Hans Loubier:
Die Berechtigung des schönen Buches in der Gegenwart (1)

Dritter von fünf Vorträgen gehalten bei den Tagungen der Gesellschaft der Bibliophilen zu Frankfurt a. M. am 9. Oktober 1920

Aus: Die Bücherstube. Blätter für Freunde des Buches und der zeichnenden Künste 1 (1920), S. 144-148.


Wenn die Frage, die jetzt zur Beratung steht, nur ein wenig anders gefaßt wäre, würde ich sie ohne Bedenken mit einem überzeugten glatten Ja ohne jeden Einwand beantworten. Nämlich wenn es hieße, ob das gute Buch in der Gegenwart berechtigt sei, würde ich ja nicht ohne weiteres Besinnen Ja sagen, es ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig für uns alle in der gegenwärtigen Zeit.

Denn in der gegenwärtigen Zeit, die recht dazu angetan ist, Geist und Gemüt tief niederzudrücken, ist uns eine geistige Ablenkung von dem Elend des Alltags willkommen, ja sogar oftmals dringend vonnöten. Eine solche Ablenkung der denkbar besten Art verschafft uns ein gutes Buch in einer stillen Stunde der Muße, jetzt mehr wie je. Hat es nicht ein jeder von uns gerade oft genug an sich selbst erfahren, wie wohltuend es ist, nach der pflichtmäßigen Lektüre der politischen Zeitung, deren Inhalt uns oft anwidert, zu einem guten Buch zu greifen und die schlimme Gegenwart einmal auf Stunden zu vergessen, sich zu flüchten aus der Welt des Realen in die bessere und schönere Welt des Idealen?

Drum bekenne ich unumwunden, das gute Buch ist gerade in unserer Gegenwart voll berechtigt und notwendig für uns.

Nun lautet aber die Frage, die es jetzt zu beantworten gilt, etwas anders. Sie lautet: Ist das schöne Buch in der gegenwärtigen Zeit berechtigt?

Ich will es gleich offen heraussagen, daß ich auch diese Frage entschieden bejahe. Aber ich muß es gestehen, daß mir selbst bei der Stellung dieser Frage, ob das schöne Buch gerade in der Gegenwart berechtigt sei, zuerst gewisse Bedenken gekommen sind, die ich mir erst mit Gründen aus demWeg räumen mußte, bis ich zu meiner Bejahung gelangte, und ich weiß, daß manch einer, auch unter diesen Anwesenden, vom wirtschaftlichen Standpunkt aus die Frage aufwerfen wird, ob denn gerade in der Not der Gegenwart das schöne Buch als berechtigt anerkannt werden kann. Darum glaube ich meine Gründe darlegen zu müssen, die mich bestimmen, nicht nur dem guten Buch, sondern auch dem schönen Buch seine Berechtigung für die Gegenwart zuzuerkennen.

Wenn ich soeben das gute Buch als eine sehr gute und wirksame Ablenkung von dem Elend des Alltags willkommen geheißen habe, so muß ich das für jeden ästhetisch empfindsamen Menschen für das schöne Buch noch in erhöhtem Maße in Anspruch nehmen.

Ein gutes Buch, wenn es in schöne Form eingekleidet ist, bietet uns immer einen erhöhten Genuß, und ich selbst bin davon überzeugt, gerade jetzt, ich möchte sagen jetzt mehr als zu anderer Zeit. Wenn wir uns nach den Sorgen, Verdruß und ärger des Tages ein liebes Buch in schöner Druckausstattung hernehmen und nun beim friedlich-stillen Lesen seine Seiten durch die Finger gehen, wenn unser Blick Seite für Seite auf dem schönen Druck ruht, wenn unsere Phantasie durch künstlerische Illustrationen angeregt wird, wenn beste Papierqualität und schönstes Ebenmaß aller Verhältnisse und Formen ein Wohlgefühl in uns auslösen, dann haben wir einen doppelten Genuß, dann wird neben dem literarischen Genuß auch unser ästhetisches Empfinden, das die schwere Not der Zeit gar zu sehr zurückdrängt, eingeschläfert hat, wieder einmal neu geweckt und in der angenehmsten Art befriedigt.

Als ein Vertreter der Maximilian-Gesellschaft, die sich gerade die Pflege des schönen Buches, des guten Buches in schöner Form zum Ziel gesetzt hat, darf ich Ihnen vielleicht berichten, daß in diesem Kreise die Frage ernstlich erwogen worden ist, ob die Gesellschaft unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen im Buch- und Druckgewerbe ihre besonderen Interessen weiter pflegen darf und diese nicht hinter wichtigeren Interessen zurückstehen muß. Die Frage ist aber doch dahin entschieden worden, die Maximilian-Gesellschaft soll ihre Ziele weiter verfolgen, trotz der Ungunst der Zeiten, weil viele ihrer Mitglieder ihre Freude am schönen Buch auch jetzt nicht missen wollen und sie geradezu brauchen, um sich dadurch über den Alltag zu erheben.

Ja wir können uns am schönen Buch erfreuen, es bietet uns niedergedrückten eine Erhebung zu einem edlen Genuß, und das brauchen wir jetzt wie nur je. Damit halte ich die Berechtigung des schönen Buches für erwiesen, zunächst vom Standpunkt desjenigen, der es gebraucht, vom Standpunkte des Verbrauchers.

Nun komme ich zur zweiten Frage: Ist der Standpunkt des Erzeugers derselbe?

Sollen die Verleger zu den zahlreichen schönen Büchern, die unsere deutsche Buchkunst seit nunmehr 25 Jahren unter der freudigen und hingebenden Mitarbeit der Künstler, Drucker, Schriftgießer, Buchbinder hervorgebracht hat, gerade jetzt, wo die Löhne der Drucker und Setzer so ungeheuer gestiegen, die Papiernot so groß ist, die Einbandmaterialien nahezu unerschwinglich sind, neue schöne Bücher herausbringen? Ich meine: Ja – freilich mit Maßen, mit Zurückhaltung. Ja, denn wenn das Bedürfnis da ist, und berechtigt ist, soll ihm auch Rechnung getragen werden. Und der Einwand, daß dadurch den nötigeren Büchern, den ganz unentbehrlichen Büchern, Schulbüchern, wissenschaftlichen Werken, der guten Unterhaltungs- und Bildungsliteratur das Material weggenommen wird, kann nicht aufrechterhalten werden. Denn es handelt sich hier um Material, wie diese es nicht gebrauchen, um bestes teures Papier und wertvolle Einbandstoffe, und diese sind noch immer leichter und reichlicher zu haben als die einfachen und billigeren Sorten; gerade die letzten sind es, bei denen der Mangel am größten ist. Auch werden durch die schönen Bücher bei ihren kleineren Auflagen nur geringere Mengen des Materials in Anspruch genommen.

Also ich für mein Teil glaube, daß die schönen Bücher, die Luxusdrucke den unbedingt notwendigen Büchern nicht, oder in keinem wesentlichen Grade den Platz wegnehmen.

Es kommt nun recht häufig vor, daß dasselbe Literaturwerk dicht hintereinander, fast gleichzeitig in mehreren kostbar ausgestatteten teueren Ausgaben auf den Büchermarkt gebracht wird. Ich führe einige Beispiele dafür an:

Goethes Faust ist in solcher Weise in wenigen Jahren viermal neu herausgegeben worden, zuerst in der monumentalen Ausgabe von Diederichs in der Druckausstattung von Ehmcke, gleich darauf vom Einhorn-Verlag in Dachau mit Holzschnitten von Klemm, sogleich rein typographisch ausgestattet bei Hans von Weber, und ganz kürzlich bei Hugo Schmidt in München mit Steinzeichnungen von Joseph Weiß,

Shakespeares Hamlet dreimal: erstens bei Diederichs in der schönen typographischen Ausstattung von E.R. Weiß, bei Ernst Ohle in Düsseldorf, gedruckt von der Reichsdruckerei, und in diesem Jahre auf Veranlassung von Dr. Julius Schröder bei Graupe in Berlin mit Radierungen von Sepp Frank,

Kleists Prinz von Homburg als Druck der Maximilian-Gesellschaft mit Steinzeichnungen von Meid, und als Hundertdruck bei Hans von Weber mit Steinzeichnungen von Walo von May,

Schillers Wallenstein in der Ausgabe der Maximilian-Gesellschaft mit Steinzeichnungen von Meid, und als Hundertdruck bei Hans von Weber mit Steinzeichnungen von Walo von May,

Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul in zwei illustrierten Ausgaben bei Meyer & Jessen mit Zeichnungen von Scheurich, bei Georg Müller mit Zeichnungen von Walo von May,

Von Goethes Tagebuch von 1810 sind, glaube ich, gar fünf neue Ausgaben mit mehr oder weniger Geschmack in der Druckausstattung erschienen, eine davon sogar mit recht unpassenden frivolen Illustrationen.

Ich könnte diese Beispiele um viele vermehren.

Da haben wir ohne Frage eine überproduktion, es scheint unökonomisch, namentlich in der heutigen Notlage des Buchgewerbes, immerfort dieselben Werke in neuen Ausgaben zu drucken. Und darauf bezog sich meine vorherige Wendung, die Verleger sollten jetzt neue schöne Bücher mit Maßen herausgeben, sie sollten mit weit mehr Zurückhaltung vorgehen. Vielfach lag gar kein innerer Grund vor zu einer neuen Ausgabe als die Spekulationslust der Verleger und die Ausnutzung der guten Konjunktur auf den Markt der teuren Bücher.

Dennoch: wenn wirklich ein typographisch schönes Buch geschaffen wird, wenn ein neuer Illustrator wirklich etwas neues und schönes zu sagen hat, wenn er ein altes Werk wieder neu und eigenartig zu illustrieren weiß, so halte ich das allemal für einen Gewinn für unsere Buchkunst, für den Bücherliebhaber; und in dieser Auffassung halte ich künstlerische Neuausgaben auch heute für berechtigt, ebenso wie ich unkünstlerische, nur teure Neudrucke für verwerflich halte und ablehne. Wenn mehrere künstlerische Neuausgaben desselben Werkes vorliegen, hat der Bücherliebhaber die Wahl, er kann sich die gut gedruckte, oder die künstlerisch illustrierte Ausgabe kaufen, die seinem Geschmack am meisten zusagt. Und überdies ist es für einen Bücherfreund immer interessant und lehrreich und genußreich, mehrere gute Ausgaben desselben Buches miteinander zu vergleichen.

Natürlich werden die schönen Bücher jetzt teuer. Aber die Bücherliebhaber, die Freude und Genuß am schönen Buche haben, an seinem Papier, schöner Schrift, gutem Satz, bester Druckausführung, soliden Einbänden, diese Bücherfreunde sind gewillt, auch viel Geld auszugeben für ein schönes Buch. Wenn jetzt der Inselverlag, Eugen Diederichs, Hans von Weber, Kurt Wolff, Gustav Kiepenheuer, der Euphorion-Verlag neue Bücher auf den Markt bringen, wenn neuerdings auf Subskription die schönen Drucke der Rupprecht-Presse, der Kleukens-Presse, der OfficinaSerpentis, der Bremer Presse, der Hamburger Presse, die sich alle noch in den Grenzen mäßiger Preise gehalten haben, die kostbaren illustrierten Werke der Pan-Presse, der Marees-Gesellschaft, die Prospero-Drucke, herausgekommen sind, so haben die Bücherfreunde uns -sammler, deren wir jetzt eine beträchtliche Zahl in Deutschland haben, ihre Freude, ihren Genuß an diesen guten Tröstern, die sie wenigstens für Stunden in andere, bessere, glücklichere Zeiten versetzen, und sie haben schnell zugegriffen, um sich den Besitz eines Exemplares für ihren Bücherschrank zu sichern.

Ich spreche hier nur von den wirklich schönen Büchern, Drucken von bester Qualität das Wort, und lehne alles ab, was an geschmacklosen Luxusdrucken, die nur auf den Geldbeutel reichgewordener Unkulturmenschen berechnet und zugeschnitten waren, in den letzten drei Jahren auf den dafür günstigen Markt geworfen worden ist. Fedor von Zobeltitz schrieb sehr treffend über diese neueste Art der Luxusdrucke: „Man schleuderte Luxusdrucke auf den Markt, bei denen sich nur die Anschaffung als Luxus erwies, die sonst jedoch weder in Bezug auf das Papier noch auf die Satzeinrichtung und den Einband den bescheidensten Ansprüchen entsprachen, dafür aber unerhört teuer waren.“

Kehren wir zu den wirklich schönen, innerlich wertvollen Büchern zurück, und zu der Frage, ob es vom Standpunkte der Verleger unökonomisch und unberechtigt sei, jetzt schöne Bücher neu herauszugeben. Nach meiner Kenntnis der Dinge hat es sich in den letzten Jahren für die Verleger recht sehr gelohnt, schöne Bücher zu verlegen, denn sie waren immer sehr bald vergriffen. Ich meine: Wenn für schöne Bücher Geld, sogar sehr viel Geld ausgegeben wird, auch von Leuten, die literarisch oder bibliophil nicht auf der Höhe sind, so ist das jedenfalls besser, als wenn es für andere, nichtige Dinge verschleudert, wenn es verspielt, verpraßt wird.

So ist es gekommen, daß unsere schöne junge deutsche Buchkunst durch den Krieg und Revolution und wirtschaftlichen Niedergang nicht zu Grunde gerichtet worden ist, sondern allen Hemmungen zum Trotz weiter lebt. Es ist gut, wenn in schwerer, trüber Zeit etwas Gutes, Edles erhalten bleibt, an dem wir uns aufrichten können.

Und somit wird, das ist ein weiterer Grund für meine Beweisführung, die gute Qualität, die hochstehende Technik im Druck- und Buchgewerbe erhalten; die durchgebildeten Facharbeiter, die noch Qualitätsarbeit in Satz und Druck und Einband leisten, können weiter beschäftigt werden, die gute Tradition in den buchgewerblichen Werkstätten ist dann nicht in Gefahr abzusterben, was volkswirtschaftlich und kulturell wichtig ist, sondern sie kann erhalten und der neuen Generation weitergegeben werden.

Ich habe schließlich noch ein wirtschaftliches Moment als mitsprechend zu erwähnen: Die tüchtigen Buchkünstler, die mit den Verlegern und Druckern zusammenarbeiten, um Kunstwerke der Buchausstattung zu schaffen, bekommen weiter ihre Aufträge, die ihre Existenz ermöglichen und ihre Kunst erhalten. Denn wir haben in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine hohe Blüte an Buchkunst gehabt, die weiter zu hegen und zu pflegen nicht versäumt werden darf, solange noch die Möglichkeit vorhanden ist. Diese Möglichkeit ist glücklicherweise noch vorhanden, das haben auch die letzten Jahre gezeigt.

Daß üble Mitläufer da sind, - bei den Verlegern, die die günstige Hochkonjunktur ausnutzen und minderwertige „Luxusdrucke“ zu höchsten Preisen - , bei den Käufern, die nur Geld ausgeben und in vornehmer Kultur mitmachen wollen, ohne von der echten Buchkunst eine Ahnung, von der wahren Bibliophilie einen Schimmer zu haben, Protzen, Snobs, reichgewordene Kriegsgewinnler und Schieber, das muß leider bei einer Zeit wie die jetzige mit in Kauf genommen werden, das gehört zu den üblichen Begleiterscheinungen aller Kriegs- und Revolutionszeiten. Aber das kann nichts ändern an der Tatsache, daß das schöne Buch auch in der Gegenwart seine Berechtigung hat und bei den wahren Bücherfreunden, die wir als Kulturträger ansehen und uns wahrlich erhalten wollen, geschätzt und gekauft wird.

 

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