Herbert Schauer über Ekkehard von Knorring: Alte deutsche Jagdliteratur des 16.-19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Jagdbibliographie. Augsburg: Wißner, 2006. XXIII, 768 S. Lwd. ISBN 3-89639-461-4 , 280.- €

Der Titel ist leicht irreführend. Er hätte lauten müssen: Katalog der Sammlung Von Knorring. Gleichzeitig untertreibt er, denn es liegt nicht nur ein „Beitrag“ vor, sondern hier veranstaltet jemand eine ganz große Treibjagd. Die Strecke kann sich sehen lassen. 1363 Nummern: Bücher, einige wenige Handschriften und sogar ein Autograph (1032). Der Schwerpunkt liegt bei den Titeln aus dem 19. Jahrhundert, Von Knorrings Katalog bildet damit eine hochwillkommene Ergänzung zum Standardwerk von Kurt Lindner mit dem Verzeichnis des Schrifttums bis 1850 und der Fortsetzung von Sigrid Schwenk, von der bislang ja nur der erste Teil erschienen ist. Lindners Meriten sind genug gewürdigt worden, die Mängel des Schwenkschen Werkes hat Von Knorring selbst in Aus dem Antiquariat , Heft 6, 1998, S. 451-54 mit wünschenswerter Deutlichkeit gerügt.

Mit dem unglücklichen Versuch von Schwenk hat Knorrings Katalog nur das Format (bis auf den Millimeter identisch) und die Einbandfarbe gemein. In allen anderen Punkten überflügelt er seine Vorgängerin mühelos, insbesondere bei den biographischen Angaben zu den Autoren, die manchmal zu Kurzessays geraten und mit vollständigen und neuesten Literaturangaben gestützt sind. Man sehe sich beispielsweise nur die „Kopfaufnahme“ zu „Hegewald“ an. Bei Schwenk steht der dürre Satz: „Hegewald ist Pseudonym für Sigismund Freiherr von Sedlitz-Neukirch“. Bei Von Knorring entfaltet sich ein biographischer Kurzessay, dazu werden entlegenste Artikel aus den Jagdzeitschriften zitiert. Hier kann man nur einen echten Fortschritt konstatieren. Das große Vorbild Lindner ist natürlich in der Charakterisierung der Werke und dem Nachweis der Quellen oft uneinholbar, aber Knorrings Aufnahmen sind den Lindnerschen vor allem bei den Tafelkollationen vorzuziehen. Hier liegt der zweite echte Fortschritt. Daß er Lindner aber auch auf dessen ureigenstem Gebiet zu schlagen in der Lage ist, beweist er ein übers andere mal. Man sehe sich dafür beispielsweise die Klärung der frühen Druckgeschichte von Ifflands Werk Die Jäger an. Erfreulich auch die Lindner korrigierende Variantenbeschreibung von Heinrich Klüvers Abhandlung über das Hunderecht.

Gedruckt ist das Werk vorzüglich, einzig die Wahl einer blaßgrünen Farbe für den Beitext scheint mir diskutierbar. Bei den abundanten Platzverhältnissen hätte er sich auch die Abkürzung „u.“ für „und“ sparen können. Abgebildet sind vor allem solche Werke, die bei Lindner und Schwenk nicht verzeichnet sind. Knapp 90 (bzw. 130) Titel tragen diesen Vermerk, etwa 60 Titel waren bisher bibliographisch erfaßt, aber nach Von Knorring ohne Standortnachweis.

Das insgesamt sehr positive Bild wird durch wenige Stockflecken getrübt. Als Beleg einige wenige Bemerkungen zu den Ansetzungen, Titelabschreibungen, Formatangaben und Datierungen:

Die Ansetzungen sind sauber, manche Pseudonyme werden erstmals aufgelöst (Tryberg), manche anonym erschienenen Werke erstmals ihren Autoren zugewiesen (Eichhof), nur bei einigen kann man diskutieren. Kaiser Maximilian's I. geheimes Jagdbuch findet sich unter dem Herausgeber Karajan (bei Schwerdt unter Maximilian), was nicht weiter schlimm ist, aber der fehlende Verweis stört. Lustigerweise setzt Von Knorring den eigenen Namen im Hauptalphabet anders an als auf dem Titel. Nicht nachvollziehbar ist die Ansetzung von Oppians Werk über die Jagd unter dem Übersetzer Miller. Darunter sucht niemand das Alieutikon . Wirklich mißlungen ist nur eine Ansetzung. Valentin Trichter „d. i. Christian Ehrenfried Seyfert von Tennecker(?)“ Er versieht sie mit einem Fragezeichen und schreibt: „Ob sich hinter V. Trichter tatsächlich C. E. S. v. Tennecker verbarg, ist strittig“. Als Begründung gibt er aber nur den Verweis auf den Auktionskatalog einer obskuren Firma. Dabei ist alles sehr einfach und vollkommen unstrittig. Valentin Trichter lebte von ca. 1680 bis 1750 (Informationen über ihn finden sich in Wills Nürnberger Gelehrtenlexikon und im Tierärzte-Lexikon von Schrader). Seifert von Tennecker lebte von 1770 bis 1839 und publizierte manche seiner Werke unter dem Pseudonym Valentin Trichter. Allein die Lebensdaten der beiden Autoren schließen also jeden Zweifel aus (leider stiften auch Lindner, Schwerdt und Zischka Konfusion).

Offensichtlich hat es sich bei den Laienbibliographen noch nicht herumgesprochen, wie das Problem der Titelansetzung elegant zu lösen ist. Wie es Schlenker in seiner Bibliographie der deutschen vogelkundlichen Literatur vorgemacht hat, schreibt Von Knorring den Titel von links oben nach rechts unten gnadenlos ab. Da findet man natürlich in manchen Versalienwüsten den eigentlichen Titel nicht mehr (wie das Problem elegant zu lösen, ist, dafür sei allen Nachfolgern ein Blick in die vorbildliche Bibliographie der Cleveland Herbal, Botanical, and Horticultural Collections von 1992 empfohlen). Der Wettstreit der Abschreibartisten endet manchmal mit einem blauen Auge. Ein Beispiel: Neuer Tractat von denen Canarien-Vögeln von Hervieux de Chanteloup, erschienen 1716 bei Cörner in Leipzig. Bei Schlenker hat der Verleger ein „Sächsz.[isches]“ Privileg, bei Knorring ein „Sächß“[isches]. Knorring hat hier die die Nase vorn, im Beitext überholt ihn aber Schlenker. Denn bei diesem erfahren wir, daß sich auf den S. 178-187 ein Auszug aus Pernau findet, Knorring hat diese Information nicht in den Zieleinlauf gerettet.

Über die Formatangaben zu diskutieren ist müßig, da für Von Knorring „bestehende Regeln ... nicht immer eindeutig sind“. Deshalb findet sich zu Schäffers Abhandlung über den „Mayenwurmkäfer“ die Formatangabe „8°“, bei Lindner (und allen anderen Bibliographen) steht korrekt „4°“. Daß unsere öffentlichen Bibliothekare meistens falsche Angaben machen, darüber hat schon Dünnhaupt beredte Klage geführt. Inzwischen ist es wohl vergeblich, dagegen anzuschreiben, und der Trend geht sowieso in Richtung Zentimenterangaben.

Gegenüber Schwenk finden sich zahlreiche Fortschritte in der Datierung. Leider hat Von Knorring aber nicht das GV benutzt. So manche unsichere Datierung hätte er mit dessen Hilfe klären können. Waidmanns Feierabende sind wirklich 1876 erschienen, seine als Vermutung ausgesprochene Datierung ist richtig. Sind in den Quellen viele divergierende Angaben zu finden, so werden die abweichenden Datierungen ohne Gewichtung einfach referiert; man könnte aber mit Benutzung der üblichen Hilfsmittel viel weiter kommen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Herrn Petermanns Jagdbuch, wo er zahlreiche falsche Datierungen referiert und dann sämtliche Teile seiner Mischauflage „um 1870“ datiert. Dabei hätte ihn ein Blick ins GV belehren können, daß das zumindest für die Teile 5 und 6 nicht stimmen kann, die erstmals 1876 und 1884 erschienen sind.

Damit genug der Erbsenzählerei und nur noch eine Schlußbemerkung zu den Rara-Einschätzungen. – Jeder Sammler sieht es natürlich gerne, wenn er wahre Seltenheiten besitzt. Von Knorring glaubt, so manches Unikum zu hüten. Sehen wir uns zwei Beispiele an. Christoph Wilhelm Gatterer veröffentlichte 1780 den ersten Teil seines Breviarium zoologiae. Knorring besitzt ein Exemplar und schreibt im Beitext: „Bisher unbekanntes Erstlingswerk des Verfassers, von dem wohl mehr nicht erschienen ist.“ Unbekannt ist das Werk aber mitnichten. Hamberger-Meusel verzeichnen es auf S. 489 im zweiten Band. Daß nur der erste Band erschien, stimmt aber. Das steht im Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums auf S. 6 im 44. Band. Knorring fährt fort: „Nicht einmal Gatterer selbst erwähnt diese Arbeit in seinem ‚Allgemeinen Repertorium der Forstwissenschaftlichen Literatur ... Ulm 1796', was darauf schließen läßt, dass sie nur als Privatdruck gedacht war.“ Das ist eine kühne Vermutung, aber sie ist wohl einfach an den Haaren herbeigezogen. Viel wahrscheinlicher ist folgendes: Ein rein zoologisches Werk hat in einer forstwissenschaftliches Bibliographie nichts zu suchen, Gatterer hat nur den Gegenstandsbereich genauer definiert, als es heutige Sammler tun (steht der Autorname im Genitiv, findet sich leider gleich dreimal die Schreibweise „Gatterer's“, der recht glücklich als „Deppenapostroph“ bezeichnete sächsische Genitiv). Als zweites Beispiel diene die Abhandlung von den Krankheiten der Jagdhunde des Leopold von Künigl. Angeblich auch eine „bibliographisch bisher nicht erfasste Ausgabe“. Wieder lehrt ein Griff zum GV (Bd. 1, S. 136) das Gegenteil. Wer sich nur im kleinen Kreise der Jagdbibliographie dreht, nehme den Mund nicht zu voll. Daß er sich des Unterschiedes wohl bewußt ist, beweist seine Differenzierung Nr. 727 „jagdbibliographisch bisher nicht erfasste Schrift“, was ja wohl nur heißen kann, in anderen Bibliographien sehr wohl.

Verläßt er den Bereich der Jagd-Bibliographie, gähnt den Leser ein bibliographisches Vakuum an. Anna Küblers Vollständige Wildpretküche wird von den Jagd-Bibliographen natürlich nicht verzeichnet (hier ist die sonst zu recht gebeutelte Sigrid Schwenk einmal zu exkulpieren; die Bemerkung „nicht bei Schwenk und Mantel“ wäre besser unterblieben), findet sich aber in der Sammlung. Der Leser findet aber keinen bibliographischen Nachweis. Er sei hiermit nachgetragen: Methler 3413. Pataky 462. – Methler datiert die 2. Auflage auf „um 1892“ (Weiss 2127 folgend), Von Knorring sagt nur „nach 1890“ und meint außerdem: „Wegen der schlechten Papierqualität sind nur wenige Standorte bekannt.“ Da er sich um die Gastronomie-Bibliographen nicht gekümmert hat, kann seine Standortsuche eigentlich nur über den KVK erfolgt sein. Und bei Kochbüchern sind die öffentlichen Bibliotheken nicht gerade der Maßstab für Häufigkeit.

Unverständlich bleibt, warum das Werk kein Register spendiert bekam. Manche Autoren sind dadurch unauffindbar. Das Fehlen eines Registers ist vor allem deshalb zu bedauern, weil Von Knorring manchmal buchgeschichtlich hochinteressante Tatsachen in den Anmerkungen versteckt. So wird also niemand die wirklich erhellenden Ausführungen zur Bibliotheca Julinska von Alfred Graf Potocki nachlesen können, die sich im Beitext zur Nummer 96 (und 670) finden (Knorring schreibt allerdings hartnäckig „Biblioteca“).


Herbert Schauer
herbert_schauer1@yahoo.de


Empfohlene Zitierweise:

Herbert Schauer
(Rezension über: Ekkehard von Knorring: Alte deutsche Jagdliteratur des 16.-19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Jagdbibliographie. Augsburg: Wißner, 2006.)

URL: http://www.bibliophilie.de/rezensionen/knorring.html
Datum des Zugriffs:

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