Allerhand aktuelle bibliophile Probleme

Aus: Die Literarische Welt 6 (1930), Nr. 12, S. 3-5.

 

I. Legen Sie Wert auf gute Ausstattung Ihrer Bücher?

EINE FRAGE AN
DICHTER UND SCHRIFTSTELLER

Thomas Mann:
Ich habe ein natürliches Vergnügen daran, wenn der Verleger meine Bücher in schmucker und gediegener Ausstattung unter die Leute bringt, finde z. B. die dreibändige Dünndruckausgabe meiner Erzählungen ganz reizend und verurteile es scharf, daß sie so wenig gekauft wird.

Jakob Wassermann:
Sie ist mir nicht gleichgültig, aber ich habe allmählich eingesehen, daß die sogenannte schöne Ausstattung der Verbreitung und allgemeinen Wirkung eines Buches hinderlich ist Banal ge­nug, aber wahr.

Julius Meier-Gräfe:
Ich ziehe natürlich nur anständigen Druck vor. Geht das nur bei hohem Preis, wodurch Auflagen ausgeschlos­sen werden, will ich lieber schlechten Druck und Holzpapier. Bei Kunstbüchern schreibt die Rücksicht auf die Abbildungen Regeln vor, die in Frank­reich sehr oft nicht respektiert, aber bei uns viel zu ernst genommen wer­den. Teuere Bücher machen den Autor arm und den Verleger nicht reich, und was das Publikum, an dem uns liegt, damit anfängt, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Gewisse Abbildungswerke, auch solche durchaus nicht spezialisierter Art, können heute nur teuer kalkuliert werden, weil die notwendigen internationalen Verlegerverbindungen fehlen.

Bruno Frank:
Ein sauberes, einfaches Glas für den Wein, mehr will der rechte Trinker nicht. Klarer, deutlicher Druck, ein Papier, das nicht häßlich wird, ein Einband, der Form halt: darüber hinaus sind meine Wünsche nie gegan­gen. Ein Buch soll als Gegenstand physisch angenehm sein, aber am besten ist's, wenn dem Leser dies physisch Angenehme gar nicht ins Bewußtsein dringt.

Karl Wolfskehl:
Wer um das Geheimnis der Verleiblichung irgend weiß, der wird sorgen und verlangen, daß seine Schöpfungen, wenn überhaupt, dann auch im sogenannten Aeußerlichen wesensgemäß zutage treten.

Theodor Däubler:
Meine Verleger legen alle besonderen Wert auf die gute Ausstattung meiner Bücher. Ich habe sie niemals daran hindern wollen, zumal ja meine Bücher sich an einen beschränkten Leserkreis wenden. Es ist aber meine Ansicht, daß man in Deutschland auf die Ausstattung der Bücher viel zu viel Wert legt. Aus vielfacher Erfahrung weiß ich, daß der deutsche Büchermarkt leider im Ausland einen schweren Stand gegen den englischen und französischen hat. Dies betrifft allerdings hauptsächlich die Lehr- und Fachliteratur.

Albrecht Schaeffer:
Ein elend ausgestattetes Buch, das zehn Studenten oder Bankbeamte lesen, weil sie es kaufen können, ist mir lieber als ein glänzend ausgestattetes, das niemand oder „Frau von Pollak“ liest. —
Da unsere Bücher tatsächlich alle schön gedruckt und ausgestattet werden, kann ich nicht sagen, daß mir das mißfiele. Aber der teure Leinen­band, von dem die Verleger behaup­ten, daß ohne ihn kein Buch gekauft würde, scheint mir ein ganz überflüssi­ger Luxus. Pappe ist gut genug für Papier.

Heinrich Eduard Jacob:
Ich lege – allerdings! – Wert darauf, daß meine Bücher schön gedruckt und ausgestattet werden. Da ich sie mit Sorgfalt geschrieben habe, wird jeder diesen Wunsch verstehen. – Das hindert aber nicht, daß ich noch einen anderen und scheinbar entgegenstehenden Wunsch habe: Die deutschen Bücher mögen billiger werden! Es möge ihnen die Ehre widerfahren – gleichwie in Frankreich und in England – zu „Gebrauchsgegenständen“ – und „Lebensmitteln“ der Nation ernannt zu werden!

Friedrich Schnack:
Auf gute Ausstattung meiner legen ich großen Wert. Jeder Autor freut sich, wenn seine Bücher in schöner Form herausgebracht werden. Einmal ziehe ich einen schönen Buch­körper aus ästhetischem Vergnügen dem ungeschickt verfertigten vor: wie mir beim Lesegenuß an fremden Büchern Form, Einband, Satz, Spiegel – die harmonische Vereinigung von Idee, Material und technischen Können – nicht unwichtig sind, so sollen sie es auch nicht dem Käufer meiner Bücher sein, und sie sind es auch nicht, wie ich den an mich gerichteten Zuschriften aus Leserkreisen entnehme. Dann lege ich noch aus Zwang auf gute Ausstattung Wert. Die Deutschen sind ja das Volk der Bücherverschenker und der Bücherschränke, was sie aber nicht hindert, viel zu gute und viel zu viel mindere Bücher in die Behälter zu stellen bzw. zu verschenken. Die Sorge um gute Buchherstellung drückt mich übrigens nicht: meine Verleger haben sie gar nicht aufkommen lassen. Ja, ich befürchte sogar, „in guter Ausstattung“ etwas verwöhnt zu sein. Durch meine fast täglichen, schon traditionell gewordenen Morgenbesuche in der Druckerei und dem Verlag Hegner bin ich überdies ein halber „Fachmann“ geworden, so daß ich selber beinahe meine Bücher in guter Ausstattung herstellen könnte — wenn ich nicht, trotz allem, vorzöge, Schriftsteller statt Verleger zu sein.


II. Hat die Bibliophilie in Deutschland eine Zukunft?

EINE FRAGE AN MEISTER DES BUCHDRUCKES UND BIBLIOPHILE

Fedor von Zobeltitz:
Schon seit längerer Zeit spricht man von einer „Krise“ in der Bibliophilie und bezieht sich dabei hauptsächlich auf verschiedene Veröffentlichungen, in denen allerhand gute Wünsche, zu­meist in bezug auf die Publikationen der bibliophilen Vereinigungen, zum Ausdruck gebracht werden. So hat u. a. der bekannte Antiquar Dr. Junck den Vorschlag gemacht, die Vereins-Druckwerke zu benutzen, die ihrer Kostspieligkeit halber von einem Ver­leger nicht herausgebracht werden können, beispielsweise die vielfach unbeachtet gebliebenen Reden, Vorträge und Schriften großer Naturforscher und Historiker. Dr. H. M. Elster wiederum wendet sich gegen die angebliche Ueberfülle von Neudrucken literarischer Seltenheiten, von Bibliographien und antiquarischen Hilfswerken und tritt für eine lebhaftere Förderung des modernen Buches ein. An sich ist nun gegen alle diese Wünsche nichts zu sagen, in gewissem Sinne selbst nichts gegen den Vortrag des Professors Kleukens, mit dem er die Mitglieder des Mainzer Bibliophilentages überraschte, indem er den Bücherfreunden vorwarf, sie täten viel zu wenig für die typographische Ausgestaltung des Buches, weil sie die Nase mehr in die Vergangenheit steckten als in die Luft der lebendigen Gegenwart. So ungefähr war es.
Die Sache liegt nun so, daß die Begründung unserer großen, der sogenannten Weimarer „Gesellschaft der Bibliophilen“ vor etwa dreißig Jahren auch zahlreiche lokale Vereinigungen als Tochtergesellschaften ins Leben rief, heute rund zwanzig. Die meisten stellten sich auf unser ursprüngliches Programm ein: auf „die Herausgabe geschmackvoll ausgestatteter Publikationen aus dem Gesamtgebiet der Bibliophilie, wie Handbücher, Bibliographien, Monographien, Neudrucke usw.“ Wenn einige dieser Lokalverbände eine gewisse Spezialität pflegen, so kann das nur erfreulich sein. (Beispiels­weise hat die 1921 begründete Gesell­schaft der Bücherfreunde in Chemnitz sich von Anbeginn an ausschließlich in den Dienst lebender Autoren gestellt und das Programm auch in mustergültiger Weise durchführen können.) Aehnlich hat eine Schwester­gesellschaft der Weimarer, die Maximilian-Gesellschaft, ihr Programm umschrieben: „den Sinn für das nach In­halt und Form gute und schöne Buch und die Wissenschaft vom Buch zu fördern.“

Die „Wissenschaft vom Buch“ ist die Bibliothekswissenschaft, sie ist untrennbar von der Bibliophilie. Von Anfang an ist die Gesellschaft der Bibliophilen und ihr Organ, die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ freilich auch für das „schöne Buch“ der Gegenwart eingetreten und hat seinerzeit wie Felix Poppenberg in seinem Werk „Buchkunst“ sich ausdrückt, „von forcierter Neuerungssucht frei, mit dem an der Kenntnis der Vergangenheit sicher geschulten Stilgefühl klärend und sichtend gewirkt“. Daneben aber muß ich eine Aeußerung des Geheimrats Dr. Ebrard von der Frankfurter Stadtbibliothek stellen darüber, was andererseits die Bibliothekswissenschaft dem Wiederaufblühen der deutschen Bibliophilie zu verdanken hat. Denn so ist es: die Gesellschaft der Bibliophilen wollte niemals ein rein literarischer, noch auch ein ausschließlich buchgewerblicher Verein sein, sondern durchaus ein bibliophiler, der in seinem Interessenkreis alle Sammlerneigungen der Bücherfreunde umschließt, ob sie sich nun auf Inkunabeln oder Weltliteratur, auf Einbandkunst und Luxusdrucke, auf sogenannte Unika oder Werke berühmter Vorbesitzer oder auf sonst irgendein Sondergebiet beziehen. Jede Liebhaberei kann schon deshalb zur Wissenschaftlichkeit führen, weil sie zwangsweise auf Quellenprüfung rückgehen muß. Der Reiz des Sam­melns liegt ja in der Entdeckerfreude – wir wissen denn auch, daß zahlreiche Bibliophilen, die nicht dem Gelehrtenstande angehörten, sondern ganz anderen Berufen angehörten, durch ihre Veröffentlichungen außerordentlich der Forschung gedient haben.

Wenn die Chemnitzer Bibliophilen sich die Pflege der „zeitgenössischen Literatur in zeitgenössischem Gewand“ zur Aufgabe gemacht haben, so respektiere ich das, zumal Albert Soergel ihr literarischer Berater ist und sie aus ihren Ueberschüssen auch noch Ehrengaben an verdiente Autoren verteilen. Ich bestreite indes, daß dies das „ideale Ziel“ und die „Hauptaufgabe“ der Bibliophilie ist und daß wir ihre Zukunft von diesen Bestrebungen abhängig machen müssen. Das hat auch die Maximilian-Gesellschaft nicht verkannt, indem sie neben der Pflege des guten und schönen Buches den Ton auf „Förderung der Wissenschaft am Buch“ legte. Ich habe gar nichts dagegen, wenn wir in unseren Veröffentlichungen einen erhöhten Wert auf die moderne Produktion legen wollen, doch nicht als Hauptziel, sondern würden wir eine Verlagsgesellschaft oder Buchgemeinschaft werden. Die Biblio­philie ist aber mehr, ist eine Vereinigung von literarischen, bibliographischen, bibliothekswissenschaftlichen und buchkünstlerischen Elementen und zieht auch noch verwandte Interessen heran, und wenn sie so bleibt und an ihren Grundprinzipien festhält, ist mir um die Zukunft nicht bange.

Versteht sich, daß auch sie unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse zu leiden hat, der manche bedeutende Sammler zwang, sich von ihren Schätzen zu trennen. Es ist ferner nicht mehr so wie vor Jahrzehnten, daß man auf dem Antiquariatsmarkt für wenig Geld noch allerhand Seltenheiten aufstöbern kann. Im Altbuchhandel ist man sehr hellsichtig geworden, er hat – und zweifellos ist das ein Mitverdienst der bibliophilen Neubelebung – einen ungeheuren Aufschwung genommen; es ist tatsächlich so, daß ein verständiger Antiquar auch Bibliophile im besten Sinn des Wortes sein muß. Aber durchblättert man die bibliographisch meist trefflich redigierten Kataloge und besucht man die Auktionen, so spürt man doch, daß noch immer ein reges Leben den Markt beherrscht. Gewisse Modeströmungen, zumal auf dem Gebiet der Luxusdrucke, die zu einer sichtlichen Verflachung führten, sind glücklich überwunden worden, die deutschen Pressen liefern uns da­für nach wie vor ihre Musterdrucke, Gesellschaftsbildungen, wie die Wiegendruck- und Gutenberg-Gesellschaft, wie die der Freunde der Deutschen Bücherei und der Preußischen Staats­bibliothek und ähnliche unterstützen unsere Interessen, die Schriftgießereien und die Vereinigungen der Einbandkünstler sind lebhaft bei der Arbeit – und wenn auch die Veröffentlichungen der bibliophilen Verbände nicht alle nach jedermanns Geschmack sind, weil man es nicht allen recht machen kann, so sind sie doch ein Beweis dafür, daß die Freude am Buch unstreitig zugenommen hat. Und die wollen wir uns auch durch Krisengerüchte und einen unangebrachten Pessimismus nicht verderben lassen.

Jakob Hegner:
Ob die Bibliophilie eine Zukunft hat? Wenn sie einen Sinn haben sollte, wird sie kraft ihres Sinnes weiterleben; wenn sie keinen Sinn hat, wird sie kraft ihrer Sinnlosigkeit nicht umzubringen sein. Also hat sie jedenfalls eine Zukunft. Zur Zeit scheint sie vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen empfehlenswert. Die schwierigen Bücher – und schwierig ist alles Ungewohnte – werden vor allem in Deutschland nicht gelesen, bestenfalls zu Geschenkzwecken gekauft. Jeder gönnt dem anderen, daß er sie lese, die wenigsten lesen sie selbst. Der Verlag muß also seine Bücher geschenkmäßig machen, d. h. so „schön“ wie möglich machen. Oder aber: Die schwierigen Bücher vertragen anfangs nur eine kleine Auflage, und der Verkaufspreis ist der Auflage notwendig angemessen. Je kleiner die Auflage, desto beträchtlicher der Verkaufspreis des einzelnen Exemplares. Um nun diesen Preis halbwegs berechtigt erscheinen zu lassen, wird der Ausgleich besonders guter Ausstattung geschaffen. Wenn ich aber die Wahl hätte, das „schönste“, wenig gelesene Geschenkbuch hohen inneren Wertes oder das dürftigste Lesebuch ebenso hohen inneren Wertes herzustellen, ich setzte meinen Ehrgeiz darein, der schlechteste Drucker der Welt zu heißen.

F.H. Ehmcke:
Bibliophilie in der Abart, wie sie sich heute bei uns darstellt, hat nach meinem Dafürhalten nichts Zukunftsvolles. Sie erschöpft sich in eigen­brötlerischer Sammelleidenschaft für „Rara und Curiosa“" und in der Spendefreudigkeit von wunderlichen Bücherkleinigkeiten in zumeist nicht einmal stilechtem Maskengewand ver­schollener Zeiten. Sie erschöpft sich in diesen Verirrungen so völlig, daß kaum mehr den Boden hergeben für eine aufs äußerste zusammengeschrumpfte Liebhaberdruckkunst. Die deutsche Bibliophilie ist nicht auf­nahmefähig für einige wenige Handpressendrucke, in denen die Ueberlieferung des „schönen Buches“ in lebendigem Zeitempfinden entsprechendere Formen weitergeführt wird. Den ganz starken, aus der Tiefe dringenden neuen Probleme, die den Stilwandel des Massenbuchs bestimmen, steht sie gänzlich verständnis- und interesselos gegenüber. So erscheint sie mir in ihrer jetzigen Verfassung zukunftslos.

Trotzdem glaube ich nicht, daß Bibliophilie im weiteren Sinne, d. h. Freude am Buch und Pflege der Buchentwicklung in Deutschland je aufhören wird. Nur wird sie sich, um sinnvoll zu sein, ganz anders einstellen müssen.

Es mag vielleicht hier eingewandt werden, daß diese Bemerkungen zu einseitig auf die äußere Form des Buches zielen und daß die höchste Aufmerksamkeit der Bibliophilie dem Geistigen, als dem wesentlichen Gehalt des Buches, gewidmet sein soll. Dem sei vorweg entgegnet, daß in den kulturellen Höhen, denen der Begriff „Bibliophilie“ sein Dasein verdankt, Inhalt und Form voneinander nicht zu trennen sind.

Ch. H. Kleukens:
Ob die Bibliophilie in Deutschland eine Zukunft hat, weiß ich nicht. In einzelnen , geistig regsamen Städten existieren allerdings bibliophile Vereinigungen, die in der Wirklichkeit leben du Hoffnungen erwecken. Auch eine ganze Reihe wertvoller Einzelpersönlichkeiten ist am Werke, eine Atmosphäre zu schaffen, in der nur das würdig gedruckte Buch gedeiht, und Klarheit zu schaffen über Geist und Ziel heutiger typographischer Buchkunst und die Pflichten des Buchfreundes. In großen und ganzen aber hat der Geist zeitgenössischer Druck­kunst wenig mit dem Geist der zeit­genössischen Bibliophilie gemein.

Die Zukunft aber und das Ansehen der deutschen Bibliophilie hängt vom Zusammenschluß jener Buchfreunde ab, die sich zum heutigen Buch bekennen, die an der Front der Menschheit wirken wollen und nicht in der Etappe.

J. Kastan:
Meines bescheidenen Dafürhaltens kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Bibliophilie in unserem Vater­lande einer festbegründeten Zukunft sicher sein kann. Zu dieser Zuversicht reichen die bestehenden organisatorischen Einrichtungen vollkommen aus. Das ist wenigstens meine feste Ueberzeugung.

Paul Knopf:
Bevor man sich mit den Zukunftsmöglichkeiten der Bibliophilie in Deutschland beschäftigt, muß man sich über den Begriff „Bibliophilie“ klar sein, der sich im Laufe der Zeiten erheblich gewandelt hat. So waren die deutschen Bücherliebhaber der vorigen Generation bis um das Jahr 1900 herum zwar Büchersammler im wahrsten Sinn des Wortes. Sie „sammelten“ Bücher, d. h. sie häuften Büchermengen an, und die schöne Frage: „Wieviel Bände haben Sie?“ stammt noch aus dieser Zeit. Die Qualität blieb fast immer Nebensache. Hier machten auch die größten deutschen Sammler keine Ausnahme. Sie akzeptierten natürlich zufällig vorkommende schöne Exemplare, konnten sich aber nicht entschließen, schlechte auszulassen. Dazu lag ja auch keine Veranlassung vor – man mußte komplett sein, und war also meilenweit von dem Schönheitsideal entfernt, das Frankreich und England seit ewigen Zeiten hatten.

Und da haben wir gleich den grundlegenden Unterschied. Die Bücherfreunde in diesen Ländern achteten von jeher auf schöne Exemplare und besaßen eine Buchkultur, die bei uns in Deutschland ganz neues Datums ist und das Werk weniger Bücherfreunde und Verleger darstellt. Das, was diese seit 30 Jahren vom neuen Buch und seiner Behandlung verlangen, galt bei unseren westlichen Nachbarn stets als Voraussetzung auch beim alten Buch. Nur das nannten und nennen sie dort Bibliophilie.

Die Grundsätze der internationalen Büchersammlungen müssen wir als unerläßliche Bedingung für jedes bibliophile Sammeln bezeichnen; nur von dieser Beschäftigung mit schönen Büchern kann man sich eine „Zukunft“ versprechen. Unsere Beziehungen zu dem Auslande sind wieder so enge geworden, daß auch jüngsten Anfängern die Wichtigkeit des ersten internationalen Paragraphen einleuchtet: Die Hände weg von schlechten Exemplaren! Derartige Bücher nur als Vergleichsobjekte, im äußersten Fall vorübergehend aufnehmen. Dadurch werden bei uns in Deutschland, darüber muß man sich klar sein, unserer wirtschaftlichen Nöte wegen bis auf weiteres leider nur kleine Büchereien möglich sein. Aber diese Bibliophilie und nur diese hat eine Zukunft, auch vom materiellen Standpunkt aus, den man ja schließlich doch nicht außer acht lassen darf. Deshalb nochmals: keine Bücheranhäufung mehr mit himmelhohen, staubigen Regalen, das ist und bleibt Privileg der reinen Wissenschaftler; sondern lieber weniger, aber gepflegte, saubere, ausgewählte Exemplare!

Die moderne Buchkunst, die den glücklichen Sammlern ihre Liebhaberei so erleichtert, daß sie unter den verschiedenen Ausgaben und Zuständen nur zu wählen brauchen, die also von ihnen zwar Qualitätsgefühl, aber keine Buchwissenschaft erfordert, wie das alte Buch, die aber auch nicht das Finderglück des forschenden Sammelns alter Bücher vermittelt – , die moderne Buchkunst wird ebenfalls die Wege der internationalen Bibliophilie namentlich in typographischer Hinsicht, wandern müssen. Und dies möglichst bald, da durch die Nöte der Kriegs- und Nachkriegszeit schon viel versäumt wurde und die Fähigkeiten unserer Buchkünstler noch viele ungehobenen Schätze verheißen. Das ist aber schließlich mehr eine wirtschaftliche Frage, die bei dem großen Interesse weiter Kreise an der modernen Buchkunst in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft zu lösen sein wird.

Große sind die Schwierigkeiten nur beim alten Buch, wo eine völlige Umstellung der Bibliophilie erfolgen muß, wenn die Sammler nicht eines Tages vor einem Trümmerhaufen stehen wollen. Die Resultate mancher Versteigerungen der letzten Jahre sind Beweis dafür, wie sich auch bei uns die ansichten über bibliophile Werte geändert haben.


III. Die Zukunft des bibliophilen Antiquariats

EINE FRAGE AN FACHMÄNNER

Max Niderlechner:
Die Zukunft des deutschen Antiquariats liegt nicht in Deutschland, sondern auf dem Weltmarkt. Nach den schweren Jahren der Kriegsisolierung konnten langsam die internationalen Verbindungen mit den Kunden und den Kollegen wieder aufgenommen werden. Die schon immer sehr schwierige Pflege der äußerst wählerischen und bestens unterrichteten großen Sammler und Bibliotheken des Auslandes war schon vor dem Krieg eine Arbeit nur weniger kenntnisreicher Antiquare, sie es auch heute noch und wird es künftig sein. Da aber aus Deutschland die am besten (manchmal sogar zu gut) bearbeiteten Antiquariatskataloge kommen und für Seltenheiten die Aufspürfähigkeit des deutschen Antiquariats dank der guten Buchhandelsorganisation befriedigend ist, steht der deutsche Antiquar auf dem Weltmarkt wohl wieder mit dem Engländer an der Spitze.

Anders, ganz anders sieht die Zukunft des Antiquariats in Deutschland aus. Immer noch haben hier viel zu viel Antiquariate zu wenig Käufer. Die deutschen Bibliophilen sind mit wenigen Ausnahmen keine Bibliophilen, sondern Bücherfreunde. Die meisten ziehen es vor, kleine Broschüren, die sie sich schenken lassen, zu sammeln, oder alte Auflagen moderner Literatur, die sie Luxusausgaben oder Pressendrucke nennen, auf Bücherwagen und bei Winkelantiquariaten aufzustöbern. Fast alle haben ein beinahe krankhaftes Mißtrauen gegen die Antiquare, indem für bedauerliche einzelne Entgleisungen der ganze Stand verantwortlich gemacht wird. Auch der deutsche Antiquar weiß, was „fairness“ ist. Da nun das Antiquariatsgeschäft nur bei Verkäufen großer Stücke sich rentiert, ist der Antiquar darauf angewiesen, entweder seine Käufer und Gewinner im Ausland zu suchen oder modernes Antiquariat zu machen. In Deutschland finden Goethe-Erstdrucke und Seltenheiten für 80 RM. bis 200 RM. keinen Käufer, in England wird die seltene Erstausgabe einer 1847 herausgekommenen englischen Sentimentalität mit 1000 £ ausgeboten und bezahlt – eine Summe, für die man in Deutschland mindestens zwei umfangreiche, erstrangige Bibliotheken von seltenen Erstausgaben erwerben könnte.

Das Antiquariat seinerseits ist gewiß nicht ohne Schuld. Es ist zum Teil veraltet und versäumt vollkommen, sich um den (im eigenen Lager wie bei den Bibliophilen) fast ganz fehlenden Nachwuchs zu kümmern. In der wirtschaftlichen Struktur beinahe noch Vorkapitalismus, aller Modernisierung des Geschäftsbetriebes im voraus abgeneigt, entmutigt von dem Fehlen eines Echos ihrer Tätigkeit, beschränken sich die meisten Antiquare auf Pflege und Vertiefung ihrer persönlichen Kenntnisse von alten Büchern.

Von der Schuld der Presse und ihrer Referenten wollen wir lieber schweigen, nicht wahr? Bis auf eine oder zwei Ausnahmen berichten in den wenigen großen Zeitungen, die dafür Platz oder ein Plätzchen haben, recht unkundige Herren über Bücherkataloge und –auktionen in einer Weise, daß oft Zweifel bestehen, ob hier absolute Verständnislosigkeit oder offene böse Absicht obwaltet – ein Urteil, das im ganzen deutschen Antiquariat so gut wie einstimmig besteht.

Die Zeittendenzen sind dem reinen Antiquariat, d. h. dem wirklich seltenen alten Buch durchaus nicht feindlich gesinnt. Die rasche und erfolgreiche Entwicklung einiger großer Firmen in Berlin und München, die sich freilich nur mit international gültigen Seltenheiten des 14. bis 19. Jahrhunderts und nicht mit Privatdrucken und Erstausgaben von 1926 befassen, und die deshalb kaum auf deutsche Käufer reflektieren können, diese Entwicklung beweist, daß auch dem deutschen Antiquar Möglichkeiten gegeben sind, deren Auswirkung leider wohl auch in der Zukunft ohne die deutschen Bibliophilen erfolgen wird. Erst wenn diese Umstände sich ändern, wird ganz von selbst auch das deutsche Antiquariat für Deutschland ein anderes Gesicht bekommen.

Max Perl:
Die Zukunft des bibliophilen Antiquariats hängt von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung ab. Bei den nicht allzu reichlichen Mitteln, die den meisten Interessenten zur Verfügung stehen, wird immer mehr auf Qualität gesehen werden. Wertvolle Bücher aller Jahrhunderte – typographisch, literarisch oder illustrativ wertvolle – werden stets in guten Exemplaren auf Absatz rechnen dürfen.

Emil Hirsch, München:
Es besteht für mich kein Zweifel, daß das deutsche Antiquariat auch in Zukunft seine bisherige Weltgeltung weiter behaupten wird. Allerdings darf nicht verhehlt werden, daß, hervorgerufen durch die wirtschaftlichen Verhältnisse, der Absatz des alten Buches in Deutschland stark zurückgegangen ist. Leider ist in Deutschland zu konstatieren, daß diejenigen, die Geld haben, kein Interesse, und diejenigen, die Interesse haben, kein Geld besitzen, um sich alte, wertvolle Bücher zu kaufen.

Paul Hirsch, Frankfurt a. M.:
Ihre Frage ist m. E. unbedingt zu bejahen. Wenn auch augenblicklich die trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse manchen Bücherfreund zwingen, sich beim Kauf von Büchern notgedrungen einzuschränken, so sehr ich doch keinen Grund, daß die Liebe zu den Büchern zurückgehen sollte. Unsere deutschen Verleger und Drucker, besonders auch unsere Privatpressen, haben es verstanden, gemeinsam mit den Bibliophilen-Gesellschaften die Freude am schönen und guten Buch zu steigern.

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