Paul Alicke
Auch etwas über Bibliophilie (1905)

Aus: Börsenblatt Nr. 66 vom 20. März 1905, S. 2732-2735.


Bei dem großen Tanz, den der Buchhandel heut um die Gottheit Bibliophilie in allen Weisen ausführt, scheint es an der Zeit zu sein, zu fragen, ob die zu diesem Tanz aufspielenden Vortänzer doch nicht große Ähnlichkeit mit dem Rattenfänger von Hameln haben. Diese Frage muß hier einmal erörtert werden, obgleich von alters her die Rolle des Predigers in der Wüste niemals besonderen Beifall geerntet hat.

Die Behauptung, die Bibliophilie, die Bücherliebhaberei, sei etwas dem Buch Schädliches, erscheint paradox; sie verliert aber das Seltsame, sobald man sich der Mühe unterzieht, die Folgen zu prüfen, die eine gewisse Art der Bibliophilie in Kreisen, für die sie nicht bestimmt ist, nach sich zieht, und diese Kreise vor jener Bibliophilie nach Möglichkeit zu schützen, ist der Zweck der folgenden Zeilen.

Bibliophilen und Bibliomanen, Bücherfreunde und Büchernarren hat es wohl zu allen Zeiten gegeben; schon im alten Rom trugen eifrige Sammler wie Cicero, Ciceros Freund Atticus und andre einzelne „Bücher“ zu Bibliotheken zusammen, vielleicht auch schon, ohne sie zu lesen, und nur aus Freude am bloßen Besitz. Die Freude am Besitz ist die stärkste Triebfeder jedes Sammelns, und das Interesse des Buchhandels erheischt es, die in dieser Form auftretende Bibliophilie in jeder Weise zu hegen und zu pflegen. Da es nun unbestrittene Tatsache ist, daß es einen erschreckend großen Prozentsatz von Menschen gibt, dem der Besitz eines Buches die gleichgültigste Sache von der Welt ist, so muß es sogar die Hauptaufgabe des Buchhändlers sein, solche Sammler zu schaffen, die in echter Freundschaft dem Buch zugetan sind.

Wer aber ist ein echter Bücherfreund? Derjenige, der mit dem Buch umgeht wie mit einem wahren Freund, der, um dies zu können, das ureigenste innere Wesen des Buches erfaßt hat, d. h. es für den besten Freund des Menschen hält, gleichviel (und darauf kommt es hauptsächlich an!) wie die äußere Form des Buches sei, - er wünscht, das Buch zu besitzen in allererster Linie seines innern Werts, nicht seines Kleides wegen , und er verlangt nicht, daß das Buch in Frack und Claque vor ihm erscheine, damit es seines Umgangs würdig sei. Diese Definition trifft auf einen großen Teil der modernen Bibliophilen leider nicht zu.

Der moderne Bibliophile liebt nur erst dann das Buch, wenn es infolge seiner Seltenheit (die eine eingebildete und eine wirkliche sein kann) und seines hohen Preises wegen der misera plebs nicht zugänglich ist. Der Bibliophile früherer Zeiten hat diese Leidenschaft, wie nicht bestritten werden kann, ebenfalls gehabt, aber der moderne Bibliophile geht nahezu ausschließlich auf solche Kostbarkeiten und läßt alles andre unbeachtet liegen . Das kommt recht deutlich zum Vorschein, wenn man die jüngsten Blüten der Bibliophilie betrachtet, die Sucht nach ersten Ausgaben und nach Büchern mit Holzschnitten. Wenn der selige Sebastian Brant das erlebt hätte, würde er auf seinem Narrenschiff sicher auch den Holzschnittnarren erwähnt haben; denn was kann es Närrischeres geben, als die erste Ausgabe eines Buchs mit dem vielfachen Preise der zweiten zu bezahlen, obwohl man weiß, daß die Holzschnitte in beiden Ausgaben gleich gut sein müssen, weil sie in beiden von ein und demselben Galvano gedruckt sind! Da nun gottlob jedem Narren seine Kappe gefällt, brauchte man sich nicht zu ereifern, wenn nicht jene Manie eine große Gefahr für den Buchhandel in sich schlösse, eine Gefahr, vor der zu warnen es die höchste Zeit ist.

Aus einem guten, am Schluß dieses Artikels genau bezeichneten Grunde ist der Bibliophile von heute ein ungeheuer eifriger Proselytenmacher, der seine auf ganz bestimmte Äußerlichkeiten gerichtete Schule stetig zu vergrößern sucht und damit Hand an die Lebenswurzel des noch von einer andern Seite arg bedrängten Durchschnittsbuchs legt. Von dieser andern Seite droht ein sehr gefährlicher Gegner, der, wie jeder wahre Bücherfreund mit Bedauern längst bemerkt haben wird, von Tag zu Tag an Macht gewinnt, und das ist die Tagespresse.

Die Tagespresse (hier sollte jeder Buchhändler drei Kreuze schlagen) wird den Buchhandel mit Haut und Haar verschlingen, wenn er sich nicht mehr dagegen wehrt als bisher. So wie die Sache heute steht, hat der auf eine große Tageszeitung abonnierte Durchschnittsmensch überhaupt nicht notwendig, seinen Fuß in eine Buchhandlung zu setzen; denn die großstädtische Tagespresse bringt ihm alles ins Haus, zum Teil sogar jetzt schon viel mehr als er braucht. Von dem das Kochbuch ersetzenden Küchenzettel angefangen, durch alle Schattierungen der schöngeistigen Literatur hindurch bis zur Musikbeilage und zum medizinischen und juristischen Ratgeber. Wer nicht täglich über vierundzwanzig Mußestunden verfügt, ist gar nicht in der Lage, alles das zu sich zu nehmen, was ihm der geschäftige Journalist mundgerecht, sehr mundgerecht sogar, vorsetzt.

Außerdem geht nun noch Hand in Hand mit der täglich wachsenden Tagespresse die Manie des Bilderbetrachtens, eine Manie, der ja einige der neuesten Zeitschriften ihre Riesenerfolge verdanken. Für ein Bildchen verkauft der moderne Mensch seine Erstgeburt; aber es darf beileibe kein Text dabei sein. Am Bildchen (wo es verschämt auftritt, auch Buchschmuck genannt) befriedigt heute eine erdrückend große Menge ihre geistigen Bedürfnisse, und aus diesem Stumpfsinn rüttelte sie höchstens ein oder der andere Skandal, den sie dann mit Gier hinunterwürgt, um für eine lange Zeit wieder alles zu meiden, was mit einem wirklichen Buch auch nur eine entfernte Ähnlichkeit hat. Es ist ja auch eine gar zu schlimme Sache, so ein Buch. Hat man es gelesen, so „liegt es herum“, „nimmt Platz weg“, und die bekanntlich nur von der Sucht, „schnell und mühelos reich zu werden“, befangenen Antiquare geben nichts dafür, wenn man es verkaufen will. Dominiert das Bilderanstieren heute doch schon so, daß kaum jemand es wagt, einen Vortrag zu halten, er sei wissenschaftlich oder populär, der nicht von einer ganzen Serie von Lichtbildern gestützt wird! Alle diese Leute, der Zeitungsleser und die Bilderjockel, sind für das Durchschnittsbuch verloren, und auf der anderen Seite steht als verhätschelter Liebling des Buchhandels der Bibliophile mit seinen ins Ungeheure geschraubten Ansprüchen, die zu befriedigen oft ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Wir müssen also vor allen Dingen danach streben, in den Leuten, die unsre Schwelle glücklich überschritten haben, wahre Bücherfreunde großzuziehen, und sollen uns ja hüten, die heutige Bibliophilie in solche Kreise hineinzutragen, die jetzt noch Sinn für das Buch an sich haben. Denn das ist die große Gefahr der Bibliophilie, daß sie Kreise aufsucht, die weder nach Rang noch nach Stand und Einkommen einen so teuren Spaß sich erlauben können, und die sich zu Torheiten verleiten lassen, die die Freude an einer nur dem Inhalte nach geschätzten Bibliothek nicht aufkommen lassen. Wer über unbeschränkte Mittel verfügt, der soll sich erste Ausgaben kaufen so viel er will und so teuer wie er will, wer aber als gewöhnlicher Sterblicher nur einen kleinen Etat für Bücher hat – und bei den heutigen Lebensverhältnissen sind das doch die meisten – , den sollen wir mit allen Kräften abhalten, sein Geld nutzlos zu vergeuden und große Lücken in seinem Bücherschranke zu lassen, nur damit er sagen kann, er besitze von einem Buche, das er vielleicht nie lesen wird und nie zu lesen wünscht, die erste Ausgabe. Der wirklich lüsterne Seltenheitsjäger wird ja unserm Einflusse nicht zugänglich sein; aber den unbefangenen Käufer sollen wir nicht künstlich verkrüppeln, indem wir ihn des augenblicklichen Vorteils wegen auf Seltenheiten hetzen.

Man wird mir entgegnen (und an dieser Stelle ist das schon öfters erwähnt worden), wir sollten froh sein, daß wir nun endlich auch in Deutschland Bibliophile hätten, die auf Auktionen und im Handel hohe Preise willig zahlen, und es wäre Unsinn, so etwas nicht zu fördern. Wer das behauptet, ist kurzsichtig; denn wenn man auch für Seltenheiten hohe Preise erzielt, so ist der Schaden, den diese Seltenheiten im Portemonnaie anrichten, viel größer als der augenblickliche Vorteil. Jetzt verpäppeln wir manchen gesunden Magen mit Delikatessen, und wenn, was bald der Fall sein wird, auch die Delikatessen nicht mehr reizen, können wir unsre gesamten Bücherlager ins Wasser versenken, dort, wo es am tiefsten ist. Es ist keine Kunst, und das muß hier einmal betont werden, in gewissen Büchern eine Hausse zu schaffen und nachher mit den erzielten Preise urbi et orbi Parade zu machen, indem man sich als großen Antiquar preisen läßt; Kunst aber ist es, als Buchhändler so tätig zu sein, daß man erzieherisch auf die leider in so geringer Anzahl vorhandenen Bücherkäufer einwirkt in der Richtung, daß man die Bücherliebhaber zu Bücherfreunden macht, zu solchen Freunden, die ein einmal gelesenes Buch nicht als Last empfinden, sondern sich seines Besitzes freuen, ohne zu fragen, ob es ein Galakostüm trägt oder einen schlichten Rock.

Es geht ein bedenklicher Zug durch die moderne Bibliophilie, der Parvenüzug, Äußeres dem Innern vorzuziehen, und das rührt an den Grundgedanken des Buchs . Und leider wird dieses dem Buche außerordentlich schädliche Bestreben von Tag zu Tag mehr Anhänger bekommen, in dem Maße, als die humanistische Bildung von der Realbildung zurückgedrängt wird; denn von jeher waren es fast nur die humanistisch Gebildeten, die am Buche hingen, möchte das Buch gekleidet sein, wie es wollte. Wenn erst die Leute mehr Oberwasser bekommen werden, die auf der Realschule gelernt haben mit einer handvoll Formeln einen Brückenbogen zu konstruieren oder einen Hochofen zu heizen, dann kann der Buchhandel eine Trauermesse halten und sich begraben lassen; der moderne Bibliophile wird ihn nicht viel vermissen, denn Se. Majestät der Herr Techniker werden sicher noch das Problem lösen, eine komplette Schillerausgabe herzustellen, die nur 50 Gramm wiegt und dabei doch so dick und weich ist, daß man sie als Kopfkissen oder als Muff verwenden kann, eine Aufgabe mit deren Lösung der Hunger der modernen Bibliophilen so ziemlich gestillt sein würde!

Am deutlichsten zum Ausdruck kommt der schlimme Einfluß der modernen Bibliophilie bei der heutigen Lage des Antiquariatsbuchhandels. Hier wie bei den übrigen Buchhändlern steht auf der einen Seite der Nutzen, den der Antiquar von einigen Bibliophilen hat, und auf der anderen Seite der Schaden, der aus dem durch die Einseitigkeit der Bibliophilie unverkäuflich gewordenen Lager erwächst . Die beliebte Gegenrede, die da lautet, wenn die Bibliophilen nicht wären, dann würde überhaupt nichts mehr verkauft, stimmt nicht; denn gerade die Bibliophilen sind ja die Ursache des Festlagerns, und ganz abgesehen davon, kann man dreist behaupten, daß viele der gepriesenen Bibliophilen nur verkappte Händler sind oder wenigstens solche Sammler, die nur das kaufen, was sie mit Gewinn weiterverkaufen können !

Wenn einer einmal auf die Idee käme, ein Märchen für Buchhändler zu schreiben, der könnte beginnen: „Es war einmal ein Antiquar, der verkaufte aus seinem Lager so viel Bücher mit Hilfe seiner Kataloge, daß er davon leben konnte!“ Wo sind die Zeiten hin! Welcher typographischen Kunstleistungen bedarf es, um heute einen „Bücherfreund“ auf einen Katalog aufmerksam zu machen! Ist es ein Fortschritt, statt niedrigere, höhere Druckrechnungen zu bezahlen, statt lebensfähiger Erträgnisse, kümmerliche Resultate zu erzielen, nur weil die für die Bibliophilen angestimmte Janitscharenmusik das leise Werben des guten Buchs überdonnert? Es darf gewiß nicht geleugnet werden, daß auch ohne moderne Bibliophilie der Nutzen der Antiquariatskataloge infolge gesteigerter Konkurrenz nicht so groß sein kann wie vor zwanzig oder dreißig Jahren; das aber hat der moderne Bibliophile auf dem Gewissen, daß ihm zuliebe und nur zum kleinen Teil der Konkurrenz wegen ein Katalogluxus sich breit macht, der zu den wirklichen Einkäufen der vielumworbenen Bibliophilen in gar keinem Verhältnis steht, und der, das soll man nicht übersehen, in seinen Folgen geradezu verhängnisvoll für das Antiquariat werden wird. Denn es liegt auf der Hand, daß durch Antiquariatskataloge, die mit allen typographischen Finessen ausgestattet sind, nur teure Literatur, sozusagen Gardeliteratur vertrieben werden kann, während das Gros der Bücher, die eigentliche Kerntruppe, tatenlos im Lager versauern muß.

Es ist ein schönes Ding um den Fortschritt, es ist aber auch ein böses Ding um die Schraube ohne Ende. Zweifellos hat jeder an einem schön ausgestatteten Katalog mehr Freude als an einem nach dem Schema F gearbeiteten, auch wenn man nicht die höheren Weihen der Bibliophilie empfangen hat. Die schöne Ausstattung könnte man sich also gefallen lassen, wenn nur nicht der Zweck der Kataloge grinsend von den schönen Druckrechnungen sich abheben wollte! Der Zweck der Kataloge ist primo loco der Verkauf, und hier muß sich das gegenseitige Überbieten in der Ausstattung bitter rächen; denn um einzelne wirklich gute Objekte zu verkaufen, braucht man keine Kataloge, man braucht sie nur, um die Hauptmasse des Lagers in Fluß zu bringen , und hier fällt auch der Prachtkatalog bei den verwöhnten Bibliophilen mit Pauken und Trompeten durch!

Angesichts dieser Verhältnisse wirkt es wirklich komisch, wenn von gewissen Seiten immer wieder das Lob des Auslandes, der Geburtsstätte der Bibliophilie, gesungen wird. Wer an diese Bibliophilie doch glauben könnte! Wo stecken denn die Bücherkäufer in Frankreich und England; lassen sie denn nichts von sich hören, oder soll man sie hinter den kümmerlichen Inseraten suchen, die in Frankreich nicht in einer Woche und in England gar in einem Monat nicht das bieten, was unser Börsenblatt an einem Tage in der Abteilung „Gesuchte Bücher“ bringt ? (Der Einwurf, es würden dort eben mehr neue Bücher gekauft, ist nicht stichhaltig, denn die neu gekauften Bücher müßten doch irgendwo bleiben, sie müßten als hinterlassene Privatbibliotheken den Markt überschwemmen und ein blühendes Antiquariat erzeugen, was aber bekanntlich nicht der Fall ist!) Wir loben immer die großen Privatbibliotheken des Auslandes, wir vernehmen mit Andacht die hohen Auktionspreise; aber von den Bibliotheken, die nicht existieren, und von den Büchern, die auf Auktionen nicht bezahlt werden, hören wir natürlich nichts. Die wandern zu den Trödlern und Bücherhändlern, die das Wissen und Können der deutschen Antiquare nicht im entferntesten erreichen. Denn welches Land hat die besten Buchhändler und Antiquare? Das Ausland vielleicht, wo, wie man sagt, die Bibliophilie zum Segen des Buches stets en vogue war, oder Deutschland, das die Segnungen der Bibliophilie erst seit jüngster Zeit über sich ergehen läßt, nachdem der deutsche Antiquar schon seit Jahrzehnten mit seinen im Äußern anspruchslosen Katalogen als mustergültig im ganzen Auslande gegolten hat und noch gilt ?

Der deutsche Nationalfehler, alles Ausländische rosenrot zu sehen, fordert auch hier sein Opfer zu unserm Schaden. Wir haben als Buchhändler gar keine Ursache, darüber zu jammern, daß der deutsche Bücherfreund bisher lieber Bücher kaufte als Unsummen für kostbare Einbände und andre Mätzchen dem Buchhändler zu entziehen. Es kann hier nicht von deutscher Art und deutscher Eigentümlichkeit gesprochen werden; das aber ist wohl sicher, daß über einen Reclamekäufer mehr Freude im Bücherladen herrschen sollte, als über hundert Einbandfexe, die vor lauter ästhetischem Kunstempfinden die ihrem Herzen stets fremd bleibende Bücherei zu einem Prunk- und Protzgegenstand machen, anstatt zu dem Ort, der aus dem Sinn des Buchs jedem Verständigen von selbst herauswächst, zu dem Ort der stillen Zurückgezogenheit, des Friedens und der Behaglichkeit.

Nun sind wir heute schon so weit, daß selbst luxuriös ausgestattete Kataloge nicht mehr beachtet werden als früher die einfachen Verzeichnisse, und wir werden bald so weit sein, daß der Moloch Bibliophilie überhaupt nicht mehr satt zu machen ist. Und daher ist es hohe Zeit, mit diesem Götzendienst aufzuhören, und wenn die Alten unter uns nicht mehr hören wollen, wenigstens den Jungen zu zeigen, in welcher Richtung sie sich nicht weiter entwickeln sollen.

Ist es doch auch vom kaufmännischen Standpunkt aus falsch, die Neigungen der Konsumenten unbeeinflußt zu lassen. Die Bücher, hinter denen der heutige Bibliophile her ist wie der Teufel hinter der Seele, die können wir nicht aus der Erde stampfen, es wird also ein großer Teil der Kauflustigen immer zu Untätigkeit verurteilt sein . Und dieses nicht zu unterschätzende Kapital geht dem Buchhandel verloren, weil der neuzeitige Bibliophile nur das kaufen will, was nicht zu haben ist, und allem andern gegenüber, es mag noch so gut sein, sein Portemonnaie hermetisch verschließt.

Wahrscheinlich wird das hier Gesagte wirkungslos verhallen; vielleicht sogar werden sich einige unter uns entrüsten und Ach und Weh schreien, daß man sich erlaubt hat, einen Teil der Bibliophilie mit Humbug in eine Linie zu stellen, der Bibliophilie, die den Verleger erst zum künstlerisch empfindenden Menschen gemacht, und die den Sortimenter und Antiquar aus dunkelster Tiefe zur lichten Höhe ästhetischen Bücherverschleißes gehoben hat! Darum sei zum Schluß noch ausdrücklich betont, daß sich diese Ausführungen nicht gegen den wahren Bibliophilen richten, den feinsinnigen Kenner mit dem geschulten Geschmack und dem zielbewußten Sammeleifer. Es wäre ein mehr als hochmütiges Unterfangen, solche Bibliophilen, die ausnahmslos nach langem und intimem Umgang mit Büchern eine hohe Stufe bibliographischen Wissens erreichen, in irgend einer Weise beeinflussen zu wollen, sondern hier soll nur der Talmi-Bibliophile gezeichnet werden, der große Schreier mit den großen Ansprüchen, der dem normal denkenden und harmlosen Bücherfreund seine Bücher zu verleiden sucht, nur damit das von ihm hastig Zusammengeschleppte so im Werte steigt, daß er es – das ist des Pudels Kern!– mit anständigem Nutzen wieder losschlagen kann und als Gratisprämie die Gloriole des feinnasigen Bibliographen sein edles Haupt umstrahlen läßt. Aber vielleicht regen diese Zeilen bei einem oder dem andern Buchhändler Betrachtungen an, die ihn die durch Raritäten-Einkäufe leergefegte Kasse seiner Kunden mit seinem vollen Lager vergleichen lassen .

Im übrigen de gustibus, wie der Lateiner sagt, non est disputandum, und ein deutsches Sprichwort sagt, wer Hechte in seinen Karpfenteich setzt, der soll sich nicht wundern, wenn ihm die Karpfen gefressen werden.

Dresden

 

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