Bernd H. Breslauer
Glanz und Elend der Antiquare (1980)

Ein Vortrag

Aus: Imprimatur N.F. IX (1980), S. 159-169.

Als mir Hanns Theo Schmitz-Otto den Titel Glanz und Elend der Antiquare für eine Plauderei vor der Bibliophilen-Gesellschaft in Köln vorschlug, akzeptierte ich ihn erst einmal mit Freude, da er mir die Möglichkeit verschiedener thematischer Variationen zu bieten schien. Dann aber stutzte ich und fing an, ihn leicht mißtrauisch zu überprüfen, wie man etwa mit der Zunge einen Zahn befühlt, mit dem man gerade auf etwas Hartes gebissen hat. Denn wie auch Ihnen wurde mir sofort bewußt, daß es sich hier um die Abwandlung des Titels jenes berühmten Romans von Balzac handelte, der zusammen mit den Illusions Perdues man könnte sagen das Kernstück des gewaltigen Roman-Sammelsuriums der Comedie Humaine bildet, nämlich den Splendeurs et Miseres des Courtisanes. Verbarg sich hinter diesem Vorschlag vielleicht ein klein wenig Ironie, indem hier ganz leise auf moralische Käuflich- und Verkäuflichkeit angespielt und Antiquare andeutungsweise Kurtisanen gleichgestellt wurden? Wer den zarten Humor unseres Freundes kennt, könnte es ihm zutrauen. Ich erwog deshalb vorübergehend, die Adaption eines anderen berühmten Romantitels eines Zeitgenossen Balzacs vorzuschlagen, Alfred de Vignys Servitude et Grandeur Militaires – also: »Knechtschaft und Größe der Antiquare«. Das erschien mir aber doch den Mund etwas zu voll zu nehmen. Außerdem fiel mir ein, daß es bei Balzac eigentlich immer die von der Gesellschaft Ausgestoßenen, wie die Courtisane Esther, ja die Verbrecher wie Vautrin seien, die, im Gegensatz zu den sogenannten feinen Leuten, des höchsten Edelmutes und der größten Aufopferung fähig sind. Also selbst wenn Ironie gemeint war, so hatte sie doch eine vielleicht unbeabsichtigte tiefere Bedeutung. So blieb es bei Glanz und Elend.

Für den Witzbold hätte sich hier freilich sofort eine große Gelegenheit ergeben: Das Thema des Abends ließe sich nämlich mit genau einem Dutzend Worten erledigen, wenn auch bei weitem nicht erschöpfen. So könnte er sagen: »Der Glanz des Antiquars sind seine Bücher, das Elend sind seine Kunden«, und sich sofort wieder hinsetzen. Nun bin ich aber durchaus kein Schmied von witzigen Apercus und habe auch nicht die Absicht, des längeren, ich hoffe, für Sie nicht zu lange, bei meinem Thema zu verweilen. Ich drehe sogar den Spieß schnurstracks um und beginne mit der durchaus aufrichtig gemeinten captatio benevolentiae: Nicht nur die Bücher, sondern auch die Kunden – jedenfalls die meisten – machen den Glanz des Antiquars aus. Sein Glanz und sein Elend sind nicht nur in seinen kommerziellen Beziehungen begründet, sondern in dem äußerst subtilen Verhältnis zu seiner Ware, einem sehr ungewöhnlichen, wenn nicht einmaligen Handelsartikel. Wir alle wissen hier, was ein Antiquar ist, obschon man gelegentlich feststellt, daß selbst sozusagen Gebildete ihn auch heute noch mit dem Antiquitätenhändler verwechseln. Sein Handel, in erster Linie mit alten Büchern, gedruckten und geschriebenen, hat sich erst ganz allmählich von dem mit Neuerscheinungen und noch erhältlichen Verlagswerken abgesondert, dem Gebiet des Sortimenters, der wiederum seine Trennung von Drucker und Verleger erst allmählich vollzog. Dort, wo sich auch heutzutage ein Antiquariat und ein Sortiment unter dem gleichen Firmendach befinden, sind diese streng voneinander abgegrenzt. Man braucht zum Beispiel nur einen Blick auf den überaus umfangreichen Katalog der Buchhandlung Daniel Elzeviers, die seinem großen Verlagshaus angegliedert war, zu werfen, den Catalogus librorum qui in Bibliopolio Danielis Elsevirii venales extant, Amsterdam 1674: unter den 20.000 Titeln werden dort neben den eigenen Verlagswerken Neuerscheinungen aus aller Herren Länder angeboten, aber auch viele andere Bücher, die bereits hundert Jahre und älter waren, deren Verleger schon lange nicht mehr existierten, und die man heute als antiquarisch bezeichnen würde. Es liegt nicht im Rahmen der heutigen Plauderei, einen Abriß der Geschichte des Antiquariats zu geben, es genügt festzustellen, daß der ausschließliche Handel mit vergriffenen oder alten Büchern, geschweige denn bibliophilen Kostbarkeiten, verhältnismäßig jungen Datums ist. Noch vor genau 45 Jahren, im 1935 erschienenen ersten Band des Lexikons des Gesamten Buchwesens, schloß der Leipziger Professor Gerhard Menz in seine Definition des Antiquariats nicht nur den Handel mit gebrauchten Büchern und Auflageresten, sondern auch den – ich zitiere – »Vertrieb von Neuerscheinungen namentlich wissenschaftlicher Literatur größeren Umfangs oder schwereren Charakters« mit ein. Immerhin ist die Ahnenreihe des vorwiegend bibliophilen Antiquariats – nur über dieses bin ich einigermaßen befugt zu sprechen – doch nicht ganz unbeträchtlich: Sie geht vorwiegend auf die französischen und englischen Antiquare des 18. Jahrhunderts zurück. Aber betrachten wir noch einmal die Definition des guten Professors, denn sie ist für ihre Zeit zutreffend und aufschlußreich. Da heißt es im Anschluß an die Neuerscheinungen »schwereren Charakters«: »Im Mittelpunkt steht der Ein- und Verkauf von kostbaren und seltenen Erzeugnissen, insbesondere der älteren Buchdruckerkunst (Inkunabeln). Eine besondere Rolle spielen auch alte Handschriften, Autographen, Holzschnitte, Kupferstiche usw. Das Antiquariat in diesem Sinne hat internationale Bedeutung und erfaßt die Werke aller Zeiten und Sprachen, wobei der Wert von der Seltenheit der verschiedenen Ausgaben, von der Beschaffenheit, Erhaltung, Einbandart, früheren Besitz vermerken usw. des einzelnen Stückes und von der Nachfrage abhängt. Besonderes Interesse finden Erstausgaben, Zeitschriftenserien und dergleichen.« Wir horchen auf: War das eine Speisekarte oder ein Wunschzettel? Gab es vor kaum 50 Jahren, also in der Jugend noch mancher heute rüstig Überlebender, Antiquariate, die das alles unter einem Dach beherbergten? In der Tat: Das gab es! Nicht nur die großen, weltberühmten Antiquariate in Berlin, Frankfurt, Leipzig, München, in London und Paris, in Zürich, Mailand und Florenz, in Brüssel, Amsterdam und Den Haag besaßen solche allumfassenden Lager, buchstäblich Dutzende von kleineren Etablissements in den Provinzstädten Europas hatten gedrängt volle Regale von Büchern auf den verschiedensten Gebieten. Hinzu kamen Versteigerungen, wie sie vor allem in London und Paris fast täglich stattfanden, und auf denen, besonders den kleineren, wirklich interessante und schöne Bücher in ganzen Bündeln, in lots, ausgeboten wurden. Im gleichen Jahr, in dem der Band mit dem Menzschen Artikel erschien, trat ich in das Geschäft meines Vaters ein. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern: Es waren schwere, es waren furchtbare Zeiten. Der Markt war überschwemmt vom Besitz derer, die wirtschaftliche Not oder politische Verfolgung dazu zwang, à tout prix zu verkaufen. Bücher erbrachten mit Not und Mühe Preise, die für die heutigen Verhältnisse so lächerlich niedrig erscheinen, daß man sich an Hand von Katalogen und Versteigerungsergebnissen der Zeit davon überzeugen muß, daß das Gedächtnis nicht verzerrt, sondern noch ganz gut funktioniert. Ich greife nur ein Ihnen sicher besonders naheliegendes Beispiel heraus, das die damalige Lage kennzeichnet: Im Jahre 1935 bot das Berliner Antiquariat Agnes Straub, das übrigens den Ruf hatte, teuer zu sein, in seinem umfangreichen, mehrteiligen Katalog deutscher Originalausgaben ein schönes Exemplar der Erstausgabe von Hölderlins Gedichten, 1826, im rückenvergoldeten Pappband der Zeit für 85 Mark an. Vor wenigen Wochen sah ich ein gleichwertiges Exemplar zum Preis von 15000 Mark angezeigt. Wenn man mir vielleicht entgegenhält, dies sei kein treffendes Beispiel, da deutsche Literatur auch in guten Zeiten und bis weit in die Nachkriegszeit hinein unterbewertet war, so empfehle ich, die Versteigerungskataloge jener Jahre in die Hand zu nehmen, seien es die von Büchern aus der Oettingen-Wallersteinschcn Bibliothek, der Sammlung Mortimer Schiff, die in London versteigert wurde, und tutti quanti: auch Kostbarkeiten früherer Jahrhunderte brachten Bruchteile ihres heutigen Wertes. Freilich die, denen damals selbst beschränkte Mittel zur Verfügung standen – und es gibt ja immer Glückliche, die dank besonderer Umstände von Krisen nicht oder kaum betroffen werden oder sogar in ihnen florieren –, die konnten die herrlichsten Erwerbungen machen; darunter gab es selbst einige Antiquare. Aber für die allermeisten von ihnen bedeutete das Überangebot ein wahres Elend.

Nun, die Bücherflut der Vorkriegsjahre ist auf immer versiegt, zum Teil vom Kriege vernichtet, zum vielleicht größeren Teil in öffentliche Sammlungen abgeflossen. Damit sind wir schon bei einem Hauptelend des heutigen Antiquars angekommen: Es gibt nicht mehr genug Bücher! Es ist einfach nicht mehr möglich, ein Lager zu unterhalten, das Bedeutendes auf mehr als ein paar Spezialgebieten enthält. Man könnte beinahe die Maxime aufstellen, daß es in schlechten Zeiten Bücher aber keine Kunden, in guten wohl Kunden aber keine Bücher gibt. Demnach müßten die Antiquare heute alle Hunger leiden. Dem ist aber, gottlob, nicht ganz so. Es gab und gibt eine Rettung: Spezialisierung. In der Tat haben Antiquare aus der Not eine Tugend gemacht und sich immer mehr auf einzelne Gebiete konzentriert. Diese Spezialisierung schreitet fort: In fruchtbarer Wechselbeziehung mit Sammlern und Bibliothekaren entdecken sie immer neue Sammelthemen, sei es das siebzehnte Jahrhundert in den verschiedenen Kulturländern, die zum Teil mit Unrecht sogenannte Trivialliteratur des achtzehnten, überhaupt die früher weniger beachteten kleineren Großen des europäischen Schrifttums, darunter freilich auch manche, die man besser im Grab der Vergessenheit ruhen ließe und nicht mit nekromantischen Beschwörungen aufzuerweckcn trachten sollte, sodann die Literatur der faszinierenden zwanziger Jahre. Jetzt kommen, besonders in den angelsächsischen Ländern, schon die Dreißiger an die Reihe, politische, speziell radikale Literatur, Photographie und Film, technische und wissenschaftliche Entwicklungen aller Art, Neger- und andere Minoritätenliteraturen und unzähliges mehr. Und so verwandelt sich Elend in Glanz. Aber man beobachtet doch, wie unter den heutigen Marktverhältnissen, kaum ist ein neues Feld erschlossen, das Material sich bald ratifiziert und manchmal bis ins fast Unerschwingliche verteuert. Noch einen weiteren Gewinn hat die Spezialisierung gebracht: Man braucht nur heutige Antiquariatskataloge mit dem Gros früherer Zeiten zu vergleichen, um festzustellen, wieviel besser, das heißt exakter und wissenschaftlicher, die Beschreibungen im Durchschnitt geworden sind, mit welcher Selbstverständlichkeit das immer ansteigende Volumen von Spezialbibliographien und –untersuchungen und selbst eigene Entdeckungen darin verarbeitet werden. Das war einmal das Reservat einer hauchdünnen Antiquariats-Oberschicht – wenn Sie mir diesen elitistischen Ausdruck verzeihen. Übrigens kann das auch zu Übertreibungen führen: Dann ist es nicht mehr der Käufer, der die Angaben des Antiquars prüft, sondern der Antiquar die Kenntnisse des Käufers, wie dies der bekannte Spezialist Johnny Aufschneider bahnbrechend eingeführt hat, indem er unter echte Autographen auch einmal ein falsches mischte, sagen wir eines von Berlioz, und es in seinem Katalog als echt abbildete und beschrieb, nur um den Kenner auf die Probe zu stellen: entdeckte dieser die Wahrheit, wird ihm das Stück geschenkt, falls noch vorhanden. Diese Pionierarbeit ist denn auch von fachmännischer Seite durch eine Festschrift gekrönt worden: haben doch gerade nicht ganz authentische Autographen zumeist echte Texte.

Ich hoffe, daß das Gesagte bereits schon auf das hindeutet, worauf ich eigentlich hinauswill: Glanz und Elend des Antiquars sind nicht zwei völlig separate Phänomene, sie treten häufig zusammen auf, ergänzen sich antiphonisch oder, wenn Sie wollen, kontrapunktisch, sind Eule und Nachtigall zugleich und bewahrheiten, um noch eine letzte Binse anzuflechten, den Spruch, daß es kein Licht ohne Schatten gibt.

Ich bin mir bewußt, daß ich bisher nur von der Art von Antiquaren gesprochen habe, die auf eigenes Risiko Bücher für ihr Lager erwerben, um sie dann auf verschiedene Weise an den Mann zu bringen. Nun spielt jedoch auf dem Büchermarkt eine immer einschneidendere Rolle eine andere Gattung von Antiquaren – denn auch sie sind es vom Fachmännischen her –: die Bücherauktionatoren. Ich weiß, daß ich mich hier auf vulkanischen Boden begebe, denn zwischen diesen und jenen besteht zuweilen ein recht diffiziles Verhältnis. Es gibt Antiquare, die befürchten, daß die Versteigerer ihrem Beruf über kurz oder lang den Garaus machen werden, daß eine geschickte psychologische Propaganda und Versprechungen, die häufig durch keine Garantien gedeckt sind, die Besitzer immer mehr dazu verlocken, ihre Bücher ausschließlich auf Auktionen zu verkaufen, und daß diese somit die Hauptquelle auch für die Käufer werden. Also: das vollendete Elend. Vieles ist daran wahr – das gilt übrigens für den Kunstmarkt im allgemeinen. Es gibt tatsächlich heutzutage viele Käufer wie Verkäufer, die das Versteigerungslokal mit der Salle Privee des Kasinos von Monte Carlo verwechseln: Die Verkäufer glauben, sie könnten dort für alles stets Höchstpreise erzielen, die Käufer, sie erwürben die gleichen Stücke günstiger als beim Händler. Irgend etwas stimmt natürlich bei dieser Rechnung nicht. Derjenige Privatkäufer, der die Versteigerung noch als Händlereinkaufsquelle betrachtet, wie sie es einmal im großen Maßstab war. und glaubt, dort quasi zu Engrospreisen kaufen zu können, irrt sich gewaltig: In vielen Fällen bietet er gegen andere Sammler und Bibliotheken, die unerkannt durch Antiquare und direkte Aufträge vertreten sind, und ebenso verkauft der Einlieferer auch nicht immer an den Endabnehmer, sondern eben doch an den Händler. Nun hat es immer mächtige Auktionshäuser gegeben und immer große Sammlungen, die ausschließlich auf dem Wege der Versteigerung verwertet wurden. Ich brauche nur meine nicht unbeachtliche Sammlung von Auktionskatalogen vom 17. Jahrhundert bis in die jüngste Zeit zu betrachten, um mich dieser Tatsache zu vergewissern. Es gibt Kategorien von Büchern und Sammlungen, die sich besser auf Versteigerungen verkaufen lassen, aber viele andere, bei denen das durchaus nicht der Fall ist. Auch ist der Vorteil der Versteigerung, daß sie nämlich an Ort, Tag und Stunde gebunden ist, gleichzeitig ihre Achillesferse. Einerseits zwingt sie den Käufer, seine Entscheidungen stante pede zu treffen, häufig ohne die zu Reflexion und eingehender Untersuchung der Objekte notwendige Zeit; er muß sofort zugreifen, weiß, daß er immer nur höher bieten kann, und veranstaltet so mit sich selbst eine Versteigerung, ehe er auch nur einen Fuß ins Auktionsrevier gesetzt hat. Andererseits kann nicht jeder Interessent von jedem ausgebotenen Objekt rechtzeitig wissen oder zu dessen Versteigerung erscheinen. Dazu kommt, daß bei der Vielfalt des häufig unter Zeitdruck zu bearbeitenden Materials auch der kenntnisreichste Auktionator den wahren Wert oder die wahre Bedeutung von manchen Stücken übersieht. Erst kürzlich passierte es zum Beispiel, daß eines der epochalsten, seltensten und kostbarsten Werke der gesamten Reformationsliteratur auf einer Schweizer Versteigerung angeboten wurde; die Beschreibung im Katalog würdigte durchaus seine Bedeutung, merkwürdigerweise aber nicht, der Schätzpreis, der einen Bruchteil des wahren Wertes anzeigte. Große Aufregung unter denjenigen Spezialisten, die das erkannten; die Frage war nur: wieviel mehr? Es gab transatlantische Telephonanrufe, Angebote, das Stück zu zweit, zu dritt, zu viert zu kaufen. Ich lehnte höflich ab und entsandte meinen jugendlichen, aber über seine Jahre hinaus kenntnisreichen und erfahrenen Partner; zum Vielfachen der Schätzung erfolgte der Zuschlag an ihn. Den Konkurrenten war entweder die Phantasie, der Atem, oder beide zusammen ausgegangen; glücklicherweise ahnten sie nicht, daß wir noch weiter, viel weiter, gegangen wären. Dem ist zu entnehmen, daß ich im großen und ganzen den Versteigerungen durchaus nicht abhold bin: Auf ihnen habe ich meine spektakulärsten Ankäufe, meine gewinnbringendsten Trouvaillen gemacht, und zwar zu Preisen, wie ich sie dem privaten Besitzer nie anzubieten gewagt hätte. Ich liebe es sogar, meinen Mut und gewisse Kenntnisse, die man eben doch im Laufe der Jahre aufgegabelt hat, mit denen der Anwesenden im Auktionssaal, und weit darüber hinaus, mit dem unsichtbaren Heer der Auftraggeber zu messen. Dabei ist das Vergnügen nicht zu unterschätzen, durch vorher vereinbarte Geheimzeichen zu bieten, sich hinter Pfeilern, in Logen oder auf Baikonen zu verstecken, soweit ein vorausblickender Architekt den Auktionssaal damit ausgestattet hat, so daß einen niemand außer dem Auktionator bieten sieht – so hofft man wenigstens. Am liebsten würde ich manchmal mit falschem Bart und Perücke erscheinen, denn von Zeit zu Zeit hege ich den Argwohn – vielleicht ist es nur eine leichte Anwandlung von Verfolgungswahn –, daß es Leute gibt, die mir »nachbieten«, das heißt, die glauben, wenn der alte Breslauer seine bescheidenen Mittel auf eine Nummer setzt, so muß schon etwas daran sein, so daß man ruhig höher gehen kann. Kurzum, erfolgreiche Auktionsschlachten, ob ich sie nun auf eigene Rechnung oder für einen Auftraggeber gewinne, gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Vor nicht langer Zeit durfte ich einen der aufregendsten – wage ich es ohne Überheblichkeit zu sagen? – Triumphe meines Auktionswallens erleben. Am 7. April 1978 ersteigerte ich für die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart ein vollständiges Exemplar der Gutenberg-Bibel auf Papier für zwei Millionen Dollar. Es ist der höchste Preis, den ein Buch bisher auf einer Versteigerung erzielt hat. Ich möchte sofort hinzufügen, daß es durchaus nicht dieser Rekord war – der ja sicherlich früher oder später überholt werden wird –, sondern das Buch selbst, das mich ergriff. Denn damit hatte ich eigentlich das Ziel der Klasse erreicht – die Verwirklichung des schönsten Traums eines jeden Antiquars: Weiß er doch, daß ein wenig von dem Ruhm, von der Aureole auf ihn fallen wird, die dieses herrlichste aller Druckwerke, Symbol und Paradigma des Anbruchs einer neuen Menschheitsepoche, umstrahlt, wenn sein Name mit ihm in den Annalen des Buchhandels verbunden ist. Voilà les splendeurs ! – um in Balzacs Sprache auszubrechen. Ich bin gefragt worden, ob ich in diesem großen Augenblick sehr aufgeregt war, ob mir die Knie oder die bietende Hand zitterten, meine Stimme versagte und ähnliches mehr. Ich darf sagen, daß ich zu diesem. Zeitpunkt recht gelassen war. Aufgeregt war ich, als ich als allererster – denn ich hatte von dem bevorstehenden Ereignis früheste und noch geheime Informationen – meinen Stuttgarter Freunden, die ich seit zwanzig Jahren, häufig unter Hintansetzung eigenster Interessen, auf vielen ausländischen Versteigerungen vertreten hatte, die Mitteilung machen konnte, daß sich die Gelegenheit bot, die größte Lakune in ihrer weltberühmten Bibel-Sammlung zu füllen; ich war aufgeregt, als sich herausstellte, daß meine dringende Anregung auf fruchtbaren Boden gefallen war, ich verbrachte eine schlaflose Nacht vor der Ankunft der beiden Herren, die die Württembergische Regierung entsandt hatte, um mir ihr endgültiges Gebot persönlich zu überbringen und die Bibel formell in Augenschein zu nehmen; ich war beunruhigt, als bei der Besichtigung ein Angestellter des Versteigerungshauses anscheinend und übrigens vergeblich herauszufinden suchte, wer denn die beiden deutschsprechenden Unbekannten in meiner Begleitung seien, denn ich argwöhnte – wie gesagt habe ich nun leider einen mißtrauischen Charakter –, die Entdeckung ihrer Identität könnte sich eventuell auf die Reserve auswirken. Als sich aber in dem darauf folgenden Gespräch herausstellte, daß meine Wertvorstellungen akzeptiert worden waren, schlief ich die beiden Nächte, die bis zur Versteigerung blieben, ganz ausgezeichnet. Am Morgen selbst mußte man bereits um 10.30 Uhr die reservierten Plätze einnehmen und war so gezwungen, einer recht langweiligen ersten Bücherversteigerung beizuwohnen, ehe die Gutenberg-Bibel an die Reihe kam: eine fast unerträgliche Wartezeit. Kurz entschlossen folgte ich der Einladung eines anwesenden englischen Kollegen, die Zeit mit einem Kaffee in einem nahe gelegenen Lokal zu vertreiben; mein armer Partner mußte die reservierten Plätze hüten. Auf der Treppe begegneten wir der Frau und Tochter meines, wie ich glaubte, gefährlichsten jedoch befreundeten Rivalen. Zu meinem Schrecken lud mein Begleiter sie ein, mit uns zu kommen, da die Bibel noch lange nicht an der Reihe sei. Mit einem gewissen Galgenhumor sagte ich zur Tochter: »Eigentlich brauche ich als reiner Zuschauer gar nicht mehr zurückzugehen, da Dein Vater ja sowieso die Bibel kaufen wird«, ließ dann aber meinen Kaffee halb ausgetrunken stehen und eilte unter irgendeinem Vorwand in den Saal zurück.

Ein Heer von Journalisten und Photographen hatte sich eingestellt, Film- und Fernsehmannschaften brachten ihre Geräte in Stellung und probierten die Beleuchtung aus, so daß man bereits vor der Hauptvorstellung völlig geblendet wurde. Mein vermeintlicher Hauptrivale saß umgeben von sieben Mitgliedern seiner Familie und seines Angestellten-Stabes – war er sich seines Sieges so gewiß? Als dann kurz nach 12 Uhr die Bibel endlich ausgeboten werden sollte, war der Saal knüppelvoll von der größten Versammlung potentieller Nicht-Käufer, die mir je zu Gesicht gekommen ist. Ich hatte mir eine Strategie zurechtgelegt: so schnell wie möglich bieten, damit ja kein Zögernder zur Besinnung kommen könnte – ich dachte dabei besonders an den eben erwähnten Widersacher, der, wie sich dann herausstellte, überhaupt nicht zum Zuge kam; ich gebe zu, daß solche Strategien von bedingtem Wert sind, wenn es sich um Objekte höchster Größenordnung handelt, aber – man kann nie wissen: Selbst hier können psychologische Momente mitspielen. Der Auktionator rief die Bibel mit einer halben Million Dollar aus; sofort griff ich das Gebot auf. Ein texanischer Buchhändler, der, so hieß es später, eine Investitionsgesellschaft vertrat, sprang auf und bot dagegen – ich blieb natürlich sitzen. Bei einer Million, zweihunderttausend Dollar setzte er sich wieder. Ein anderer amerikanischer Antiquar sprang ein; er bot im Auftrage eines amerikanischen Sammlers, der inzwischen ein guter Freund meines Hauses geworden ist. Nachdem er eine Million, neunhunderttausend Dollar geboten hatte, gab auch er den Geist auf, und das Gebot von zwei Millionen blieb bei mir hängen. Mit versteckter, aber energischer Handbewegung versuchte ich den Auktionator dazu zu bewegen, rasch zuzuschlagen, aber unerträglich lange Sekunden wiederholte er: »Two' Millions, no more bid?«, bis er endlich, etwas enttäuscht, so schien es mir, den Zuschlag an mich erteilte. 27 Sekunden hatte die Versteigerung gedauert; das Resultat lag weit unter der Höchstgrenze meines Auftrages.

Wilder, für mich höchst beklemmender Applaus brach aus, als hätte ich gerade das hohe C gesungen. Fremde und Freunde umdrängten mich, als erster schüttelte mein vermeintlicher Hauptrivale mir die Hand. Mehr als ein halbes Hundert Presseleute warfen sich auf mich und hielten mir ihre Mikrofone vors Gesicht. Ich hatte eine Anwandlung von Klaustrophobie und kämpfte mich aus dem Saal; auch empfand ich die Situation in anderer Hinsicht als durchaus ungemütlich: Das Versteigerungshaus hatte über Fernsehen und Radio eine ungeheure Publizität entfesselt und alle Welt aufgefordert, die Gutenberg-Bibel vor der Versteigerung zu besichtigen. Leicht hätte man damit geistig labile oder verbrecherische Elemente anlocken können; wie, wenn ein Verrückter den Ersteigerer mit Dolch oder Schußwaffe angefallen hätte oder Kidnapper ihn zu entfuhren suchten, mit oder ohne Bibel oder die Bibel allein? Dergleichen wäre ja nicht zum ersten Mal geschehen, besonders in einer so riesigen Menschenmenge wie der im Auktionshaus. Ich gestehe, ich war froh, als die beiden Bände glücklich im Tresor der Württembergischen Landesbibliothek verstaut waren.

Die Geschichte hatte noch so manches Neben- und Nachspiel. Vergessen schon sind die Anfeindungen, die dieser staatlichen Kulturgroßtat durch politischen Opportunismus, kleinkarierte und enttäuschte Gernegroße und eine hinterrücks angestachelte Pressehetze widerfuhr; bereits jetzt gehört dieses Exemplar der Gutenberg-Bibel zu den berühmten Kulturschätzen Stuttgarts. Heute möchte ich nur mit Heine sagen – man verzeihe mir die Umdichtung eines Wortes:

Was sich an jenem Wundertag Des weitern zugetragen,
Erzähl' ich euch ein andermal
In warmen Sommertagen.

Nur noch eine kleine Geschichte fällt mir gerade ein, die ich Ihnen doch zum besten geben möchte. Ein schwer reich gewordener Bänkel- oder Pop-Sänger hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Bibel als Investition und für Publizitätszwecke zu ersteigern. Sein Finanzberater hatte von mir gehört und kam zu mir, um sich beraten zu lassen. Ich war fest entschlossen zu verhindern – denn diese plötzliche Gefahr am Horizont war nicht zu unterschätzen –, daß die Bibel solchen Zwecken diene. Innerhalb von zwanzig Minuten redete ich ihm dann das verrückte Projekt aus. Das angebotene Honorar für meine Beratung lehnte ich selbstverständlich ab. Ich glaube sagen zu dürfen, daß auch von seinem Standpunkt aus mein Rat der einzig richtige war.

Wenn ich hier vorn Glanz des Sieges – vielleicht allzu ruhmselig – gesprochen habe, so soll auch des Elends gedacht werden, das die Niederlage mit sich bringen kann. Wie oft unternimmt nicht der Antiquar weite und kostspielige Reisen, von denen er geschlagen und mit leeren Händen heimkehrt, und das geschieht immer häufiger. Ich selbst habe ganze Serien, durchgehende Pechsträhnen von Auktionen erlebt, auf denen rein gar nichts gelingen wollte, trotz aller mutig eingegangener Risiken, weil eben andere noch mutiger waren, den Wert des heißumstrittenen Objekts doch besser erkannten oder weil – sagen wir es rund heraus – zwei Roulettspieler sich zu schwindelnden Höhen hinaufgetrieben hatten. Es gehört übrigens zu den bitter-ironischen Erfahrungen des Antiquars, daß er, besitzt er zufällig ein anderes, viel billigeres Exemplar eines solchen hochgetriebenen Buches, vom Unterbieter nach der Versteigerung oft hören muß: »Danke für Ihr Angebot, aber wissen Sie, ich habe mich hinreißen lassen; jetzt möchte ich das Buch eigentlich überhaupt nicht mehr!« Ebenso gehört es zur geistigen Hygiene unseres Berufslebens, wie mein Vater das nannte, sich durch solche Niederlagen nicht verbittern zu lassen. Der Antiquar, wie der Sammler, sollte sich seiner Erfolge freuen, das nicht Gelungene schnell zu vergessen trachten und ihm nicht nachtrauern, so schwer das auch gelegentlich fallen mag, denn sonst wird er seines Lebens nicht froh. Das gleiche gilt natürlich für das, was ihm außerhalb des Versteigerungsreviers entgeht. Die englische Sprache hat für eine solche, den Seelenfrieden bewahrende Einstellung eine schöne, aber fast unübersetzbare Redensart: »To count one's blessings«. Diese Rolle des Antiquars als Versteigerungsagent, der Kommissionen für Sammler und Bibliotheken ausführt, birgt für ihn übrigens auch Gefahren: Für wenige Prozente stellt er sein ganzes Wissen zur Verfügung und begibt sich damit günstiger Erwerbungen auf eigene Rechnung. In England, wo das Versteigerungswesen besonders stark entwickelt ist, gibt es Firmen, die einen bedeutenden, wenn nicht überwiegenden Anteil ihrer Auktionskäufe auf fremde Rechnung tätigen; leicht können dann die eigenen Regale leer bleiben oder sich mit solchen Büchern füllen, die ihre Kunden erst einmal gar nicht haben wollten. Auch das ist einer der Gründe, weshalb viele Antiquare die Versteigerungen heutzutage fürchten.

Ich möchte jetzt doch noch naher auf das Verhältnis zwischen Antiquar und Sammler und dessen uneigennützigster Variante, dem Bibliothekar, eingehen, denn ohne diese gibt es ja kein Antiquariat; umgekehrt gibt es letzten Endes auch ohne die Antiquare keine Sammler, denn trotz aller Versteigerungen hängt der Sammler doch vom Antiquar, seinen Kenntnissen, seinem stets parat stehenden, über Jahre aufgebauten Speziallager, seiner Beratung und seiner steten Mitarbeit ab. Was können wir Antiquare nicht alles über Sammler erzählen, und wir erzählen es auch, freilich oft nur untereinander. Gewissen Sammlern möchte man am liebsten raten, in den Gefangenenchor im ersten Akt von »Fidelio« einzustimmen:

»Seid leise, haltet euch zurück,
Wir sind belauscht mit Ohr und Blick.«

Um – schon wieder – von meinen eigenen Erfahrungen zu sprechen: Wieviel menschlich Liebenswertes und Bewunderungswürdiges, aber auch Befremdendes, Komisches, ja Groteskes habe ich nicht in den über 40 Jahren meiner Antiquarexistenz erlebt! Ich will Sie nicht weiter zu Opfern meiner autobiographischen Reminiszenzen machen – ob diese je zu Papier gebracht werden, bleibe dahingestellt –, ich stelle nur im allgemeinen fest, daß das vielgerühmte Vertrauen zwischen Antiquar und Sammler erst dann entstehen kann, wenn dieser sich nicht allein von den Kenntnissen und dem Geschmack des ändern überzeugt hat, sondern auch einen Einblick in dessen modus operandi gewinnt. Da gibt es Käufer, die es dem Antiquar verübeln, daß er überhaupt etwas an seinen Büchern verdient; wehe, wenn sie entdecken, was er für ein Buch bezahlt hat, das sie von ihm kaufen wollen! Auch der bescheidenste, vernünftigste Gewinn wird als Überforderung ausgelegt; sie sehen immer nur das eine Buch, das zum Anstoß des Ärgers geworden ist, nie den ganzen Komplex der Probleme. Ich sprach eingangs von dem sehr ungewöhnlichen, wenn nicht einmaligen Handelsartikel des Antiquars – ein Artikel, dessen Wert auf dem Konsensus historischer, literarischer, kunstgeschichtlicher und ästhetischer Fakten und Urteile beruht, und dessen Preis, von diesen natürlich stärkstem beeinflußt, von einer komplizierten Mischung häufig auf Jahre zurückgehender Präzedenzfälle, individueller Einschätzung und Beurteilung der Marktlage (Angebot! und Nachfrage!) sowie reinem Gespür abhängt.

Nach Abwägung dieser sehr labilen, um nicht zu sagen explosiven Mischung setzt der Antiquar sein Kapital ein: Aber glauben Sie es mir, er tut es oft mit Hangen und Bangen. Denn es ist sein eigenes Geld – besonders heutzutage sind es vielfach große Summen. Aus den lücklich gelungenen Verkäufen, die übrigens nicht selten mehr Überredungskunst und Diplomatie erfordern, als das Außenamt einer Großmacht in einem Monat aufwendet, – aus diesen Verkäufen muß er nicht nur Unkosten, Lebensunterhalt und – wir wollen das nicht vergessen – Steuern bestreiten, sondern auch die Ankäufe finanzieren, für die er nicht sofort einen Abnehmer findet. Denn woraus besteht denn eigentlich das Lager des Antiquars? Doch aus den Büchern, die er nicht gleich verkauft, auf denen er aus den verschiedensten unverschuldeten Gründen – manchmal auf Jahre hinaus – sitzenbleibt, bis ein neuer Sammler sie benötigt und ihren Wert erkennt. Andererseits muß der Sammler natürlich davon überzeugt sein, daß der Antiquar seine Bücherleidenschaft, seine besonders am Anfang seiner Karriere notgedrungen beschränkte Erfahrung des Marktes nicht ausnützt; sollte dies geschehen – es gibt ja in jedem Beruf schwarze Schafe –, so wird er das schnell entdecken und sie ihrem Schicksal überlassen. Aber sagen wir es hier einmal mutig, laut und vernehmlich: Viele von uns haben für unsere Kunden in den letzten Jahrzehnten Vermögen geschaffen, so sehr sind die Bücher, die wir ihnen verkauften, im Wert gestiegen – selbst die der schwarzen Schafe. Andererseits bedarf der Antiquar auch des Gefühls, daß der Sammler ihm vertraut. Ein ewig mißtrauischer Sammler, der ständig überall herumfragt, ob ein Buch auch seinen geforderten Wert hat, oder der – auch das soll vorkommen – Händler gegen Händler ausspielt, kann ein wahres Elend sein. Nun, das einmal gewonnene und über Jahre bewahrte Vertrauen des Sammlers, seine Anerkennung, sein Dank gehören in der Tat zum höchsten Glanz der Antiquare. Sie sind die Basis für viele, von Argwohn und Mißtrauen unumwölkte persönliche Freundschaften in den Annalen der Bibliophilie und des Buchhandels geworden. Ich selbst gedenke hier mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit der menschlichen Bereicherung, die mir im freundschaftlichen Verkehr mit Sammlern und Bibliothekaren von Jugend an zuteil geworden ist. Was habe ich nicht alles von ihnen im Laufe der Jahre gelernt! Überhaupt lernt man in diesem Beruf unendlich viel durch den persönlichen Kontakt und das persönliche Vorbild, und wir alle, Sammler, Wissenschaftler des Buches und Antiquare, sprechen denn auch ständig zueinander über Bücher; keiner aber weiß besser über Bücher zu reden als der Antiquar. Ehe ich abschließend vom Antiquar und seinem Verhältnis zum Buch an sich zu sprechen komme, darf ich vielleicht kurz auf das Verhältnis von Antiquar zu Antiquar eingehen, denn auch hier gibt es viel Glanz, gemischt mit Elend. Es ist ein numerisch kleiner Beruf, in dem sich die meisten kennen, und deshalb gibt es hier besonders starke Rivalitäten wie Freundschaften. Es soll Antiquare geben, die kaum je ein gutes Wort für ihre Kollegen übrig haben. Das extremste Beispiel, das mir bekannt ist, war ein jetzt verstorbener, jahrelang in Frankreich domizilierter englischer Antiquar, überragender Kenner besonders auf dem Gebiet des französischen Buchs, der aber die fatale Charakterschwäche hatte, es nicht ertragen zu können, daß auch ein anderer Buchhändler gelegentlich ein gutes Buch besaß und sogar verkaufte. Sein Mund war, wie ich glaube, Heine einmal von Madame de Stäel sagte, eine Guillotine: Kein guter Name, der dort hineingeriet, kam aus ihm ungeköpft heraus. Ein mir befreundeter amerikanischer Bibliothekar schilderte mir ein Mittagessen in New York zusammen mit ihm und dem Direktor einer dortigen weltbekannten Bibliothek: Während der ganzen Mahlzeit nahm er sich einen lach dem ändern internationalen Buchhändler vor and machte ihn schlecht – ein seinen beiden Zuhörern unerträglicher Monolog, der natürlich seinen Zweck völlig verfehlte. Ich habe aus diesem Vorkommnis die Maxime abgeleitet, daß man nie mehr als einen guten Namen auf einmal demolieren sollte. Ich glaube aber, daß es sich bei solchen Kollegen doch um Ausnahmen handelt.

Die internationalen Buchhändlerkongresse und Antiquariatsmessen der Nachkriegsjahre haben auch viel zum gegenseitigen Verständnis, zur Kollegialität und zur Freundschaft unter den Antiquaren, besonders den jüngeren, beigetragen. Im großen und ganzen ist das Verhältnis zwischen den Kollegen, wenn man sich nicht zufällig allzusehr in die Quere kommt, ein äußerst erfreuliches. Man besucht sich, macht untereinander Geschäfte, die häufig deshalb besonders angenehm sind, weil der Antiquar, offengestanden, zuweilen besser weiß, was er will, als der Sammler, tauscht Erfahrungen aus und bewirtet sich gegenseitig. Ich habe wenig Einblick in die Gepflogenheiten anderer Berufe, aber gastfreiere als den der Antiquare kann ich mir kaum vorstellen. Ich selbst erfreue mich vieler Freundschaften unter den besten Antiquaren in aller Welt und verdanke ihnen viele Kenntnisse und Anregungen, ja einige, von meinem Vater abgesehen, gehörten zu meinen Lehrmeistern. Auch gewisse Feindschaften habe ich mir zugezogen, auf die ich aber geradezu stolz bin, wenn ich mir diese trüben Gesellen betrachte. Der Antiquar und das Buch – das Buch als Objekt seiner Leidenschaften und seines Stolzes, weit über das unmittelbar Kommerzielle hinaus: da haben wir ein faszinierendes, ein tiefgründiges psychologisches Phänomen. Ich kenne Buchhändler, die viel leidenschaftlicher um ein Buch kämpfen als so manche Sammler, die es einfach haben müssen coûte que coûte, obwohl sie von vornherein wissen, daß auch im schlimmsten Fall, nämlich wenn sie zuviel dafür bezahle haben und es vorerst nicht absetzen können, es ihnen nur auf beschränkte Zeit gehören wird, die einem entgangenen Ankauf noch Jahre später nachtrauern, wenngleich er in der Zwischenzeit schon längst in andere Hände übergegangen wäre, die von Stolz erfüllt sind auf dieses oder jene große Stück, das sie einmal besaßen, und auf das sie immer wieder zu sprechen kommen:

Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Was bleibt uns denn von all dem Glanz der Bücher, die uns durch die Hände gegangen sind? Nichts als die Erinnerung und das Wissen, gewiß oft der Quell großer Genugtuung, daß sie sich jetzt in der einen oder anderen großen Bibliothek befinden, die wir vielleicht einmal besuchen, um mit ihnen kurz Wiedersehen zu feiern; in einigen Fallen haben wir auch das Glück, ein Buch zurückkaufen zu können, nur um den gleichen Prozeß von neuem zu beginnen. Aber noch etwas bleibt; unsere Kataloge! Sie sind die einzigen bleibenden Zeugen unseres Wirkens und Wissens, und deshalb trachten viele von uns, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten, sie möglichst interessant und wissenschaftlich zu gestalten und reich zu bebildern. Der höchste Ruhm eines Antiquars ist es, der Autor eines Kataloges zu sein, der über seinen unmittelbaren händlerischen Zweck hinaus vielleicht Generationen von Sammlern und Forschern als wissenschaftliches Hilfsmittel, als Nachschlagewerk dient; wir alle besitzen in unseren Bibliotheken solche Buchhändlerkataloge. »Unsterblichkeit durch Kataloge!« ist die Devise, mit der ich, halb im Scherz und halb im Ernst, diese wohl positivste, man könnte fast sagen, schöpferische Tätigkeit des Antiquars apostrophiere. Wir wollen hier auch nicht vergessen, daß es gerade Antiquare gewesen sind, die manche der nützlichsten Bibliographien und buchwissenschaftlichen Arbeiten verfaßt haben.

Ich werde häufig gefragt, wie es Antiquare denn übers Herz bringen können, sich von ihren Büchern zu trennen; ich pflege darauf die folgende Antwort zu geben: Der Verkauf ein es jeden Objektes gestattet es uns, an seiner Stelle ein neues zu erwerben, gewiß um es wieder zu verkaufen, aber gleichzeitig können wir uns daran erfreuen, es erforschen, katalogisieren – diese wie gesagt schöpferischste Tätigkeit für viele von uns – und, stellen Sie sich das vor, gelegentlich auch lesen. So können wir uns mit einer viel größeren Anzahl von Büchern beschäftigen und vertraut machen, als es den meisten Sammlern möglich ist.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden;
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen,

wie der alte Goethe sagte, sicher ohne dabei an die Antiquare zu denken.

Ist nun der Antiquar so etwas wie ein verfehlter Sammler, ein collectionneur manqué? Auf jeden Fall – oder sagen wir vielleicht etwas vorsichtiger: Im besten Fall ist er Bibliophile. Aber so mancher von uns ist im stillen auch Sammler. Besonders in Frankreich besteht, zum mindesten seit dem 18. Jahrhundert, seit De Bure und Renouard, eine große Sammlertradition unter den Buchhändlern; kaum einer von ihnen, der zu Hause nicht ein mehr oder weniger großes Cabinet von Kostbarkeiten besäße, das die Kunden nie zu sehen bekommen. Das vorzüglichste Beispiel eines französischen Buchhändler-Sammlers in jüngerer Zeit war ohne Frage Edouard Rahir, 1862-1924, Inhaber des berühmten Antiquariats Morgand et Fatout, dessen sensationelle Büchersammlung in sechs Versteigerungen in den Jahren 1931 bis 1938 auf den Markt kam. Die Bezeichnung »Exemplaire Rahir« sagt dem Kundigen sofort, daß es sich um ein Exemplar höchster Qualität handelt. Außerhalb Frankreichs ist diese Tradition weniger verbreitet, aber ich kenne doch so manches leuchtende Beispiel auch in anderen Ländern. Hier möge meines unvergessenen Freundes Tammaro de Marinis gedacht sein: Seine herrliche Sammlung italienischer illustrierter Bücher, die heute von der Fondazione Cini auf der Isola di San Giorgio in Venedig bewahrt wird, wurde von ihm in einem privaten Katalog beschrieben, der zu den besten Werken über dieses Gebiet gehört. Mein Vater besaß eine Bibliothek auf dem gesamten Gebiet des Buchwesens, die nicht weniger als 21.000 Bände umfaßte. Ich bin ihm hierin, wenn auch in bescheidenerem Maße gefolgt, sammle aber auch auf mir ganz eigenen Gebieten. Viele von uns kennen einen großen Schrank in der Wohnung eines auf der ganzen Welt hochgeschätzten deutschen Antiquars; gelegentlich öffnet er ihn ein wenig – ich habe ihn nie voll geöffnet gesehen, greift schnell hinein, schließt rasch die Tür wieder und breitet vor dem so ausgezeichneten Gast ein paar Bücher von höchstem Interesse aus. Natürlich würde der Gast es nie wagen, einen Preis zu erfragen, er weiß, kein Flehen, nicht das verrückteste Angebot wäre von Nutzen; unerbittlich wandern die Bücher in den Schrank zurück. Man sieht, Antiquare können auch Sammler sein, nur ist es ratsam, die Grenzen zwischen Privatsammlung und Lager sehr genau abzustecken, sonst können sie miteinander in Idealkonkurrenz geraten, wie die Juristen das nennen.

Es sei fern von mir zu behaupten, wir seien durchweg eine Brüderschaft von Idealisten. Viele Antiquare sind sehr realistische, sehr nüchterne Geschäftsleute. Ein berühmter Bibliophile behauptete mir gegenüber einmal, ihm wären auf seinem langen Sammlerweg Antiquare begegnet, die ihre Bücher geradezu haßten. So gibt es die vielleicht apokryphe Geschichte eines Antiquars und Auktionators, der einige der vielen Rückgänge einer seiner Versteigerungen – in den bösen dreißiger Jahren – wutentbrannt aus dem Fenster schleuderte; es war dies wohl aber ein crime passionel, ein Verbrechen aus enttäuschter Liebe. Viele Bände können es ohnehin nicht gewesen sein, denn der beau reste der Bibliothek, aus der sie stammten, ist jüngst für 40 Millionen Mark verkauft worden. Ich glaube den Erzählungen über Buchhändler, die angeblich überhaupt keine Beziehung zu ihren Büchern haben und sie rein als Ware behandeln, nur genauso bedingt wie den Geschichten über Sammler, die Bücher nur als Plazierung ihres Geldes, als Spekulation erwerben. Ich brauche es Ihnen nicht zusagen: Auch – oder gerade – das kostbarste Buch sieht häufig höchst unscheinbar aus, es läßt sich nur an jeweils einer Stelle öffnen und verbirgt so vor dem Uneingeweihten seinen wahren Glanz. Ein Gemälde, ein altes Möbel, das man als Geldanlage kauft, ist viel offensichtlicher: Es hängt für alle Welt zu sehen an der Wand oder steht im Räume, man kann viel leichter damit prahlen und protzen. Ein Buch ist so empfindlich, so fragil, daß man es nur dem in die Hand geben kann, der damit umzugehen weiß. Sein Erwerb, selbst zu spekulativen Zwecken, setzt doch schon einen verfeinerten Instinkt und Geschmack voraus. Ich hege die feste Überzeugung, die sich auf manche Beobachtung stützt, daß man sich nicht auf die Dauer mit alten Büchern beschäftigen kann, ohne ihrem Einfluß zu unterliegen, von ihnen erobert und schließlich doch zu einem tieferen Verhältnis zu ihnen bekehrt zu werden.

Ich bin am Ende meiner Führung, des tour d'horizon eines Berufes, dem ich ein ganzes Leben lang gefolgt bin. Wenn ich mich selbst frage – denn das eigene Fazit deckt sich wohl mit den Erfahrungen der meisten meiner Kollegen –, ob die Hingabe an diesen Beruf, die Sorgen und Kämpfe, die endlos eingegangenen Risiken, die am Schreibtisch mit Katalogarbeiten verbrachten Nächte, der Aufwand an vitalen Kräften, den, wie die Schatten im Orkus das Blutopfer, die Vergangenheit zu ihrer Neubelebung von den ihr Dienenden erheischt, also sagen wir kurz: das Elend, von dem Glanz aufgewogen wird, den er mir ohne Frage gebracht hat, so antworte ich nach einigem Bedenken: am Ende wohl doch.

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