Klaus Garber: Das alte Buch im alten Europa. Auf Spurensuche in den Schatzhäusern des alten Kontinents. München: Wilhelm Fink Verlag 2006, 765 S., ISBN 3-7705-3234-1 € 78,00

Ziemlich selten erliegen Literaturwissenschaftler der Faszination des alten Buches. Sie bevorzugen es, mit neuen Editionen zu arbeiten, deren gelehrter Apparat ihre historisch-kritischen Fragestellungen unterstützt, sie analysieren den scheinbar zeitlosen Text ohne größeres Interesse für seine originale Präsentation. Zu den wenigen Germanisten, bei denen sich zu den philologischen auch bibliothekarische und bibliophile Neigungen und Kenntnisse gesellen, gehört Klaus Garber. Sein zentrales Forschungsgebiet ist die Literatur der Frühen Neuzeit zwischen Humanismus und Aufklärung, für die er an seiner Universität Osnabrück eine Forschungsstelle ins Leben gerufen hat, insbesondere die pastorale und bukolische Dichtung des Barock. Ihre Quellen sind seit jeher verstreut und selten, nirgendwo in größerer Zahl an einem Ort versammelt. Ein wesentlicher Teil dieser Texte ist nämlich im personalen Gelegenheitsschrifttum zu finden – also deutsche und lateinische Hochzeits- und Trauergedichte sowie solche zu anderen herausragenden Lebensstationen (Geburt, Geburtstag, Ehrungen undsofort), naturgemäß in kleinen Auflagen erschienen. Diese noch bis heute weitgehend unbeachtete Gattung steht deshalb im Mittelpunkt von Garbers wissenschaftlichem Interesse. Ihr hat er auch das Handbuch des personalen Gelegenheitsschrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven gewidmet, das seit 2001 bei Olms in Hildesheim erscheint und auf 13 Bände angelegt ist.
Es bedurfte dieser Vorbemerkung, um Anlaß und Inhalt des vorliegenden dickleibigen Bandes zu verstehen. Denn solche Quellen sind nirgendwo anders in solcher Breite entstanden, gesammelt und überliefert worden wie in den untergegangenen Bücherhäusern des deutschen Ostens. Was ist aus ihren Beständen geworden ? Dies ist das Thema des Buches: das „Schicksal der alten Bücher und der sie bergenden Bibliotheken in Blick auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts“. Garber ist diesen Schicksalen seit Jahrzehnten nachgegangen, genauer: nachgereist. Er hat in der DDR, vor allem aber in Polen, der einstigen Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten auf dem Baltikum wie in Rußland selbst in zahlreichen Expeditionen – von DFG und VW-Stiftung unterstützt – beharrlich die Spuren verlagerter, vermißter, verschollener, verbrannter und verleugneter deutscher Bestände der Frühen Neuzeit verfolgt. Seine immense Forschungsleistung spielte sich auf heikelstem, vielfach vermintem Gelände ab, auch wenn sich zu den Bibliothekaren und Bibliothekarinnen in Breslau und Danzig, Warschau und Thorn, Riga und Tallin, Reval und Wilna, Moskau und Petersburg im Laufe der Zeit vertrauensvolle, ja freundschaftliche Kontakte entwickelten.
Der Band enthält insgesamt 19 Beiträge unterschiedlichsten Umfangs, von wenigen bis zu mehr als hundert Seiten, die bis auf einen bereits (an oft entlegenen Stellen) veröffentlicht wurden. Dabei sind Überschneidungen und Wiederholungen unvermeidlich. Jeder, der Anteil an den Schicksalen von Büchern und Sammlungen nimmt, wird diese Texte neugierig, ja teils mit Spannung lesen. Wer detailliertere Informationen sucht, gar weiterforschen will, findet eine Überfülle von Materialien im bewußt extensiven und weitläufigen gelehrten Apparat, Diese, wie der Autor einräumt, „überbordenden Exkursionen unter dem Strich“ füllen nicht selten bis auf zwei Textzeilen die ganze Seite, ersetzen aber langwierige bibliographische Recherchen. Auch sie sind durch das umfängliche Personenregister erschlossen. Keineswegs selbstverständlich ist heutzutage die angenehme Armut des Bandes an Druckfehlern (ich fand nur auf S. 580 den „Psalmsonntag“).

Ein erster Teil versammelt ältere, aber nicht überholte Beiträge zu Problemen der deutschen Nationalbibliographie und einer virtuellen Nationalbibliothek (es gibt sie ja jetzt tatsächlich, die „Deutsche Nationalbibliothek“, aber das ist leider ein Etikettenschwindel). Vieles hier diskutierte und geforderte ist inzwischen verwirklicht, so VD16 und VD17, schließlich die ersten Umrisse des VD18 und vor allem die dezentrale Sammlung deutscher Drucke. Diese Verteilung des retrospektiven Sammlungsauftrags auf mehrere Referenzbibliotheken ist zweifellos das Deutschland angemessene Verfahren. Nach wie vor aber harrt der Erschließung ein „unermeßlicher Reichtum auch heute noch unbekannter und deshalb ungehobener Schätze der jeweiligen Region zumal im ehemaligen deutschen Sprachraum“ (S. 27). Es ist das bis heute von Wissenschaft, aber auch Bibliothekaren stiefmütterlich behandelte lokale Casualschrifttum, das „kollektive Medium, in dem Abertausende von Geschlechtern vom 16. bis tief ins 18. Jahrhundert hinein vor dem Vergessen geschützt waren“, insbesondere für das protestantische, bürgerlich-gelehrte Deutschland die unverzichtbare Infrastruktur für die „Hochliteratur“.

Unter dem Titel „Auf der Suche nach alten Büchern“ folgen Berichte über drei Bibliotheksreisen in der Vor- und unmittelbaren Nachwendezeit, bei denen sich zögernd das Dunkel gerade über die ehemaligen Königsberger Bestände zu lichten begann. Spuren führen nach Vilnius, aber vor allem nach Leningrad/St. Petersburg und Moskau. Litauische Wissenschaftler waren 1945 in das von den Deutschen verlassene Königsberg vorgedrungen und hatten lastwagenweise Altdrucke nach Vilnius abtransportiert, mußten aber einen Teil der Fuhren auch den Russen abtreten. Bei den Plünderungen unmittelbar nach dem Zusammenbruch waren alte Ledereinbände von den Sowjetsoldaten gerne für Hosengürtel verwendet worden. Der Reisende durfte gar ins Allerheiligste vordringen, die Magazine, wo er zehntausende deutscher Frühdrucke auch aus Königsberg auf den Regalen sah – in der St. Petersburger Nationalbibliothek stammen wohl zwei Millionen gerade aus ostdeutschen Beständen. So wurde Petersburg nach den Zerstörungen in den Bibliotheken Berlins und Münchens und dank der ostdeutschen Zugänge zum reichsten Verwahrungsort neulateinischer Drucke auf dem Kontinent. Weitere Königsberger Bestände sind unter anderem nach Moskau, Twer, Minsk und Nowosibirsk gelangt, dafür besitzt die Universitätsbibliothek in Kaliningrad nun eine Vielzahl von Beutebüchern aus Berliner Instituten.
Der zentrale, gut 400 Seiten umfassende Hauptteil des Bandes widmet sich dem „Verlust des kollektiven städtischen Gedächtnisses“, nämlich dem Untergang kommunaler Bibliothekslandschaften in Hamburg, Nürnberg, Breslau, Danzig und Königsberg - und zu Beginn überraschenderweise in Straßburg. Garbers „Elegie auf die Straßburger Stadtbibliothek“ (S. 185-236) gilt einem weitgehend vergessenen Menetekel: dem verheerenden deutsche Bombardement der Stadt und dem Untergang der ungeschützten Stadtbibliothek im August 1870 nach der hirnlosen Weigerung der französischen Militärs, zu kapitulieren. In die grandiose, an Patrizierschenkungen reiche Stadtbibliothek mit 400.000 Schriften waren nach der Französischen Revolution zahlreiche beschlagnahmter Adels- und Kirchenbestände gekommen, darunter große Handschriftenschätze und Alsatica-Kollektionen, auch rund 18.000 Casualien des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Elsässer werteten diese Zerstörung ihres Bücher-Schatzhauses als kaltblütige Rache der preußischen Artillerie am Herzen der freien reichsstädtischen Kultur. Übrigens hat Garber in St. Petersburg zahlreiche Straßburger Gelegenheitsdrucke der Frühneuzeit gefunden.
Des Untergangs der Hamburger Stadtbibliothek im Zweiten Weltkrieg gedenkt der Hanseat mit besonderer Trauer (S. 237-283). Besonders reich an deutscher Literatur und Casualpoesie des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, war ein großer Teil der Bestände auf zwei Schlösser bei Dresden ausgelagert worden; nur ein geringer ist zurückgekehrt, ein größerer befindet sich jetzt in Moskauer und Petersburger Bibliotheken und Archiven. Freilich waren Plünderungen keine Domäne des Ostens. Die kostbare Sammlung des barocken Pegnesischen Blumenordens hatte man in Schlösser des Nürnberger Umlandes verbracht, wo sie 1945 deutlich dezimiert wurde. Besonders schmerzlich ist der Verlust von Teilen des Nachlasses Sigmunds von Birken, des umfangreichsten Nachlasses eines deutschen Barockdichters. Auch hier ist geschehen, was zu den schlimmsten Verwundungen einer alten Bibliothek gehört: im Januar 1945 ist der handschriftliche Zettelkatalog verbrannt – natürlich ein Unikat und damit die einzige Quelle über den Bestand, der nun nicht mehr rekonstruierbar ist. Nicht zuletzt deshalb hat Garber viele alte Bibliothekskataloge des deutschen Ostens verfilmt und in seinem Osnabrücker Institut bewahrt: „Der Ort des die Zeiten überdauernden Bezeugens von Büchern ist der annotierte, alle Spuren sorgsam verfolgende und dokumentierende Katalog. Auch Titel sind als einzelne wie insbesondere im bibliothekarischen Ensemble sprechende Dokumente. Sie nicht dem Vergessen anheimzugeben ist eine selbstverständliche Ehrenpflicht, so überlebenswichtig für ein von Tradition bestimmtes Haus wie das stetige bestandsmehrende Fortschreiten in Gegenwart und Zukunft.“ (S. 403)
Auf mehr als hundert Seiten wird Breslau als „Bücherhochburg des Ostens“ vorgestellt. Seine einstige Bibliothekslandschaft konnte immerhin partiell im heutigen Wroclaw rekonstruiert werden. Die heutige Universitätsbibliothek vereint alle noch erhaltenen Altdrucke der einstigen lokalen Sammlungen, insbesondere der überaus reichhaltigen Stadtbibliothek, in der 1868 verschiedene wertvollste Bestände aufgingen. Garber schildert die Vorgeschichte der einzelnen Kollektionen, insbesondere der Rhedigerschen Stadtbibliothek. Auch hier weitet sich die Darstellung vielfach zur lokalen Kultur- und Literaturhistorie in nuce, mit Exkursen etwa zur Säkularisation in Schlesien und dem damaligen Projekt einer schlesischen Central-Bibliothek. Im Zuge oder als Folge der Vereinigung scheint übrigens ein – von Garber nicht erwähnter – lebhafter Dublettenverkauf stattgefunden zu haben, Barocksammler kennen die entsprechend gekennzeichneten Exemplare. Immerhin konnten 1945 350.000 Bände der Stadtbibliothek gerettet werden, das Gebäude blieb intakt, verschollen allerdings sind besondere Kostbarkeiten wie die Inkunabeln und Teile der Briefsammlungen. Von den fast 800.000 Bänden der Universitätsbibliothek wurde nur ein Teil ausgelagert, allein ein Drittel des Gesamtbestandes verbrannte vier Tage nach Kriegsende in der Annenkirche. Bewegend sind die Schilderungen des Auseinanderreißens jahrhundertelang vereinter gewachsener Bestände und der Transporte an die Auslagerungsorte, darunter etwa das unbewohnte Kloster Heinrichau (S. 401); einige Zimelien haben in Berlin überlebt. In der heutigen Universitätsbibliothek befinden sich auch ein Teil der berühmten Schaffgotsch-Bibliothek aus Warmbronn (der andere liegt in Warschau) sowie die Sammlungen aus Brieg und Liegnitz und ein Teil der Görlitzer Bibliothek. Zahlreiche schlesische Adelsbibliotheken wie die Hochbergsche Majoratsbibliothek sind von den Russen abtransportiert worden, ihr Schicksal ist ungewiß, Einzelstücke kamen in den Handel.
Ein kürzerer Beitrag gilt Geschichte und Schicksalen der alten Danziger Stadtbibliothek im „polnischen Preußen“; auch sie besaß einen immensen Fundus an lokalhistorischem Schriftgut, zusammengetragen über Jahrhunderte von Bürgern und Gelehrten der Stadt. Garber würdigt dies mit Worten, die auch heute Aktualität und Gewicht besitzen: „Der Sammler, der aus der unendlichen Vielfalt des Gedruckten seine Wahl trifft und mit jedem neu hinzukommenden Stück an dem Profil eines in ständiger Bewegung befindlichen und durch Imagination gesteuerten Ganzen arbeitet, erzeugt Synergie durch gezielte Kumulation. Zugleich aber schreibt er sich in die Geschichte des Geschriebenen ein, wenn nicht als Autor und womöglich nicht einmal als Leser, so doch als des Buches Kundiger, der den unendlichen Bücherstrom kanalisiert und ihn damit der Aneignung und Nutzung zuführt. Diese segmentierende, auf Stiftung von Zusammenhang bedachte Arbeit, die unendliche Welt des Wissens und der Phantasie auf die Maße der – womöglich nur noch eben überschaubaren – Bibliothek zu bringen, ist die kulturermöglichende und in diesem Sinn kulturstiftende Tat der Sammler.“ (S. 445). Gegen die Buchvernichter freilich kamen die Sammler auch in Danzig nicht an; zerstört wurden insbesondere die auf die Marienburg ausgelagerten Bestände, weil dort die Bücherkisten zu militärischen Zwecken umfunktioniert wurden – konkret: Inkunabeln als Kugelfang. Was dort übrigblieb, wurde von den Sowjets mitgenommen (und bis heute auch an Polen nicht restituiert).
Ebenso umfangreich wie die Würdigung der Breslauer Bibliothekslandschaft ist jene der Königsberger mit dem Titel „Apokalypse durch Menschenhand“ – ein Wiederabdruck aus der „Kulturgeschichte Ostpreußens in der Frühen Neuzeit“ und deshalb ein weitausgreifendes historisches Porträt der Archive, Bibliotheken und Museen der untergegangenen Stadt. Besonders eindringlich beschwört Garber das Andenken an „vielleicht das größte bibliothekarische Wunder auf altpreußischem Boden“, die Wallenrodtsche Bibliothek mit ihrer landeskundlichen Sammlung. Wiederum konnte er feststellen, daß erhebliche Königsberger Bestände in den Sammlungen von Thorn und Warschau, Danzig und Allenstein, Vilnius und natürlich St. Petersburg erhalten sind.

Nach all diesen Entdeckungen ist der Leser gespannt auf Garbers Position in der so heiklen Frage der Rückkehr der zerstreuten Bestände. Ein älterer Beitrag des Bandes beklagt das „leidige und nun fast ein Jahrzehnt währende Gezänk um die Restitution“ (S. 579) und plädiert dafür, die Schätze an ihren heutigen Verwahrungsorten zu belassen, sie dort zu sichern und zu erforschen. Das „Einsammeln und Hegen des Versprengten“ solle in Projekte wie etwa einer Bibliographie der Königsberger Drucke der Frühneuzeit münden.
Deutschland hat bei seinem Vernichtungsfeldzug nach Osten gerade polnische Bibliotheken schonungslos und konsequent verwüstet, es hat auch in den sowjetischen Bibliotheken, die auf seinem Weg lagen, vandalisch gehaust (unklar ist nach wie vor, welche Bestände nicht zerstört, sondern geraubt und von den russischen Siegern wieder zurückgeholt wurden). Die Bergung und Besitzergreifung der ausgelagerten Bestände durch die Rote Armee und durch polnische sowie litauische Instanzen war auch ein verständlicher Akt der zumindest partiellen Kompensation. Daß gerade die Sowjetunion die riesige Beute der „Trophäenkommission“ jahrzehntelang leugnete und in „Sonderfonds“ verbarg, ist bekannt. Die Tatsache, daß Georgien und Armenien nach ihrer Unabhängigkeit zehntausende von Bänden an Deutschland zurückgaben, zeigt die abstruse Logistik der einstigen Beuteverteilung. Ein Teil der wertvollen Bestände aus der Dresdner Bibliothek (rund 200.000 Bände, darunter 1539 Inkunabeln) wurde überdies in der Moskauer Lenin-Bibliothek mehr oder minder diskret ihrer Signaturen und Besitznachweise beraubt. Ob beispielsweise die Sammelbände zum Leipziger Gesellschaftslied des 17. Jahrhunderts dort wirklich am sinnvollsten Ort sind, ist mehr als fraglich.

Mit dieser Problematik befaßt sich der letzte Teil des Buches: „Geteilte historische Bibliotheken im vereinten Europa ?“ mit dem appellativen Untertitel „Eine schwelende Wunde bedarf der Heilung“. Nochmals erinnert Garber daran, welch prägende Rolle die regionale Buchproduktion für die deutsche Kulturidentität besaß. Ihre Sammelstätten verkörperten den Geist der Regionen, die großen Stadtbibliotheken waren der „Ort lokaler Identitätsbildung“ Daraus zieht er nun die Folgerung: „Bücher gehören an ihren Herkunftsort und an keine andere Stelle.“ Gerade Dresden, Berlin und Hamburg haben ihre bibliothekarischen Memorialstätten ganz oder teilweise verloren. „Jedes gerettete und zu ihnen zurückkehrende Buch trägt dazu bei, ihr zerschlagenes historisches Profil zurückzugewinnen. Dresdener Bücher in Moskau, Berliner Bücher in Krakau, Hamburger Bücher in St. Petersburg leisten keinen Beitrag zur kulturellen Bereicherung dieser drei Metropolen. An ihrem ursprünglichen Verwahrungsort jedoch entfalten sie die segensreichen Kräfte der Stiftung von Tradition, weil sie sich eingliedern in das Verbliebene, also synergetische Effekte freisetzen.“ (S. 608)
Diesen Appell greifen zum Ende zwei längere Beiträge nochmals auf – auf strikt akademische Weise ein zusammenfassender Bericht zu Stand und Aufgaben der Forschung über das Casualschrifttum im alten deutschen Sprach- und Kulturraum des Ostens am Beispiel von Schlesien, Pommern, dem „polnischen Preußen“ (Danzig, Elbing, Thorn), Königsberg, Kurland, Livland und Estland. Entschiedener, temperamentvoller ist Garbers Gesamtschau in dem bisher unpublizierten Aufsatz „Der Zweite Weltkrieg und seine bibliothekarischen Spätfolgen“. Hier benennt er klar die schwärendste Wunde: die ins schlesische Kloster Grüssau verbrachten Herzstücke der Berliner Bibliothek, die jetzt in Krakau stehen. Dazu gehören über 400 kostbarste Musikautographen, die Nachlässe von Humboldt, Hoffmann von Fallersleben und vielen anderen, 19.000 orientalische und ostasiatische Handschriften und alte Drucke, riesige Autographenschätze , aber auch die unschätzbaren Bestände der Meusebach-Sammlung zur Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts (ein kenntnisreicher Exkurs würdigt die Bedeutung dieses Bibliophilen). Weiterer Berliner Besitz ist in Lodz und Lublin, Posen und Warschau und natürlich vor allem in Moskau und Petersburg zu finden – wohl auch die noch immer verschollene Luthersammlung oder die 3900 verschwundenen Inkunabeln.1 Mit gleichem Nachdruck plädiert Garber allerdings dafür, daß auch die Breslauer Bücher aus Berlin nach Wroclaw zurückkehren sollten, die Königsberger an den Pregel, die Dresdner aus Moskau, die Hamburger aus St. Petersburg. Die Chancen, daß dies vom frommen Wunsch zur Realität wird, sind bekanntlich in letzter Zeit nicht gerade gestiegen.
Klaus Garber hat mit diesem Buch den untergegangenen deutschen Stadtbibliotheken vor allem, aber nicht nur des deutschen Ostens ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt und liefert einen wichtigen Baustein zu einer Bibliothekshistorie des 20. Jahrhunderts. Er zeigt, welch tragische Bedeutung der bis zum Überdruß zitierte Spruch des „…habent sua fata libelli“ in diesem Säkulum gewonnen hat – Bücher als Geiseln politischen Wahns und Vernichtungswillens wie trotziger Revanche. Doch der Band bleibt nicht in der notwendigen Erinnerungs- und Trauerarbeit stecken, beschränkt sich nicht auf die (überfällige) Rekonstruktion geistiger Landschaften der Frühen Neuzeit, auf Forschungsarbeit am nach wie vor zu wenig beachteten Gelegenheitsschrifttum. Er ist auch ein beherztes Plädoyer für das alte Buch und dessen Verwahrungsstätten als Repräsentanten des alten für das hoffentlich neue Europa. Ob dieser Kontinent die Kraft hat, sich in der Versöhnung seiner geistigen Wurzeln bewußt zu werden, wird sich nicht zuletzt am Prüfstein der heimatlosen Bücher erweisen.


1 An zwei versteckten Stellen enthüllt Garber auch en passant, wie sorglos mit jenen Beständen der Preußischen Staatsbibliothek umgegangen wurde, die in die Westzonen gelangt waren: gerade in Marburg, wo sie in den sechziger Jahren ihr Domizil hatten, konnte man sich, „wenn man es denn darauf anlegte, unbegrenzt bedienen“. Die Verluste sind nur in Einzelfällen belegt – zu ihnen gehörte immerhin ein Rarissimum des deutschen Barock, nämlich Johann Beers Doppelroman Die Teutschen Winter-Nächte und seine Kurtzweiligen Sommer-Täge.


Reinhard Wittmann


Empfohlene Zitierweise:

Reinhard Wittmann (Rezension über: Klaus Garber: Das alte Buch in alten Europa. München: Fink Verlag 2006.)

URL: http://www.bibliophilie.de/rezensionen/garber.html
Datum des Zugriffs:

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