubdruck gibt, erschienen 1772 und verzeichnet bei Hulth 94 (dem Soulsby 1778 folgt). Noch verlassener fühlt sich der Leser dann beim zweiten Linné-Titel, der Fauna suecica . Diese ist natürlich nicht bei „Lebrecht Cruszum“ erschienen, wie Schlenker abschreibt, sondern bei „Crusium“. Hier gibt es überhaupt keine bibliographischen Angaben mehr, und hier weiß man buchstäblich nicht mehr, was Sache ist. Aber man könnte das natürlich leicht eruieren. Die Fauna suecica erschien erstmals 1746 in Stockholm und wurde 1761 wieder aufgelegt. Bei der Leipziger Ausgabe von 1800 handelt es sich also um die dritte (und letzte) Auflage. Verzeichnet bei Soulsby 1154, Hulth 48 und Heimann 267. Schwerwiegender als die eigentlich nicht gerechtfertigte Aufnahme, der falsch abgeschriebene Titel und die verweigerte Bestimmung ist allerdings die falsche Kollation. Schlenker unterschlägt die letzten 5 Blätter Verlagsanzeigen.


Aufbau und Ansetzungen

Der Aufbau der Bibliographie ist alphabetisch, die Anonyma folgen am Schluß. Hinter dem Namen des Autors finden sich manchmal seine Lebensdaten, oftmals auch nicht. Ein System dafür ist nicht zu erkennen. Deutsche Autoren werden unter dem Volksnamen angesetzt, manchmal aber auch unter dem lateinischen, so Johann Daniel Tietz, den man unter „Titius“ findet. Ebenso ergeht es Gilbert de Longueil, den man unter Gybertus Longolius antrifft. Offensichtlich fehlen im Setzkasten des Verlages Accents und Cédilles. Fortin heißt „Frere Francois“, Turgot ergeht es ebenso.

Leider scheint Schlenker nicht bekannt zu sein, was die Abkürzung „M.“ vor dem Vornamen bei barocken Autoren bedeutet. Deshalb heißt Jacob Thomasius bei ihm mit Vornamen „M. Jacob“. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn er nicht auch noch den Titel falsch abschriebe (den er dankenswerterweise abbildet) und uns alle lateinischen Ausgaben vorenthielte. Diese seien kurz nachgetragen: Die erste Ausgabe erschien unter dem Titel De hibernaculus hirundinum 1658, weitere folgten 1671 und 1702.

Pseudonyme Autoren werden unter ihrem Pseudonym angesetzt, die Auflösung erfolgt im Beitext. Leider nicht immer. Eines des beliebtesten Barock-Pseudonyme, der allseits bekannte Herr „Sincerus“, ist für Schlenker ein existierender Autor. Er hat aber die Entschuldigung, daß auch Weller ihn nicht kennt. Dafür sind andere Autoren republikbekannt: Die kleine Naturgeschichte des Federviehs des fleißigen Kinderbuchautors Friedrich Schultheiß erschien 1845 bei Renner in Nürnberg (Rammensee 1423 a; Klotz 669/12) unter dem Pseudonym Friedrich Schwed. Schlenker löst das Pseudonym nicht auf. Und kennt auch das Erscheinungsjahr nicht.


Titelabschreibungen

Schlenker schreibt den Titel von links oben nach rechts unten besinnungslos ab. Deshalb hat sich der Leser manchmal durch eine Versalienwüste von akademischen Graden, Berufs­bezeichnungen und Akademieangehörigkeiten zu kämpfen, bis er zum eigentlichen Titel kommt. Das schwellt die Bibliographie unnötig auf und macht sie manchmal bis zur Unbenutzbarkeit unübersichtlich. Die deutschen Titel sind mit großer Genauigkeit abgeschrieben (einzig der Physicalishe Almanach bei 349.1 ist verdächtig). Zur Auf­schwel­lung trägt auch bei, daß bei Reprints der ganze Titel noch einmal in voller Länge abgeschrieben wird, das füllt bei Brehms Beiträgen zur Vogelkunde eine ganze Seite. Beinahe jedes andere denkbare Verfahren wäre da eleganter gewesen und das kürzeste Verfahren käme sicherlich mit maximal zwei Druckzeilen aus.

Nicht autopsierte Titel versieht Schlenker mit einem * und gibt im Beitext die Quelle an, aus der er abgeschrieben hat. Leider hat er keinerlei Versuch unternommen, offensichtlich unsinnige Wörter nachzuprüfen. Man braucht schon ein Beißholz, wenn man liest, Johann Sinapius habe ein Werk unter dem Titel „Geistliche Vogel-Beiße“ geschrieben. Natürlich muß das „Beitze“ heißen, wie ein Blick ins VD 17 belehrt (dort erführe man auch, daß es zwei verschiedene Ausgaben gibt).

Lateinische Titel werden mit zahllosen Fehlern abgeschrieben, offensichtlich hat niemand den Versuch unternommen zu verstehen, was da in den Computer getippt wurde. Abkürzungen werden prinzipiell nicht aufgelöst, der entstehende Unsinn ist Schlenker egal, das lateinische &-Zeichen wird einfach durch ein „u“ wiedergegeben (335.1 Schwenckfeld; bei 372.1 Turner wird es einfach unterschlagen). Auch ein Motto gehört für ihn zum Titel. Mitten in der Versalienwüste von Illigers Prodromus Mammalium (164.1) kommt nach einem Punkt plötzlich ein nur zu wahrer Satz, genommen aus Seneca „Patet omnibus veritas, nondum est occupata. Multum ex illa etiam futuris relictum est.“ Als ob das zur Sachinformation des Titels gehörte. Dieses zum Prinzip erhobene Abschreiben aller Zeichen, die sich auf dem Titel finden, hat aber natürliche Grenzen an den Sprachkenntnissen des Bibliographen. So entlegene Sprachen wie Griechisch haben keine Chance. Der Titel von Jonstons Natur­geschichte der Vögel (175.1) wird in den lateinischen Teilen brav abgetippt, im Beitext folgt aber ein kleinlautes Geständnis: „Auf dem Titelblatt befindet sich zusätzlich ein Sinnspruch in Griechisch“. Nun sind ihm fehlende Griechisch-Kenntnisse nicht vorzuhalten, aber manchmal hätten die Alarmglocken schon läuten können: Das Vogelbuch Hermann Freys von 1595 trägt einen griechischen Titel: Ornithobiblia , bei Schlenker wird daraus „Opnioobiblia“. Ein seltsames Wissensgebiet. Und man hätte Schlenker gewünscht, daß irgend jemand mit Verstand die lateinischen Titel gelesen hätte, die manchmal bis zum Galimathias entstellt sind. Im Dialogus de avibus des Gilbert de Longueil (213.1) finden sich gleich fünf Abschreibfehler (außerdem ist die Kollation falsch; Schlenker gibt 56 S. an, das VD 16 L 2401 zählt 68 Blätter).


Formatangaben

Die Formatangaben bei älterer Literatur sollten eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten, und wer zweifelt, kann sich für das 16. Jahrhundert auf das VD 16 stützen und für das Barockzeitalter auf Georgi. Schlenker drückt sich um eine Entscheidung, gibt die Formatangaben nach seiner jeweiligen Vorlage und greift dabei oftmals daneben. Die Aedologia des Arnault de Nobleville von 1752 ist angeblich im Klein-Oktav-Format erschienen, in Wirklichkeit in Duodez (bei Schwerdt steht das natürlich richtig). Ebenso verhält es sich bei der Ausgabe 1753 (im Auktionskatalog von Hartung, den Schlenker angibt, richtig mit Duodez bezeichnet). Ein gutes Beispiel für das hilflose Schwanken bei den Formatangaben ist Friderichs Naturgeschichte ; diese ist laut Schlenker in den ersten drei Auflagen im Oktav-Format erschienen, in der vierten in Quart, in der fünften in Groß-Oktav und in der sechsten wieder in Quart. In Wahrheit liegen natürlich immer Oktavformate vor. Die meisten Probleme haben Bibliothekare mit den alten Quartformaten, deren Rückenhöhe manchmal recht niedrig ausfallen kann. Hohbergs Waidmannschafft ist in Quart erschienen (bei Schwerdt richtig nachzulesen), Schlenker sieht darin ein Oktavformat.


Kollation

Der punctum saliens jeder Bibliographie ist die Kollation der beschriebenen Werke. Sieht man die Bibliographie auch nur flüchtig durch, entdeckt man manches Unglückliche und vieles Zweifelhafte. Unglücklich ist die Entscheidung, nur zwischen Vortitel und Haupttitel zu entscheiden und gestochene Titel immer als Vortitel zu bezeichnen (siehe 111.1). Bedauerlich ist das Fehlen einer Lagenkollation. Und äußerst unglücklich ist das Verfahren, nur Seiten zu zählen und nicht zwischen Seiten und Blättern zu differenzieren, weil das bekanntlich in manchen Fällen zu nicht entscheidbaren Zweifelsfällen führt. Ein kursorischer Gang durch die Bibliographie fördert manche Kollationsmängel zutage, die der Einfachheit halber tabellarisch aufgelistet seien:

54.1 Susemihl. Kollation ganz unzureichend (kennt die letzten 5 Hefte nicht).

59.1 Brehm. Kollation für den dritten Band am Schluß nur 1 Bl. – Es sind 2 Bl., das letzte mit Anzeigen.

60.1 Brehm. Kollation falsch. Bei Band I jeweils 1 Bl. und 1 Bl. vergessen.

91.1 Drümpelmann. Kollation ganz unzureichend (weil Rautenberg nicht benutzt).

113.1 Kollation von François de Grandmonts Adelichem Zeit-Vertreiber.

(24), 119, (1), 128, 141, (3) , 90, (2) , 119, (1) S. Die fett markierten S. sind jeweils ein weißes Blatt!

118.4 Die vierte Auflage von Carl Gottlob Friderichs Naturgeschichte der Deutschen Vögel hat laut Schlenker folgende Kollation: 970 S. – Er hat 68 S. unterschlagen (bei Nissen richtig), bei der fünften Auflage (118.5) unterschlägt er 76 S.

127.1 Unterschlagen 1 Bl. Zwischentitel

133.1 Kollation falsch: (10) S. – In Wahrheit 3 Bl.

133.3 Kollation mißverständlich: 260, 16 S., „die letzten acht Blatt Verlagsanzeigen“.

133.6 Ebenso.

133.7 Kollation falsch. 300, (24) S. – In Wahrheit 28 (bei Schwerdt richtig).

133.8 Kollation falsch. 290, (22) S. – In Wahrheit 12 Bl. (letztes weiß), 1 Bl.

133.9 Kollation falsch. – Fehlt das gestoch. Frontispiz.

154.6 Hervieux de Chanteloups Canarien-Vögel in der Ausgabe Nürnberg 1747 am Schluß angeblich „ ...(4) S.“, in Wahrheit 1 Bl. und 1 Bl. Anzeigen!

266.1 gibt es am Schluß noch ein Erratablatt.

310.2 bei Schäffers Elementa 82 nicht paginierte Seiten. – Es müssen 42 Blätter sein!

372. 1 Turner 76 Bl., das VD 16 gibt 79 an.

396.1 Zinke die letzten 8 S. sind Anzeigen



Illustrationen und Tafeln

Schlenker gibt immer an, ob das Werk Textillustrationen hat (manchmal sogar die Anzahl) und liefert natürlich eine Kollation der Tafeln. Dabei unterscheidet er aber nicht zwischen „normalen“ Kupfertafeln und Musikbeilagen. Bei Hervieux de Chanteloups Canarienvögel zählt Schlenker in allen 8 Ausgaben immer „zwei Kupfertafeln“, in Wahrheit sind das jeweils ein Frontispiz und eine gestochene Musikbeilage. Die Drucktechnik ist manchmal angegeben, meistens aber nicht. Das ist vor allem für das 19. Jahrhundert schade. Aus allen Auktions­katalogen hätte er entnehmen können, daß die zwei Tafeln, die sich in Diezels Waldschnepfe finden, und die von ihm lapidar als „zwei Tafeln“ gezählt werden, getönte Lithographien sind. Und bei den großen Prachtwerken, beispielsweise Goulds Monographie der Ramphastiden nur von „38 Tafeln, von denen zwei nicht koloriert sind“ zu schreiben, ist für eine Biblio­graphie ein Armutszeugnis. Bei Brehms Monographie der Papageien wird die völlig erratische Tafelkollation einfach übergangen, kein Benutzer wird das Werk jemals mit Schlenkers Bibliographie kollationieren können. Wird mal eine Angabe gewagt, ist sie prompt falsch. Bei Hahns Abbildungen zur Naturgeschichte der Thiere Bayerns spricht Schlenker von Kupfertafeln, in Wahrheit sind diese lithographiert, bei der Wiederverwendung der Tafeln in Reider/Hahns Fauna boica heißt es vorsichtshalber nur noch „kolorierte Tafeln“.

Bei Susemihls Vögel Europas folgt er bei Tafelzahl (108) und Technik (davon 11 lithographiert) Nissen, in Auktionskatalogen werden meist nur 7 lithographierte Tafeln gezählt. Wichtiger ist aber, daß er das in Gold und Farben gedruckte Widmungsblatt am Textanfang unterschlägt und ganz normal in die Textkollation nimmt.

Natürlich ist das schwer, und es sei an einem Beispiel demonstriert, daß gerade im 19. Jahrhundert selbst die größten Fachleute bei der Bestimmung der Drucktechnik manchmal ins Zweifeln kommen. Kaups Thierreich in seinen Hauptformen erschien 1835-37 in Darmstadt, illustriert mit zahlreichen „Textabbildungen“ (so Schlenker). Schlägt man das Werk auf, tippt man zunächst auf Holzstiche, manche Abbildungen schauen jedoch „komisch“ aus. Dazu die größte Autorität auf diesem Gebiet, Hanebutt-Benz, Studien zum deutschen Holzstich, 713 und 675: „Kaups ‚Thierreich' enthält neben einer großen Anzahl von Holzstichen viele Hochlithographien. Die Entscheidung, ob es sich bei manchen Illustrationen um Holzstiche oder Hochlithos handelt, ist durch die Gleichartigkeit des Druckbildes kaum zu treffen.“


Einbände

Originaleinbände werden nicht erwähnt. Beispiel Diezels Waldschnepfe : Hier gibt es einen Original-Pappband (und auf diesem könnte man dann auch finden, daß das Werk „ein Bruchstück aus dem größeren noch ungedruckten Werke: ‚Über die Jagd mit Schießgewehr'“ war). Oder Heppes Vogelfänger , von dem es ebenfalls einen originalen Pappband gibt.


Beschreibungen

Nach Titelaufnahme und Kollation folgen die Bibliographien, manchmal vollständig, manchmal nicht. Das ist natürlich eine reine Fleißaufgabe und als bloße Aufzählung recht öde. Die zuständige ornithologische Literatur wurde fleißig ausgewertet, aber bei alten Drucken fehlt alles Einschlägige (nur ein Beispiel unter vielen: bei 85.3 P. de Crescentiis wäre nachzutragen VD 16, IA, Benzing, Egenolff).

Daß es manchmal hilft, die richtigen Bibliographien zu benutzen, dafür ist das Werk des Johannes Praetorius über das Winterquartier der Störche ein lehrreiches Beispiel. Die verschiedenen Ausgaben sind in Dünnhaupts Handbuch mustergültig beschrieben. Schlenker benutzt ihn nicht, deshalb entgeht ihm die Ausgabe von 1671 (Dünnhaupt 2.I.2), seine dürftigen Angaben zu den anderen Ausgaben können aus Dünnhaupts Füllhorn nachgebessert werden.

Dann erwartet man das, was gute Bibliographien ausmacht. Informationen über die verzeichneten Werke, Angabe der Originalausgaben, Nachweise der Abhängigkeiten, Klärung der Kollationsprobleme usw. Leider findet man dergleichen kaum. Man betritt eine ziemlich dürre Wüste. Schon die simple Angabe des Übersetzers wird meist verweigert. Bei Kleins Vollständiger Vögelhistorie von 1760 heißt es auf dem Titel „Aus dem Lateinischen übersetzt durch D. H. B“. Das war bekannterweise Herr Behn, den wir aber im Beitext vergeblich suchen. Schlenker gibt nie an, wie die bearbeiteten Originalausgaben heißen. Diese werden meistens schon im Titel genannt, und man wüßte natürlich gern, ob es sie überhaupt gibt, und wenn, wann sie erschienen sind. Dafür ein Beispiel. Johann Jacob Römer schrieb 1797 eine Anleitung alle Arten natürlicher Cörper zu sammeln und aufzubewahren. Nach Donovan's Instructions mit vielen Abänderungen und Zusätzen frey bearbeite “. Schlenker schweigt sich über diesen Donovan wie üblich aus. Es kann ihm aber geholfen werden. Das zugrundeliegende Werk ist E. Donovans Instructions for collecting and preserving various subjects of natural history , erschienen 1794 in London.

Vergleicht man Schlenkers Beitexte mit denen bei Anker und Zimmer, kann man schon ins Träumen kommen. Manchmal scheint aber auch nur die Zeit stehengeblieben zu sein. 1544 erschienen in Wittenberg die von Paul Eber und Caspar Peucer verfaßten Vocabula rei nummariae , ein Verzeichnis der griechisch-lateinischen numismatischen Begriffe, der Maße und Gewichte. 1546 wurde das Werk ein zweites Mal aufgelegt, 1549 erschien es zum drittenmal, erweitert um einen Anhang mit einem Wörterbuch über Fische und Vögel. Schlenker verzeichnet diese Ausgabe als erste (nach seinen Auswahlprinzipien so korrekt), gibt das Format aber falsch mit Quart an und macht beim Abschreiben des Titels vier Fehler. In der Anmerkung gibt er seine Quelle an, einen Aufsatz von Scherren aus dem Jahre 1905. Als ob es inzwischen nicht das VD 16 und den Index Aureliensis gäbe. Aber in aller biblio­graphischen Naivität heißt es in der Anmerkung weiter: „Nach Scherren gibt es von diesem Druck noch vier weitere Ausgaben: 1558, 1559, 1570 und 1575.“ Es gibt sogar noch mehr: 1551, 1552, 1556, 1563 und 1564. Alles ganz leicht zu bibliographieren, wenn man nicht in der bibliographischen Steinzeit stehen bleibt.

Während Schlenker die Vocabula ein Rätsel geblieben sind, bleibt uns seine nächste Nummer (96.1) kein Rätsel. Das Werk gibt es nämlich nicht. Die „Appellationes quadrupedum“, die angeblich 1552 in Wittenberg erschienen sind, bilden nur den Anhang der Vocabula -Ausgabe von 1552.

Eine der größten Enttäuschungen ist die Aufnahme der vier Ausgaben von Caspar Schröders Jagd-Kunst . Anstatt die Titel wiederum marternd lange abzuschreiben, hätte er uns mitteilen können, was Lindner im fulminanten Aufsatz in den „Jagdschriftstellern“ über Schröder mitteilt. Von diesen Informationen ist einzig die dürre Mitteilung zu finden, daß Schröder ein Pseudonym für Christoph von Hellwig sei (allerdings schreibt Schlenker „Helwig“), er unterschlägt uns, daß dieser „einmalige Scharlatan“ (Lindner), über den sich weitere Auskunft bei Ferguson I, 376 findet, seine Weisheit wörtlich aus Aitingers Bericht vom Vogelstellen abgeschrieben hat. Der Bibliograph hätte gar nicht selbst zu arbeiten brauchen. Lindner formuliert elegant das Wichtige: „Der begangene Diebstahl geistigen Eigentums wurde von seinen Zeitgenossen sofort erkannt und durch abfällige kritische Beurteilung gebrandmarkt. Schröder schrieb Aitingers Text unverändert ab. Lediglich der Wandel der Sprache, der sich in dem Jahrhundert zwischen dem Erscheinen der editio princeps und Schröders Überarbeitung vollzogen hatte, spiegelt sich wieder. Die 52 primitiven Holzschnitte wurden nach Aitingers Bildern geschaffen, erreichten diese aber an Qualität bei weitem nicht.“

Unter der Nummer 118.1 nimmt Schlenker den Versuch einer Naturgeschichte von Livland auf, geschrieben von Jakob Benjamin Fischer (auf dem Titel aber laut Schlenker angeblich „J. L.“ abgekürzt). Als Bibliographie nennt er Cobres und Schmidts Verzeichnis der Bibliothek des Prinzen Maximilian zu Wied. Nach der Schmidt-Nummer heißt es lapidar: „erwähnt Zusätze dazu von 1784“. So kann man das natürlich auch machen, aber im Grunde ist das eigentlich nur das Eingeständnis von Faulheit oder Inkompetenz. Herrn Schlenker kann geholfen werden. Die Zusätze zu dem Versuch nebst einigen Anmerkungen zur physischen Erdbeschreibung von Kurland entworfen von J. J. Ferber erschienen 1784 in Riga mit XVI und 305 S. in Octavo, illustriert mit einer Kupfertafel. Die Ferberschen Anmerkungen nehmen die S. 209-305 ein (Recke-N. I, 568).


Erfundene Ausgaben

Schlenker ist besonders stolz darauf, nicht nur autoptisch gearbeitet zu haben, sondern auch Antiquariats- und Auktionskataloge ausgewertet zu haben. Diese sind natürlich manchmal reichlich trübe Quellen. Und ihnen ohne Kontrolle zu glauben, führt leicht zu apokryphen Werken. So findet sich unter 271.1 ein Werk von Theophilus Pistorius mit dem Titel Ornithogamellon , für das er als einzige Quelle einen Friedländer-Katalog von 1962 angibt. Die angegebene Kollation stimmt, aber der Titel nicht. Es handelt sich nämlich um eine Abhandlung über den bei Plinius beschriebenen Januarvogel „Ornithogamelion“, und davon gibt es laut VD 17 sogar drei voneinander abweichende Drucke. Der zweite von ihm verfaßte Titel (Jöcher kennt nicht einmal seine Lebensdaten) ist nach einem Kiefer-Katalog aufgenommen (dort datiert ca. 1630, Schlenker datiert nicht) und findet sich nicht im KVK.

Durch viele Bibliographien geistern erfundene Ausgaben. Natürlich auch bei Schlenker. Das Thier-Buch von Georg Abraham Mercklin (Schlenker setzt ihn „Mercklein“ an) erschien 1696 bei Zieger in Nürnberg (Schlenker schreibt falsch „Ziegler“). Den Titel dieser Ausgabe kann man bei Krivatsy 7772 oder aus dem VD 17 abschreiben. Schlenkers schreibt ihn aus einem alten Antiquariatskatalog ab und bezeichnet die Ausgabe als zweite. Die erste Ausgabe ist angeblich im selben Jahr bei Rüdiger erschienen, aber mit dieser Verlagsangabe nur bei Nissen geführt. Georgi und das VD 17 kennen nur die Ausgabe bei Zieger. Schlenker hätte allein schon deswegen stutzig werden müssen, weil die zweite, nun bei Rüdiger erschienene Ausgabe auf dem Titel als zweite Ausgabe bezeichnet wird. Er führt sie, ohne Angabe von Gründen, als dritte.

Die Bibliographie wird mit einer Zeittafel und einem Register abgeschlossen. Nicht unerwähnt sei, daß sehr viele Titel (in manchmal schauderhafter Qualität) abgebildet wurden. Eine Antwort auf die in der Einleitung gestellten Fragen findet sich nicht. Eine zweite, verbesserte Auflage wäre wünschenswert.


Druckfehler

125.1 Friessen

230.1 in useum; recte usum

288.1 Tabula; recte tabulae

353.1 Narualiensammler

360.1 Aucopationis; recte Aucupationis


Herbert Schauer
herbert_schauer1@yahoo.de


Empfohlene Zitierweise:

Herbert Schauer
(Rezension über: Rolf Schlenker: Bibliographie der deutschen vogelkundlichen Literatur von 1480 bis 1850. Stuttgart: Hiersemann, 2004. XV.)

URL: http://www.bibliophilie.de/rezensionen/schlenker.html
Datum des Zugriffs:

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