Ernst Fischer:
„Eine glückliche Vermischung...“. Zum Verhältnis von Bibliophilie und Antiquariat im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts

Festvortrag auf der 102. Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen in Mönchengladbach am 17. Juni 2001
(gedruckt in: Aus dem Antiquariat 2002, Heft 1, S. A18-A26)

Es war Georg Witkowski, der langjährige Stellvertretende Vorsitzende der „Gesellschaft der Bibliophilen“, der 1929 in seinem Aufsatz „Antiquariat und Bibliophilie“ davon sprach, daß die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen auf der „glücklichen Vermischung des edelsten aller Liebhabersports mit einer kaufmännischen Tätigkeit“ beruhe, „auf der beiden gemeinsamen Freude an dem großen Erbe der Vergangenheit, an dem von Geist und Schönheit erfüllten Schaffen der Gegenwart“. Diese Freude sei vor nicht zu langer Zeit noch „das Vorrecht der happy few“ gewesen sei, nun aber habe sie begonnen, „Allgemeinbesitz der gebildeten Deutschen zu werden“, ja sie sei schon in einem Maße verbreitet „wie in keinem anderen Lande“.1

Witkowski bezog sich damals mit berechtigtem Stolz auf die dynamische Entwicklung der Bibliophilenbewegung in Deutschland seit der Jahrhundertwende: Im Anschluß an die 1899 erfolgte Gründung der „Gesellschaft der Bibliophilen“ waren in drei Jahrzehnten in Leipzig, Berlin, Hamburg, Essen, Köln, Chemnitz und noch in vielen anderen Orten nahezu dreißig Vereinigungen von Buchliebhabern entstanden – in der Tat eine blühende Landschaft der Sammelfreude, ein Schauplatz vielfältiger Aktivitäten, getragen vom gemeinsamen Interesse am schönen, wertvollen, historisch aufschlußreichen oder unter bestimmten Gesichtspunkten bemerkenswerten Buch.2 Allein die „Gesellschaft der Bibliophilen“ zählte 1913 bereits 900 Mitglieder, die satzungsmäßig festgelegte Höchstzahl.3 Eine außerordentliche Dichte der Kommunikation war in dieser Szene entstanden: durch regelmäßige Zusammenkünfte in allen Gegenden Deutschlands, durch fachspezifische Vorträge, durch Diskussionsrunden, durch das persönliche Gespräch der einzelnen Mitglieder, durch Organe, wie die „Zeitschrift für Bücherfreunde“, „Imprimatur“ oder „Philobiblon“, durch Nachrichtenblätter, nicht zuletzt durch die Vielzahl der Jahresgaben - sorgfältige, liebevoll gestaltete Drucke, die auch ein Medium der Verständigung über ästhetische Standards repräsentierten. Mehr als 1200 Publikationen verzeichnete die von Julius Rodenberg erstellte Bibliographie bis zum Ende der zwanziger Jahre.4 Und jenseits dieser „organisierten Bibliophilie“ gab es, wie schon im 19. Jahrhundert, große Bibliophile, Individualisten, die im Aufbau ihrer Privatsammlungen ihre eigenen Wege gingen.

Witkowskis Hinweis auf die „glückliche Vermischung“ der Buchlieberhaber- und der kaufmännischen Sphäre läßt uns aber auch den in diesem Zeitraum nicht minder eindrucksvollen Aufschwung des deutschen Antiquariatsbuchhandels vor Augen treten. Um diesen Vorgang nur knapp anzudeuten: Neben bereits länger bestehende Antiquariate wie Joseph Baer oder Jacques Rosenthal, die eine glanzvolle Weiterentwicklung nahmen, traten damals zahlreiche neue, rasch zu Bedeutung gelangende Firmen, wie jene von Martin Breslauer. In der Mischung von Traditionsfirmen mit rührigen Neugründungen bildeten sich in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main und München Zentren des „Altbuchhandels“ heraus, die ein ebenso breites wie differenziertes Angebot bereithielten. Der Aufstieg des Antiquariatswesens war ja einher gegangen mit der deutlichen Tendenz zur Spezialisierung: Neben dem wissenschaftlichen Antiquariat, das bereits im 19. Jahrhundert zu beträchtlicher Bedeutung gelangt war und sich mit Firmen wie Gustav Fock in Leipzig nun zu Weltgeltung entwickelte, bildete sich jetzt ein bibliophiles Antiquariat heraus, mit Sonderformen wie dem Seltenheitsantiquariat. Ein besonderer Schwerpunkt ergab sich, vor allem in Berlin, im Bereich der Buch- und Graphikauktionshäuser, mit Paul Graupe, S. Martin Fraenkel oder Max Perl.

Halten wir fest: Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts beobachten wir die Entstehung und Blüte einer Bibliophilenbewegung und parallel dazu die Entwicklung einer ebenso florierenden Antiquariatsbuchhandelsszenerie, auch und besonders im Bereich des bibliophilen Antiquariats. Man wird nun sicherlich nicht fehlgehen, wenn man diese beiden Phänomene als zusammengehörige, korrespondierende betrachtet. Mit einer solchen Feststellung soll und darf es aber nicht sein Bewenden haben. Wenn wir im folgenden die Bedingtheiten und die Auswirkungen des Entwicklungszusammenhangs von Bibliophilie und Antiquariat etwas näher betrachten wollen, so geschieht dies nicht allein aus historischem Interesse, sondern auch in der Überzeugung, daß die Auseinandersetzung mit dieser Epoche Einsichten ermöglicht, die für Gegenwart und Zukunft der Bibliophilie von Belang sein könnten. Zwei Blickpunkte bieten sich an, um das Verhältnis von Antiquariatsbuchhandel und Bibliophile näher zu charakterisieren: die Ebene der institutionellen Beziehungen, und Aspekte der persönlichen Beziehungen. Jeweils vier Beispielsbereiche sollen die Zusammenhänge veranschaulichen.

Auf institutioneller Ebene ergibt sich der wohl augenfälligste Aspekt aus der Mitgliedschaft von Antiquaren in bibliophilen Vereinigungen. So haben sich bereits unter den Gründungsmitgliedern des „Berliner Bibliophilen-Abends“ drei prominente Vertreter des bibliophilen und wissenschaftlichen Antiquariats befunden, Martin Breslauer, Max Perl und Wilhelm Junk; Martin Breslauer war auch als Schatzmeister tätig, Junk als 2.Vorsitzender.5 In der Publikationskommission des „Berliner Bibliophilen-Abends“ waren ebenfalls Antiquare tätig, etwa Max Niderlechner, der seit 1925 in der Hirschwaldschen Buchhandlung in Berlin tätig war. Um 1930 herum waren – neben Kaufleuten und Bankiers, Fabrikanten, Rechtsanwälten, Beamten, Professoren, Ärzten, Bibliothekaren, Verlegern und Schriftstellern – bis zu einem Drittel der Mitglieder Buchhändler und Antiquare. Auch in der Maximilian-Gesellschaft wirkten Antiquare aktiv mit, wieder Martin Breslauer, einer ihrer Mitbegründer, und Junk, außerdem Abraham Horodisch; der Antiquar Fritz Homeyer war 1921-33 Schriftführer der Gesellschaft.6 Im Fontane-Abend finden wir dieselben Namen noch einmal.7 An der Entstehung dieses Fontane-Abends war mit S. Martin Fraenkel ein Auktionsantiquar an vorderster Stelle beteiligt. Und in der „Gesellschaft der Bibliophilen“ befanden sich unter den 900 Mitgliedern des Jahres 1913 immerhin 175 Buchhändler und Verleger;8 die meisten der Buchhändler werden wohl Antiquare gewesen sein, welche die Gelegenheit, in direkten, dauerhaften Kontakt zu ihrer Kernzielgruppe zu treten, nicht ungenutzt lassen wollten. Allein schon unter diesem Gesichtspunkt konnte also sehr wohl von einer „glücklichen Vermischung“ der Sphären gesprochen werden.

Antiquare haben damals im wohlverstandenen eigenen Interesse nicht wenig zur organisatorischen Verfestigung der Bibliophilenbewegung beigetragen. Allerdings: Dieses Interesse war kein bloß kaufmännisches, bloß kommerzielles. Antiquare waren und sind ja nicht selten auch Bibliophile von hohen Graden, und haben sich also mit sachlicher Berechtigung diesen Vereinigungen angeschlossen. Moriz Sondheim, Mitinhaber des Antiquariats Joseph Baer in Frankfurt am Main, hat in seinem legendären Vortrag – jener Rede, die er auf der Jahresversammlung der „Gesellschaft der Bibliophilen“ am 11. September 1932 in Frankfurt am Main gehalten hat – eine Systematik der Bibliophilie entworfen und drei Gruppen voneinander abgehoben: die aktiven oder Bücherschaffende, die rezeptiven oder Büchersammler und die Bücherkenner.9 Den Antiquaren hat er den Status von Bücherkennern zuerkannt, und zwar – aus eigenem Erleben sprechend – in außerordentlich einfühlsamer Weise:

„Viele von ihnen verbringen ihr Leben in einer Bücheratmosphäre, in der die Begierde nach persönlichem Besitz zurücktritt oder verkümmert. Ihr Wissen ist ihr zugeteiltes Glück. Die Bücher erschließen sich ihnen wie dem Montan die Gebirgswelt, sie sind ihnen lebendig., während sie für andere Kenner tote bibliographische Objekte sind. Ihre Bibliophilie befähigt sie Bücher in technischer, ästhetischer, literarischer oder historischer Hinsicht zu erleben. Sie sind Paläographen, Typenforscher, Einbändekenner; sie sind Spezialisten für Buchmalerei, Holzschnitt, Kupferstich oder Lithographie. Sie kennen die Geschichte, den Seltenheitsgrad und den Wert der Bücher. Sie schreiben Bibliographien, deren Kompilation ihnen Lust bereitet. Sie sind die Führer, die Berater der Sammler, sie erforschen ihre Jagdgebiete und verzeichnen was erlegt werden kann und woran gutes Wild zu erkennen ist.“10

Antiquare machen die Liebe zum Buch zu ihrem Beruf – das gilt in der überwiegenden Zahl der Fälle heute genauso wie vor hundert oder siebzig Jahren. Nicht wenige von ihnen betreiben private Büchersammlungen, auch wenn dies den Prinzipien des Händlers widerstreitet; die Identität von Antiquar und Sammler stürzt die Betroffenen immer wieder in Konflikte. Aber aus genau diesem Grund kennen sie die Seelenlage des bibliophilen Sammlers sehr genau; sie entwickeln Empathie gegenüber dessen Wünschen und Nöten. Ihre Mitgliedschaft in Bibliophilenvereinigungen stellt so keine eigentliche „Vermischung“ dar, sondern eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Für einen zweiten grundsätzlichen Aspekt des Beziehungsfeldes ließe sich die bekannte Formel Friedrich Perthes‘ vom Buchhandel als Bedingung des Daseins einer deutschen Literatur adaptieren: Das Antiquariat als Bedingung des Daseins einer Bibliophilie. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis ließe sich allerdings auch umgekehrt statuieren, denn was wäre das Antiquariat ohne die Bücherliebhaber, ohne sein angestammtes Publikum? Bleiben wir aber vorerst bei der zunächst gestellten Frage: Was wäre die Welt der Bücherliebe ohne jene Orte, die als Stütz- und Knotenpunkte eines exklusiven Bücherverkehrs dienen und an denen bibliophiles Interesse immer neue Nahrung findet? Es scheint fast überflüssig zu betonen, in welchem Maße Antiquariatsbuchhandlungen immer wieder Treffpunkte für Wissenschaftler und Sammler gewesen sind und eine wichtige Funktion als Plattformen des kenntnisreichen Gesprächs und Gedankenaustausches entfaltet haben.

Von der direkten Begegnung mit Büchern, von deren physischer Präsenz geht für den Sammler der oft unwiderstehliche Reiz aus, sie zu besitzen, sie zum Bestandteil seiner Sammlung zu machen. Für den Trouvaillenjäger entfaltet jeder kleine Laden eine solche Wirkung. Aber gerade der hier fokussierte Zeitraum bietet Beispiele dafür, daß das Buchantiquariat die Macht der Bücherleidenschaft architektonisch eindrucksvoll repräsentieren kann. Das Antiquariat Joseph Baer in Frankfurt am Main prunkte mit einem 1899 errichteten vierstöckigen Stadtpalais, das imposante, bibliotheksähnliche Räume aufwies (und ein Lager von 500.000 Büchern beherbergte).11 Jacques Rosenthal residierte in der Brienner Straße in München, in einem Renaissancepalast-ähnlichen Gebäude, mit Räumlichkeiten von geradezu sakraler Aura; rund tausend Inkunabeln wurden dort ständig am Lager gehalten. Es waren Schatzhäuser, die weltweit ihresgleichen suchten; ein Besuch in diesen Repräsentationsgebäuden war zweifellos ein einprägsames Erlebnis. Die ästhetische Opulenz dieser Inszenierungen hat damals sicherlich nicht wenig dazu beigetragen, die gesellschaftliche Wertschätzung des Büchersammelns und der Bibliophilie zu heben. Heute, nach Anbruch des digitalen Zeitalters (und der Entstehung „virtueller Antiquariate“), verstehen und spüren wir wieder viel genauer, welchen Stellenwert die Buchhandlung als Ort der Begegnung mit dem Materialobjekt Buch hat.

Ein dritter Aspekt ergibt sich aus der Funktion des Katalogs, des wichtigsten Kommunikationsmittels des Antiquars. Wer einen Katalog der großen Antiquariatshäuser wie Baer oder Breslauer aus den zehner und zwanziger Jahren in die Hand nimmt, der begreift sehr unmittelbar, was Antiquare damals für die Erschließung der Welt der Bücher bewirkt haben. Viele dieser Kataloge stellen eine bemerkenswerte wissenschaftliche Leistung dar, mit Recht sind sie zu einem begehrten Sammelobjekt geworden und in manchen Fällen auch als Reprint erschienen. Katalogerstellung auf diesem Niveau ist regelmäßig mit einer Veredelung, einer Werterhöhung jedes einzelnen Titels verknüpft, und oft genug lassen erst Beschreibung und Einordnung eines Buchs in verschiedene historische Kontexte aus diesem Buch ein Sammelobjekt entstehen, das als solches gar nicht wahrgenommen worden wäre. Was diese Art der Beschreibung betrifft, so haben die grundgelehrten Antiquare unseres Beobachtungszeitraumes darin Maßstäbe gesetzt. Auch sind damals Listen und Kataloge zu einzelnen Themen erschienen,12 die auf einer bemerkenswerten Sammelleistung des Antiquars beruhen. Nicht selten haben solche Spezialkataloge Sammelgebiete inauguriert oder entscheidend weiterentwickelt. Der Gebrauchswert dieser Kataloge ist oft noch nach vielen Jahrzehnten gegeben; „Kataloge aber sind unvergänglich und Bibliographen unsterblich“, stellte Moriz Sondheim 1932 fest.13 Das von den Antiquaren jener Epoche oft in jahrzehntelanger Arbeit akkumulierte Wissen kommt, soweit es in Kataloge einflossen ist, Generationen von Büchersammlern zugute.

Schließlich soll an die spezifischen Impulse erinnert werden, die vom damaligen Auktionsbuchhandel auf das bibliophile Sammeln ausgegangen sind, vor allem an den Effekt, den einige herausragende Bücherversteigerungen entfaltet haben. So gilt die Versteigerung der Bibliothek Joseph Kürschners, die 1904 bei C. G. Boerner in Leipzig erfolgte, als ein Markstein in der Herausbildung eines spezifisch deutschen Bibliophileninteresses, insofern dieses für Seltenheiten und Erstausgaben aus dem Bereich der Literatur der Klassik und Romantik erstmals beträchtliche Summen anlegte: „Mit der Auktion Kürschner begann der Aufstieg des deutschen bibliophilen Antiquariats“, heißt es bündig bei Bernhard Wendt.14 In ähnlicher Weise hat auch die von Paul Graupe 1917 durchgeführte Auktion des Nachlasses von Alfred Walter Heymel, die wegen der erzielten exorbitanten Ergebnisse einen gewaltigen Widerhall in der Sammlerschaft fand, dem Interesse am kostbaren Buch, diesmal an Vorzugsausgaben und Pressendrucken, Erstausgaben und Widmungsexemplaren einen Schub gegeben, – allerdings auch der Spekulationswut, die im Buch bloß ein brauchbares Wertobjekt in Zeiten der Inflation sah. Allein bei Graupe fanden zwischen 1916 und 1937 148 solcher Buch- und Kunstauktionen statt!15 Vom Ereignischarakter der Versteigerungen im Berlin dieser Jahrzehnte vermittelt die bekannte Radierung von Emil Orlik „Auktion bei Graupe“ eine Anschauung.16 Generell läßt sich sagen: Die Auktionsantiquare haben seinerzeit manches dazu beigetragen, dem Buch als Sammelobjekt erhöhte Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Nach diesen Bemerkungen zu den institutionellen Aspekten wenden wir uns im folgenden den Aspekten des persönlichen Verhältnisses zwischen dem bibliophilen Sammler und dem Antiquar zu.

„Sammler – vom Antiquar gemacht“, hat Erich Carlsohn einen kleinen, 1985 erschienenen Artikel betitelt, in welchem er eine Reihe von zum Teil selbsterlebten und selbsterdachten Anstößen benennt, die Antiquare ihren Kunden geben können, um bei diesen den Funken der Begeisterung zu entzünden und sie zu einem systematischeren Ausbau ihres Bücherinteresses zu animieren.17 Daß in Gesprächen mit Antiquaren hundert- und tausendfach solche Anregungen, Sammelthemen und komplette Sammelstrategien vermittelt und solcherart tatsächlich Sammler „gemacht“ wurden, bedarf kaum irgendwelcher Belege.

Aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind aber Exempel überliefert, die uns in höchste Höhen der Bibliophilie entführen, wie etwa in die Sammlerkarriere eines Hans Fürstenberg. Der Bankierssohn hat zwar erste Impulse zum Büchersammeln bereits in seiner Jugendzeit erhalten, entscheidende Förderung erfuhr diese Neigung aber von seiten Martin Breslauers. Zunächst ist hier schon die Wirkung zu veranschlagen, die von der direkten Nachbarschaft des Antiquariats Breslauer in Berlin auf den angehenden Büchersammler ausgegangen sind: Fürstenberg schaute von seinem 1919 bezogenen Büro am Gendarmenmarkt aus in die Fenster des Breslauerschen Katalogisierungsbüros und konnte sich dem Sog dieses Anblicks so wenig entziehen, daß er in Arbeitspausen immer wieder hinüberging, mit dem Antiquar plauderte und sich nach Neuzugängen erkundigte.18 Breslauer war offenbar so beeindruckt vom Enthusiasmus des jungen Mannes, daß er ihn als eine Art Schüler adoptierte und ihm jederzeit Zutritt zu seiner berühmten bibliographischen Handbibliothek gewährte. Fürstenberg wurde von ihm natürlich auch als Kunde beraten und hat seine bedeutendsten Erwerbungen zu den deutschen Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts bei Breslauer getätigt. Es entwickelte sich eine sehr persönliche Freundschaft zwischen den beiden, außerdem eine Zusammenarbeit in verschiedensten Zusammenhängen; am bekanntesten ist wohl die gemeinsame Entdeckung der Bibliotheken Napoleons I. und der Kaiserin Marie Louise in Wien und deren Ausstellung in Berlin. Eine weitere Frucht davon war Fürstenbergs Darstellung zum französischen Buch im achtzehnten Jahrhundert und in der Empirezeit, deren Veröffentlichung als Jahresgabe der „Gesellschaft der Bibliophilen“ Martin Breslauer 1929 durchsetzte. Wäre Fürstenberg ohne diese Mentorenschaft Breslauers jener „König der Sammler“ geworden, als der er immer wieder apostrophiert worden ist? Das Beispiel zeigt in jedem Fall das positive Potential eines freundschaftlichen Umgangs von Antiquar und Bibliophilem deutlich auf.

Das Verhältnis von bibliophilem Sammler und Antiquar kennt noch eine besonders prägnante Form der Zusammenarbeit, den Fall nämlich, daß Antiquare im persönlichen Auftrag eines Büchersammlers agieren, ausgestattet mit präzisen Such- und Erwerbungsaufträgen, eventuell auch mit einer Art Generalvollmacht. Diese Praxis hat in den USA schon etwas früher eingesetzt, in Deutschland bezeichnet wiederum das erste Drittel des 20.Jahrhunderts den Zeitraum, in welchem sich dieser moderne Typus des Bücheragenten etabliert hat.19 Im allgemeinen kommen dafür nur finanziell potente Sammler in Frage. Ein Beispiel dafür liefert der wohl bedeutendste Sammler des 20. Jahrhunderts, Martin Bodmer, für den lange Zeit der Frankfurter Antiquar Heinrich Eisemann die Funktion eines Agenten wahrnahm. Eisemann war seit Beginn der zwanziger Jahre eine sehr prägnante Figur der Antiquariatsszene; wenn sein Name heute nur noch wenigen geläufig ist, so hat dies vor allem damit zu tun, daß er auf ein Ladengeschäft wie auch die Herausgabe von Katalogen verzichtet hat und fast ausschließlich als Mittelsmann für die bedeutendsten Sammler der Zeit (unter ihnen auch Stefan Zweig) tätig gewesen ist.20 Eisemann hat in dieser Funktion weltweit agiert, im allgemeinen gegen eine zehnprozentige Provision, weshalb man ihn auch „Mister Ten per Cent“ nannte.21 Bernd H. Breslauer, der Sohn Martin Breslauers, der Anfang der sechziger Jahre an die Stelle Eisemanns als Hauptagent Martin Bodmers trat, hat in einem Interview, das ich 1996 in New York mit ihm geführt habe, eine deutliche Vorstellung davon vermittelt, wie unterschiedlich die Vorgangsweise von Agenten für ein und denselben Sammler ausfallen kann: „Während Eisemann immer wahnsinnig vorsichtig war, und der arme Bodmer immer nur die Hälfte von dem kriegte, was er haben wollte, verstand ich es, Herrn Bodmer anzufeuern, so daß er eigentlich immer das kriegte, was er haben wollte.“22 In welchem Maße der Antiquar das Profil einer Sammlung beeinflussen kann, wenn er seine Beraterrolle aktiv wahrnimmt und auf Kaufobjekte aufmerksam macht bzw. ihre Anschaffung nahelegt, läßt sich leicht nachvollziehen.

Die Beziehungen zwischen dem Bibliophilen und dem Antiquar können sich mithin auf vielfältige Weise ersprießlich gestalten. Daß sie aber auch Schwankungen unterliegen können und daß gelegentlich Disharmonien nicht zu vermeiden sind, bezeichnet einen Aspekt, der hier nicht übergangen werden soll. Das Innenleben solcher Beziehungen ist uns allerdings nur in Ausnahmefällen zugänglich; es wird verständlicherweise von den Beteiligten sehr diskret gehandhabt. So bleiben es meist punktuelle Einblicke, die wir in die Interna des Verhältnisses von Sammlern zu ihren Antiquaren gewinnen können. Eine der seltenen Ausnahmen stellt Aby M. Warburg dar, in dessen Korrespondenz sich neben der Verzweigtheit und Dichte der Antiquarskontakte auch die Irritationen spiegeln, denen diese Beziehungen gelegentlich ausgesetzt gewesen sind.23 Warburg, der seit 1906 der „Gesellschaft der Bibliophilen“ angehörte und 1908 zu den Gründungs- und Vorstandsmitgliedern der „Gesellschaft der Bücherfreunde zu Hamburg“ gehörte, unterhielt persönliche Kontakte u.a. zu den Antiquariaten Joseph Baer (wo übrigens Moriz Sondheim sein Ansprechpartner war), zu Martin Breslauer, Paul Graupe und Otto Haas (von Leo Liepmannssohn) in Berlin, zu Hiersemann in Leipzig, Jacques Rosenthal und Julius Halle in München oder Leo S. Olschki in Florenz. Mit einigen, unter ihnen auch Olschki, stand Warburg in geradezu freundschaftlichem Verhältnis. Breslauer, mit dem er mindestens zwei Jahrzehnte lang korrespondierte, war nach einem Besuch in Hamburg 1927 von Warburgs Bibliothek ebenso beeindruckt wie ein Jahr später Leopold Baer; umgekehrt sparte Warburg auch nicht mit Anerkennung für Breslauers „mit wirklich wissenschaftlichem Verständnis geführtes Antiquariatslager“.24 Breslauer wiederum wollte es sich zur Ehre anrechnen, wenn er - „und zwar nicht aus geschäftlichen Gründen“ - in bescheidener Weise zum Ausbau von Warburgs Sammlung beitragen könne. Warburg war natürlich ein finanzkräftiger Kunde; allerdings war er nicht bereit, seiner Ansicht nach überhöhte Preise zu bezahlen. Charakteristisch dafür ist auch der Versuch, über Baer als Mittelsmann Erwerbungen bei Jacques Rosenthal vorzunehmen, um so den Preis zu drücken. Bisweilen drohte er auch mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen, wenn er den Verdacht hatte, als bekannt reicher Mann zu sehr zur Kasse gebeten worden zu sein. Was sich hier andeutet, ist die Labilität des Vertrauensverhältnisses, von der die Partnerschaft von Sammler und Antiquar immer wieder bedroht erscheint – eine Problematik, die den Kunst- und Antiquariatsmarkt heute nicht weniger betrifft als damals, und die hinüber führt zum letzten Punkt und zum Ergebnis dieser Betrachtungen.

Den Beziehungen zwischen Bibliophilie und Antiquariat eignet prinzipiell ein symbiotischer Charakter. Der ökonomische Antagonismus, der die Beziehungen zwischen Antiquar und Sammler auch kennzeichnet und der aus dem banalen Faktum resultiert, daß der Sammler möglichst günstig kaufen und der Antiquar möglichst günstig verkaufen will, löst sich auf höherer Ebene auf: Entscheidend ist, was gewonnen wird für die Sammellust und das Sammelglück des einen und für die (keineswegs bloß pekuniär zu messende) Freude an der erfolgreichen Berufsausübung des anderen. Welche Form von beiderseitigem Nutzen in diesem Verhältnis möglich ist und wie intensiv es sich gestalten kann, das haben uns die Sammler und Antiquare jener Epoche vor 1933 auf vorbildliche Weise vor Augen geführt.

Bernd H. Breslauer, dem man zugestehen wird, daß er Geschäftstüchtigkeit mit einem Antiquars-Ethos verbindet, dessen Wurzeln in die Generation seines Vaters Martin zurückreichen, hat in seinem Vortrag über „Glanz und Elend der Antiquare25 sehr offen Klage geführt über das problematische Verhalten mancher Kunden. Diese Klage wird jedoch ausbalanciert durch die sicherlich nicht weniger ernstzunehmenden Aussagen über die menschliche Bereicherung, die dem Antiquar im freundschaftlichen Umgang mit seiner bibliophilen Kundschaft zuteil wird:

„Nun, das einmal gewonnene und über Jahre bewahrte Vertrauen des Sammlers, seine Anerkennung, sein Dank gehören in der Tat zum höchsten Glanz der Antiquare. Sie sind die Basis für viele, von Argwohn und Mißtrauen unumwölkte persönliche Freundschaften in den Annalen der Bibliophilie und des Buchhandels geworden. (...) Was habe ich nicht alles von ihnen im Laufe der Jahre gelernt! Überhaupt lernt man in diesem Beruf unendlich viel durch den persönlichen Kontakt und das persönliche Vorbild, und wir alle Sammler, Wissenschaftler des Buches und Antiquare, sprechen denn auch ständig zueinander über Bücher; keiner aber weiß besser über Bücher zu reden als der Antiquar.“26

Mit diesen Stichworten – fortgesetztes Lernen, persönlicher Kontakt, ständiges Gespräch – schließt sich der Bogen unserer Überlegungen. Es muß vielleicht nicht immer der Antiquar sein, der am besten über Bücher zu reden weiß. Soviel aber steht fest, daß der intensive, persönliche Bezug zur Welt der Antiquare immer ein gewinnbringender sein wird. Wenn wir es recht betrachten, beruht glückhafte Bibliophilie auf Kommunikationsprozessen vielfältigster Art; wir sollten daher das bibliophile Fachgespräch dort suchen und führen, wo wir die kompetentesten Partner dafür finden.

Der Blick in die Vergangenheit kann hierfür eine Richtschnur geben: Die gemeinsame Geschichte von Bibliophilie und Antiquariat ist in der Tat die Geschichte einer „glücklichen Vermischung“, einer Symbiose, die im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts ihre produktivste Gestalt gewonnen, ihre schönsten Wirkungen entfaltet hat. In dem eingangs zitierten Aufsatz gab Georg Witkowski 1929 der Hoffnung Ausdruck, die sich ausbreitende Freude an Geist und Schönheit des Buches werde der „gute Stern“ sein, „der dem deutschen bibliophilen Antiquariat leuchtet und nach menschlicher Voraussicht immer heller über ihm erstrahlen wird“.27 Der Vorbehalt „nach menschlicher Voraussicht“ erwies sich als allzu berechtigt: Nur wenige Jahre noch leuchtete dieser gute Stern, dann setzte sehr rasch die Zerstörung dieser blühenden Landschaft ein, mit Folgen, die wir bis heute verspüren. Es ist aber nicht zu spät, um an die besten dieser Traditionen anzuknüpfen und, in zeitgemäßer Form, dem Zusammenwirken von Bibliophilie und Antiquariatsbuchhandel wieder jenen Stellenwert zu geben, der ihre gemeinsame Zukunft sichern hilft.


 

1 Georg Witkowski: Antiquariat und Bibliophilie. In: Aus Wissenschaft und Antiquariat. Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Buchhandlung Gustav Fock GmbH. Leipzig 1929, S.271-289; hier S. 289.

2 Vgl. Peter Neumann: Bücherfreunde unter sich. Deutsche bibliophile Vereinigungen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. In: Aus dem Antiquariat 1995/2, A 41-A51.

3 Vgl. Peter Neumann: Hundert Jahre Gesellschaft der Bibliophilen 1899 bis 1999. Bericht und Bilanz. München 1999, S. 45f. (die erlaubte Mitgliederzahl wurde 1914 auf 1000 erhöht).

4 Vgl. Deutsche Bibliophilie in drei Jahrzehnten. Verzeichnis der Veröffentlichungen der deutschen bibliophilen Gesellschaften und der ihr gewidmeten Gaben 1898-1930. Hg. von der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei. Leipzig 1931(vgl. ferner die Ergänzungen im Hauswedell-Katalog 1938).

5 Vgl. Friedhilde Krause: Der Berliner Bibliophilen Abend. Anmerkungen zu seiner Geschichte. In: Marginalien, 122. Heft, 1991, S.60-71; Lothar Sommer: Berliner bibliophile Vereine in der Zeit von der Jahrhundertwende bis 1945. Bedeutung und Grenzen. Ein Überblick. In: Marginalien, 106. Heft, 1987, S.1-53.

6 Vgl. Sommer: Berliner bibliophile Vereine (wie Anm. 5), S.21ff.

7 Vgl. Lothar Sommer: Der Leipziger Bibliophilen-Abend (1904-1933). Bedeutung und Grenzen eines bibliophilen Klubs. In: Marginalien, Heft 98 (1985).

8 Vgl. Neumann: Hundert Jahre Gesellschaft der Bibliophilen (wie Anm. 3), S. 45.

9 Moriz Sondheim: Bibliophilie. Rede gehalten bei der Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen am 11. September 1932 zu Frankfurt am Main. Unveränd. Nachdruck der Erstausgabe aus dem Jahr 1933 durch die Gesellschaft der Bibliophilen. o. O. 1969.

10 Ebd., S. 12.

11 Vgl. die Abbildungen des Gebäudes in der Frankfurter Hochstraße 6 im Katalog 675 aus dem Jahr 1921. - Die Gesamtlagerbestände, die in weiteren Gebäuden untergebracht waren, beliefen sich beim Antiquariat Joseph Baer auf bis zu 1,5 Millionen Bände.

12 Vgl. dazu die Hinweise bei Roland Folter: Große Sammlungen im Spiegel ihrer Auktionskataloge. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, Nr. 8 vom 28.1.1972, S. A56-A59.

13 Sondheim: Bibliophilie (wie Anm. 9), S.13.

14 Bernhard Wendt: Der Versteigerungs- und Antiquariatskatalog im Wandel von vier Jahrhunderten. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. IX (1967/69), S.2-87; hier S. 78.

15 Vgl. Georg Ecke: Paul Graupe (Nekrolog). In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 24 vom 24.3.1953, S. 129f.

16 Vgl. Chris Coppens: Der Antiquar Paul Graupe (1881-1953). In: Gutenberg-Jahrbuch 1987, S.255-264 (Abbildung der Lithographie E. Orliks S.261)

17Erich Carlsohn: Sammler – vom Antiquar gemacht. In: Aus dem Antiquariat 1985/3, S. A108f.

18 Vgl. Bernd H. Breslauer: Fürstenberg oder ... über bibliophilen Ruhm. In: Imprimatur N.F. Bd. XI (1984), S.121-133; hier S. 126f.; vgl. ferner Hans Fürstenberg: Martin Breslauer (Vorwort). In: Martin Breslauer. Erinnerungen, Aufsätze, Widmungen. Hg. v. d. Gesellschaft der Bibliophilen. Frankfurt a. M. 1966, S. 7-16.

19 Der Typus hat Vorläufer in früheren Jahrhunderten, man denke etwa an die Bücheragenten großer Bibliophilen wie des Prinzen Eugen von Savoyen.

20 Vgl. Eduard Trautscholdt: 50jähriges Berufsjubiläum von Heinrich Eisemann. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel Nr. 26 vom 29.3. 1957, S.410.

21 Vgl. Bernd H. Breslauer: Martin Bodmer Remembered. In: The Book Collector, Vol. 37 (1988), No.1, S. 43.

22 Interview des Vf. mit Bernd H. Breslauer am 19.3.1996 in New York (Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main).

23 Vgl. hierzu Björn Biester: Ein forschender Bücherbesitzer. Aby M. Warburg und die Antiquare. In: Philobiblon 45.Jg., März 2001, H.1, S.3-20.

24 Ebd., S. 10.

25 Bernd H. Breslauer: Glanz und Elend der Antiquare. Ein Vortrag. In: Imprimatur N.F. Bd. IX (1977-80), S.159-169.

26 Ebd., S. 167.

27 Witkowski: Antiquariat und Bibliophilie (wie Anm.1), S. 289.

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