Martin Breslauer
Vom Buch und von der Liebe zu den Büchern (1928)

Aus: Martin Breslauer: Erinnerungen, Aufsätze, Widmungen. Mit einem Vorwort von Hans Fürstenberg. Frankfurt am Main: Gesellschaft der Bibliophilen 1966, S. 93-104.


Im vergangenen Jahre hat in Leipzig eine sehr erfolgreiche Ausstellung neuzeitlicher schwedischer Buchkunst stattgefunden, die reichste Anregungen bot. Ihr folgte alsbald, veranlaßt von deutschen Buchkünstlern, eine andere – internationale – Buchkunstausstellung, die den zahlreichen Besuchern den hohen Stand und die trefflichen Leistungen der neuzeitlichen Buchkunst offenbarte. Die Tische und Schränke in den vielen Sälen des Museums der bildenden Künste boten dem entzückten Auge selbst des verwöhnten Beurteilers eine Auswahl schön gedruckter und mit sicherem Geschmack gebundener Bücher, wie man sie in solcher Fülle selten vereint fand. Dabei handelte es sich nicht etwa nur um Bücher für Käufer mit wohlgefüllten Taschen. Vielmehr war das tägliche Gebrauchsbuch zu billigem Preise, das wohlfeile Bilderbuch, das wissenschaftliche Forschungsbuch genau so ausgiebig vertreten wie der Vorzugsdruck für den verwöhnten Büchersammler, wie die Musterdrucke auf auserwählten, handgeschöpften Papieren in Ganzlederbänden mit köstlichen Vergerbungen und Verzierungen. An dieser Ausstellung hatten sich die Buchkünstler fast der ganzen Welt beteiligt. Ohne daß wir des Selbstlobes geziehen werden dürfen, können wir aus ernsthaft-sachlicher Erwägung heraus urteilen, daß das deutsche Buchgewerbe einen guten Platz unter den Mitbewerbern einnimmt.

Daß es mit an sicherer Stelle in der Welt steht trotz der harten Jahre schweren wirtschaftlichen Niederganges und unendlicher Mühen und Kämpfe – diese Erkenntnis wird alle Beteiligten: Buchkünstler, Buchdrucker, Buchbinder, Buchverleger, Schriftzeichner und Stempelschneider, graphische Anstalten, Papierhersteller usw. nicht etwa veranlassen, sich's nunmehr in freundlicher Ruhe am Erreichten genügen zu lassen und auszuruhen. Vielmehr wird der freudige Stolz darüber sie zu weiterer Gestaltung, zu höherem Streben und fernerem Ausbau anspornen. Wissen wir doch nur allzu gut, daß der Erfolg an sich wenig bedeutet, wenn er nicht genutzt wird, wenn nicht dauernd daran gearbeitet wird, ihn aufrecht zu erhalten und zu mehren. Wir Deutschen von heute können uns die Verschwendung nicht gestatten, befriedigt zurückzublicken. Unbefriedigt müssen wir vorwärts schauen. Denn das Unbefriedigtsein – das heißt: die Kritik an der eigenen Leistung – treibt den schöpferischen Geist, kräftig weiter zu wirken, zu bessern, fortzuschreiten. Die Losung, der Deutschland im letzten Jahrzehnt gefolgt ist, hieß: Arbeiten und nicht verzweifeln. Auch fernerhin wird dies die deutsche Losung sein müssen.

Wir haben von den schönen Büchern gesprochen, die wir der heimischen Buchkunst danken. Wie kommt es nun, daß trotz alledem die Verfasser der Bücher, angefangen mit den ersten Schriftstellern, daß Buchverleger und Buchhändler über den allzu geringen Absatz der Bücher klagen, daß sie keine Früchte ernten, die ihren Mühen und Leistungen entsprechen, ja, daß ein guter Teil von ihnen aufs schwerste in seinem Bestehen bedroht ist? Die Frage ist ernst, sie bedarf aufmerksamster Erwägung, denn – sehen wir einmal sogar von den geistigen Beziehungen ab, von der Frage des Wissens und der allgemeinen Volksbildung, mit denen sie eng zusammenhängt, so bleibt die rein wirtschaftliche Frage, an der überaus große Teile unseres Volkes Anteil haben. Angefangen von dem Zeichner, der die Drucktype entwirft, von dem Hersteller der Druckfarben über die Schriftgießereien, Stempelschneider, Papierfabriken, Druckmaschinenhersteller, den Drucker, die graphischen Anstalten, den Buchbinder, bis zum Buchkünstler, zum Schriftsteller und seinen Helfern, den Verlegern und Buchhändlern, hängen Millionen Menschen, sei es als Arbeitgeber oder Arbeitnehmer in ihren Einkünften und Lebensbedingungen von dem Absatz des Buches ab.

»Es wird zu wenig gelesen«, lautet der Ruf der Beteiligten und dieser Ruf ist leider nur allzu berechtigt.

Das letzte Jahrzehnt hat viele Werte in ungeahnter Weise umgewertet. Der Geist von Weimar, der um die Wende des 18. Jahrhunderts dazu beitrug, in seinen großen Auswirkungen und weiten Ausstrahlungen deutsche Literatur und Wissenschaft durch vielbegehrte Bücher in alle Welt zu tragen, hat sich in den letzten Jahren nicht so erneuert und fortgesetzt, wie es geboten war. Woran liegt das? Wir fragen nicht: wer trägt die Schuld. Die Schuld trägt vielleicht keiner, wenigstens nicht bewußt. Vielleicht sind es die Zeitumstände, die stärker als Menschenwille Einfluß auf diese Entwicklung haben. Wonach wir zu trachten haben, ist: Wie können wir diese Dinge ändern, die beklagenswert sind, die der geistigen Entfaltung des deutschen Volkes entgegenstehen und die einen Abstieg gegen früher bedeuten?

Vier Jahre schwerer Kriegführung, neun Jahre härtester Entbehrungen und Leiden haben unser Volk seelisch und körperlich derartig erschüttert, daß es – nachdem diese schwersten Zeiten einmal vorüber waren – mit dem natürlichen Empfinden, das dem Volksganzen innewohnt, die nötigen Heilmittel suchte. Den in ihrer Not Suchenden entstanden die rechten und verantwortungsbewußten Führer, und ihr Feldgeschrei lautete: Körperliche Ertüchtigung durch Sport jeder Art! Sie verhieß, was uns vor allen Dingen frommte: den gesunden Geist im gesunden Körper. Mit Recht hat man den Sport den Arzt am Krankenbett des deutschen Volkes genannt. Wie jede neue und bedeutungsvolle Bewegung griff sie mit starkem Antrieb über das Ziel hinaus. Was dem Volkswohl dienen sollte, fing fast an zu herrschen. Diese Bestrebungen, aus klugen Anschauungen geboren, erklärlich aus der gewaltsam zurückgedrängten und von Fremden gemeisterten Kraft, mußten nach aller menschlichen Erfahrung diesen Weg gehen. Mußten auch dazu führen, daß das Geistige über Gebühr ins Hintertreffen geriet, ja vernachlässigt wurde. Überdies zogen andere, langentbehrte Vergnügungen und Betätigungen von der Beschaulichkeit des Lebens und von der Erbauung durch das Lesen ab. Diese Dinge sind zu bekannt, als daß hier näher darauf eingegangen zu werden brauchte. Worauf wir aber zu achten haben, ist, daß die geistigen Notwendigkeiten nicht hinter den körperlichen zurückbleiben. Beide gehören zusammen. Immer noch galt es und wird es gelten: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Kunst, Literatur und Buch müssen wieder stärker zur Geltung kommen. Die wundervolle Eigenart der Deutschen, der Individualismus, das Persönliche, dem so viele Großtaten und Fortschritte in allen Kreisen und auf vielen Gebieten zu danken sind, leidet sonst Gefahr, sich abzuspalten, von der Typisierung erdrückt zu werden und durch sie zu versinken. Hiergegen kann am ehesten das Buch, das gedruckte Wort wirken. Nicht einmal der Vortrag, nicht einmal die beste Rede kann das geben, was das gedruckte Wort gibt. Wenn Sie, meine Zuhörer, etwas besonders schätzen von dem, was Sie hier so häufig von Rednern hören, so wird es gewiß auch später noch nachwirken. Aber – wie lange? Die Rede verrauscht, und wenn Sie selbst den Wunsch haben, einiges des Gesagten zu bewahren, weil es sich mit Ihren Anschauungen und Wünschen deckte, oder weil Sie darin Anregungen fanden, denen Sie gerne folgen möchten –, der Ton ist verflogen, und keine Möglichkeit ist da, ihn wieder einzufangen. Anders, ganz anders beim Buch. Das ist der dauernde Freund von unerschütterlicher Treue, zu dem man in heiteren wie bedrängten Stunden immer zurückkehren kann, der – hat man ihn einmal als wertvollen Berater erkannt und geprüft – in nie versagender Bereitwilligkeit und Opferfreudigkeit liebreich aufrichtet, tröstet, stärkt und erhebt. Der junge Mensch, der ins Leben tritt, und der in alle den verwirrenden Eindrücken dessen, was sich in breiter Ausdehnung ganz neu vor ihm auftut, nicht aus noch ein weiß, den Scheu und Schüchternheit, den die Empfindsamkeit der Gesinnung manchmal hindern, sich selbst den Nächsten, seien es Eltern, Lehrer, Berater, Freunde oder Genossen, zu offenbaren – in seiner Kammer kann er stille Zwiesprache mit seinen Büchern halten, sie sprechen zu ihm wie gute, liebe Freunde und geben ihm Rat. Mag das praktische Leben auch das Wesentliche sein, mag die kleinste tatsächliche Erfahrung auch über dem Buchwissen stehen, so ist das eine doch untrennbar mit dem anderen verknüpft. Das Buch, mit anderen Worten: – die Theorie – bildet die Grundlage für das Erleben, mit anderen Worten: – die Praxis. Das Buch ist die Vorbereitung für das Leben, es ist ein Führer für alle ohne Unterschied des Alters.

Wie oft hört man nicht die Bemerkung: Mein Beruf nimmt mich so sehr in Anspruch, daß ich keine Zeit zum Lesen finde, und wenn ich nach der Tagesarbeit heimkehre, dann will ich mich erholen, dann bin ich zu abgespannt, um zu lesen. Als ob Lesen nicht eine Erholung, nicht eine der schönsten Erholungen wäre! Man betrachte nur einmal die Menschen, die in der Bahn auf ihren Wegen zur Arbeit oder von der Arbeit sich in ein Buch versenken. Diese Lesefreunde finden Entspannung vom täglichen Dienst und Erholung. Sie finden Kraft und Ansporn zum neuen Schaffen, weil zwischen ihre Sorgen und ihre Arbeit ein gütiger Helfer tritt, der sie dem grauen Alltag entreißt, der zu ihren Herzen spricht als Befreier: das Buch!

Entsinnen wir uns einmal recht, wie wir als Kinder still zurückgezogen, den heißen Kopf auf die Hand gestützt, in unsere Bücher vergraben, lasen – lasen – und lasen. Da rief erst gütig mahnend die Mutter, dann ernsthafter der Vater zur Arbeit; da hieß es: kommt doch, kommt zum Essen, was dauert es denn so lange! Wißt Ihr’s noch, wie schwer es uns fiel, von dem schönen Traum uns zurückzufinden zur erdnahen Wirklichkeit, und wie alles, was die gute Mutter vorsorgend zum Essen bereitet hatte, nicht recht schmecken wollte? Wie unsere Herzen pochten, weil wir nur daran dachten, wie die Geschichte ausging, die wir gerade lasen; weil wir noch im Banne waren der Märchen der Brüder Grimm, Andersens und Bechsteins; im Banne von Robinson Crusoe, von Lederstrumpf, von Wildtöter, von Münchhausen, dem lustigen Aufschneider, von Gulliver und Don Quichotte, und wie all die phantastischen Gesellen, die abenteuerlichen Reisenden, die verwegenen Freibeuter, Pfadfinder und Seeräuber hießen? Wir folgten ihnen, ohne auf unser Essen zu achten, durch Sturm und Regen, über Länder und Meere in Eises Einsamkeit und glühende Wüsten, ins Reich der Inkas, Azteken und des Silbernen Löwen. Wir zogen mit Jules Verne um die Erde und fuhren mit ihm im Unterseeboot, lange bevor es Wirklichkeit ward. Da strahlte hell Aladins Wunderlampe, Ali Baba und die vierzig Räuber hatten’s uns angetan, und dann stolzierten Wilhelm Buschs lustige Knaben, Max und Moritz, heran. Das waren ein paar Kerle. Lümmels, die man zum Fressen lieb hatte, und denen man nacheifern mußte. Wie jubelte unser Herz bei dem Freiheitsdrang, der Vaterlandsliebe, dem Stolz und Mannesmut des Wilhelm Teil! Und plötzlich war da die Puppe Wunderhold, jenes süße Wesen mit den seelenvollen blauen Augen und den blonden Haaren auf dem verlockenden Pappdeckel.

Ja, so hießen die Bücher meiner Jugendzeit. Heute liest man zum Teil andere Bücher, andere Titel, anderen Inhalt. Denn damals kannte man keine Luftschiffe, kein Radio, kein Vergnügen des Wochenendes; keine elektrische Bahn und kein Auto war in Berlin zu sehen. So hat sich heute manches geändert. Aber nur das äußere Gewand ist ein anderes geworden. Das Innere: die Seele hat sich nicht gewandelt. Da schreiten heute ganz wie zu unserer Zeit die Kinder dank ihren Büchern aus dem engen Heim, aus der begrenzten Umgebung hinaus in die weite, weite, schone Welt, in die blühenden Gärten der Phantasie. Da fliegt ihr Sinn mit den Märchen in die Wolken, und da fliegen sie mit dem Luftschiff durch die Wirklichkeit über die Wolken. Und in den Steppen Afrikas werden sie zu Helden, durchforschen unbekannte Lande, ganz wie zu unserer Jugendzeit. Sie hissen die Fahne an einsamer unentdeckter Stelle, sie dringen zum Nordpol, zum Südpol vor, sie graben Gold, suchen Diamanten und kämpfen gegen wilde Tiere. Die großen Erfinder und die Erfolgreichen wecken ihren Ehrgeiz. Die Puppe Wunderhold – mag sie heute auch anders heißen – liegt im Bettchen und berichtet von ihren Puppenträumen . . . Nein, darin hat sich nichts geändert. Die Kinderseele weiß, was ihr frommt. Losgelöst sein von den Sorgen – das will unsere Jugend. Denn die Sorgen lasten auf ihrem Leben genau wie auf dem Leben der Erwachsenen. Bewußt oder unbewußt strebt ihr Geist nach Ablenkung, Belehrung, Erfahrung, Vorbild.

Und Du Erwachsener, Du Einsamer, Vergrämter, und Ihr Alten, Mann oder Frau, deren Leben dem Ende näher ist als dem Beginn, Du vorzeitig Gealteter, Du auf entlegener Scholle Weilender, Du Kranker und Du Greis – was war es denn, das Euch häufig erhob über die Erdenschwere, über die Sorgen des Alltags? Wohin flüchtetet Ihr oft, wenn es bleischwer auf Euch lag wie Alpdruck, daß Ihr meintet, Ihr könntet Euch nicht erheben ? Zum geschriebenen Wort, zum Buch flüchtetet Ihr, ob es Euch nun Heiterkeit, Freude oder erhebenden heiligen Ernst bot. Und da stieget Ihr auf, da schrittet Ihr empor, da warft Ihr den Felsblock, der auf Euch lag, stark zur Seite, und als wahrhaft Freie gingt Ihr mutig entgegen dem neuen Kampf, den frischen Sorgen, und Ihr ertrüget Eure Leiden mit dem Empfinden, mit dem ein freier Mensch Leiden erträgt: Es muß doch Frühling werden!

Und Ihr, die Ihr es nicht tatet? Die Ihr nicht den Weg fandet zum Buch? Was habt Ihr versäumt! Welcher Himmel ward Euch entrissen, und welche Sonne mußtet Ihr entbehren! Gewiß, es gibt auch anderes, was uns erhebt, es gibt noch andere kräftige Heilmittel. Aber wieviele sind es denn? Wenige nur sind es. Eines der stärksten aber ist und bleibt das Buch.

Kannst Du des Buches entbehren? Glaube mir, Du kannst es nicht. Nun willst Du es versuchen. Was aber lesen? Fang an mit dem, zu dem Dein Herz dich zieht. Du liebst Reisen und Abenteuergeschichten, Du liebst Erinnerungsblätter großer Männer und Frauen, Technik ist Dein Geschmack, Philosophie und Wissenschaft der Deine, Politik, das Schicksal der Armen und Bedrückten, Sozialwissenschaft, Romane, Novellen entsprechen Deiner Neigung. Poche nur an, und Dir wird aufgetan. Die Buchhändler hat der Himmel nicht allein zu ihrem eigenen Vergnügen geschaffen – ich bin einer, ich weiß es – , sie sind für das Deine erschaffen, selbst wenn sie für ihre Bücher Geld haben wollen. Aber für das Geld sollen sie auch raten, sie sollen sich für Dich mühen, wenn Du ihren Beistand forderst. Sie tun es gewiß gerne, wissen sie doch nur allzu gut, daß ihr Beruf Pflicht und Amt ist, Dienst am Volksganzen, daß nicht nur die körperliche Ertüchtigung nach solchen Zeitnöten erforderlich ist, sondern auch die geistige.

Und nun beginnst Du, Dir Bücher anzuschaffen. Du kommst zum rechten Berater. Dein empfänglicher Sinn wird rege, und Du merkst erst, wie lange Du gefastet hast. Diese Zeit des Entbehrens ist aber glücklich überwunden, und Buch an Buch, erworben in Wochen, Monaten und Jahren, reiht sich auf dem Bücherbrett. Du kannst Bücher kaufen, denn gute Bücher sind in Deutschland für einige Groschen und wenige Mark zu haben, und mit einemmal merkst Du, das Bücherbrett wird zu eng, es kommt ein zweites, ein drittes – Du zimmerst es am Ende selbst für Deine neuen Lieblinge. Du findest Ciceros Wort bestätigt: Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele. Und eines Tages stehst Du vor der Tatsache, Du kaufst Dir einen Bücherschrank. Es hat sich etwas Schreckliches ereignet! Vom Bücherlesen bist Du zum Büchersammler geworden mit all seiner Leidenschaft, mit all seiner Liebe zum Gegenstand, seiner Neigung, mit allem Glücksempfinden, mit allen Freuden und Sorgen, die jede Leidenschaft mit sich führt.

Und nun genügen Dir schon nicht mehr die einfachen Drucke und Einbände. Du hast Dich unterrichtet, Du unterscheidest die schön geschnittene Type von der gewöhnlichen, Du siehst, hier ist der Satz künstlerisch angeordnet, und dort schuf ihn lieblose Gleichgültigkeit. Du urteilst mit Kenntnis über das Papier, über die Farbe des Druckes – dieses Grau der Druckfarbe sollte schwarz sein, tiefschwarz, damit man klarer lesen kann und seine Freude daran hat – , und hier prüfst Du den Einband und seine Bearbeitung, und Deine Freunde kommen und sehen staunend Deinen neuen Besitz, ich sage: Deinen Reichtum – denn es ist einer, wenn auch vielleicht nicht zahlenmäßig, und Du erzählst ihnen von Deiner glücklichen Neigung, Deinen behaglichen Stunden, von Deinen inhaltreichen Abenden – und nun bildet Ihr eine Gemeinde, eng verbunden durch dieselben Neigungen, gleichen Wünsche und verwandtes Streben. Und plötzlich fällt Euch eines Tages ein alter Druck ins Auge, ein Buch vor Jahrhunderten hergestellt, dessen Inneres und Äußeres Euch gleich stark fesselt, und nun läßt es Euch nicht mehr los. Ihr müßt es besitzen, und mehr noch, da ist Ähnliches. Da findet Ihr die erste Ausgabe einer Schrift, die vor hundert Jahren oder vor Hunderten von Jahren die Welt aufgerüttelt hat, und wenn Ihr auch Eure neue Ausgabe liebt, Ihr müßt die alte dazu haben, in der Gestalt, wie sie einst ursprünglich erschien. Da ist ein Buch mit alten Holzschnitten und Kupfern, die das Auge erfreuen, und da findet Ihr anregende Belehrung und Förderung in vergilbten und zu Unrecht vergessenen Schriften. So tut sich eine weite Welt vor Euch auf, die Euren Lebensinhalt erweitert, verschönt und vertieft.

Mit einem Hymnus auf das gute Buch möchte ich schließen, den kein Geringerer als Gustav Freytag geschrieben hat, und der da lautet:
»Gute Bücher sind die großen Schätze des Menschengeschlechts. Das Beste, was je gedacht und erfunden wurde, bewahren sie aus einem Jahrhundert in das andere; sie verkünden, was einst auf Erden lebendig war. Hier steht, was wohl tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung geschaffen wurde, und daneben, was erst vor wenigen Jahren in die Welt wanderte. Alle Bücher, vom ältesten bis zum jüngsten, stehen in einem geheimnisvollen Zusammenhange. Denn keiner, der ein Buch geschrieben, ist durch sich selbst geworden, was er uns ist. Jeder steht auf den Schultern seiner Vorgänger. Alles, was vor ihm geschaffen wurde, hat irgendwie dazu geholfen, ihm Geist und Leben zu bilden; und was er geschaffen, hat irgendwie andere Menschen gebildet, und wieder aus deren Geist ist es in spätere übergegangen. So bildet der Inhalt Geisterreich auf Erden auf Erden. Von den vergangenen Seelen leben und nähren sich Alle, welche jetzt atmen und Neues wirken. Wer längst seinen Leib der Natur zurückgegeben, wird täglich in Tausenden aufs neue lebendig. Der Verkehr mit den großen Geistern der Vergangenheit durch ihre Bücher ist einer der edelsten Genüsse. Wir leben mit ihnen wie mit Freunden; wir bewundern und lieben sie, als wenn sie leibhaftig unter uns weilten.«

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