Reinhard Weinhold
Das fliegende Antiquariat in Berlin (1911/12)

Aus: Otto Maiers Anzeiger für den Buchhandel 22 (1911/12), S. 443-444.

Der Berliner Straßenhandel mit Büchern und Druckschriften hat nicht im entferntesten die Bedeutung, wie der Handel der Bouquinisten der Seine-Quais von Paris. In Berlin fehlen hierzu in erster Linie die „Bouquineurs“ und „Bibliomanen“. Sind doch selbst die ernsthaften, mit genügenden Barmitteln ausgestatteten Bibliophilen in Deutschland noch dünn gesät, wenn sie sich im letzten Jahrzehnt auch wesentlich vermehrt haben, wie die Auktions- und Verkaufspreise der deutschen Romantiker zeigen. Während man vor drei oder vier Jahrzehnten in Deutschland damit anfing, sogenannte „Prachtwerke“ zu edieren, wie sie noch heut im „Salon“ oder im ärztlichen Sprechzimmer ausliegen, gab man in Paris schon damals nummerierte, kunstvoll gebundene Bücher für Sammler in kleiner Auflage heraus. Die französische Kultur bot hierzu eben die nötigen Vorbedingungen, die in dem durch den dreißigjährigen Krieg und das Eindringen Napoleons I. verarmten Deutschland fast gänzlich fehlten.

Doch: Revenons à nos moutons!

In Berlin fehlt den Händlern zunächst der durch die Tradition geheiligte, feste Sitz der Seine-Quais, deshalb hießen erstere wohl auch „fliegende“ Antiquare, obwohl sie weder den Aeroplan, noch das halb- oder ganzstarre System in ihren Dienst stellen können. Die Berliner Straßenhändler, ob sie nun mit Obst, Büchern oder anderen schönen Sachen handeln, verkaufen von einem Wagen, den sie mit einem treuen Hund zusammen selbst ziehen (die Obsthändler haben teilweise auch Pferde). Die Buchhändler suchen nun für ihren Wagen einen festen Platz an einer geeigneten Straßenecke zu behaupten, da sie regelmäßige Kunden haben. Hiermit ist aber die Berliner Polizei, die dem Straßenhandel durchaus nicht „grün“ ist, da er angeblich den Verkehr stört, überhaupt nicht einverstanden. Selbst auf solche Händler, die jahrelang einen bestimmten Platz eingenommen haben, wird plötzlich eine Art Razzia veranstaltet, die den Mann dauernd oder auch nur vorübergehend von seinem Platz vertreibt. Oft ist nur ein neuer Reviervorstand der Anlass dazu. Es findet ein steter Kampf mit dem Schutzmann statt, der dem Händler Strafmandat auf Strafmandat einbringt. Viele führen dieses Vorgehen gegen die Straßenhändler auf den Einfluß der „Hausagrarier“ zurück. Auch hier heißt es: „Wat een sin Uhl is, is'n anderm sin Nachtigall!“ Der Genuß von billigem, von der Grundrente nicht belasteten Obst, das auf der Straße bequem gekauft werden kann, hält breite Volksmassen vom („Saufen“) Alkoholgenuß ab. Und wenn auch der seßhafte Obsthändler durch den Straßenhandel (von seinem Standpunkt aus) geschädigt werden sollte, der Buchhandel kann dies kaum behaupten, wenn dies auch selbst durch die Handelskammerberichte geschehen ist. Der Straßenbuchhändler verkauft gewöhnlich Sachen, mit denen sich ein seßhafter Antiquar nicht abgibt. Es sind meist die Brosamen, die von des Herrn Tische fielen. Und wenn mal ein neueres, gutes Buch auf den Wagen kommt, dann ist es durchaus nicht billiger als im Laden – im Gegenteil. Wer regelmäßig am Wagen kauft, kauft viel teurer als bei „Hofantiquar“, da er Goethes Rat vergisst und Sachen kauft, die ihm nichts nützen. Ballast! Der Straßenhandel ist so recht für den „Bibliomanen“, der große Massen bedrucktes Papier kauft, nur weil es billig ist. Oft überschätzt der Straßenhändler ob seiner Unkenntnis den Wert einer Sache oft und verkauft sie an einen „grünen“ Sammler infolgedessen teurer, als der reguläre Preis beim Antiquar ist.

Es mag in früheren Jahren öfter vorgekommen sein, daß erfahrene Sammler dann und wann ein vergriffenes und seltenes Buch am Wagen billig gekauft haben. Ich selbst erstand einmal die erste Berliner Ausgabe (Sold by August Mylius 1781) mit dem reizenden Titelkupfer von D. Chodowiecki (E. 391) der: Letters of the Right Honourable Lady Montague für 30 Pfennige, während das Antiquariat C.G. Börner in Leipzig das Buch in seinen Katalogen mit 100 M. bewertete. Auch war ich einmal Zeuge, wie ein Herr es sich hin und her überlegte, ob er eine seltene Broschüre von O.E. Hartleben, die im Katalog mit M. 12 bis M. 15 angeboten wurde, für 50 Pfennig erwerben sollte, oder nicht. Die erste Schlegel-Tieck‘sche Shakespeare-Ausgabe kaufte ich für M. 5. Und so könnte ich wohl noch so manchen billigen Erwerb erzählen. Aber diese Fälle waren damals reine Glückszufälle, wie man die bei jeder Lotterie erleben kann.

Was der Straßenhändler an älterer Literatur auf dem Wagen hat, ist meist unkomplett, teilweise ihm sogar von einem Antiquariat erst zum kommissionsweisen Verkauf gegeben. Denn auf der Straße stößt ja der Bücherfreund mit der Nase drauf, die frische Luft macht ihn auch unternehmender als er das in einem geschlossenen Raum sein würde; wer kennt nicht die anregende Wirkung des Sauerstoffs? Nebenbei möchte ich noch erwähnen, daß auch zwei Berliner Buchhandlungen den Straßenhandel in größerem Maßstabe betreiben, indem sie mehrere Wagen „gehen“ oder „stehen“ haben. Die Preise sind sogar teilweise mit Kautschukstempel auf jedem Buch resp. jeder Broschüre vermerkt. Der Verkäufer erhält „Prozente“, teilweise auch einen Wochenlohn. Ein solcher Verkäufer, der erst Laufbursche in der betreffenden Buchhandlung war, hatte es zu gewissen Kenntnissen und zu einer hübschen Kundschaft gebracht bis ihn plötzlich in noch jungen Jahren ein Herzschlag dahinraffte: ein anderer solcher Verkäufer arbeitete bereits während der großen Frühjahrs- und Herbstumzüge als Möbeltransporteur. Natürlich macht sich auf solchen Gebiete auch die Konkurrenz der Frau bemerkbar, sogar diejenige der ehemaligen Wasch- und Scheuerfrau. Viele legen die Beschäftigung schon nach wenigen Tagen wieder nieder, da sie nichts verdienen können. Was nun die sozialen Verhältnisse der selbständigen Straßenbuchhändler anbetrifft, so ist sogar einer dabei, der in der Nähe der Rieselfelder ein kleines Grundstück besitzt. Zwei haben sich seit Jahren assoziiert, der eine betreibt den Ein-, der andere den Verkauf. Einkaufsquellen sind namentlich: die Brockensammlungen, deren es wohl fünf in Berlin gibt und die die Bücher und Zeitschriften von den Herrschaften zu Wohltätigkeitszwecken geschenkt erhalten. Voran der „Verein Dienst an Arbeitslosen“ in der Ackerstraße, dessen Direktor beim Abgangsjubiläum sogar zehn Mark von einem Straßenhändler zu einem Jubiläumsgeschenk beigesteuert erhielt. Dort wurden in früheren Jahren an eingeführte Leute sehr wertvolle Bücher nach Gewicht verkauft und im Straßenbuchhandel weiter verschleudert.

Kleinigkeiten bringt wohl auch eine Vermieterin an den Wagen, wenn der „möblierte Herr“ gezogen ist und allen Ballast zurückließ. Auch der ungetreue Hausdiener einer Buchhandlung oder Buchdruckerei verdient sich daselbst wohl dann und wann einige Groschen; Hehlereiprozesse haben das schon öfter bestätigt. Viele, die vergebens beim Antiquar anklopften, werden ihren wertlosen Kram am Wagen los. Beispielsweise kauft kein Berliner Antiquar gelesene 3 francs 50 centimes-Romane; der Straßenhändler gibt eine Kleinigkeit dafür und verkauft sie je nach Autor, von 50 Pfg. bis M. 1,80 pro Exemplar. Ausnahmsweise kauft übrigens auch mal ein Antiquar etwas am Wagen, wenn er zufällig etwas sieht, das er meint zu einem höheren Preise verwerten zu können. Ich sah vor noch nicht zu langer Zeit den Mitarbeiter eines ersten Berliner wissenschaftlichen Antiquariats am Wagen stehen und einen alten Schmöker auswählen; der Chef wird sich gewiss gefreut haben, zumal der betreffende Angestellte die Mittagspause zu diesem Geschäft wählte, auch sonst ein sehr fleißiger Herr ist, denn ich sah ihn noch abends nach Geschäftsschluss mit dem Börsenblatt und anderen dringenden Sachen in der Hand auf der Stadtbahn.

Die Arbeit des „fliegenden“ Antiquars ist weniger anstrengend, aber alt wird er auch nicht bei dem Geschäft, denn fast täglich in Wind und Wetter, Regen oder Schnee stehen oder sitzen hält auch nicht jeder aus – selbst die Bücher werden bei dem Wechsel von Staub und Nässe nicht besser. Wenn der Händler abends dann seinen Wagen auf einem abgeschlossenen Hofraum oder Remise gebracht hat, nächtigt, wie es tatsächlich vorgekommen ist, womöglich eine Katze oder ein anderes treues Haustier auf den Büchern, die ein halbes Jahrhundert vorher den Bücherschrank vielleicht kaum verlassen hatten. Der Vorbesitzer wollte sie nicht beschmutzen und hat sie deshalb gar nicht gelesen, um sie nicht anfassen zu müssen. Seine Erben schenkten sie der Brockensammlung und ihr Schicksal war besiegelt. Mit Schaudern sah ich einst, wie ein hübscher Einband aus dem 18. Jahrhundert in den Rinnstein fiel, den die Straßenreiniger eben mit Schmutzwasser angefüllt hatten.

Letztere sind übrigens auch Kunden des Straßenbuchhändlers, sie lesen hauptsächlich Nic Carter-Literatur und tauschen die gelesenen Hefte gegen ungelesene um. Das ist vielleicht der einzige Schaden, den dieser Geschäftsbetrieb stiftet, denn durch die günstige Gelegenheit, Bücher, Broschüren und Zeitschriften zu erwerben, wird mancher Leserfreund herangebildet, der später auch bessere Sachen im Laden kauft, denn der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Jedenfalls kann aber von einer Schädigung des ständigen Buchhandels durch den Straßenbuchhandel kaum die Rede sein, denn die Sachen, die auf dem Wagen verkauft werden, würden sich im Laden verkrümeln, da sie daselbst nicht zur Geltung kommen und auch niemand danach fragt. Eine Katalogisierung lohnt sich in den meisten Fällen aber auch nicht.

 

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