Carl von Klinckowstroem
Neue Ziele der Bibliophilie (1927)

Aus: Der Bücherhirt 1 (1927), Heft 2, S. 67-74.


Die Bibliophilie war ursprünglich eine höchst persönliche Angelegenheit, genau wie das Sammeln von Antiquitäten oder Kunstgegenständen. Ein jeder blieb für sich, ja mancher Sammler verschloß seine Schätze ängstlich vor jedem fremden Blick. Es gibt heute noch solche Bücherfreunde, die ihre Liebhaberei als eine ganz private Betätigung ansehen, die höchstens am Stammtisch mit gleichgestimmten Freunden fachsimpeln wollen und im übrigen für das, was man die hohe Politik der Bibliophilie nennen könnte, nichts übrig haben. Daß aus dieser Liebhaberei eine Wissenschaft wurde, die „Aufgaben“ zu erfüllen hat, ist erst ein später hinzugetretenes Moment, das sich mit der Fortentwicklung der Bibliophilie über einen kleinen Kreis von privaten Sammlern hinaus, die nichts als eine Betätigung ihrer Freude am Buch und ihrer Sammelleidenschaft wollten, ergab. So schuf Fedor von Zobeltitz im Jahr 1897 die Zeitschrift für Bücherfreunde, die mit einer Interessengemeinschaft der Bibliophilen rechnete, und zwei Jahre darauf begründete er mit einer Anzahl gleichstrebender Freunde, unter denen insbesondere Prof. Dr. G. Witkowski zu nennen ist, die Gesellschaft der Bibliophilen mit dem Sitz in Weimar. Damit war der erste organisatorische Zusammenschluß der Bibliophilen in Deutschland geschaffen, und seither sind in vielen deutschen Städten unabhängige örtliche bibliophile Vereinigungen entstanden.

Mit Recht sahen diese Gesellschaften ihre Aufgabe darin, das schöne Buch zu pflegen, einen Mittelpunkt für den geselligen Verkehr und geistigen Austausch ihrer Mitglieder zu bilden und jungen Nachwuchs heranzuziehen. Diese Aufgaben mußten nun mit der Zeit zum Teil notwendig eine Wandlung erfahren. Das „schöne Buch“ – um diesen komplexen Begriff auf eine kurze Formel zu bringen – ist heute sozusagen Allgemeinbesitz, seitdem hervorragende Verleger und Privatpressen in dieser Hinsicht Vorbildliches geleistet habe. Diese Hauptaufgabe kann also für bibliophile Vereinigungen als erledigt gelten, und es fragt sich, ob die Herausgabe „bibliophiler Drucke“ von oft recht zweifelhaftem Interesse und Wert das Bestehen solcher Vereinigungen überhaupt noch rechtfertigt. Es läßt sich nicht leugnen, daß an derartigen Drucken sehr viel Entbehrliches und Gleichgültiges geschaffen worden ist, und allgemein hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß das bibliophile Leben in den letzten Jahren stagniert und auf einen toten Punkt gekommen ist. Auch die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ ist allmählich zu einem vorwiegend literarischen Organ geworden, das kaum jemanden interessiert, und es ist offenkundig, daß zwei Drittel eines jeden Heftes überflüssig bedrucktes Papier sind. Namentlich die seitenlangen Besprechungen von Büchern, die mit Bibliophilie nicht das mindeste zu tun haben, sind für viele ein Stein des Anstoßes geworden, und zweifellos wäre die Zeitschrift längst nicht mehr lebensfähig, wenn nicht die 1200 Mitglieder der großen Weimarer Gesellschaft der Bibliophilen Zwangsabonnenten wären. Dem verdienstvollen Herausgeber, Prof. Witkowski, soll damit kein Vorwurf gemacht werden. Er hat sicherlich sein Bestes getan, und die Schwierigkeiten, mit denen zu unserer Zeit Verleger und Schriftleiter zu kämpfen haben, sollen nicht unterschätzt werden. Es soll hier offen und nachdrücklich auf die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen hingewiesen werden.

Die Erkenntnisse der Reformbedürftigkeit der bibliophilen Bestrebungen in Deutschland, wenn anders sie überhaupt noch einen lebendigen Sinn haben sollen, haben den Vorsitzenden der Gesellschaft der Münchner Bücherfreunde, Dr. Otto Deutsch-Zeltmann, veranlaßt, mit positiven Vorschlägen an die einzelnen bibliophilen Vereinigungen sowie an eine Reihe um die Bibliophilie besonders verdienter Persönlichkeiten mit einem Rundschreiben heranzutreten und diese zu einer Bratung nach München einzuladen. Diese Vorschläge gipfelten in der Schaffung einer Spitzen- oder Dach-Organisation, die alle bestehenden örtlichen Vereinigungen – unbeschadet ihrer Selbständigkeit und Eigenart – zusammenzufassen und damit die Interessengemeinschaft der bibliophilen zu einer tätigen Arbeitsgemeinschaft ausbauen sollte. Denn die große Weimarer Gesellschaft, die sich als älteste und größte gewissermaßen als Muttergesellschaft fühlt, steht mit den verstreuten örtlichen Vereinigungen nur in sehr loser Verbindung und hat auch satzungsgemäß gar nicht die Aufgaben zu erfüllen, wie sie sonst einer Muttergesellschaft gegenüber den Tochtergesellschaften zufallen. Die geplante Dachgesellschaft sollte eine Zusammenfassung und Ökonomisierung der zersplitterten Kräfte, Zeit und Arbeit, eine erhöhte Leistungsfähigkeit durch die Inangriffnahme größerer Aufgaben ermöglichen, zu denen die Kräfte einer einzelnen Gesellschaft nicht ausreichen. Dadurch sollte eine straff und einheitlich geleitete, machtvolle Organisation geschaffen werden, der es auch hätte gelingen müssen, als kulturpolitische Repräsentanz der deutschen Bibliophilie im geistigen und kulturellen Leben der Gegenwart Geltung zu gewinnen und in ihrer Geschlossenheit Wertvolles zu leisten. Zugleich war die Schaffung einer großen, wirklich den bibliophilen Interessen dienenden hochwertigen Zeitschrift gedacht worden, eine Aufgab, die allerdings nur durch Gewinnung eines geeigneten Schriftleiters im Hauptberuf bewältigt werden kann. Gute bibliophile Zeitschriften großem Stiles, wie die „Bücherstube“ oder der „Grundgescheute Antiquarius“, haben sich als Privatunternehmen leider bisher nicht als lebensfähig erwiesen, woran namentlich unsere wirtschaftliche Not schuld ist.

Die Leitgedanken diese Planes fanden bei der am 21. Januar d. Js. Stattgehabten Beratung, an der etwa 30 Herren teilnahmen, allerseits lebhafte Zustimmung. Trotzdem fanden die im einzeln sorgfältig ausgearbeiteten Vorschläge nicht die zur Durchführung nötige Majorität, wobei in erster Linie Bedenken finanzieller Natur Ausschlag gaben. Zweifellos sprachen aber auch persönliche Motive und Rücksichten mit, ohne daß dies offenkundig zum Ausdruck gelangt wäre, wie auch andererseits die Kritik an bestehenden Uebelständen aus ähnlichen Rücksichten nur schüchtern zu Wort kam. Die Beratung endete mit einer art Kompromiß: statt des geplantes „Neubaues“ wurde ein entsprechender Ausbau der großen Weimarer „Muttergesellschaft“ beschlossen, da dies leichter und ohne erhebliche Kosten durchführbar erschien, und zugleich ein siebengliedriger Arbeitsausschuß gewählt, der damit betraut ist, die Richtlinien für die zu schaffenden Reformen – namentlich auch bezüglich der Zeitschrift für Bücherfreunde – festzulegen und nach entsprechender Beschlußfassung gelegentlich der diesjährigen Generalversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen im Oktober des Jahres in Wien durchzuführen. Im Interesse einer Neubelebung der bibliophilen Interessen und Aufgaben wäre es dringend zu wünschen, daß die Arbeit dieses Ausschusses lediglich von sachlichen Gesichtspunkten und ohne Rücksicht auf persönliche Wünsche oder angebliche Vorrechte einzelner bestimmt werde. Nur dann kann etwas der Allgemeinheit Dienliches dabei herauskommen. Eines ist wenigstens allen klar geworden: navigare necesse est; zu deutsch (nach Polgar): es muß etwas geschehen!

 

Anmerkung:

Inzwischen hat am 10. März d. Js. In Eisenach die erste Tagung des Arbeitsausschusses stattgefunden, die, wie wir hören, einen vielversprechenden Verlauf genommen und namentlich hinsichtlich der Umgestaltung der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ zu Beschlüssen geführt hat, die das Beste erhoffen lassen.

 

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