Die Kultur der Bibliophilie und des Büchersammelns hat in Deutschland in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ihre größte Ausdehnung und ihre höchste Intensität erreicht; 1933 und in den Jahren danach ist sie in einem Ausmaß zerstört worden, von dem sie sich nie wieder erholt hat. Politischer Terror und rassistische Verfolgung haben damals hunderte von Bücherliebhabern zur Flucht gezwungen, andere, die das Land nicht rechtzeitig verlassen haben oder verlassen konnten, sind in den Vernichtungslagern das Opfer des NS-Regimes geworden. Die Schicksale dieser Büchersammler sind bisher nicht systematisch erforscht worden, ebensowenig die Schicksale ihrer Büchersammlungen, kostbare Besitztümer zumeist, kostbar nicht allein im materiellen Sinn, sondern kostbar vor allem durch das Wissen und den individuellen Geschmack, mit dem diese Sammlungen aufgebaut worden waren, kostbar auch durch das Kulturbewußtsein, das sich in diesen Sammlungen manifestierte.

Viele Fragen stehen unbeantwortet im Raum: Was ist aus den Bücherschätzen der 700 bis 800 Mitglieder der "Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches" geworden, was aus jenen der rund 200 jüdischen Mitglieder der "Gesellschaft der Bibliophilen", die noch im Jahr 1933 unter dem Druck der Verhältnisse ausgetreten waren?1 Was wissen wir über den Bücherbesitz der zahlreichen jüdischen Mitglieder des "Leipziger Bibliophilen-Abends" – immerhin hat sich die Vereinigung wegen des Weggangs dieser Mitglieder, darunter des Vorsitzenden Gustav Kirstein, noch 1933 aufgelöst. Was war das Schicksal der Sammlungen der Mitglieder des "Berliner Fontane-Abends", der ebenfalls bereits 1933 freiwillig seine Tätigkeit aufgab, nachdem sein Gründer Gotthard Laske den Freitod gewählt hatte? Was ist aus den Bücherschätzen der Mitglieder des "Berliner Bibliophilen-Abends" geworden, der 1930 162 Mitglieder, 1934 aber nur noch 35 Mitglieder zählte?2 Zahlreiche weitere örtliche und überregionale Gesellschaften wären in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, vom "Essener Bibliophilen-Abend" und der "Gesellschaft der Bücherfreunde zu Chemnitz" über die "Frankfurter Bibliophilen-Gesellschaft" und Vereinigungen in Hamburg, München oder Köln bis zur "Maximilian-Gesellschaft" – Vereinigungen, in denen bis 1933 jüdische Bücherfreunde gemeinsam mit nichtjüdischen in insgesamt wohl tausenden von Zusammenkünften ihrer bibliophilen Leidenschaft nachgegangen waren, ohne daß Fragen der "Abstammung" ein Problem, geschweige denn eine Barriere bedeutet hätten. Wenn man bedenkt, daß bis zum Beginn der dreißiger Jahre mehr als 25 solcher Vereinigungen entstanden waren3 , und wenn man ferner bedenkt, daß es neben dieser "organisierten Bibliophilie" auch eine organisatorisch ungebundene, individualistische gab, die ebenfalls zahlreiche bedeutende Vertreter hatte, so wird sehr rasch deutlich, daß das zu erhellende Problemfeld beträchtliche Dimensionen hat.

Dennoch müssen wir uns diesen Fragen stellen, entschiedener als bisher. Eine besondere Aktualität dieser Forschungsaufgabe ergibt sich aus der Tatsache, daß seit zwei Jahren, 55 Jahre nach Beendigung der NS-Herrschaft, auf Beschluß der Kultusministerkonferenz in den deutschen Bibliotheken erstmals planmäßig nach Büchern gesucht wird, die aus jüdischem Privatbesitz stammen und unter zweifelhaften Umständen in den jeweiligen Bestand gelangt sein könnten.4 Aufgeschreckt durch Vorgänge im Bereich geraubter Kunst, richtet sich das Augenmerk endlich auch auf das geraubte Buch. Aber wer kennt überhaupt noch die Namen der früheren Besitzer, wer ist in der Lage, die Zusammenhänge und Vorgänge jener Jahre der Verfolgung zu rekonstruieren? über dem hier angeschnittenen Thema liegt bisher nicht nur der Schleier des Nichtwissens, sondern – so scheint es gelegentlich – auch jener des Nichtwissenwollens. Möglicherweise hat es zu viele heimliche Nutznießer der Vertreibung jüdischer Büchersammler gegeben: "arische" Sammlerkollegen, "Ariseure" und all jene, die das Hab und Gut geflüchteter Juden im Inland kostenlos oder zu Schleuderpreisen übernommen haben, unter ihnen auch Antiquare und Bibliotheken. Von der Zwangslage der Vertriebenen haben nicht zuletzt ausländische Sammler und Institutionen in den Fluchtländern profitiert, möglicherweise auch Mitemigranten. Zwar hat es auch ehrenwerte, gut nachvollziehbare Gründe gegeben, das Thema der verschollenen Büchersammlungen hintanzusetzen, wie das Beispiel Fritz Homeyers zeigt, der – selbst ein Emigrant – in seiner Darstellung zu den Deutschen Juden als Bibliophilen und Antiquare sein Interesse zuallererst und mit Recht auf die Menschen gerichtet hat, nicht auf die Bücher.5 Aber auch in den seither erschienenen Darstellungen zur Geschichte der Bibliophilenvereinigungen, auch zur "Gleichschaltung" dieser Vereinigungen nach 1933, wird nur ausnahmsweise auf den Verbleib von Sammlungen Bezug genommen.6 Zwar haben wir vom Schicksal einiger weniger Sammlungen prominenter Bibliophilen nähere Kenntnis, einer systematischen Erforschung dieses Themas ist man jedoch bisher aus dem Weg gegangen. Es gilt daher das Problem erst einmal nach seinen verschiedenen Facetten aufzugliedern, wobei der Schwerpunkt hier auf die Emigrationsthematik gelegt werden soll:

Ein erster Fragenbereich ergibt sich aus den Umständen der Vertreibung, im besonderen aus der Frage, in welchem Ausmaß Büchersammlungen zurückgelassen werden mußten oder mitgenommen werden konnten, was die Bedingungen und Hindernisse eines solchen Transfers ins Ausland waren und welchem Wandel diese Bedingungen im Laufe der NS-Herrschaft unterworfen waren.

Ein zweiter Fragenbereich entsteht aus den Schicksalen der in Deutschland verbliebenen Sammlungen emigrierter Bibliophilen. Wurden die Sammlungen aufgelöst, oder blieben sie geschlossen erhalten, landeten sie in Händen von Freunden oder in den Händen von Nutznießern des politischen Systems, landeten sie im Zuge von Zwangsverkäufen auf dem inländischen Antiquariatsmarkt, oder wurden sie behördlich beschlagnahmt und in Staats- und Parteiinstitutionen verbracht?

Ein dritter Fragenbereich entsteht aus den Schicksalen der ins Ausland geretteten Sammlungen: Konnten sie von ihren Besitzern im Rahmen einer neuen Existenzgründung erhalten werden, oder mußten sie zur Subsistenzsicherung ganz oder teilweise verkauft werden, wurden sie zu Objekten des Antiquariatsmarktes, oder gingen sie in Bibliotheken der Gastländer ein, wurden sie Grundstock neuer oder Ergänzung bestehender (privater und öffentlicher) Büchersammlungen? Und wie viele dieser oft kostbaren Bücher waren auf der Flucht der Vernichtung preisgegeben und sind unwiederbringlich verloren?


Rahmenbedingungen für die Emigration und die Mitnahme von Bücherbesitz

Eine klare Benennung der Umstände, unter denen wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgte Bibliophile emigrieren und dabei ihre Büchersammlungen mit ins Ausland nehmen konnten, stößt aufgrund wechselnder Rahmenbedingungen auf Schwierigkeiten: Die "Judenpolitik" des Dritten Reiches unterlag bekanntlich einigen Schwankungen; Phasen des Terrors wurden von gemäßigteren abgelöst, der Judenboykottag des Jahres 1933, die "Nürnberger Rassengesetz" von 1935 und die nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 einsetzenden Bestrebungen zur "Endlösung" der Judenfrage stehen für die Wellen der Gewalt, das Jahr 1934, das Olympiajahr 1936 oder einzelne Phasen der Jahre 1937/38 stehen für eine gemäßigtere, schleichende Verfolgung, wie sie vor allem in Rücksicht auf das Bild Deutschlands im Ausland erfolgte oder zur Bewahrung wirtschaftlicher Werte im Inneren. Schwankungen zeigen sich dementsprechend auch in der Auswanderungsstatistik; neben den eben erwähnten politischen Faktoren spielten auch die jeweiligen rechtlichen Bestimmungen eine Rolle: Verschärfungen der (bereits 1931 wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise eingeführten) Reichsfluchtsteuer 1934, die Verschärfung der Devisengesetzgebung (ebenfalls 1934), der sich sehr ungünstig entwickelnde Sperrmarkkurs, die Verordnung zur Anmeldung jüdischen Vermögens im März 1938 setzten in diesem Prozeß die wesentlichsten Markierungen. Die Auswanderungserschwernisse betrafen vorrangig den Vermögenstransfer, im weiteren aber auch Sachwerte. Unter diesen scheinen Bücher lange Zeit ein weniger problematisches Mitnahmegut dargestellt zu haben; jedenfalls vermitteln Auskünfte von Emigranten diesen Eindruck:

"Sie müssen wissen, daß die ganzen Schwierigkeiten erst 1938 nach der ›Kristallnacht‹ begonnen haben. Bis dahin war es überhaupt keine Schwierigkeit. Ich weiß noch, die Leute vom Zoll haben unten gestanden, als der ›Lift‹ gepackt worden ist, und haben zugeguckt und man hat sich unterhalten; die Briefmarkensammlung ist mitgegangen, wertvolle Bücher sind mitgegangen, kein Mensch hat ein Wort gesagt. Weil zu der Zeit eigentlich die Nationalsozialisten daran interessiert waren an jedem, der auswandert, der von selbst auswandert."7

In der Tat dürfte die "Reichspogromnacht" eine Zäsur bedeutet haben; danach war die Auswanderung im Normalfall mit größeren bürokratischen Hindernissen und erheblichen materiellen Einbußen verbunden. Aber selbst nach dem 9. November 1938 standen der Mitnahme von Büchern in die Emigration offensichtlich keine unüberwindlichen Hindernisse entgegen, wie aus anderen Berichten hervorgeht. Felix Daniel Pinczower, der Sohn des in den zwanziger Jahren sehr bekannten Bibliophilen und Judaica-Spezialisten Ephraim Pinczower, hat Deutschland erst 1939 verlassen und war dann in Jerusalem als Antiquar tätig. Auf die Frage, ob es eigentlich schwierig war, eine Privatbibliothek aus NS-Deutschland herauszubringen, erinnerte er sich:

"Also damals […], das war 1939, konnte ich noch einen ›Lift‹ machen und meine Möbel und verschiedene Sachen mitbringen, mußte allerdings entsprechende Abgaben bezahlen, und auf Bücher, die ich persönlich besaß, wurde kein Wert gelegt, [Bücher] hätte ich in unbegrenzten Mengen mitnehmen können. Also was ich hatte, habe ich damals mitgenommen, und meine ersten Verkäufe waren eben aus meiner Privatbibliothek."8

Ein generelles Bücherausfuhrverbot der NS-Behörden hat es, soweit wir sehen, zu keinem Zeitpunkt gegeben. Entscheidend war, daß man vom Finanzamt, ab 1939 auch von der Gestapo, eine Unbedenklichkeitserklärung ausgestellt bekam. Im Grunde wirkte sich hier die Kulturfeindlichkeit der neuen Machthaber aus, die Wert und Bedeutung von Büchersammlungen ganz offensichtlich nicht einzuschätzen wußten und ihr Augenmerk – schon aus Devisengründen – sehr viel stärker auf die Kontrolle von Vermögenstransfers richteten. Zweifellos waren die Rahmenbedingungen für die Verbringung von Sammlungen ins Ausland auch örtlich unterschiedliche, je nach Vorgangsweise der zuständigen Behörden. Einige scheinen es zur Auflage gemacht zu habe, daß zu Büchern, die Teil des Umzugsgutes sein sollten, Listen vorgelegt wurden. Das war umständlich und begrenzte allein schon wegen des erhöhten Aufwands den Umfang des Umzugsgutes.

Zu unterscheiden sind hier allerdings die Bedingungen des legalen und des illegalen Transfers. Wer auch unter politischen Gesichtspunkten verfolgt wurde, konnte ein so geordnetes Verfahren ohnehin nicht durchführen. Und wer Deutschland unter Zurücklassung seines Besitzes verließ, mußte mit dessen Beschlagnahmung rechnen. Aber auch unter Bedingungen der legalen Ausreise war oft die Zeit zu knapp, um die Verhältnisse rechtzeitig zu ordnen und den Verkauf einer Büchersammlung zu bewerkstelligen. In einer solchen Situation befand sich der wohl bedeutendste Antiquar jener Zeit, Martin Breslauer; er konnte dann aber doch seine legendäre Handbibliothek mit 21000 Bänden noch rechtzeitig vor einer Beschlagnahme verkaufen, an den bedeutendsten europäischen Bibliophilen, Martin Bodmer. Breslauers Sohn Bernd war übrigens an der Transferierung der Handbibliothek nach Zürich beteiligt und hat sie dort katalogisiert.9 Aus den von Bodmer nicht übernommenen und von seinem Vater Martin im Zuge seiner Emigration nach England mitgenommenen Beständen hat Bernd Breslauer geschöpft, als er 1941 in London seinen ersten eigenständig erarbeiteten Katalog The Gentle Science of Book Collecting herausbrachte.10

Im übrigen scheint es nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein, daß einzelne Stücke einer Sammlung noch vor der Emigration als Postgut, auch als Drucksache, ohne den oft beträchtlichen Wert des Inhalts zu deklarieren, an Freunde ins Ausland versandt wurden; ein riskantes Verfahren, das aber offenbar funktionierte. Auch Antiquare scheinen manches kostbare Stück rechtzeitig außer Landes gebracht zu haben, vielfach auch nur als Vorsichtsmaßnahme, weil sie bis zuletzt nicht sicher sein konnten, ob die Ausfuhr des Bücherlagers möglich sein würde. Natürlich waren der Ausfuhr von Sammlungen vielfach praktische Grenzen gesetzt: Größere Büchermengen haben enormes Gewicht, ihr Transport verursachte hohe Kosten. In dem Bericht, den Theo Pinkus von den Umständen seiner Ausweisung aus Deutschland im April 1933 gab, gibt er an, seine Mutter habe die Bücher in "achtzehn Rügenwalder Wurstkisten" verpackt und sie ohne weitere Schwierigkeiten einer Transportfirma übergeben. Weiter heißt es wörtlich im Bericht:

"Sie kamen in Zürich an, aber ich hatte fast zwei Jahre den Transport abzubezahlen. […] Diese vor den Nazis geretteten Bücher sind auch der Kern der ›Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung‹, einer Stiftung, die meine Frau und ich 1971 errichtet haben."11

Der Kostenfaktor dürfte für viele eine nicht unwichtige Rolle gespielt haben, er wird in zahlreichen Fällen zum Verzicht auf Mitnahme, in anderen Fällen zur Teilung von Sammlungen geführt haben, zur Herauslösung der materiell oder ideell wertvollsten Stücke, während der Rest der Finanzierung des Transports gedient haben mag.

Bei den weniger wohlhabenden Sammlern ist ohnedies davon auszugehen, daß Sammlungen ganz oder teilweise veräußert werden mußten, um die Ausreise (im besonderen die Reichsfluchtsteuer) zu finanzieren. Da es sich in der Regel um Notverkäufe handelte, büßten die Besitzer meist viel Geld ein. Daß es Nutznießer dieser Situation gab, bedarf kaum einer Erwähnung. Der Exilforscher Hans-Albert Walter schreibt dazu: "Häufiger noch als Wertgegenstände und Kunstwerke wurden Bücher, Autographen, ganze Bibliotheken veräußert."12 Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß Bücher bei einer Flucht, deren Ziel oft genug unbekannt war, hinderlich waren, zumal wenn ein Zielort oder Verlagerungsort nicht angegeben werden konnte.

Auch brachte nicht jeder es über sich, sich endgültig von seinen Büchern zu trennen, wie etwa das Beispiel von Kurt Pinthus zeigt. Nach Warnungen und Gestapo-Verhören bereitete Pinthus 1937 seine Flucht vor; er erhielt ein Besuchsvisum für die USA, unter der Bedingung, daß er sein gesamtes Besitztum zurückließ. So erreichte er im August New York, nur mit einem Koffer in der Hand und zehn Dollar. Er erhielt einen Lehrauftrag an der New School für Social Research, stellte aber fest, daß er ohne seine Bücher nicht arbeiten konnte. Pinthus kehrte daher um Weihnachten 1937 nach Deutschland zurück, entging in Bremerhaven knapp der Inhaftierung und der Konfiskation der Kartei zu seiner Berliner Bibliothek, die er mit sich führte. Er entkam, indem er sich als Agent ausgab, der im Dienste NS-Deutschlands für "dekadentes und undeutsches Material aus den USA" verantwortlich sei (die Kartei zeigte, daß seine Bibliothek überwiegend aus verbotener Literatur bestand). In Berlin lebte er vier Monate auf einem Dachboden, um seine reguläre Auswanderung vorzubereiten. Er verschaffte sich mit juristischer Hilfe eine Auswanderungsgenehmigung, erhielt von den USA ein Einwanderungsvisum und verpackte seine 8000 Bände umfassende Bibliothek zusammen mit Zeitschriften und Manuskripten in vierzig Holzkisten, von denen zwei mit harmlosem Inhalt offen blieben. Alle 40 Kisten wurden freigegeben und landeten in New York; ein Teil davon wurde noch im gleichen Jahr an der New School ausgestellt.13 Der Ausgang dieser Geschichte ist bekannt: Pinthus, der 1967 nach Deutschland remigrierte und sich in Marbach am Neckar ansiedelte, hat 1971 seine gesamte, für die Expressionismusforschung unentbehrliche Bibliothek von (nunmehr) 9000 Bänden und zahlreiche Zeitschriften dem Deutschen Literaturarchiv überlassen – ein Beispiel für die Rückkehr einer bedeutenden Büchersammlung.

Ein weniger glückliches Ende fanden Georg Witkowskis Bemühungen, seine Bücher zu retten. Witkowski, jahrzehntelang 2. Vorsitzender der "Gesellschaft der Bibliophilen", seit 1917 Schriftleiter der Zeitschrift für Bücherfreunde und in diesen Eigenschaften eine der zentralen Gestalten der deutschen Bibliophilie im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts, entschloß sich sehr spät zur Emigration, erst nach der "Reichspogromnacht" 1938. Er mußte dann mit der definitiven Ausreise noch bis April 1939 warten, bis endlich seine Bibliothek finanziell ausgelöst war und er sie in die Niederlande mitnehmen durfte. Dort starb er, 76jährig, bereits am 21.September 1939; die 14000 Bände seiner Bibliothek wurden noch im Frühjahr 1940 vom Antiquariat Nijhoff in Den Haag versteigert.14

Auch der verschiedentlich als "König der Büchersammler" apostrophierte Hans Fürstenberg mußte 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen, nachdem er aufgrund seiner bedeutenden Stellung in der Finanz- und Wirtschaftswelt einige Jahre lang unbehelligt geblieben war. Vor einer Gestapo-Fahndung gewarnt, flüchtete er über Prag nach Paris:

"Von dort aus organisierte er mit Geschick und viel Glück, und jedenfalls mit Hilfe einflußreicher Freunde, die überführung des gesamten Inhalts seines Berliner Hauses, natürlich nach Zahlung der ungeheuren Reichsfluchtsteuer, einschließlich seiner Bibliothek, die damals rund 16.000 Bände zählte, davon ungefähr 5000 sogenannte seltene Bücher."15

Hervorhebung verdient nicht allein die Menge, sondern der Rang der Sammlung, die kostbare deutsche Erstausgaben ebenso umfaßte wie Drucke und Holzschnittbücher des 15. und 16. Jahrhunderts, illustrierte Bücher des 18.Jahrhunderts und der französischen Romantik. Die Bibliothek erhielt in dem von Fürstenberg noch 1938 erworbenen Schloß Beaumesnil in der Normandie zunächst eine würdige Aufstellung, geriet aber durch den Krieg und die Besetzung Frankreichs in höchste Gefahr. Einen Teil der Bestände konnte Fürstenberg nach Südfrankreich überführen, von den zurückgebliebenen Büchern wurde einiges verschleppt und ging verloren; "anderes, nach Deutschland abtransportiert, kam wie durch ein Wunder zurück."16 Nach 1945 war Fürstenberg daher in der Lage, seine Sammlungen wieder aufzubauen.17 Die Frage, was aus seinen Bücherschätzen geworden wäre, hätte er sie 1938 nicht ins Ausland schaffen können, gewinnt dramatische Züge im Blick auf das traurige Los, das von jüdischen Emigranten zurückgelassener Kunstbesitz zumeist erfuhr.


Das Schicksal der in Deutschland zurückgelassenen Sammlungen

Ein Teil der in einer Zwangslage veräußerten Sammlungen oder Teilsammlungen ist sicherlich in den inländischen Antiquariatsbuchhandel gelangt. Allerdings mangelt es an Quellenforschungen, um die Rolle der Antiquare in diesem Vorgang genauer einschätzen zu können, teilweise mangelt es an den Quellen selbst. Ohne Frage war die Versuchung groß, die Gunst dieser Stunde für einmalig günstige Ankäufe zu nützen. Umgekehrt – und dieser Aspekt ist immer mit zu bedenken – mag damals mancher Antiquar und auch mancher Privatsammler einem die Emigration vorbereitenden Kollegen oder Sammlerfreund durch solche Ankäufe entscheidend geholfen haben, diesen Plan zu verwirklichen. Im Positiven wie im Negativen liegt hier manches im dunkeln.

Schwer zu überblicken sind auch die Vorgänge persönlicher Bereicherung seitens der NS-Funktionäre. Daß der Kunstraub von dem Regime, von Hitler und Göring abwärts, in großem Stil betrieben worden ist, ist bekannt; neben der bildenden Kunst sind davon auch Bücher betroffen gewesen. Julius Streicher etwa hat sich in Nürnberg aus tausenden wertvollen, aus jüdischem Besitz geraubten Büchern eine private Bibliothek aufgebaut. Vieles harrt hier aber noch der Aufklärung, und oft ist man auf das zufällige Entdecken von versteckten Hinweisen an entlegener Stelle angewiesen. Ein Beispiel dafür bietet die 10000 Bände umfassende Bibliothek, die Lion Feuchtwanger in Berlin-Grunewald zurücklassen mußte. Ihr Schicksal war lange unklar; aus einer Dissertation von 1974, die erst im vergangenen Jahr "wiederentdeckt" worden ist, geht aber hervor, daß diese 1933 beschlagnahmte Bibliothek Feuchtwangers von dem Präsidenten des "Ahnenerbes" der SS Werner Wüst übernommen worden ist. Der Reichsführer der SS Heinrich Himmler hatte sie dem "Ahnenerbe" 1938 auf Antrag Wüsts übereignet, Wüst aber hat die Sammlung privat aufgestellt und sich später, in den 60er Jahren, damit verteidigt, er habe sie nur "ordnungsgemäß" treuhänderisch verwaltet.18

Etwas genauer erforscht ist inzwischen der Verbleib jüdischen Bücherbesitzes, der in den Händen von NS-Behörden gelandet ist. Eine besondere Rolle spielte in diesen Zusammenhängen das seit 1939 geplante und 1941 eröffnete Frankfurter "Institut zur Erforschung der Judenfrage".19 Hier sind hunderttausende von Büchern zusammengeführt worden (Stand von April 1943: 550000 Bände in 3300 Kisten), die dem einzigen Zweck dienen sollten, nach der "Endlösung" der Judenfrage an einem zentralen Ort zu historischen Studien zur Verfügung zu stehen.20 Die Sammlungen wurden überwiegend von der Gestapo und vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR)21 eingeliefert, wobei erstere für die jüdischen Privatsammlungen im Deutschen Reich zuständig war, während der Einsatzstab in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten agierte.22

Ein anderer Abnehmer für Beutebücher war die Zentralbibliothek des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), das mit dem Frankfurter "Institut zur Erforschung der Judenfrage" um die übernahme wertvoller Sammlungen rivalisierte. Der Geheimen Staatspolizei fiel ja bei ihren Verhaftungen immer wieder privater Bücherbesitz in die Hände: "Schon seit 1938 gab es in Berlin eine Stelle zur Verwertung jüdischer Bibliotheken, später wurden dort im Auftrag der Gestapo Bücherreste aus geräumten jüdischen Haushalten versteigert."23 Mit Erlaß vom 12. August 1942 erging dann eine Anweisung des RSHA, wonach zugunsten des Ausbaus der Zentralbibliothek "alle sich bietenden Möglichkeiten der Buchbeschaffung im Zuge staatspolizeilicher Maßnahmen ausgenutzt werden sollen." Insbesondere sollte bei der Beschlagnahme von noch in jüdischem Besitz befindlichen Privatbibliotheken sofort das Amt VII des RSHA unterrichtet werden, damit Fachkräfte diese Bibliotheken sichten und eine Auswahl treffen könnten. Dieser Art der Bücherbeschaffung wurde "reichswichtiges Interesse" beigelegt.24 Ein unmittelbar nach Kriegsende entstandener, heute in Jerusalem archivierter Bericht über die Tätigkeit der Stapo-Dienststellen gibt ein plastisches Bild von der Vorgangsweise der in diesem Bereich tätigen Behörden:

"Was die jüdischen Privatbibliotheken betrifft, so erfolgte ihre Einziehung, soweit sie nicht schon bei Sonderaktionen oder gelegentlich der Auswanderung der Vorbesitzer erfolgt war, im Zusammenhang mit der Evakuierung, d.h. also vorwiegend in den Jahren 1941–43. Die Einziehung wurde dabei in der Weise durchgeführt, daß den verschiedenen Möbelhändlern und Spediteuren, denen die Ausräumung der verlassenen jüdischen Wohnungen überlassen wurde, der Auftrag erteilt wurde, alle dort angetroffenen Buchbestände nicht weiter zu veräußern, sondern an die zuständigen Gestapo-Leitstellen abzuliefern. Diese Anordnung wurde naturgemäß nur höchst mangelhaft erfüllt, so daß ein großer und sicher nicht der wertloseste Teil der Buchbestände bereits auf dem Wege von den jüdischen Wohnungen zu den Sammelstellen der Gestapo verlorenging. Hier wurde mit dem Rest völlig nach dem Gutdünken der zuständigen Beamten und z.T. in geradezu verantwortungsloser Weise verfahren. So ist z.B. bekannt, daß die Gestapo-Leitstelle Berlin […] jahrelang alle angelieferten Bücher einfach durch eine Papiermühle einstampfen ließ, so daß unschätzbare Werte in der gewissenlosesten Weise vernichtet worden sind. Erst allmählich ging man dazu über, diese Werte wenigstens zu einem Teil nutzbar zumachen. So wurde verschiedenen Bibliotheken wie z.B. der Staatsbibliothek […] Gelegenheit gegeben, sich Bücher auszusuchen. Der Rest wurde zu Preisen, die weit unter dem damaligen Preisniveau lagen, an die Buchhändler und Antiquare abgegeben, die zur STAPO Beziehungen hatten, während nur noch ein kleiner Teil der Bücher weiter makuliert wurde. In gleicher Weise wie die Stapo-Leitstellen haben noch andere Dienststellen jüdischen Buchbesitz beschlagnahmt und verwertet. Hier wäre vor allem eine Sonderstelle der Kriminalpolizei und der Oberfinanzpräsident zu nennen, der besonders bei der Beschlagnahme des bei den Spediteuren lagernden Besitzes jüdischer Auswanderer zum Teil sehr große und wertvolle Bibliotheken in seine Hand gebracht hat, die in einem Raume in Alt-Moabit lagerten und ähnlich wie die Bestände der Stapo-Stellen weiter verwertet wurden."25

Eine Kommentierung dieser Schilderung erübrigt sich. Die eingangs erwähnte Durchsuchung der deutschen Staats-, Landes- und Universitätsbibliotheken, die eben angelaufen ist, dürfte hier einiges ans Licht bringen. Ohne Zweifel haben sich wissenschaftliche Bibliotheken die Vertreibung jüdischer Büchersammler in der NS-Zeit zunutze gemacht und die Möglichkeit einer Literaturbeschaffung durch übernahme beschlagnahmter Bestände – die damals neben die traditionellen Erwerbungsarten wie Tausch, Kauf, Geschenk oder Pflichtexemplar trat – immer wieder in Anspruch genommen: "Von den zahlreichen beschlagnahmten oder unter Verkaufszwang angebotenen jüdischen Bibliotheken machten die wissenschaftlichen Bibliotheken regen Gebrauch."26

Was die riesigen, nach dem Krieg in der Frankfurter "Bibliothek zur Erforschung der Judenfrage" (und in anderen Städten wie z.B. in Wien27) vorgefundenen Bestände betrifft, so wurden diese nach 1945 zum Teil an die betroffenen Institutionen in Amsterdam, Paris, usw. zurückerstattet; anderes wurde an jüdische Bibliotheken in aller Welt verteilt.28 Die Privateigentümer der gefundenen Bücher waren in vielen Fällen Opfer des Holocaust. Einige aber hatten als Emigranten überlebt und meldeten ihre Ansprüche an – wie etwa Henry Spett, der in Wiesbaden jüdische Zeitschriften verlegt und eine wertvolle Sammlung von Hebraica und Judaica zusammengetragen hatte, darunter viele Ausgaben des 17. und 18. Jahrhunderts. 1933 war er mit seiner Sammlung zuerst nach Belgien gegangen, von wo er nach Kriegsbeginn, unter Zurücklassung seines gesamten Besitzes, nach Frankreich und in die USA weiter flüchten mußte.29 Der streitbare Spett, der schon 1933 in einem persönlichen Brief Goebbels gleichsam den Krieg erklärt hatte, glaubte die vom ERR geraubte Sammlung verloren, denn seine nach 1945 unternommene Suche blieb zunächst erfolglos. Als aber Anfang der sechziger Jahre ein Dokument gefunden wurde, in welchem dem Reichsleiter Rosenberg genau Umfang, Zusammensetzung und Behandlung der Bibliothek Spetts beschrieben wurde, war die Voraussetzung für die Forderung nach Rückerstattung gegeben. Generell stellen die gerichtlichen Akten zu den Restitutionsverfahren wichtige Quellen für die Erforschung der Sammler- und Sammlungsschicksale dar; allerdings ist die Zugänglichkeit dieser Akten (vor allem zu jenen der Finanzbehörden) nur in eingeschränktem Maße gegeben.30


Wirkungsaspekte der ins Ausland geretteten Sammlungen

Das Leben auf der Flucht und in den Provisorien der Emigration war wenig geeignet, um Bücherschätze mit sich zu führen oder diese Schätze zu vermehren. Aufgrund der Unsicherheit, der erzwungenen Mobilität, der eingeschränkten Lebensverhältnisse war es nur unter besonders günstigen Voraussetzungen möglich, Büchersammlungen in größerem Umfang unterzubringen. überwiegend waren es begüterte Emigranten, die sich wieder seßhaft machen und ihren bibliophilen Interessen weiter nachgehen konnten. Andere, die mehrfach einen Ortswechsel vornehmen mußten (man denke hier auch an Internierung und manche andere Widrigkeiten) oder die nach Beginn des Weltkriegs und der Eroberung weiter Gebiete Europas durch deutsche Truppen zu einer weiteren Flucht ins überseeische Exil gezwungen waren, verloren ihre Sammlungen in dieser oder jener Weise. Exemplarisch kann man dies an Lion Feuchtwanger beobachten, der seine im südfranzösischen Exil aufgebaute Sammlung aufgeben mußte und in Kalifornien einen weiteren Anlauf unternahm, den dritten bereits. Es war dies erneut ein höchst erfolgreicher Anlauf; die mehr als 25000 erlesenen Bände in Santa Monica sind heute, wie auch das Haus Feuchtwangers, im Besitz der University of Southern California.31 Gelegentlich gelang es also doch, unter den Bedingungen der Emigration weiter zu sammeln, Feuchtwanger gehörte allerdings aufgrund seines ungebrochenen schriftstellerischen Erfolgs zu den materiell Privilegierten der Emigration.

Stefan Zweig hingegen, auch er bis zu seinem Freitod 1942 als Autor höchst erfolgreich, verlor über die Ereignisse des Jahres 1933 die Lust an der Vermehrung seiner herausragenden Autographen- und Bücherkollektion:

"Als die Zeit Hitlers einsetzte und ich mein Haus verließ, war die Freude an meinem Sammeln dahin und auch die Sicherheit, irgend etwas bleibend zu erhalten. Eine Zeitlang ließ ich noch Teile in Safes und bei Freunden, dann aber entschloß ich mich, … lieber Abschied zu nehmen von einer Sammlung, der ich meine gestaltende Mühe weiter nicht mehr geben konnte."32

Nur 200 Kostbarkeiten, hauptsächlich Musikhandschriften, nahm er mit nach London, die Sammlung selbst wurde zum überwiegenden Teil in mehreren Katalogen von einem Wiener Antiquar angeboten (Martin Bodmer erwarb daraus eine größere Menge von Autographen), andere Teile gingen als Schenkung an Bibliotheken in Wien und Jerusalem.33 Die Aufgabe der Sammeltätigkeit gehörte also zu den mittelbaren Folgen des Einbruchs der Barbarei; der Fall Stefan Zweig darf in dieser Hinsicht zweifellos als exemplarisch gelten.

In seltenen Einzelfällen jedoch bildete sich damals eine Büchersammelleidenschaft neu heraus, wie bei Georg Stefan Troller. Ein starkes Motiv war für ihn die Rettung der Identität, die Bedrohung durch Sprachverlust: "Vielleicht würde einen das nächste Buch retten, auch das ein Anreiz des Sammelns".34 Wenn Büchersammlungen neben dem Wandel der äußeren Lebens- und Sammelbedingungen auch die inneren Erlebnisse des Besitzers widerspiegeln, dann sind Sammlungen von Emigranten in dieser Hinsicht sicherlich besonders aussagekräftig.

Aber nur zu oft zwangen die Umstände einer Vertriebenenexistenz zur entgegengesetzten Verhaltensweise: die Sammeltätigkeit mußte aufgegeben, mitgeführter Bücherbesitz zur Sicherung des Lebensunterhalts veräußert werden. Walter Zadek, der auch politischer Verfolgung ausgesetzt war, mußte die wertvollsten Stücke seiner Sammlung, die er aus Deutschland herausschaffen konnte, vor allem Autographen und Widmungsexemplare, noch 1933 veräußern, um daraus seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.35 Und so erging es vielen: Selbst ein Kurt Wolff ließ 1935 in Cannes wertvolle Bücher, Manuskripte und Graphiken versteigern, um sich Kapital für ein Anwesen in Italien zu verschaffen, auf dem er autark leben wollte (was dann nur sehr kurze Zeit möglich war). Karl Wolfskehl lebte im neuseeländischen Exil u.a. von der Rente, die er für seine von Salman Schocken übernommene Bibliothek bekam. Der bekannte Publizist Georg Bernhard war in der Lage, seine 8000 Bände umfassende Privatbibliothek nach Paris zu bringen, wo sie eine Zeit lang der dort von Alfred Kantorowicz ins Leben gerufenen "Deutschen Freiheitsbibliothek" zur Verfügung standen; 1935 mußte Bernhard sie von dort wieder abziehen, um sie in Amsterdam versteigern zu lassen. übrigens konnte Kantorowicz selbst auch 2000 Bücher von Berlin nach Paris transferieren. In die hauptsächlich auf seine Idee hin errichtete "Freiheitsbibliothek" kamen viele Bücher von Emigranten, die nicht in der Lage waren, eine Unterbringung für ihre mitgebrachten Bücher zu finden bzw. die Beträge nicht aufbringen konnten, die für eine längerfristige Lagerung zu bezahlen gewesen wären. Aus diesem Grund mußte auch der österreichische Schriftsteller und Politiker Fritz Brügel in der Schweiz Teile der über Mittelsmänner in die Schweiz geschafften Bibliothek verkaufen, und auch von Walter Benjamin wissen wir, daß er sich 1934 zur Bestreitung von Reisekosten zum Verkauf von Büchern und Autographen gezwungen gesehen hat.36 Theo Pinkus, der nach seiner Emigration in Zürich einen "Büchersuchdienst" aufbaute, berichtet zu dieser Problematik: "Emigranten, die weiterreisen mußten, und auch Schweizer, die auswandern wollten, verkauften Bücher oder gaben sie uns zum Verkauf in Kommission (wir hatten ja kein Betriebskapital)."37

In nicht wenigen Fällen diente den Emigranten die eigene, aus Deutschland mitgebrachte Bibliothek zum Aufbau einer neuen Existenz. Hermann Z. Meyer, von dem die Initiative zur Gründung der Soncino-Gesellschaft ausgegangen war, der auch ihr Geschäftsführer war und der eine bedeutende Judaica-Sammlung sowie eine (von der Berliner Staatsbibliothek übernommene) Moses-Mendelssohn-Sammlung besaß, berichtete:

"Der Umsturz des Jahres 1933 bedeutete den Abschluß aller bibliophilen Unternehmungen. ›Soncino‹ wurde als staatsfeindlich aufgelöst; der junge Anwalt rettete sich durch rechtzeitige Auswanderung, und die Bibliothek kam nach Jerusalem. Die Weiterführung der Sammlung verbot sich aus wirtschaftlichen Gründen: hierzu war schon der Mietpreis für eine entsprechend weiträumige Wohnung viel zu hoch. So wurde aus der Not eine Tugend gemacht, und die Bibliothek diente zum Aufbau einer neuen Existenz: die Bücher dienten als Grundstock für ein Antiquariat, das ich bald durch den Ankauf der Bibliotheken anderer Emigranten vergrößern konnte."38

Es war dies ein ganz typischer Fall, weitere Beispiele könnten genannt werden. In einem Interview berichtete Walter Zadek, er habe vor 1933 in Berlin als Publizist zahlreiche Bücherrezensionen geschrieben; die besprochenen Bücher habe er anschließend eingetauscht:

"Ich ging zur Universität, tauschte das, was ich nicht haben wollte, mit herrlichen Büchern um bei den Leuten und bekam eine sehr schöne Privatbibliothek. Diese Privatbibliothek ging nach Palästina und half mir beim Aufbau einer Buchhandlung mit guten deutschen Büchern; – da haben Sie eine Grundlage meines buchhändlerischen Betriebes, meine Privatbibliothek aus meinen Besprechungsexemplaren."39

Ebenso gibt es Beispiele von Büchersammlungen, die in England, Italien oder Palästina zum Grundstock für Leihbibliotheken geworden sind.40 Natürlich handelte es sich dabei nicht um Sammlungen bibliophilen Charakters, sondern um Lektürestoff. In London etwa hat der emigrierte Schriftsteller Fritz Gross 4000 mitgebrachte Bücher als Grundstock einer solchen Leihbücherei für Emigranten zur Verfügung gehabt, wobei die Zielgruppe die ohnehin sehr bescheidenen Ausleihgebühren oft genug nicht zahlen konnte.41

Dieser emigrationsspezifische Antiquariats- und Leihbuchhandel speiste sich noch jahrzehntelang aus dem "Binnenmarkt" von Notverkäufen. Der aus österreich stammende, nach London emigrierte Joseph Suschitzky hat sich in England auf diesen Handel mit deutschsprachigen Büchern von Emigranten an Emigranten konzentriert. Er stellte noch im Jahre 1966 fest:

"Ich werde oft gefragt, ob die Einkaufsquellen für deutsche Bücher in England nicht bald versiegen werden. Meine Antwort darauf ist nein. Man darf nicht vergessen, dass tausende deutscher Refugees, die seit 1933 nach England kamen, ihre z.T. wertvollen Bibliotheken mitbringen konnten; viele dieser Privatsammlungen werden früher oder später auf den Markt kommen."42

Ein wichtiger Aspekt, vielleicht der wichtigste überhaupt, ist bislang nicht zur Sprache gekommen: Zahlreiche bedeutende Sammlungen, die im Zuge der Emigration ihrer Besitzer Deutschland verließen, haben im Ausland gleichsam noch große Karriere gemacht. Dafür gibt es einige sehr bekannte Beispiele, wie etwa die Musiksammlung von Paul Hirsch. Hirsch – übrigens der Begründer der "Frankfurter Bibliophilen-Gesellschaft" und 1922–1933 deren Präsident – konnte 1936 seine Kollektion nach Cambridge verbringen; 1946 fand sie dann Aufnahme in der Bibliothek des British Museum. Aufbau, Zusammensetzung und Schicksal dieser weltweit wertvollsten Musiksammlung, die von internationalen Fachgelehrten frequentiert wurde und wird, sind in der Forschungsliteratur gut dokumentiert.43

Ein weiteres Beispiel für den schweren Verlust, den Deutschland damals erlitten hat, stellt die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg dar. Wenn auch Aby Warburg bereits 1929 verstorben war, so ist seine in Hamburg aufgebaute Bibliothek, die er selbst als Sinnbild seiner Lebensarbeit interpretierte und die er als Forschungsinstrument auch nach seinem Tod erhalten wissen wollte, gewissermaßen selbst das emigrierende Subjekt gewesen, als sie kurz vor Weihnachten 1933 auf zwei Dampfern in London ankam. Es handelte sich um die regelrechte Flucht einer riesigen Bibliothek: Die Dampfer hatten nicht nur die rund 60000 Bände und 25000 Photographien an Bord, die den Bestand ausmachten, sondern auch alle andere bewegliche Habe der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek und auch den kompletten personellen Stab. In der Literatur heißt es dazu, daß es sich bei der Transaktion wohl um "den wahrscheinlich größten Leihvorgang im Bücher- und Fernleihverkehr in der bisherigen Geschichte" gehandelt habe.44 Es sollte eine Dauerleihgabe werden; im Mai 1934 wurde das "Warburg Institute" in London eröffnet und entfaltete seither seine bekannt einflußreiche Wirkung auf die kunstgeschichtliche Forschung in Großbritannien und in aller Welt. In diesem Zusammenhang sei eine Bewertung von Dieter Wuttke zitiert, der die Umstände dieses Bibliothekstransfers erforscht hat: "Wir sollten keinesfalls übersehen, daß das Warburg Institut durch seine Emigration in höherem Maße zu einem Faktor der internationalen Gelehrsamkeit geworden ist, als [sie] es hierzulande je hätte werden können."45 Ein ähnlicher positiver Befund kann wohl auch für eine Reihe anderer emigrierter Sammlungen und Bibliotheken in Anspruch genommen werden. Die Emigration war nicht in jedem Fall die von den Machthabern des Dritten Reiches intendierte Einbahnstraße in Bedeutungslosigkeit und Vergessen.

Einen exemplarischen Fall stellen auch die Sammlungen des jüdischen Kaufhausmagnaten, Verlegers und leidenschaftlichen Bibliophilen Salman Schocken dar.46 Schocken, Mitglied u.a. der "Soncino-Gesellschaft", besaß nicht nur eine der größten Privatsammlungen hebräischer Frühdrucke (1933 zählte sie rund 8000 Titel bzw. 20000 Bände), sondern bekanntlich auch eine herausragende Sammlung zur deutschen Literatur, großenteils in Erstausgaben und Liebhaberdrucken, Widmungsexemplaren und annotierten Bänden, auch Vorzugsausgaben und Pressendrucken, mit Schwerpunkten Jean Paul und Goethe (Ende 1933 nahezu 15000 Titel), daneben auch zahlreiche Autographen von den Dichtern der deutschen Klassik und Romantik. 1937 erwarb er auch noch die fast 9000 Bände umfassende Bibliothek Karl Wolfskehls, als "ein Akt spontaner Hilfe für den verarmten, halbblinden Dichter", dem er damit die Auswanderung ermöglichte.47 Beide Sammlungen konnte er zwischen 1934 (in diesem Jahr war er nach Palästina gegangen) und 1939 fast zur Gänze aus Deutschland retten. Während die Sammlung hebräischer Drucke programmatisch angelegt war, folgte jene der deutschen Literatur den persönlichen Vorlieben und Interessen Schockens, war reine Privatbibliothek. Die gedruckten Judaica und Hebraica fanden (wenigstens zum größeren Teil) in der Schocken-Bibliothek in Jerusalem ihren Platz – der Nationalbibliothek hatte er die Handschriften und Inkunabeln überlassen –, während die 30000 Bände der deutschen Literatur in den siebziger Jahren, lange nach Schockens Tod 1959, in Hamburg bei Hauswedell versteigert und damit zerstreut wurden. Noch 1993 wurden in London in einer Auktion bei Sotheby’s wertvolle Hebraica aus Salman Schockens Besitz angeboten.48

Noch ein Wirkungsaspekt scheint wichtig: Sammlungen konnten durch ihre Verlagerung Interesse an Themen wecken, die an ihren neuen Standorten bis dahin nicht wahrgenommen worden waren. Walter Schatzki, Begründer der Frankfurter Bücherstube und später Antiquar in New York, legendär auch als Sammler von Kinderbüchern, hatte seine erste Kinderbuchsammlung, die 1932 in New York ausgestellt wurde, anschließend an die Public Library verkauft, sich aber in Frankfurt sofort wieder an den Aufbau einer zweiten Sammlung gemacht. Als er 1937 Deutschland verlassen mußte, war er in der Lage, diese zweite Sammlung (man vermutet 792 Titel) und noch andere Bücher in die USA mitzunehmen. Einiges mußte er verkaufen, um ein Antiquariat einrichten zu können.49 Die verbliebenen Bücher zeigte er in Ausstellungen, die diesmal aber weniger Resonanz fanden. Als er aber 1941 einen Katalog dazu veröffentlichte, konnte er damit u.a. den Sammler Edgar S. Oppenheimer interessieren, der dann, mit Schatzkis Unterstützung, d.h. unter übernahme von dessen Kinderbüchern, eine bedeutende Sammlung von 6000 Titeln aufbaute. Sie wurde 1970 nach Europa verkauft und – zum Mißfallen Schatzkis – auf mehreren Auktionen versteigert. Der gesamte Vorgang ist exemplarisch für das Schicksal vieler Sammlungen von Emigranten. Der Kinderbuchforscher Theodor Brüggemann stellte dazu fest:

"Tatsache ist, daß sich heute an keinem Ort (mit Ausnahme seiner ersten Sammlung in der New Yorker Public Library) eine Sammlung Schatzkis befindet, obwohl er sein Leben lang passioniert und mit großer Kennerschaft die bedeutendsten Schätze der älteren Kinder- und Jugendliteratur aufgespürt und an andere Sammler vermittelt hat."50

Aber der negative Befund wird aufgewogen durch die Impulse, die von Schatzkis Bestrebungen ausgegangen sind. Um mit dessen eigenen Worten zu sprechen:

"The number of collectors and dealers has grown tremendous in all countries, and more libraries have become interested, so I can happily say that my appeal for greater attention to the subject, as expressed in the foreword to my catalogue, has been answered beyond any expectations."51

Eine nachhaltige Wirkungsgeschichte läßt sich auch bei der Barockbibliothek Curt von Faber du Faurs aufzeigen. Faber du Faur, der in München mit dem George-Kreis und Karl Wolfskehl in Kontakt gestanden und als Bibliophile sich 1923 mit Dr. Georg Karl zur Gründung des Antiquariats Karl und Faber zusammengetan hatte, war in der Lage, im Zuge seiner Emigration 1939 in die USA seine beiden Sammlungen mitzunehmen, eine Sammlung von klassischer Literatur in drei Sprachen und eine zweite Sammlung zu deutscher Literatur von 1500 bis 1870, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf dem 17. Jahrhundert.
Was Faber du Faur als Professor in Harvard und Yale und was seine Bibliothek für die Etablierung der Barockliteraturforschung in den Vereinigten Staaten bedeutet hat, ist bekannt: Er hat auf der Basis dieser Bücherschätze eine ganze Generation von Barockforschern herangezogen. Die Sammlung wurde von
der Universität Yale angekauft (zahlreiche weitere Bände hat Faber du Faur anschließend noch hinzugefügt), später ist die gesamte Zusammenstellung (wie das auch bei der Barockbibliothek von Harold Jantz der Fall war) in Mikroverfilmung in aller Welt zugänglich geworden. über diesen Umweg hat dann auch die Barockliteraturforschung in Deutschland neue Impulse erhalten.52

Ein weiterer Aspekt einer "geretteten Bibliothek" (im Sinne Walter Mehrings) tritt vereinzelt in persönlichen Begegnungen mit Emigranten hervor. Einer meiner Gesprächspartner in Israel war Ernst Laske, Sohn von Gotthard Laske, einer der markantesten Sammlerpersönlichkeiten der Weimarer Zeit und zentrale Figur der organisierten Bibliophilie in Berlin und ganz Deutschland; er hat 1933, wie bereits erwähnt, Selbstmord verübt. Sein Sohn, seit Jahrzehnten im Antiquariat Landsberger in Tel Aviv tätig, zeigte mir im Rahmen einer privaten Abendeinladung einige besondere Stücke, die aus der Bibliothek seines Vaters stammten, und es war zu spüren, was es für ihn bedeutete, über diese Rudimente einer großen Sammlung gedanklich in Verbindung zu treten mit jener großen Zeit der deutschen Bibliophilie vor 1933, der Welt seines Vaters. Hier wird auch eine symbolische Dimension der geretteten Büchersammlungen sichtbar.

Abschließend gilt es noch Sammlungsschicksale ganz anderer, negativer Art zu bedenken: die von den widrigen Umständen der Vertreibung verursachte Vernichtung wertvoller Zeugnisse der Buchkultur. Ein sprechendes Beispiel hierfür vermittelt ein Ausschnitt aus einem Interview mit Walter Zadek vom Oktober 1992; Zadek berichtete damals über seinen kriegsbedingten Wechsel vom Buchimporteur in Palästina zum Antiquar:

"Ich baute also dieses Antiquariat auf und für dieses Antiquariat fuhren wir nun – die Verhältnisse im Lande waren ja noch sehr primitiv – mit dem Fahrrad herum, meine Frau und ich (meine Frau ist als Holländerin ja sozusagen auf dem Rad geboren und ich hatte mich akklimatisiert). Wir fuhren in die Niederlassungen der Deutschjuden, bei denen wir annehmen konnten, daß deutsche Bücher aufzutreiben sind, und fanden phantastisches Material. Den Namen Dr. Pulvermacher habe ich Ihnen noch nicht genannt? Es gibt hier Ramat Hashawim, eine bäuerliche Siedlung von deutschen Juden, überwiegend oder fast nur Intellektuelle ursprünglich, da war ein Medizinalrat Soundso, der nun plötzlich Bauer wurde, und da war ein Dr. Pulvermacher, der in der Tauentzienstraße in Berlin vorher Anwalt gewesen war, mit starken Kunstinteressen, der die herrlichste Sammlung von Affichen von Toulouse-Lautrec besaß, von den Originalplakaten, die ja alle Originale waren, denn damals hat man lithographiert; er hatte auch Plastiken von Mataré. Und dieser Mann hatte ein Bauerngut im Rahmen des Ramat Hashawim übernommen, d.h. ich traf ihn, wenn ich hinkam, dabei an, wie er die Eier seiner Hühner auf einer kleinen Briefwaage abwog und sie verteilte, wo sie nach der Gewichtsskala hingehörten. Und der hatte ein oder zwei ›Lifts‹ – das waren die Container, mit denen die Leute ihre Möbel hierher gebracht hatten – mit Resten von seinen Möbeln und mit Resten seiner Bücher. Bei ihm standen schon in seiner Wohnung die herrlichsten Pressendrucke drin, Gesamtausgaben vom Insel-Verlag, und dort im ›Lift‹ gackerten die Hühner. Und die Bücher, die zum großen Teil aus Paketen herausgefallen waren, lagen auf der Erde herum und waren teilweise von Ratten angefressen, und das waren die Luxusdrucke. Der Mann hatte die herrlichsten Sachen gesammelt, war Bibliophile. Also wir suchten unsererseits nun die Erstausgaben heraus und die Sachen, die nicht kaputt waren – da waren wirklich sehr seltene Sachen dabei für deutsche Interessen –, und kauften diese Dinge, mit denen kein Mensch mehr etwas anfangen konnte im Lande; die waren ja froh, wenn sie wieder Platz bekamen. Ich nahm sie mit und verpackte sie in meiner Buchhandlung in Pakete, denn es gab ja im Lande auch keine Abnehmer dafür. Wer hätte sich, bei dem schweren Leben, das sie führten, ich auch, noch Staubfänger in Form von Büchern hingestellt, noch dazu in den kleinen Zimmern, wo oft gar kein Platz dafür war. Und so baute ich den ›Logos‹-Bookshop, nachdem ich jetzt für die Importfirma ›Biblion‹ kein Material mehr bekam, vom Hängeboden aus als Sortiment und Antiquariat auf. Ich weiß nicht mehr, wie viele Pakete es waren, es müssen mindestens 40, 50 oder 60 Pakete gewesen sein mit seltenen Drucken. Im Lande gab es keinen Markt dafür, aber ich als Buchhändler – nein, als Mensch, der in Büchern lebte, mit Büchern sein Leben verbracht hatte, ich konnte die Sachen nicht einfach verkommen lassen. Ich überlegte nicht, ich sammelte sie einfach, für nichts; ich wußte nicht, was daraus werden würde. Und diese Sachen kamen später, nachdem ich nach dem Krieg wieder in Europa gewesen bin, durch mich auch an Amelang, auch nach Stuttgart. Auch alte Sachen, 17. und 18. Jahrhundert, es war nicht gerade viel, kam nach Stuttgart, und z.B. ein Katalog Erstausgaben von Stefan George und Rainer Maria Rilke, ein Katalog mit viel Material, kam von mir nach Frankfurt zu Amelang. Und so fütterte der israelische Antiquar Zadek den deutschen Büchermarkt. Es sind wirklich sehr viele gute Kataloge zu 90% mit diesen Seltenheiten der ehemaligen jüdischen Bibliophilen aus Deutschland gefüttert worden."53

Die von Zadek geschilderte Szene macht noch einmal bewußt, daß Vernichtung das Kennzeichen jener finsteren Epoche war. Wohl nur in Einzelfällen verhinderten glückliche Zufälle das Zugrundegehen solcher am falschen Ort gestrandeten Büchersammlungen. Und wie viele Dr. Pulvermacher, die bisher unserer Aufmerksamkeit entgangen sind, mag es gegeben haben?
Ziehen wir ein Fazit: Von den zahlreichen Sammlungen, die von jüdischen Bibliophilen in den Jahren vor 1933 mit Kenntnisreichtum und Geschmack, mit Bücherliebe und Bücherleidenschaft zusammengetragen worden waren, haben nur wenige die Zeiten unbeschadet überdauert. Die Geschichte der Vertreibung dieser Sammler ist verbunden mit der Geschichte der Zerstörung einer Buchkultur, der Geschichte von Bücherraub und Büchervernichtung, es ist aber auch eine Geschichte der Bücherrettung – in der Mehrzahl der Fälle durch Mitnahme von Sammlungen in die Emigration. Positive Wirkungseffekte ergaben sich an den Orten, an denen über die Länder der Welt verstreute Büchersammlungen zu Keimzellen neuen Sammlerinteresses oder zu Stützpunkten wissenschaftlicher Forschung geworden sind. übers Ganze gesehen handelt es sich aber doch – für die deutsche Bibliophilie, aber nicht allein für diese – um die Geschichte eines schweren Verlustes. Denn sehr wahrscheinlich gibt es welthistorisch keine andere Epoche, die so viele Millionen von Büchern auf der Flucht gesehen hat und in der eben so viele Bücher der Vernichtung preisgegeben waren.54 Vergegenwärtigen wir uns die Folgen dieses Verlustes für unser kulturelles Gedächtnis, so wird uns bewußt, daß die Erhellung dieser Vorgänge eine Forschungsaufgabe von beträchtlicher Bedeutung darstellt.


Anmerkungen

Für den Druck durchgesehener und erweiterter Vortrag, gehalten am 7. November 2000 vor dem Leipziger Bibliophilen-Abend e.V.

1 Vgl. Abraham Horodisch: Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. In: Imprimatur, N.F. V (1967), S. 131–148.

2 Vgl. Friedhilde Krause: Jüdische Bibliophile in ihrer Verbindung mit der Staatsbibliothek zu Berlin 1905 bis 1933. In: Marginalien (1992), Heft 125, S. 28–48; dies.: Der Berliner Bibliophilen Abend. Anmerkungen zu seiner Geschichte. In: Marginalien (1991), Heft 122, S. 60–71; ferner Heinz Gittig (Bearb.): Freude an Büchern. Protokolle, Dokumente, Berichte des Berliner Bibliophilen-Abends 1920–1943. Berlin 1990.

3 Julius Rodenberg nannte in seinem 1931 erstellten Verzeichnis 27 bibliophile Gesellschaften in Deutschland (Deutsche Bibliophilie in drei Jahrzehnten. Verzeichnis der Veröffentlichungen der deutschen bibliophilen Gesellschaften und der ihr gewidmeten Gaben 1898–1930. Hrsg. von der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei. Leipzig 1931).

4 Die Initiative zur Gründung einer "Koordinierungsstelle für Kulturverluste" erfolgte in Reaktion auf die Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust im Dezember 1998 und auf die dort verabschiedeten Grundsätze in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden. Vgl. dazu im Internet: www.lostart.de.

5 Fritz Homeyer: Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare. 2., erw. und verb. Aufl. Tübingen 1966. – Die Angaben Homeyers, auch die im Abschnitt VI. abgedruckten Verzeichnisse jüdischer Mitglieder von Bibliophilenvereinigungen, sind allerdings in vielerlei Hinsicht korrektur- und ergänzungsbedürftig.

6 Vgl. etwa die verdienstvollen Arbeiten von Peter Neumann: Organisatorische Gleichschaltung bibliophiler Vereine im Dritten Reich. In: Marginalien (1992), Heft 128,
S. 64–70; ders.: Hundert Jahre Gesellschaft der Bibliophilen 1899 bis 1999. Bericht und Bilanz. München 1999; ders.: Bücherfreunde unter sich. Deutsche bibliophile Vereinigungen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. In: Aus dem Antiquariat (1995), Heft 2,
S. A 41–A 51; ferner Lothar Sommer: Berliner bibliophile Vereine in der Zeit von der Jahrhundertwende bis 1945. Bedeutung und Grenzen. Ein Überblick. In: Marginalien (1987), Heft 106, S. 1–53.

7 Interview des Verf. mit dem Buchhändler Hermann Joseph Mayer am 22. Oktober 1992 in Jerusalem (Historisches Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main). Dieses und noch einige weitere Interviews konnten 1992 in Israel mit Unterstützung der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geführt werden, wofür der Kommission an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

8 Interview des Verf. mit Felix Daniel Pinczower am 21. Oktober 1992 in Jerusalem (Historisches Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main).

9 Vgl. Bernd H. Breslauer: Martin Bodmer in der Erinnerung eines Antiquars. In: Librarium (1987), S. 2–19.

10 Interview des Verf. mit Bernd H. Breslauer am 19. März 1996 in New York (Historisches Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main).

11 Theo Pinkus: Suchen und Sammeln für alle – ein Leben mit Büchern. In: Marginalien (1991), Heft 123, S. 13–19.

12 Hans-Albert Walter: Asylpraxis und Lebensbedingungen in Europa. Darmstadt, Neuwied 1972 (Deutsche Exilliteratur 1933–1950. 2), S. 243.

13 Ward B. Lewis: Kurt Pinthus. In: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2: New York. Hrsg. von John M. Spalek und Joseph Strelka. Teil 2. Bern 1989, S. 1711–1722.

14 Wandelhalle für Bücherfreunde, N.F. 31 (1989), S. 65; ebd., N.F. 32 (1990), S. 65.

15 Vgl. Bernd H. Breslauer: Fürstenberg oder … über bibliophilen Ruhm. In: Imprimatur, N.F. XI (1984), S. 121–133; hier S. 125.

16 Ebd., S. 126

17 Er vermehrte sie, etwa mit herausragenden Einbänden aller Epochen und Länder, trennte sich aber auch von größeren Teilen seiner Kollektionen durch Schenkungen, u.a. an die Pariser Bibliothèque nationale und verschiedene Einrichtungen in Deutschland, und brachte durch Verkäufe den Großteil seiner Bücherschätze wieder in Umlauf.

18 Vgl. Marginalien (1999), Heft 156, S. 101.

19 Vgl. hierzu Dieter Schiefelbein: Das Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main. Vorgeschichte und Gründung 1935–1939. Frankfurt am Main 1993 (Fritz-Bauer-Institut, Materialien Nr. 9).

20 Vgl. Dov Schidorsky: Das Schicksal jüdischer Bibliotheken im Dritten Reich. In: Bibliotheken während des Nationalsozialismus. Hrsg. von Peter Vodosek und Manfred Komorowski. Wiesbaden 1992, S. 189–222.

21 Zur Rolle des ERR und generell zum staatlich organisierten Bücherraub in der NS-Zeit vgl. Peter M. Manasse: Verschleppte Archive und Bibliotheken. Die Tätigkeiten des Einsatzstabes Rosenberg während des Zweiten Weltkrieges. St. Ingbert 1997.

22 Es handelte sich um Bestände von jüdischen Gemeinden und Bibliotheken in den seit 1939 von deutschen Truppen besetzten Gebieten, aber auch aus Privatsammlungen, etwa der Pariser Rothschilds. Es waren sehr wahrscheinlich auch zurückgelassene Sammlungen von aus Deutschland geflüchteten jüdischen Emigranten darunter (vgl. ebd.,
S. 216).

23 Gabriele Steinmacher: Jüdische Bibliotheken unter dem Nationalsozialismus. Bücherdiebstahl während des Zweiten Weltkriegs. In: Myosotis. Zeitschrift für Buchwesen, N.F. I (1998), S. 3–11; hier S. 9.

24 Zitate aus dem Erlaß nach ebd., S. 10.

25 Bericht über die Beschlagnahmung und Behandlung der früheren jüdischen Bibliotheksbestände durch die Stapo-Dienststellen in den Jahren 1943–45. (Verf. Ernst Grumach); entstanden 1945 (?), gerichtet an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. (Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes, Jerusalem, P 3/2060). Zit. nach Schidorski (wie Anm. 20), S. 196f. Grumach war seit 1941 Leiter des Arbeitskommandos, das aus 24 jüdischen Wissenschaftlern bestand, die zur Mitarbeit im Amt VII im Reichssicherheitshauptamt zwangsverpflichtet worden waren.

26 Hans-Gerd Happel: Das wissenschaftliche Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Unter besonderer Berücksichtigung der Universitätsbibliotheken. München u.a. 1989,
S. 73. Happel gibt in diesem Zusammenhang zahlreiche Beispiele, unter anderem Hinweise auf die Übernahme von 11500 Bänden aus jüdischem Privatbesitz allein durch die Universitätsbibliothek Freiburg oder auf das Verhalten des Generaldirektors der Österreichischen Nationalbibliothek Paul Heigl, der zielstrebig versucht habe, jüdischen Bibliotheksbesitz für die Nationalbibliothek zu erwerben (ebd., S. 73, weitere Beispiele
S. 148, Anm. 80).

27 Zu der Vorgangsweise der NS-Behörden in Österreich nach dem "Anschluß" 1938 vgl. Otto Seifert: Bücherverwertungsstelle Wien I, Dorotheergasse 12. In: Jahrbuch 1998 des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Wien 1998, S. 88–94. – Neben der systematischen Ausschaltung und Plünderung von Buchhandlungen, Verlagen und Leihbüchereien in jüdischem Besitz (offenbar sind mehr als 2 Millionen Bücher beschlagnahmt und großenteils makuliert, teilweise auch gewinnbringend verwertet worden) erfolgte auch und gerade in Österreich Kunstraub aus Privatbibliotheken in großem Stil. Die "Bücherverwertungsstelle" in Wien hat mit wertvollen Drucken und bibliophilen Ausgaben (etwa aus dem Besitz des Verlegers Gottfried Bermann Fischer) unter anderem die Deutsche Bücherei Leipzig beliefert (vgl. S. 93f.). – Für das Frühjahr 2002 ist zu den Vorgängen im annektierten Österreich das Erscheinen einer Überblicksdarstellung im Wiener Czernin-Verlag angekündigt (Evelyn Adunka: Der Raub der Bücher. Über Verschwinden und Vernichtung von Bibliotheken in der NS-Zeit und ihre Restitution nach 1938). Für die Hinweise auf Seifert bin ich Murray G. Hall (Wien) zu Dank verpflichtet.

28 Dem Zweck der Rückerstattung diente auch eine 1947–1952 bestehende "Commission on Jewish Cultural Reconstruction", die eine Tentative List of Jewish Cultural Treasures in Axis-Occupied Countries mit Angaben zu den wichtigsten vor dem Krieg bestehenden jüdischen Buchbeständen erarbeitete; an der zugehörigen Bücherkommission führend beteiligt waren u.a. Hannah Arendt und Gerschom Scholem. Die Tentative List war Grundlage für die Identifizierung und Rückgabe von geraubten Bücherbeständen an die rechtmäßigen Besitzer oder Erben. Der Umfang des in Offenbach in einem Gebäude der I.G. Farben zusammengeführten Bücherraubgutes war jedenfalls beträchtlich: "Bis 1946 kamen hier zwei bis drei Millionen Bände zusammen: Rund sechshundert Sammlungen aus Deutschland, fünfzig aus Österreich, fünfzehn aus der Tschechoslowakei, vierhundert Sammlungen aus Polen und aus anderen Ländern."
(Steinmacher [wie Anm. 23], S. 10f.)

29 Vgl. My Thirty Year’s War Against The Nazis. In: Our Age (New York), Vol. 5, No. 7, Jan 5, 1964, S. 4f. (Gefunden im Archiv des Leo Baeck Institute, New York).

30 Vgl. Jim G. Tobias: Keine Einsicht in Nazi-Akten. Verwertung jüdischen Eigentums bleibt Steuergeheimnis. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 164 vom 20.7.1999, S. 36.

31 Vgl. Roland Jaeger: He just wanted the books: Lion Feuchtwanger als Büchersammler. In: Aus dem Antiquariat (1998), Heft 5, S. A 330–A 341; ferner Dieter Fechner: Die Bibliotheken Lion Feuchtwangers. In: Marginalien (1984), Heft 95, S. 23–28.

32 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt am Main 1981, S. 403f.

33 Vgl. Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Frankfurt am Main 1998, S. 182–185.

34 Georg Stefan Troller: Meine Sammlung. In: Aus dem Antiquariat (2000), Heft 5, S. A 313–A 316.

35 Walter (wie Anm. 12), S. 243.

36 Ebd.

37 Pinkus (wie Anm. 11), S. 14.

38 H.Z. Meyer: Als Deutscher Antiquar in Jerusalem. In: Aus dem Antiquariat (1972), S. A 218–A 220; hier S. A 221.

39 Aus dem Interview des Verf. mit Walter Zadek, geführt am 20. und 23. Oktober 1992 in Holon/Israel (Historisches Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main).

40 Als ein Beispiel kann die in Tel Aviv errichtete Leihbücherei des aus Danzig emigrierten Rechtsanwalts Erwin Lichtenstein dienen (Interview des Verf. mit Erwin Lichtenstein, geführt am 20. Oktober 1992 in Kfar Shmajarhu/Israel; Historisches Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main).

41 Charmian Brinson, Marian Malet: The House at 3 Regent Square. In: "England? Aber wo liegt es?" Deutsche und österreichische Emigranten in Großbritannien 1933–1945. Hrsg. von Ch. Brinson u.a. München 1996, S. 99–110.

42 Joseph Suschitzky: 21 Jahre Libris (London). Ltd. Etwas vom Buchhandel in England und sehr viel Persönliches. (Masch.). London 1966, S. 6.

43 Vgl. etwa Alec Hyatt King: Paul Hirsch and his Music Library. In: British Library Journal 7 (1981), S. 1–11.

44 Dieter Wuttke: Die Emigration der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg. In: Aby Warburg. Internationales Symposium Hamburg 1990, S. 141–163; hier S. 151.

45 Ebd., S. 163.

46 Vgl. Silke Schaeper: Bibliophilie als kultureller Auftrag. Die Geschichte der Schocken Bibliothek bis 1939. In: Der Schocken Verlag/Berlin. Jüdische Selbstbehauptung in Deutschland 1931–1938. Essayband zur Ausstellung "Dem suchenden Leser unserer Tage" der Nationalbibliothek Luxemburg. Hrsg. von Saskia Schreuder und Claude Weber. Berlin 1994, S. 347–357.

47 Ebd., S. 252

48 Vgl. dazu Volker Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich. München1993, S. 229–235.

49 Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang Schatzkis Handbibliothek, die nach jener von Martin Breslauer zu den bedeutendsten ihrer Art in diesem Jahrhundert gezählt werden durfte. Die Handbibliothek wurde nach dem Tode Schatzkis versteigert.

50 Theodor Brüggemann: Walter Benjamin und andere Kinderbuchsammler. In: Walter Benjamin und die Kinderliteratur. Aspekte der Kinderkultur in den zwanziger Jahren. Weinheim, München 1988, S. 68–92; hier S. 89.

51 Ebd., S. 90.

52 Blake Lee Spahr: The Legacy of Curt Faber du Faur to the United States. In: Colloquia Germanica 25 (1992), S. 195–209.

53 Wie Anm. 39.

54 Bezogen auf ganz Europa belaufen sich die Berechnungen zu den in der NS-Zeit vernichteten Büchern auf bis zu 100 Millionen. Vgl. The Holocaust and the Book. Destruction and Preservation. Hrsg. von Jonathan Rose. Amherst 2001, S. 1 (Einleitung des Herausgebers).

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