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Bibliophilen-Tage 2014 in Augsburg

Zum dritten Mal in ihrer Geschichte fand die Jahresversammlung der Gesellschaft heuer – nach 1973 und 1983 – im über 2000-jährigen Augsburg statt, wo sich dreiundvierzig erwartungsvolle Mitglieder und Gäste einfanden und im Gegensatz zum Vorjahr von freundlichem Wetter verwöhnt wurden. Die rund 30 Teilnehmer des von vielen Gesprächen und Verteilung der Tagungsunterlagen begleiteten Begrüßungsabends (19. 6.) in der Maximiliansklause wurden vom Vorsitzenden, Herrn Prof. Wittmann, begrüßt und auf die kommenden Tage eingestimmt. Er betonte, dass nach der überaus reichhaltigen letztjährigen Tagung in Konstanz und Umgebung diesmal ein etwas ruhigeres Programm stattfinden würde.

Dieses startete am Freitag Vormittag (20.6.) mit einem Stadtrundgang unter dem Motto „Augsburg – 2000 Jahre Geschichte in zwei Stunden“, beginnend beim Tagungshotel, dem traditionsreichen „Drei Mohren“. Die beiden kompetenten Führerinnen, Frau Rohmeder und Frau Dom, geleiteten uns über die ehemalige römische Villa Claudia (heute: Maximilianstraße) zu den benachbarten Fuggerhäusern. Diese entstanden zwischen 1512 und 1515 für Jakob Fugger, den Reichen, und repräsentierten die große Bedeutung der Fugger als einflussreiche Kaufmanns- und Bankiersfamilie. Nach ausführlichen Details über die Fuggerfamilie und Besichtigung der Innenhöfe ging es weiter zur Moritzkirche, die, gegründet im 11. Jahrhundert und im Inneren im 2. Weltkrieg zerstört, erst vor kurzem von Architekt John Pawson neu gestaltet wurde und in ihrer minimalistischen Ausstattung überrascht und beeindruckt. Im nahegelegenen Renaissance-Palais der Welser findet sich heute das Maximilian-Museum, das einen Überblick über die einst bedeutende Rolle von Augsburgs Kunst und Kunsthandwerk gibt.

Anziehungspunkt für Besuche zu anderer Zeit war die Sonderausstellung „Der Pommersche Kunstschrank“, die von vielen Bibliophilen wahrgenommen wurde. Nach Besichtigung des Innenhofs mit den originalen Skulpturen von Augustus-, Herkules- und Merkurbrunnen führte der Weg am Johann-Fugger-Denkmal und dem Perlachturm vorbei direkt zum dominierenden Rathaus. Dieses von Stadtbaumeister Elias Holl von 1615-1620 errichtete Gebäude gilt als bedeutendster Profanbau der Renaissance nördlich der Alpen. Auch er wurde im Februar 1944 größtenteils zerstört. Hauptaugenmerk im von regem „Hochzeitsverkehr“ frequentierten Haus galt dem Goldenen Saal, beeindruckend in Größe und Ausstattung. Die im Anschluss besuchte Fuggerei in der Unterstadt bedeutete einen Kontrast. Im frühen 16. Jahrhundert von Jakob Fugger gegründet und als „älteste Sozialsiedlung der Welt“ apostrophiert, erfüllt sie noch heute ihren Zweck. Ein kurzer Rundgang mit Besichtigung einer Musterwohnung und angeschlossenem kleinen Museum machte mit den Lebensbedingungen früherer und jetziger Bewohner bekannt. Das ebenfalls in der Unterstadt befindliche Brechthaus war Endpunkt des Stadtrundgangs. Hier konnte man sich ausführlich über Leben und Werk des dort 1898 geborenen Schriftstellers informieren, wozu zahlreiche Schautafeln sowie Vitrinen mit Erstausgaben und zeitkritischer Literatur einluden.

Der Nachmittag war dem Besuch der Staats- und Stadtbibliothek gewidmet, einem neobarocken Bau aus den Jahren 1892/93. Direktor Dr. Laube umriss nach der Begrüßung kurz die Geschichte der Bibliothek, die 1537 als reichsstädtische Einrichtung gegründet wurde und ab 1562 in einem eigenen Gebäude untergebracht war, dem ersten selbständigen Bibliotheksbau der Neuzeit in Deutschland. Die frühesten Bestände stammten aus den aufgehobenen Bettelordensklöstern, später, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, folgten Teile von säkularisierten Klosterbibliotheken. Rund 3600 Handschriften, 2800 Inkunabeln beherbergt das Haus, daneben bedeutende Bestände wie die Arbeitsbibliothek des Augsburger Humanisten Konrad Peutinger (1465-1548), der Nachlass des großen Bücherfreundes Marcus Welser (1558-1614), eine große Graphik- sowie eine bedeutende Musiksammlung. 1806 und später wurden wertvolle Bestände nach München ausgegliedert. Aktuelle Schwerpunkte bilden das Schrifttum zu Augsburg, Bayerisch-Schwaben, Bertolt Brecht. Seit 2012 ist der Freistaat Bayern Unterhaltsträger der Bibliothek.

Von Frau Seidl und den Herren Dr. Zäh und Mayer wurden wir durch das repräsentative Treppenhaus in die beiden historischen Zimelien-Säle geführt, wo ausgewählte Exponate auf uns warteten und zum Teil erläutert wurden. Der untere Zimelien-Saal mit seinen noch ursprünglichen Vitrinen beeindruckte durch Handschriften und Inkunabeln, von denen hier nur das berühmte Kaiserbuch (Augsburg um 1510) von Konrad Peutinger und das Missale speciale (Basel um 1473) genannt seien. Letztgenanntes gilt als das älteste gedruckte Messbuch. Der obere Zimelien-Saal widmete sich besonderen Einbänden des 15. bis 20. Jahrhunderts, z.B. von Jakob Krause, Petrus Betz oder Samuel Streler. Eine neunbändige für Hieronimus Fugger gebundene Cicero-Ausgabe in Taschenbuchformat, Augsburg um 1550) bestach durch ihre Eleganz. Zum Abschluss präsentierte Frau Seidl ein hochinteressantes Briefkonvolut des Privatgelehrten Georg Wilhelm Zapf (1747-1810), der als Wissenschaftler und im Inkunabel-Handel Tätiger mit zahlreichen bekannten Persönlichkeiten in Kontakt stand. Von schönen Eindrücken erfüllt verließen wir das geschichtsträchtige Haus; viele nutzten die nächsten freien Stunden zu Antiquariats- und Museumsbesuchen.

Die „Bibliophilen Gespräche“ (akustisch wegen Fußball-WM leider etwas beeinträchtigt) fanden abends im zentral gelegenen Gasthof Zum Weißen Hasen statt. Nach kurzen Ausführungen von Hartmut Pätzke anlässlich des Exlibris-Kongresses 1984 in Weimar, in denen er auch auf die älteste deutsche Exlibris-Sammlung einging, forderte Prof. Wittmann zu Meinungen über eine delikate Frage auf: Was geschieht mit meiner Sammlung, wenn ich nicht mehr bin? Die Reaktionen waren wohl des Themas wegen eher zurückhaltend, doch gab es einige Wortmeldungen, die die Probleme und Möglichkeiten von Vor- und Nachlässen plausibel beleuchteten. Allgemeiner Tenor war, sich „beizeiten“ um das Schicksal seiner Sammlung zu kümmern, wobei sich die Diskussion ungewollt (?) mehr und mehr zu einer Aussprache über Gepflogenheiten im Auktionswesen entwickelte. Der Abend war für den ein oder anderen sicherlich Anlass, sich mit dem Thema näher auseinanderzusetzen.

Am Samstagvormittag (21.6.) fanden sich die Teilnehmer in der etwas außerhalb des Zentrums liegenden Universitäts-Bibliothek zur Mitgliederversammlung ein. Der Vorstand war mit Ausnahme der entschuldigten Schriftführerin Prof. Schneider vollständig vertreten. Zügig wurde die Tagungsordnung absolviert. Prof. Wittmann teilte den Versammelten seinen Entschluss mit, die Tätigkeit als 1. Vorsitzender nach über 12 Jahren im nächsten Jahr zu beenden. Eine Nachfolgerin steht in Aussicht, die sich 2015 zur Wahl stellen wird. Karlsruhe als nächstem Tagungsort wurde zugestimmt.

Nach dem im Freien eingenommenen gemeinsamen Mittagessen auf dem Campus traf man sich erneut in der Universitätsbibliothek, wo uns der Leiter der Einrichtung, Herr Dr. Ulrich Hohoff, begrüßte und kurz in Geschichte und Struktur der erst 1970 gegründeten Bibliothek einführte. Doch welch bedeutende Altbestände! Neben den rund 80000 Bänden aus der ehemaligen Katholisch-Theologischen Hochschule Freising und, als Dauerleihgabe seit 1982, der Sammlung der Stiftung Cassianeum in Donauwörth kam 1981 eine der bedeutendsten deutschen Privatbibliotheken, jene de Fürsten Oettingen-Wallerstein, in den Besitz der UB. Eine Ausstellung mit vornehmlich illustrierten Werken zeigte die ganze Bandbreite dieser Sammlung, bevor uns Dr. Peter Stoll in das rund 120 000 Handschriften und Drucke umfassende Magazin der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek führte und ausführlich von ihrer Geschichte und ihrem Aufbau berichtete.

Andere Schwerpunkte der Bibliothek sind Geschichte der Musik und Deutsche Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierzu zählt die 2009 erworbene Sammlung von Georg P. Salzmann (1930 – 2013) als Bibliothek der verbrannten Bücher, die ca. 12 000 Bände zählt und von Dr. Gerhard Stumpf erläuternd gezeigt wurde. Begleitend konnten Vitrinen mit den beiden kleinen Sonderausstellungen Deutsche Exilliteratur aus den U.S.A . und Deutsche Literatur 1900-1950 betrachtet werden, z. B. eine Ausgabe der Buddenbrooks mit vierseitiger (!) Widmung von Thomas Mann an William Sawitzky aus dem Jahr 1905.

Der Festabend bei den „Drei Mohren“ versammelte auch die erst heute angereisten Gäste und der Saal war von lebhaftem Austausch erfüllt. Prof. Wittmanns Tischrede berührte kurz die aktuelle Problematik bezüglich Amazons Kindle und ähnlicher Geräte; die Befürchtung, dass Bibliophile zu „Datensklaven“ werden könnten, sei allerdings nicht angebracht; auch könnten die E-Books die „richtigen“ Bücher sicher nicht so schnell verdrängen, wie von manchen vermutet. Es folgten – traditionsgemäß – etliche Kostproben reisender Spötter aus den Jahren 1783 und 1789 mit fast satirischen Äußerungen über Augsburg.

Der sonntägliche Festvortrag (22.06.) von Dr. Ulrich Hohoff im Schaezlerpalais widmete sich einem auch für Bibliophile nicht alltäglichen Thema: Kataloge mit erfundenen Büchern. Hauptantrieb zur Herausgabe derartiger Kataloge war und ist wohl der spielerische Umgang mit der Bücherwelt. Nicht zufällig waren zumeist Buchhändler, Schriftsteller, Sammler oder Antiquare die „Autoren“. Bereits 1899 hat der bekannte Bibliograph Hugo Hayn eine „Bibliographie der Bücher mit fingierten Titeln“ herausgegeben; aus jüngster Zeit gibt es einen Überblick unseres Mitglieds Dr. Roland Folter über seine Spezialsammlung, was für ernsthafte Interessenten des Themas erfreulich ist, da keine Bibliothek die Kataloge systematisch sammelt. Dr. Hohoff spannte einen weiten Bogen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, beginnend mit dem CATALOGUS CATALOGORUM, den Johann Fischart 1590 unter Pseudonym veröffentlichte, darin fast alle damaligen Buchgattungen satirisch verspottete und mit Zeitkritik verband. Ähnliche Ziele verfolgten die lateinischen und deutschen Kataloge des 17. Jahrhunderts, während und nach dem 30-jährigen Krieg vornehmlich politisch geprägt. So ist es nicht verwunderlich, dass manche dieser Publikationen der Zensur zum Opfer fielen. Wurden einige Kataloge sogar für bare Münze genommen, vor allem wenn sie in Form von Mess-Katalogen erschienen, sind doch die meisten eindeutig fiktional wie z. B. der Katalog der Bibliothek Adams (!), der kurz nach 1700 publiziert wurde. „Auktionskataloge“ waren auch im 18. Jahrhundert beliebt, gaben sie doch Gelegenheit, die oft exotischen Wünsche der Sammler mit dem Angebot entsprechender Titel zu karikieren. Während das 19. Jahrhundert rar an erfundenen Bücherkatalogen war, erlebte der Anfang des 20. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung, aus dem das von Anton Kippenberg herausgegebene und „Antiquariatskatalog“ betitelte Verzeichnis der Sammlung eines fiktiven Emil Meyer hervorsticht. Die Aufzählung setzt große bibliophile Kenntnisse voraus und beeindruckt durch phantasievolle Titelauswahl und parodistische Beschreibungen. Ein Sprung in unsere Zeit zeigt, dass der Reiz immer noch aktuell ist, was das Vorhandensein vieler Objekte im Internet beweist. Von dem amerikanischen Sammler John Webster Spargo werden Kataloge erfundener Bücher als „sicherlich die merkwürdigste Spielerei, die in der umfassenden Geschichte der Bibliographie jemals aufgetaucht ist“ bezeichnet. Wer könnte dem widersprechen?

Auch am Nachmittag begrüßte uns das – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tagungshotel gelegene – Schaezlerpalais, wo uns die beiden Damen Gabriele Friedl und Nicole Hofmann erwarteten. Sie führten kundig durch Augsburgs bedeutendstes Stadtpalais, das ab 1765 anstelle eines älteren Patrizierhauses von Bankier Liebert von Liebenhofen erbaut und 1770 im Beisein der auf der Brautreise nach Frankreich sich befindlichen Marie-Antoinette feierlich eingeweiht wurde. Lieberts Schwiegersohn Johann Lorenz Schaezler erwarb das Palais 1821; bis 1958 in Familienbesitz ging es mit Auflage, das Haus nur für kulturelle Zwecke zu nutzen, als Geschenk an die Stadt Augsburg. Nach Restaurierung beherbergt es seitdem u.a. die Deutsche Barock-Galerie, Staatsgalerie Altdeutscher Meister und Graphische Sammlung. Besonders eindrucksvoll ist der zwei Stockwerke hohe Rokoko-Festsaal mit reicher Ausstattung, darunter Feichtmayr-Stuckaturen. Kleine Ausstellungen zur Sozialgeschichte des Zeitungslesens und zum Landkartenverlag Lotter sowie der reizvolle Garten luden vor und nach der Führung zur Besichtigung ein.

Der Ausflug am Montag (23.06.) galt zwei bedeutenden Regionalbibliotheken. Der Bus brachte uns zunächst durch das „Donaumoos“ in nordöstlicher Richtung nach Neuburg an der Donau, die frühere Hauptstadt des Fürstentums Pfalz-Neuburg, geprägt durch dessen ersten Pfalzgrafen Ottheinrich (1502-1559; Mitbegründer der Bibliotheca Palatina). Ziel war die 1803 im Zuge der Säkularisation eingerichtete Provinzialbibliothek, seit 1960 „Staatliche Bibliothek“. Deren Leiter Gerhard Robold zeigte uns den historischen Saal, dessen barockes Bibliotheksgestühl von 1730 samt Inhalt1804 aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster Kaisheim bei Donauwörth nach Neuburg gebracht und im früheren Betsaal eingebaut wurde. Der Altbestand von ca. 35 000 Bänden setzt sich u.a. aus der Sammlung Ottheinrichs, der Bibliothek der Jesuiten und an die 500 Inkunabeln zusammen. Er wurde erläutert und in einigen Beispielen gezeigt; darunter waren sogenannte „Ottheinrich-Bände“ (der älteste von 1544) mit üppigen Supralibros, Ausgaben des Elsässer Jesuiten Jakob Balde (1604-1668) sowie Bücher des ersten Neuburger Druckers Hans Kilian, der ab 1544 in Ottheinrichs Diensten stand.

Der letzte Programmpunkt der Tagung brachte uns flussaufwärts nach Dillingen an der Donau zur Studienbibliothek, wo uns Herr Rüdiger May betreute. Die Wurzeln dieser heutigen staatlichen Regionalbibliothek gehen bis ins Jahr 1549 zurück, als Kardinal Otto Truchseß von Waldburg (1514-1573) in Dillingen eine Universität gründete und sie mit einer Bibliothek ausstattete. (Heute befindet sich in dem früheren Bibliothekskomplex und Jesuitenkolleg die Akademie für Lehrerfortbildung). 1563 bis zur Aufhebung des Ordens 1773 wurde die Universität von den Jesuiten geleitet; große Bücherzuwächse erfolgten aus den Beständen säkularisierter schwäbischer Klosterbibliotheken, woraus sich der enorme Anteil der vor 1800 gedruckten Werke des jetzigen Gesamtbestands von ca. 200.000 Büchern, 500 Handschriften, 825 Inkunabeln erklärt. Eine Sonderausstellung zum 500. Geburtstag des oben genannten Kardinals zeigte in anschaulicher Weise die große Spannweite seiner Interessen und Sammeltätigkeit, darunter ein MISSALE ROMANUM in einem Einband des berühmten Jakob Krause (Venedig 1563). Quasi als Ersatz für den wegen Renovierungsarbeiten nicht zugänglichen historischen Bibliothekssaal präsentierte uns Herr May zum Abschluss einige exquisite Stücke aus dem Altbestand, bevor es am Spätnachmittag zurück nach Augsburg ging.

Ein Fähnlein von sieben Aufrechten ließ den Abend gemeinsam ausklingen und die schönen Tage Revue passieren. Auf Wiedersehen in Karlsruhe!

Ulrike Erber-Bader

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Die Bibliophilen-Tage am Bodensee und in der Schweiz

Die diesjährige Jahresversammlung vom 30. Mai bis 3. Juni in Konstanz hatte das Vorstandsmitglied Michael Ujhelyi aus Radolfzell mit umsichtiger Gründlichkeit vorbereitet, für die Besuche im unmittelbar angrenzenden Nachbarland den Rat von Frau Aglaja Huber-Toedtli von der Schweizer Bibliophilen-Gesellschaft eingeholt. Die diesmal fünfzig Teilnehmer empfingen am Begrüßungsabend (30.5.) ein von ihm erstelltes umfangreiches Informationsheft, das auf 36 Seiten über die Geschichte der Stadt sowie über die Entwicklung und die Bestände der einzelnen Bibliotheken am Ort und anderswo ausführlich informierte, hilfreich als Vorbereitung und Nachlese. Gleichzeitig konnte der neue, wieder reich illustrierte Band des Jahrbuchs „Imprimatur“ überreicht werden. Ein erfreulicher Auftakt.

Nicht verantwortlich war der Organisator des dicht gedrängten, aber reichhaltigen Programms für die Regenschauer mit Sturmböen an den ersten beiden Tagen. Vor allem litt darunter die Stadtführung am Freitagmorgen (31.5.), geleitet von der kompetenten Archäologin Dr. Gudrun Schneckenburger mit kurzweilig gescheiten Kommentaren. Man musste sich daher mehr auf das Innere des Münsters konzentrieren, konnte die sehenswert erhaltenen Bürgerhäuser in der Altstadt oft nur flüchtiger wahrnehmen. Interessierte erhielten am Abend noch die jüngst ergrabene römische Unterwelt, die Reste des Kastells, fachkundig gezeigt. Doch zunächst endete der Rundgang im Rosgartenmuseum, dessen Leiter Dr. Tobias Engelsing die Gäste begrüßte. Blickfang unter den hier ausgelegten Buchobjekten war die Chronik des Ulrich Richental aus dem Jahre 1465, die mit fast hundert Federzeichnungen über die Ereignisse des außergewöhnlichen Konzils in Konstanz der Jahre 1414-1418 berichtet.

Eine Überraschung am Nachmittag waren die Altbestände der Bibliothek des heutigen Heinrich-Suso-Gymnasiums. Sie sind dadurch zu erklären, dass hier Bücherschätze des 1604 gegründeten Jesuiten-Gymnasiums und seiner säkularen Nachfolger, aber auch älterer Ordensbibliotheken und Schenkungen des 19. Jahrhunderts verwahrt werden. Zahlreiche Inkunabeln und alte Drucke wurden von Ulrich Zeller, dem Betreuer dieser Sammlung, vorgestellt. Es war sodann der passende Ort für Prof. Dr. Ulrich Gaier, über das Projekt „Schwabenspiegel 1000 bis 1800“ zu berichten, einer 2008 von einem Katalog und sieben Lesebüchern begleiteten Ausstellung zu der zwischen Ulm und Bodensee entstandenen schwäbischen Literatur in diesen achthundert Jahren. Der gleiche Sponsor unterstützte auch die auf inzwischen auf 37 Bände angewachsene „Bibibliotheca suevica“, die der Verleger Klaus Isele präsentierte. Veröffentlicht wurden ungedruckte oder längst vergessene oberschwäbische literarische Texte und Dokumente vom 16. bis 19. Jahrhundert, beginnend mit Autoren wie Frischlin oder Bidermann. Der Abend war dem „Bibliophilen Gespräch“ im Café Wessenberg gewidmet. Hartmut Pätzke berichtete an Hand einer Widmung des Verlegers Reinhold Piper an den Maler Hans Heise in einem Schopenhauer-Band die daraus ableitbaren Beziehungen zu Personen aus diesem Umfeld, Prof. Reinhard Wittmann leitete einen allgemeinen Erfahrungsaustausch über den Internethandel mit antiquarischen Büchern, an der sich anwesende Käufer wie Antiquare beteiligten.

Den Samstag (1.6.) leitete die Mitgliederversammlung im Tagungshotel ein, mit den üblichen Regularien, den Berichten über Werbeaktionen und weitere Vorhaben. Beschlossen wurde, dass die nächste Tagung in Augsburg stattfindet. Der Omnibus entführte die Bücherfreunde dann nach Schloss Arenenberg. Nach der Begrüßung führten Museumsdirektor Dominik Gügel und seine Vertreterin Christina Egli die Gäste durch die im Zustand von 1866 belassenen Räume führten, die zunächst seit 1817 von Hortense de Beauharnais (1783-1737), der Stieftochter Napoleons, bewohnte wurde, nach ihrer Trennung von dessen Bruder Louis, der vorübergehend König der Niederlande gewesen war. Auch ihr Sohn Louis, der spätere Kaiser Napoleon III. von Frankreich war hier zuhause. Kaiserin Eugenie kaufte das Anwesen mit schönem Blick über den Untersee 1855 zurück und schenkte es 1906 dem Kanton Thurgau. Neben Erinnerungen an diese Familie konnte man auch deren Büchersammlung wahrnehmen, die dort neben einer Fachbibliothek bewahrt wird. Nächste Station war die von der imposanten Festung Munot beherrschte, in ihrem Kern noch mittelalterlich geprägte Stadt Schaffhausen. Die am Münsterplatz gelegene, 1636 gegründete Stadtbibliothek mit den Beständen der früheren Klöster und seit dem 18. Jahrhundert der Lesegesellschaften wartete mit einer Auswahl von 20 Titeln auf, die Dr. René Specht einzeln interpretierte, aber auch auf den von ihm überreichten Begleitblättern verzeichnet waren. Die Spanne reichte von der Vita Columbae des Schreiber Adamnanus de Iona, eine zwischen 618 und 713 entstandene Vita des irischen Heiligen Columba, über Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts aus dem Skriptorium des hiesigen Klosters Allerheiligen und über Frühdrucken aus der Werkstatt des Anton Koberger, über wissenschaftlichen Prachtwerke des 18. Jahrhunderts schließlich bis zu einem einheimischen Pressendruck von Fritz Sauter und Theo Hurter von 1993. Die gezeigten Bände hatten oft einen Bezug zu diesem Ort.

Für das Festbankett war der Saal im Restaurant „Seerhein“ gegenüber dem Tagungshotel gewählt worden, der den eigentümlichen Charme der großbürgerlichen Epoche vor über einhundert Jahren besaß. In seiner Tischrede zitierte der Vorsitzende Prof. Wittmann abweichend von der bisherigen Gepflogenheit auch einmal das Lob eines Reisenden über die Stadt, überbrachte Ehrenmitglied Dr. Bosch-Gwalter die Grüße der Schweizer-Bibliophilen-Gesellschaft und verteilte einen von ihm gestifteten kleinen Privatdruck mit dem Gedicht „Rückschau“ (um 1945) des Schweizer Bauerndichters Alfred Huggenberger (1867-1960).

Den Festvortrag am Sonntagvormittag (2.6) im Rosgarten-Museum hatte Prof. Dr. Uwe Jochum übernommen, leitender Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Konstanz und Autor einer „Geschichte der abendländischen Bibliotheken“ (2010). Sein Thema, das ihn seit Jahren in kritischen Veröffentlichungen zur Digitalisierung der Bücher und Selbstabschaffung der Bibliotheken beschäftigt, ist zwar nicht neu, wurde schon in den neunziger Jahren von besonnenen Kollegen angesprochen, aber nach wie vor höchst aktuell. Unter der Überschrift „Vernichten durch Verwalten. Das alte Buch in der modernen Bibliothek.“ machte er darauf aufmerksam, dass ein Aussondern von Büchern in öffentlichen Bibliotheken leider schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts ausgehend von der Säkularisation der Klosterbibliotheken eine Tradition hat, sei es zunächst unter dem Vorwand aufklärerischer Pädagogik, sei es später unter der Prämisse statistisch ermittelter Nutzerhäufigkeit. Jetzt drohe der Reißwolf, weil man glaube, das Papier durch virtuelle Medien ersetzen zu können, deren dauerhafte Erhaltung jedoch keineswegs gesichert sei. Solche Warnungen mussten gerade bei diesem Zuhörerkreis auf Verständnis stoßen, ohne dass über den unersetzlichen Wert des gedruckten Buches in materieller Form diskutiert zu werden brauchte.

Der Bus stand bereit, um die Tagungsteilnehmer bei sich endlich einstellenden Sonnenschein zur Insel Reichenau zu entführen, die zum Weltkulturerbe zählt. Der Münster St. Maria und Markus, die von iro-schottischen Mönchen gegründete ehemalige Klosterkirche, und das Museum konnten allerdings nur an die berühmte Buchmalerei-Schule des 10. und 11. Jahrhundert erinnern, die erhaltenen Zeugnisse befinden sich längst in Karlsruhe und anderswo. Das Mittagsmahl wurde im Museums-Café eingenommen, umgeben von Büchern moderner Literatur, die auf Leser warteten. Die Fahrt ging weiter über Radolfzell zur Halbinsel Höri am Zeller See. Im Ort Gaienhofen wurde zunächst das in den Jahren 1904 bis 1907 von Hermann Hesse bewohnte Haus aufgesucht, wo Dr. Ute Hübner, die Leiterin des Hermann-Hesse-Höri- Museums, über den Aufenthalt des Dichters informierte, auch über die in den dreißiger Jahren und danach hier anwesenden Künstler informierte. Werke dieser Maler, die wie Erich Heckel oder Otto Dix während der NS-Zeit in Grenznähe zurückzogen lebten, waren im Museumsbau zu betrachten – ein eigenes Museum für Otto Dix (1891-1961) wurde erst wenige Wochen später eröffnet. Die Sonderausstellung „Wettlauf mit dem Schatten“ galt dem zuletzt auf seinem Landgut am Bodensee lebenden, nicht unumstrittenen Schriftsteller Wilhelm von Scholz (1874-1969). Anschließend wurde das eigene Haus von Hermann Hesse und seiner Familie besucht, das er 1907 bauen ließ und bis 1912 bewohnte. Der von ihm selbst angelegte, inzwischen rekonstruierte Selbstversorger-Garten wird wie das Gebäude selbst von der heutigen Eigentümerin Eva Eberwein originalgetreu bewahrt, deren Mann die Besucher durch die Gartenanlage führte.

Die Exkursion am Montag (3.6.) führte bei trübem Himmel in die Schweiz, deren Bergeshöhen leider Nebelschwaden verhüllten. Erste Station war das berühmte Kloster St. Gallen, ebenfalls Sitz einer frühmittelalterlichen Schreibwerkstatt und heute Weltkulturerbe. Im prächtigen Barocksaal der Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert waren in Vitrinen von den hier vorhandenen 2.100 Handschriften und 1650 Frühdrucke bis 1520 vornehmlich theologischer Texte und lateinischer Klassik solche Spitzenstücke ausgewählt, die eine tausendjährige Bibelüberlieferung sichtbar machen. Nach der Begrüßung durch Stiftsbibliothekar Prof. Dr. Ernst Tremp erläuterten Ivo Ledergerber und Stefan Kemmer gruppenweise die ausgelegten Kodizes und Bücher, zusätzlich weitere bereitgelegte Werke in der Handschriftenabteilung. Auf Einzelheiten muss bei der Fülle des Gebotenen erneut verzichtet werden. Heute dient die Sammlung als Fachbibliothek für Mediävistik und Handschriftenkunde. Die Weiterfahrt durch das Appenzeller Land führte über den Züricher See zur Benediktiner-Abtei Einsiedeln im Kanton Schwyz, die heute noch mit 60 Mönchen besetzt ist und mit einem Gymnasium voller Leben ausgestattet. In der barocken Kirche mit eindrucksvollen Ausmaßen, überschwänglich ausgestattet von den Brüdern Asam, erlebten die Teilnehmer einen von den Ordensbrüdern mit gregorianischen Gesang gestalteten Vespergottesdienst, der mit der Prozession zur von Pilgern auf dem Jakobsweg verehrten „Schwarzen Madonna“ in der Gnadenkapelle endete. Anschließend zeigten die Patres Lorenz Moser und Gabriel Kleeb eine kleine Auswahl der hier verwahrten 1.200 Handschriften und 1.100 Frühdrucke bis 1520 sowie der 230.000 Bände vom 16.-20. Jahrhundert im barocken Bibliothekssaal von 1738. Die Rückfahrt führte über serpentinenreiche, enge Straßen abwärts zum Zuger See und von dort durch nicht enden wollende Tunnel an Zürich vorbei am späten Abend zurück. Der schöne Abschluss einer Tagung, die viel zu bieten hatte: Wasser und Berge, Landschaft und Geschichte, Literatur und Kunst, nicht zuletzt Bücher aus allen Zeiten.

Tagungsheft 2013 (PDF)

Peter Neumann

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Wo Gutenberg begann: die Jahresversammlung in Mainz 2012

Die diesjährigen Bibliophilentage vom 7. bis 11. Juni in Mainz wurden von unserer Schriftführerin Prof. Dr. Ute Schneider vorbereitet und geleitet, die am dortigen Universitätsinstitut für Buchwissenschaft lehrt. Sie fand dabei Unterstützung von Kollegen und Studierenden, auch dadurch, dass mit Sören Ohle jeweils ein Geleit zu den verschiedenen Örtlichkeiten innerhalb der Innenstadt angeboten werden konnte. Schon am Begrüßungsabend (7.6.) war der Großteil der insgesamt 54 Teilnehmer in der offiziellen Unterkunft „Novotel“ hoch über der Stadt auf dem Kästrich und hinter der Kupferbergterrasse anwesend, um eingestimmt und orientiert zu werden.

Der Freitag (8.6.) begann mit dem Besuch einer für die meisten bisher unbekannten Einrichtung. Das der deutschsprachigen Satire gewidmete Deutsche Kabarettarchiv beanspruchen die Mainzer mit gutem Recht als Standort ihrer Kleinkunstbühne „unterhaus“ und des Ensembles „arche nova“ des Hans-Dieter Hüsch. Jürgen Kessler und Mathias Thiel führten durch die Räume, die Text- und Notensammlungen, Schallplatten und Videobänder, Plakate und Programme, Zeitungskritiken und Künstlerporträts vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur unmittelbaren Gegenwart bewahren. Von dort aus führte der Weg zur Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in der Rheinallee, wo Annelen Ottermann bei ihrer Begrüßung die Geschichte dieser Einrichtung schilderte. Sie entstand mit der 1477 gegründeten Universität und diente ihr bis 1798, musste zwar vor allem im Dreißigjährigen Krieg starke Verluste hinnehmen, besitzt jedoch als Regional- und Forschungsbibliothek mit über 670.000 Bänden einen beachtlichen Bestand mittelalterlicher Handschriften und historischer Drucke, wobei die Frühdrucke des 15. Jahrhunderts vom gleichfalls städtischen Gutenberg-Museum betreut werden. Silja Geisler-Baum zeigte sodann ausgewählte Stücke, auch aus den Sondersammlungen. Zu letzteren gehören die ornithologischen Bücher des Privatgelehrten Jakob Moyat (1861-1933) oder die Kinderbücher des Mainzer Verlages Jos. Scholz aus seiner jüngeren Epoche um 1900. Angesichts der 1.300 Handschriften und der 300.000 alten Drucke wurde, wie später auch anderswo, über den drohenden Verfall solcher Bestände und die deshalb notwendigen, aber kostspieligen Maßnahmen zu deren Erhalt gesprochen. Als Beispiel wurde etwa eine vom Tintenfraß bedrohte Lauber-Handschrift vorgezeigt. Auch hier wird daher um Buchpatenschaften geworben.

Treffpunkt am Nachmittag war das Gutenberg-Denkmal gegenüber dem Staatstheater inmitten der Stadt. Aufgeteilt in zwei Gruppen machten Sarina Hoff und Kerstin Emmi Hoffmann, beide Studierende des Buchwissenschaftlichen Instituts, mit den inzwischen untergegangenen oder glücklich erhaltenen Stätten bekannt, wo Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, geboren, getauft und begraben wurde, wo seine Werkstatt sich befunden haben soll, entweder mutmaßlich oder bezeugt. Das bedeutete den Abschied von mancher Legende, wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert bis heute in der lokalen wie weltweiten Gutenberg-Verehrung verklärend hält. Am Abend traf man sich erneut im Proviantmagazin an der Schillerstraße, diesmal im Altmünsterkeller. Corinna Norrik und Gabriele Ludwig bestritten das traditionelle „Bibliophile Gespräch“: im Dialog sprachen sie über jene US-amerikanischen Industriellen des 19. Jahrhunderts, die als Bibliophile zu Gründern eigener oder zu Stiftern öffentlicher Bibliotheken wurden. Namen wie Morgan oder Huntington sind bis heute geläufig. Solches Mäzenatentum tat sein Bestes, um das in den jungen Vereinigten Staaten nachzuholen, was europäische Bibliotheken aus Kloster- oder Fürstenbesitz an alten und wertvollen Büchern längst besaßen. Eine Bibliophilen-Gesellschaft entstand in den USA gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts wenige Jahre vor unserer Gründung. Die Referentinnen überreichten allen Zuhörern ein von Dr. Albert Ernst gestaltetes Lesezeichen mit dem Gedicht „The Bibliomaniac's Prayer“ des Autors Eugene Field (1850-1895). Ein Kurzreferat unseres Beirats Eberhard Köstler machte auf die gegenwärtige Situation des Antiquariatshandels aufmerksam. Er verriet auch seine Einschätzung der augenblicklichen Preisentwicklung. Und am Ende stellten wie in Berlin wieder drei Mitglieder des MDE (Meister der Einbandkunst) ihre künstlerischen Arbeiten vor: diesmal waren es Ingela Dierick aus Plombières in Belgien, Andreas Bormann aus Berlin und Susanne Natterer aus Freiburg.

Am Vormittag des Samstag (9.6.) war man im Gutenberg-Museum zu Gast. Zunächst in eigener Sache, weil die Mitgliederversammlung unter Leitung von Prof. Dr. Reinhard Wittmann dort abgehalten werden konnte. Gedacht wurde der Toten, im Zeichen einer wie überall in bibliophilen und literarischen Vereinen zu beobachtenden Überalterung der Mitglieder. Hoffnungsvoll bleibt trotzdem, dass 13 Neuzugänge zu vermelden waren. Berichtet wurde über den Erwerb des Briefwechsels zwischen dem zeitweiligen Sekretär Conrad Höfer (1872-1949) und dem Vorsitzenden Börries Freiherr von Münchhausen (1874-1934) während der Zeit des „Dritten Reiches“. In Vorbereitung befindet sich Band NF 23 des Jahrbuches „Imprimatur“. Die turnusgemäße Neuwahl des Vorstands bestätigte die bisherigen Amtsinhaber. Als nächster Tagungsort wurde Konstanz bewilligt.

Die Leiterin des Museums, Dr. Annette Ludwig empfing zunächst in der Sonderausstellung „Moving Types“ („Lettern in Bewegung“). Vorgeführt wurden von ihr Gestaltungsbeispiele verlebendigter und variationsreicher Schriften in Kurzfilmen, Filmausschnitten oder Werbeclips seit 1900, die sich hier über QR-Codes auf ein schiefertafelgroßes iPad abrufen liessen. Eine neue Welt der Kommunikation. Selbstverständlich wurde der Rundgang durch die Schausammlung unternommen, die mit der Entwicklung der Druck- und Reproduktionstechniktechnik seit dem 15. Jahrhundert vertraut macht, wurde dem praxisnahen Druck auf einer alten Handpresse zugesehen. Im abgedunkelten Tresorraum durften die Exemplare der 42zeiligen Bibel bewundert werden, bekannt gemacht wurde durch eine Bücherauswahl mit den zahlreichen Sonderbeständen der umfangreichen Fachbibliothek für Buch- Druck- und Schriftgeschichte, aber auch mit der Restaurierungswerkstatt.

Hinter dem Dom im Arnsberger Hof (Grebenstraße) verbirgt sich die Martinus-Bibliothek, die am Nachmittag für die Bibliophilen ihre Pforte öffnete. Sie wurde für das Priesterseminar 1662 eingerichtet und hat seit 1968 die Funktion einer philosophisch-theologische Zentralbibliothek des Bistums Mainz. Im Altbestand befinden sich 270 Handschriften und etwa 1.000 Inkunabeln, als Nachlässe die Bibliothek des Johann Friedrich Schlosser (1780-1852) mit Originalausgaben deutscher Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts und die des Offizials und Historikers Stephan Alexander Würdtwein (1719-1796). Der Buchwissenschaftler Dr. Franz Stephan Pelgen und Martina Pauly informierten ausführlich darüber. Zu sehen gab es auch eine Sonderausstellung umfänglicher Handschriftenreste auf Pergament vom 9. Jahrhundert an bis zum 16. Jahrhundert, die zu Einbandzwecken in späterer Zeit gedient hatten und teils Texte griechischer, römischer und arabischer Autoren enthielten.

Dieses anstrengende Tagesgeschehen voller neuer Eindrücke mündete in den Festabend, für den die gemütlichen, mit hervorragender Küche ausgestatteten Geberts Weinstuben in der Frauenlobstraße nahe dem Rhein eigens für die Gesellschaft reserviert waren, unbeeinflusst von einem der ersten Fußball-EM-Spiele, das auf dem Bildschirm in einer Kneipe gegenüber flimmerte. Die gewohnte launige Betrachtung des Veranstaltungsortes durch den Vorsitzenden bot diesmal einen Einblick in das Haushaltsbuch des Mainzer Oberstkämmerers aus dem Jahre 1787. Die Ehrenmitglieder Bosch-Gwalter hatten als Gabe einen Druck des Psalms 104 („Lobe den Herrn, meine Seele“), Axel Fürst ein Schmuckblatt mit einem Bismarck-Lob des Weins mitgebracht. Für die Rückfahrt mit dem Taxi nach Ende des Fußballspiels braucht man im nächtlichen Verkehrschaos etwas Geduld.

Für den Festvortrag am Sonntagmorgen (10.6.) war der der bekannte Buchwissenschaftlicher Prof. Dr. Stephan Füssel gewonnen worden. In sehr lebendiger Weise und unterstützt von Dias mit vielen Beispielen schilderte er die aufregende Entwicklung, wie seit Beginn der Druckkunst nach anfänglicher Übernahme formaler Gesetze der mittelalterlichen Buchhandschrift durch allmähliche Herausbildung neuer Ordnungsprinzipien die heutige Gestalt des gedruckten Buches mit Schmutztitel, Titelseite, Impressum, auch mit Trennung von Text und Kommentar oder mit Fußnoten entstand. Nach dem Essen im Museums-Restaurant Co/dex entführte der Bus alle in das Rheinstädtchen Eltville, wo Gutenberg als Hofmann seine letzten Jahre verbrachte und wo bereits zu dessen Lebzeiten eine Druckerei der Brüder Bechtermünz bestand. Nach einer Besichtigung der Gutenberg-Gedenkstätte in der Kurfürstlichen Burg, einer Weinprobe als Willkomm und einen geführten Spaziergang durch die Gassen der Altstadt landete man schließlich im Hof Bechtermünz, bewirtschaftet vom Weingut Koegler. Es blieb Zeit für kurze Wanderungen auf dem ehemaligen Leinpfad entlang des breiten Rheinstroms, gesäumt von hinter Bäumen versteckten Sektfabrikanten-Villen, bis mit dem Linienschiff „Loreley“ die einstündige Rückfahrt nach Mainz angetreten werden konnte.

Auf das bis dahin freundliche Wetter musste die leicht geschrumpfte Teilnehmerzahl am Montag (11.6.) bei der Exkursion mit dem Omnibus nach Darmstadt verzichten, denn schon um die Mittagszeit setzte Regen ein. Erste Anlaufstelle war das Hessische Staatsarchiv im ehemaligen Hoftheater, das dank der wiederhergestellten Front des klassizistischen Bauwerks sein ursprüngliches Aussehen bewahrt hat. Hier war nach den allgemeinen Ausführungen von Dr. Klaus–Dieter Rack die Vorführung der Restaurierungsmethoden in der Werkstatt durch Jürgen Hofferberth von Interesse, etwa bei der Reparatur alter Karten und Katasterpläne. Das rekonstruierte Foyer des Theater bildete einen geradezu festlichen Rahmen für das Mittagessen. Danach ging es wenige Schritte weiter zum benachbarten Neuschloss, in dem heute die Universitäts- und Landesbibliothek untergebracht ist. Die seit 1567 gewachsenen Altbestände bereicherten im 18. Jahrhundert die Privatbibliothek des Kölner Barons Wilhelm Adolf von Hüpsch (1750-1805) und wie überall Anfang des 19. Jahrhunderts bei den fürstlichen Sammlungen die konfiszierten Klosterbibliotheken. Hohe Verluste entstanden durch den verheeren Bombenangriff im Frühjahr 1945, denn etwa die Hälfte des Gesamtbestandes verbannte. Dennoch kann man noch eine beträchtliche Zahl an mittelalterlichen Handschriften und Drucken vorweisen, dazu eine wertvolle, umfangreiche Kartensammlung wie eine Theater- und Musiksammlung. Die Digitalisierung erfolgt, allerdings sind 42 Prozent der Altbestände geschädigt und müssen in der eigenen Werkstatt restauriert werden, wie Kirstin Schellhaas zeigte. Mit einer Auswahl kostbarer Schätze machte Dr. Silvia Uhlemann bekannt, während Priv.-Doz. Dr. Dipl.-Ing. Helge Svenshon über die Baugeschichte des gewachsenen Schlosses der Landgrafen und Großherzöge informierte. Zurück ging es nach Mainz wieder mit dem Bus, wo sich ein kleiner Rest der Teilnehmer am Abend noch zum Wein, wie es sich in dieser Region gehört, zusammenfand.

Peter Neumann

 

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Jahresversammlung 2011 in Berlin

In diesem Jahr konnte die Maximilian-Gesellschaft mit einem Festakt ihr hundertjähriges Bestehen im Gründungsort Berlin unter hoher Beteiligung feiern. Wenn unsere um über mehr als ein Jahrzehnt ältere Gesellschaft sechs Wochen danach ebenfalls zu ihrem Ursprung zurückkehrte, bewies sie damit, dass beide bibliophile Vereine trotz unterschiedlicher Intentionen gemeinsame Wurzeln haben. Wir konnten diesmal stillschweigend als Jubiläum die hundertste Jahresversammlung vorweisen, wobei Berlin als Tagungsstätte zuletzt vor genau vierzig Jahren, insgesamt aber achtmal gewählt worden war und mit diesem Spitzenwert knapp Leipzig übertrifft. Es war endlich wieder die ungeteilte Hauptstadt, nicht der isolierte Westteil wie bei den zwei vorhergehenden Zusammenkünften in der Nachkriegszeit. Zur veränderten Situation passte das Tagungshotel der amerikanischen Park Plaza-Gruppe, in der ruhigen Wallstraße gelegen, nahe dem Nikolai-Viertel und also dem mittelalterlichen Kernbereich, unweit des Schlossplatzes und der Straße Unter den Linden, dem alte Zentrum in königlicher und kaiserlicher Zeit. Die unvermeidlich langen Wege waren gewöhnungsbedürftig, die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln umständlich, doch in einer Millionenmetropole nun einmal unumgänglich. Vorbereitete Stadtpläne und Listen der Verkehrsverbindungen erleichterten das Zurechtfinden.

Der Begrüßungsabend (Donnerstag, 24.6.) fand sinnigerweise gleich in einer urwüchsigen alt-berliner Wirtschaft mit Lokalkolorit statt: bei „Julchen Hoppe“ in der Rathausstraße. Der Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Wittmann konnte dort die diesmal überschaubare Schar der rechtzeitig angereisten Teilnehmer begrüßen, deren Zahl sich am folgenden Tag doch noch auf 39 Köpfe erhöhte, eigentlich eine ungewohnt niedrige Zahl. Erfreulich aber, dass einige jüngere Mitglieder dabei waren. Gewürdigt wurden die vom Ehepaar Feenders ganz allein und umsichtig getätigten Vorbereitungen, die nicht zuletzt durch eine bis jetzt noch unübersichtliche Stadt erschwert waren, weil jahrzehntelang getrennte Teile zusammenwachsen, Institutionen sich neu orientieren müssen. Reparaturarbeiten, Auf- und Ausbau überall.

Eine imponierende Baustelle lernte man hautnah gleich am ersten Tag (Freitag 25.6.) kennen: die von Gerüsten außen wie inwendig fast unsichtbar gewordenen Wände der Staatsbibliothek Unter den Linden, auf dem Weg dorthin der von Baggern aufgewühlte Schlossplatz. Durch Entgegenkommen der Direktion war trotzdem eine exklusive Führung durch den umfänglichen, jetzt von Handwerkern beherrschten Gebäudekomplex möglich, in dem nur ein Notbetrieb aufrecht erhalten wird. Der Blick auf den noch unfertigen, vom Architekten Merz neu gestalteten zentralen Lesesaal, auf die durch doppelte Verschalung gegen Grundwasser gesicherten Tresorräume tief unter ihm sowie auf die schon renovierten Teilbereiche ließen die bessere Zukunft für Verwalter wie für Nutzer dieses gewaltigen Bücherspeichers ahnen. Am Nachmittag begrüßte Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf die Gäste, die zuständigen Kuratoren zeigten und erläuterten vier vorbereiteten Ausstellungen, die in einer Auswahl ältere und jüngere Bestände des Hauses repräsentierten. Zu sehen waren 16 Aldinen, jene Klassikerausgaben des Venezianers Aldus Manutius aus dem 15. und 16. Jahrhundert, teilweise in Prachteinbänden. Gleich in das 20. Jahrhundert führten neuere Drucke antiker Texte, entstanden in der Cranach- und Bremer Presse oder veranstaltet vom Askanischen Verlag, illustriert von Künstlern wie E. R. Weiss und Renée Sintenis, Aristide Maillot oder Richard Seewald. Über die fast unbekannten „Mumiendrucke“ von Carl M. Seyppel wird im nächsten „Imprimatur“-Band mehr zu erfahren sein. Wie sehr die Reformansätze durch „arts and crafts“ und den Jugendstil Anfang des letzten Jahrhunderts die Buchkunst befördert haben, bewiesen Beispiele nicht nur englischer und deutscher Privatpressen, sondern auch seinerzeitiger Druckarbeiten aus Italien, Russland und Polen. Die weitere Entwicklung ließ sich durch die Zeitschrift „Gazette du bon ton“ verfolgen, die zwischen 1912 und 1925 von Cassirer in Paris und Berlin herausgegeben wurde. Zeugnisse der jüngsten Vergangenheit waren Exempel der in kleinsten Auflagen seit 1980 erschienenen DDR-Untergrundliteratur.

Den Tag beschloss in der Kunstbibliothek am Matthäikirchplatz ein etwas trockener Vortrag von Dr. Anita Kühnel über die oft unterschätzte Bedeutung der von 1900 bis 1905 existierenden Steglitzer Werkstatt, deren Gründer Fritz Hellmut Ehmcke, Friedrich Wilhelm Kleukens und Georg Belwe sehr früh großen Einfluss auf die neuere Entwicklung der Schriftgestaltung und Ornamentik sowie der Typographie im Ganzen hatten, später als Kunsthandwerker und Lehrer auch anderswo. In der Überwindung des üppig geratenen Jugendstils und in der Findung neuer Ausdrucksformen hatten sie sich vor allem den Akzidenzdruck vorgenommen, die Verbesserung der Werbe- und Geschäftsdrucksachen. Die gezeigten originalen Muster ließen es erkennen. Man hätte sich bei anderer Gelegenheit weitere Informationen über wichtige Initiativen Berliner Verleger und Künstler in jener Zeit gewünscht.

Mit der Mitgliederversammlung im Tagungshotel begann der zweite Tag (Samstag, 25.6.).

Gedacht wurde des verstorbenen Ehrenmitglieds Dr. Lotte Roth-Wölfle, berichtet von der stabilen Mitgliederzahl auf wenig befriedigendem Niveau – 20 Neuzugängen standen 18 Austritte oder Todesfälle entgegen. Erfreulicherweise nahmen auch einige jüngere und neue Mitglieder an der Tagung teil. Behandelt wurden nochmals Überlegungen zu Werbemaßnahmen, die schon am Abend zuvor in zwangloser Runde unter Leitung des Vorsitzenden beraten worden waren. Geworben wurde im Berichtsjahr auf der Antiquariatsmesse in Stuttgart oder während der Buchmesse in Frankfurt/Main. Solche Dienste einzelner Mitglieder sind weiterhin wünschenswert. Auf Antrag von Arno Piechorowski wurde für Mitglieder unter 30 Jahre ein ermäßigter Beitragssatz festgesetzt, Dr. Hans Stula regte Prämien für die Werbung neuer Mitglieder an. Der neue Band des von Prof. Dr. Ute Schneider herausgegebenen Jahrbuchs „Imprimatur“, auf die unterschiedlichsten Sammelgebiete abgestellt und erneut in vorbildlicher Ausstattung, konnte den Anwesenden ausgehändigt werden, ein aktualisiertes Mitgliederverzeichnis wurde zum Jahresende angekündigt, eine Neugestaltung der Homepage ist vorgesehen. Als nächster Tagungsort ist Mainz bestimmt. Dem Vorstand wurde Entlastung erteilt, als neue Ehrenmitglieder wurden einstimmig unsere treuer Begleiter seit sechzig Jahren, das Zürcher Verleger-Ehepaar Hans Rudolf und Alice Gertrud Bosch-Gwalter (Kranich-Presse in Zollikon) gewählt.

Im weiteren Verlauf des Tages überraschte in der Staatsbibliothek Unter den Linden der Leiter der Kartenabteilung, Bibliotheksdirektor Wolfgang Crom, mit ausgelegten alten Landkarten, Pläne und Globen, die von ihm sehr lebendig in einem kurzweilig-lehrreichen Vortrag erläutert wurden und einzeln betrachtet werden konnten. Nicht möglich war es allerdings, im 125 kg schweren Kurfürsten-Atlas von 1663 zu blättern, die Außenansicht der Vorderseite musste genügen. Ein aufschlussreicher Streifzug durch die Geschichte der Kartographie. Am Nachmittag wurde die ehemaligen Maschinensetzerei Peter von Maikowski in der Wiener Straße im Bezirk Kreuzberg aufgesucht, die ehemalige Hausdruckerei der Friedenauer- und Mariannen-Presse. Heute wird die Werkstatt vom Drucker Harald Weller und Kupferdrucker Dieter Bela weitergeführt und von Künstlern wie Felix Martin Furtwängler genutzt, auch von Horst Hussel für die Drucke seiner Dronte-Presse und vor allem von Henrik Liersch für seine Corvinus-Presse.

Am Abend schloss sich das traditionelle Festessen im Hotel an, diesmal auf engem Raum, doch deshalb für Gespräche über die Tische hinweg umso besser geeignet. Traditionell zitierte Prof. Wittmann aus älteren Reiseberichten Lob und Kritik der Stadt an der Spree von Besuchern. Arno Piechorowski überreichte wie gewohnt als Damenspende einen Sonderdruck der anscheinend unsterblichen Aldus-Presse Reicheneck: „Friedrich Gilly. Die Entfaltung geistiger Größe. – dem früh verstorbenen Berliner Architekten, dem Lehrer Karl Friedrich Schinkels gewidmet.“ Christa und Onno Feenders stifteten einen kleinen Druck mit dem Gedicht „Das Buch“ von Robert Gernhardt. Anschließend zeigten vier geladene junge Buchbinderinnen aus Leipzig, Halle und Berlin, allesamt Mitglieder der MdE, von ihnen gestaltete Handeinbände.

Der Festvortrag am Sonntag (26.6.) machte zunächst mit dem Literaturhaus in der Fasanenstraße bekannt, wenige Schritte vom Kurfürstendamm entfernt. Dort sprach dann die Stellvertretende Bibliotheksdirektorin Michaela Scheibe über die gerade 350 Jahre alt gewordene Staatsbibliothek zu Berlin, erwachsen aus der Churfürstlichen Bibliothek zu Cölln, vermehrt als spätere Königlich preußische Bibliothek und sich schließlich als Staatsbibliothek Berlin ausdehnend, heute der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zugehörig. Geschildert wurden dieser Werdegang und ihr heutiger Zustand, verurteilt dazu, die nach 1990 zusammengeführten Bestände mit insgesamt 11 Millionen Bänden auf die beiden weiter bestehenden Häuser innerhalb der Stadt zweckhaft zu verteilen. Dargestellt wurden die Probleme der heute erforderlichen Digitalisierung und der erwarteten künftigen Dienstleistungen in einer Zeit, wo die Printmedien sich gegenüber anderen Informationsquellen behaupten müssen. Am Nachmittag traf man sich auf dem Berliner Antiquariatstag im Hotel Ellington oder in einem der vier Häuser auf der Museumsinsel. Zu sehen gab an beiden Standorten genug.

Die Montag-Exkursion (25.6.) führte diesmal nicht weit: wieder zum Kulturforum in der einst westlichen Stadthälfte nahe des Potsdamer Platzes. Im Kupferstichkabinett hatte Direktor Prof. Dr. Heinrich SchulzeAltkappenberg für die Gäste vier Themenkreise grafischer Künste ausgewählt und mit hervorragenden Beispielen bestückt. Seine jeweils zuständigen Mitarbeiter bemühten sich um weitergehende Auskünfte. Zunächst waren Bücher der Frühdruckzeit an der Reihe, von Albrecht Dürer war ein Holzschnitt-Abzug und der dazugehörige Original-Druckstock aus der Sammlung Derschau zu sehen. Es folgten vom Stil der Renaissance geprägte Bücher, etwa der 1499 von Aldus Manutius gedruckte Roman „Hypnerotomachia Poliphili“ des Franciscus Colonna mit seinen Umrissholzschnitten. Aus dem 17. Jahrhundert stammte die Folge der radierten Selbstbildnisse Rembrandts, die ihm als Studien für menschliche Ausdrucksweisen dienten. Bemerkenswert das Silberstiftporträt seiner Frau Saskia. Als Vertreter moderner Buchkunst wurden bevorzugt Ernst Ludwig Kirchner mit seinen Holzschnitten zu Georg Heyms „Umbra Vitae“ (1912) sowie der noch lebende Zeitgenosse Gerhard Altenbourg in seinem „phantastisch-realistischen“ Stil herausgestellt. Auch ein Malerbuch wie „Jazz“ von Henri Matisse sei erwähnt. Am späten Nachmittag war ein kleiner Kreis sodann erneut in der Kunstbibliothek nebenan zu Gast, wo nach der Begrüßung durch den Direktor, Prof. Dr. Moritz Wullen, von Dr. Lailch eine Reihe berühmt gewordener Proben der Buchkunstbewegung vor hundert Jahren zur eingehenden Betrachtung ausgewählt worden waren: Drucke der englischen Kelmscott- und Doves-Presse, der deutschen Bremer Presse und Ernst-Ludwig Presse, oder weltberühmte illustrierte Werke wie die Bilder von Joseph Sattler zu den „Nibelungen“, Aubrey Vincent Beardsley zur „Salome“, Thomas Theodor Heine zu „Wälsungenblut“ bewiesen. Eine Augeweide zum Abschluss.

Die Tagung stand im Zeichen vieler bekannter und manch unbekannter Bücherschätze, die bei gleichzeitig sachkundiger Unterrichtung von jedem eingehend studiert werden konnten, wobei diesmal gerade auch die Moderne zu ihrem Recht kam. Genügend Zeit blieb für eigenständige Entdeckungen außerhalb des Programms, das für den geschrumpften Kreis der Unermüdlichen nach all den Höhenflügen in schwäbischer Genügsamkeit im kleinen Restaurant „Maultasche“ in der Charlottenstraße endete. Abschied bis zum Wiedersehen im nächsten Jahr.

Tagungsheft 2011 (PDF)

Peter Neumann

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Fürsten- und Ratsbibliotheken: die Jahresversammlung 2010 in Bamberg

Das vormals der „Nächstenliebe gewidmete“, 1787 erbaute Krankenspital am Fuße des Michaelsberges ist heute in ein supermodernes Hotel unter dem Namen „Residenzschloss“ umgewandelt und beherbergte vom 3. bis 7. Juni die unter der Bücherliebe weniger gefährdet Leidenden. Mochte der Himmel am Begrüßungsabend im Keller der „Brudermühle“ inmitten des von Touristengruppen besuchten, mit Gaststätten lockenden Sandviertels noch verhangen sein, gleich am Freitagmorgen klärte er auf und beschenkte den 54 Teilnehmern bis zum Ende der Bamberger Tagung ungetrübt strahlendes Sommerwetter. Deshalb stand schon die Führung durch die seit 1993 als Weltkulturerbe geadelte Stadt unter gutem Vorzeichen. Am linken Regnitzarm und Klein-Venedig entlang leitete sie die zwei Gruppen zum Alten Rathaus auf der Oberen Brücke, sodann hinauf zum Domberg und hinein in die dort oben thronende Grabkirche Kaiser Heinrich des Zweiten und der Kaiserin Kunigunde. Unten in der Inselstadt empfing im Renaissancesaal des Schlosses Geyerswörth Bürgermeister Werner Hipelius seine Gäste. Er wies auf die stilgeschichtliche Vielförmigkeit der fürstbischöflichen wie bürgerlichen Bauten hin, glücklich erhalten geblieben im dank seiner sieben Hügel und einem Papstgrab „fränkischen Rom“. Den Wohlstand habe einst der Anbau von Süßholz und Hopfen garantiert, heute bewahren noch neun Brauereien eine solche Tradition. Unser Vorsitzender erinnerte an den Frühdrucker Albrecht Pfister, der hier von 1460-64 tätig war, im zweitältesten Druckort nach Mainz.

Am Nachmittag kam man dann unmittelbar mit älteren Druckprodukten in Berührung In der im Ostflügel der im 17. Jahrhundert entstandenen Neuen Residenz untergebrachten Staatsbibliothek führten deren Direktor Prof. Dr. Werner Taegert und Frau Agnes Brandner durch die historischen, mit Bücherregalen des ehemaligen Dominikaner-Klosters ausgestatteten Räume, vorbei an aufgereihten Bücherrücken in schlichten Pergament- oder prunkend ornamentierten Ledereinbänden. Zu besichtigen war auch die Sonderausstellung von Einzelblättern der jüngst vervollständigten und jetzt faksimilierten Ottheinrich Bibel aus der Bayerischen Staatsbibliothek, entstanden um 1430 als älteste erhaltene illustrierte Handschrift des Neuen Testaments in deutscher Sprache. Der spätere Nachmittag stand zur freien Verfügung, zu entdecken gab es in dieser Stadt genug, in dreiundzwanzig Museen und Galerien oder in den fünf empfohlenen Antiquariaten. Am Abend referierte beim „Bibliophilen Gespräch“ im Kongresshotel zunächst das Mitglied Axel Fürst über das ursprüngliche Domizil jener Bibliothek des Herzogs Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken, die gesondert aufgestellt in der Staatsbibliothek zu sehen gewesen war. Das erst im späten 18. Jahrhundert entstandene Schloss Carlsberg bei Homburg/Saar ging 1793 in den Revolutionskriegen unter, nur die Sammlungen konnten vorher gerettet werden. Die Zuhörer erhielten Kopien eines illustrierten Aufsatzes über diese Geschichte. Erinnert wurde mit vorgezeigten Beispielen auch an die Drucker in der Residenzstadt Zweibrücken, vor allem an die dort entstandenen „Editiones Bipontinae“, jene vom Altphilologen Crollius seit 1778 herausgegebenen 170 Bände Klassikerausgaben. Vorsitzender Prof. Dr. Reinhard Wittmann diskutierte sodann mit den Anwesenden über Erfahrungen, die heute Sammler mit Antiquaren machen, bei der Suche wie beim Kauf oder Verkauf, bei Angeboten im Ladengeschäft oder im Internet. Spürbar ist ein Preisverfall, zu beklagen sind unseriöse, gar unprofessionelle Anbieter. Fraglich, ob nur vorübergehende Konjunkturschwankungen die Ursache sind oder dauerhafte Umwandlungen beim Handel mit Altbüchern.

Für die Mitgliederversammlung am zweiten Tag war diesmal ein besonders origineller Ort gewählt: der Vortragsraum in jenem schmalen, engen Haus, das von 1808-13 dem Dichter E.T.A. Hoffmann als Wohnung diente, in seinen „Lehr- und Marterjahren“ als Kapellmeister und Dekorationsmaler am benachbarten Theater. In diesen heute als Museum genutzten Räumen entstanden seine Fantasiestücke in Callot's Manier. Der Vorstand konnte in engem Kontakt mit den Mitgliedern eine überzeugende Bilanz vorweisen. Die Kölner Tagung hatte eine gute Resonanz gefunden, die Gestaltung des Jahrbuchs Imprimatur wurde von der Stiftung Buchkunst gewürdigt, neue Mitglieder konnten gewonnen werden. Die Mitgliederzahl blieb durch Zugänge konstant – eine Entwicklung, die sich in diesem Jahr fortsetzt und weiterhin durch Auftritte bei Messen gefördert wird. Die nächste Tagung findet nach genau vierzig Jahren wieder einmal in Berlin statt, das nächste Jahrbuch, für das Prof. Dr. Ute Schneider dreizehn Autoren verpflichtet hat, ist in Vorbereitung. Dank geordneter finanzieller Verhältnisse wurde dem Vorstand Entlastung erteilt. Anschließend zeigte Prof. Dr. Bernhard Schemmel die bis zum „Poetenstübchen“ unter dem Dach untergebrachten Sammelgegenstände, auch eigenhändige Theater-Figurinen des Multitalents. Am Nachmittag wurde das Stadtarchiv in unmittelbarer Nachbarschaft des Tagungshotels aufgesucht, untergebracht ebenfalls in einem ehemaligen Klinikgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert. Stadtarchivar Dr. Robert Zink zeigte nicht nur, wie man heute eine solche Sammlung von Dokumenten fachgerecht unterbringt, er informierte auch über Möglichkeiten der Papierrestaurierung und Voraussetzungen für eine gesicherte Bestandserhaltung. Der Festabend im Schönborn-Saal des Tagungshotels wurde durch launige Redebeiträge nicht nur des Vorsitzenden, sondern auch der Mitglieder Grebe, Stula und Oetter bereichert. Renate und Karl-Heinz Köhler stifteten einen Nachdruck der Gedenkaufsätze für Hans von Weber in dem 1924 erschienenen Heft der Zeitschrift Die Bücherstube, ergänzt durch zwei farbige Abbildungen von Einbänden der Drucke für die Hundert aus ihrer Sammlung.

Am Sonntagfrüh konnten in der Staatsbibliothek ausgelegte Handschriften und Drucke besichtigt werden, weiter Aquarelle und Lithographien, darunter Selbstbildnisse, der Sondersammlung zu E. T. A. Hoffmann. Das Haus besitzt trotz früherer Abgaben nach München immer noch Kostbarkeiten wie die berühmten Handschriften aus der Schenkung Kaiser Heinrichs des Zweiten, enthaltend Meisterwerke der ottonischen Buchmalerei. Im Festvortrag behandelte der Hausherr, Prof. Werner Taegert, erneut die Carlsberg-Bibliothek, die von dem mit französischer Kultur eng verbundenen Zweibrücker Herzog als dem Anwärter auf den bayerischen Kurfürstenthron aufgebaut wurde. Ebenso wie seine Gemäldesammlung konnte sie 1792 durch den Hofmaler Johann Christian von Mannlich vor den Revolutionstruppen auf abenteuerlichen Wegen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, worüber dieser in seinen lesenswerten Lebenserinnerungen berichtete. Durch Zufall gelangten die Bücher nicht wie die Bilder nach München, sondern strandeten zum Großteil in Bamberg. Noch am selben Tag konnten die Tagungsteilnehmer als ein Gegenstück eine weitere, etwas ältere Fürstenbibliothek kennen lernen, im unweit von Bamberg gelegenen Pommersfelden. Dort führte Frau Dorothee Feldmann durch das prachtvolle Schloss Weissenstein der Grafen von Schönborn, das neben der bedeutenden Barockgalerie auch die seit dem späten 17. Jahrhundert zusammengetragene Bibliothek bewahrt, beides noch heute im Familienbesitz und inzwischen in eine Stiftung überführt. In Vitrinen waren einige wertvolle Beispiele zu sehen, von Handschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert bis zu Architektur- und Ansichtswerken aus dem 18. Jahrhundert.

Das Programm der Exkursion am Montag hatte nachträglich umgestellt werden müssen. Deshalb wurde nach dem Besuch des Dorfmuseums Hausen in der Nähe von Forchheim, wo eine volkskundliche Sammlung handgeschriebener und -illustrierter Gebetbücher zu bewundern war, sofort die Stadt Bad Windsheim aufgesucht, wo der dort lebende Karl-Heinz Köhler, in den achtziger Jahren Vorsitzender unserer Gesellschaft, den weiteren Ablauf vorbereitet hatte. Durch das Reichsstadt-Museum im Ochsenhof führte Gerhard Hoffritz, ein Rundgang durch das Freilandmuseum schloss sich an, Juliane Scheffold zeigte das dort wieder aufgebaute barocke Jagdschlösschen Eyerlohe, im dortigen „Wirtshaus“ wurde das Mittagessen eingenommen. Danach wartete auf die Bibliophilen wieder eine Überraschung. Diesmal war es keine fürstliche, sondern eine reichsstädtische Bibliothek, die bereits 1559 entstand, untergebracht im Chor der wenig später abgetragenen Klosterkirche der Augustiner-Eremiten. Archivar Michael Schlosser hatte eine Auswahl der dort vorhandenen Schätze ausgelegt, darunter die mit persönlicher Widmung Luthers versehene, bei Lufft 1535 in Wittenberg gedruckte Bibel oder das 1768 in Nürnberg entstandene Pflanzenbuch von Christoph Jakob Trew. Die Besucher erhielten eine Dokumentation dieser Auswahl überreicht. Genügend Zeit blieb, in weiteren alten Handschriften und Büchern, auch aus dem Stadtarchiv, zu blättern. Ein schöner Abschluss dieser von mannigfaltigen Eindrücken begleiteten Tagung, die nebenbei genügend Zeit für die Besichtigung von Kirchen und Museen, auch für gesellige Runden mit dienlichen Gesprächen bereithielt.

Tagungsheft (PDF)

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2009 in Köln

»Auch müde laufen kann man sich in Köln so gut als in Paris und Berlin«, meinte schon Johanna Schopenhauer im Jahre 1828. Und Joseph Roth schrieb 1923, »sie ist lauter, als sie sein müsste; hastiger, als ihr zusteht; sie übertönt die Ehrfurcht, die der Fremde von ihr empfindet«. Das mögen sich auch die Teilnehmer der diesjährigen Tagung im Juni gedacht haben. Lange Wege, quer durch die lebendige Stadt, aber was für welche: am Ufer des Rheins entlang, am Römerturm, an romanischen Kirchen und am gotischen Dom vorbei. So war es auch ein Treffen mit vielerlei Aspekten, genügend für Anschauung und Belehrung bietend. Die Universitäts- und Stadtbibliothek (USB), vertreten durch ihren Direktor Prof. Dr. Wolfgang Schmitz, und die Bibliophilen-Gesellschaft Köln, vertreten durch unser Mitglied Hanns Georg Schmitz-Otto, hatten eingeladen, nach fast fünfzig Jahren endlich die Domstadt einmal erneut zu besuchen, eingedenk der sehr engen Beziehungen, die zwischen den beiden bibliophilen Vereinigungen seit jeher bestanden haben. Auf diese Kontakte verwies unser Vorsitzender Prof. Dr. Reinhard Wittmann beim Begrüßungsabend im »Roten Ochsen««.

Der erste Tag (12.6.) begann sogleich mit dem Besuch der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek. Bereitgelegt hatten Prof. Dr. Siegfried Schmidt und Harald Horst eine kleine, aber exzellente Auswahl der dort vorhandenen 400 mittelalterlichen Handschriften, die bis in das 8. Jahrhundert zurückreichen, als Spitzenstück den zwischen 1010 und 1020 entstandenen Hillinus-Codex. Diese aus der alten Dombibliothek stammenden Schätze aus karolingischer und ottonischer Zeit, speziell die Arbeiten Kölner Schreiber und Illuminatoren waren dann Gegenstand des sonntäglichen Festvortrages voller Details von Prof. Dr. Anton von Euw, einem ausgewiesenen Kenner frühmittelalterlicher Buchkunst.

In die Gegenwart führten die nächsten Stationen. Zunächst als Übergang zum Handel mit alten Büchern. Denn in den Räumen des Auktionshauses Venator & Hanstein berichtete dessen Geschäftsführer, unser Mitglied Karl-Heinz Knupfer, über die Entwicklung des Antiquariatsbuchhandels und Auktionswesens, beschenkte seine Zuhörer mit dem kleinen Faksimiledruck eines witzigen Catalogus . Dann teilten sich die Interessen: eine Gruppe ließ sich von Markus Schäfer in der Stadtbibliothek das im Rahmen der Abteilung LiK (Literatur in Köln) getreulich aufgebaute Arbeitszimmer des Schriftstellers Heinrich Böll zeigen, auch eine Folge von vierzig Plakaten mit Fotos und Dokumenten des gleichen Autors, die darüber hinwegtrösten, dass die im untergegangenen Stadtarchiv verwahrten Originale zwar zum Großteil gerettet sind, doch in schlechtem Zustand. Die andere Gruppe besuchte die Werkstatt des Pressendruckers Eduard Prüssen, bekannt seit den sechziger Jahren durch seine Donkey-Presse, der Proben seiner graphischen Arbeiten und Pressendrucke vorwies. Beschlossen wurde dieser erste Tag durch die Eröffnung einer Ausstellung des regionalen Schriftstellers Ludwig Mathar (1882-1958) in der USB, bei der man im Vortrag von Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann leider wenig über dessen Beschreibungen des Rhein- und Mosellandes erfuhr, sondern Reisebilder aus Italien von 1926 nahe gebracht bekam.

Der zweite Tag (13.6.) begann mit den üblichen Regularien der Mitgliederversammlung. Die Mitgliederzahl ist dank zahlreicher Neueintritte konstant geblieben, eine ausgeglichene Bilanz besteht. Den Band XXI des Jahrbuches Imprimatur konnte dessen Herausgeberin, Prof. Dr. Ute Schneider, vorstellen. Für die nächste Jahrestagung ist Bamberg vorgesehen. Bei der fälligen Neuwahl wurde der bisherige Vorstand einstimmig bestätigt. Das alles vollzog sich bereits in der USB, die an diesem Vormittag an der Reihe war, Zimelien ihres Altbestandes zu präsentieren. Vorläufer der erst 1920 gegründeten Bibliothek waren die seit 1602 bestehende Syndikatsbibliothek der Stadt, die Gymnasialbibliothek und die Sammlung des Ferdinand Franz Wallraf. Da die Handschriften schon seit den 30er Jahren dem Stadtarchiv zugewiesen sind, musste man sich auf eine Auswahl der vorhandenen über 2.300 Frühdrucke beschränken, neben Werken von Kölner Druckern des 15. Jahrhunderts wie Ulrich Zell und von Vater und Sohn Koelhoff auch bekannte Werke wie die Schedelsche Weltchronik oder aus dem 17. Jahrhundert die Braun-Hogenbergschen Städtebücher. Direktor Wolfgang Schmitz selbst kommentierte diese Bände, unterstützt von Irene Bischof, die auch mit der späteren stark theologischen Buchproduktion im »hilligen Cöln« bekannt machte. Aus der für die Restaurierungen notwendigen Buchbinderwerkstatt, die über die vorzügliche historische Einbandsammlung Tietz verfügt, stammten Beispiele in alten Bindetechniken, die Silas Schmidt vorstellte.

Im Kölnischen Stadtmuseum war die Ausstellung Zwiesprache und Metamorphosen der in Köln tätigen Künstlerin Renate Friedländer zu sehen, die selbst anwesend war und unterstützt von Irmgard Mosler ihre Porträts und aquarellierten Stillleben erläuterte. Vorgeschaltet war aus aktuellem Anlass ein spannendes Referat von Dr. Max Plassmann über die Restaurierung des Schriftguts, das aus dem im März eingestürzten Stadtarchiv bisher zu 85 Prozent geborgenen ist. Einige schwer geschädigte Muster hatte er mitgebracht. Berichtet wurde über die bisherigen Maßnahmen und über bevorstehende Behandlungsprozesse. Abgesehen von den mechanischen Verletzungen und dem Pilzbefall ist in diesem besonderen Fall das gesamte Papier, ob als Einzelblatt oder als Buchblock, vom Zementstaub zu säubern. Hier muss ein geeignetes Verfahren noch gefunden werden.

Beim Festessen im Kolping Hotel empfingen die Teilnehmer nicht nur das neue Imprimatur, sondern auch eine ungewöhnliche Fülle von Gaben. Wir können hier nur die Stifter, denen nochmals gedankt sei, aufzählen: Universitäts- und Stadtbibliothek Köln (2 Schriften), Kölnische Bibliotheksgesellschaft (deren Jahresgabe 2008), Bibliophilen Gesellschaft Köln (2 Schriften), unsere Mitglieder Eberhard Köstler, Michael Then und Prof. Dr. Reinhard Wittmann (eine Teilauflage der Jubiläumsgabe des Verbands der Antiquare: die Erinnerungen des Antiquars Ziegert von 1916).

Der schon erwähnte Festvortrag im Senatssaal der Universität läutete (mitsamt den Glocken der vielen Kirchen) den dritten Tag ein (14.6.). Am Nachmittag aber ging es mit dem Bus nach Schloss Wahn, das bis unter das Dach mit der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität gefüllt ist: Porträts und Szenenfotos, Bühnenbilder und Modelle, ganze Künstlernachlässe – alles Erdenkliche, was die Geschichte des deutschsprachigen Theaters seit dem 16. Jahrhundert zu dokumentieren vermag. Einst von Prof. Carl Niessen zusammengetragen, jetzt verwahrt und weitergeführt von Prof. Elmar Buck und seinem Mitarbeiter Dr. Gerald Köhler, Sohn unseres Mitglieds. Als weitere Schatzkammer erwies sich Burg Wissem in Troisdorf, die in gleicher Fülle das Kinderbuchmuseum beherbergt, das aus privaten Stiftungen hervorgegangen ist, seinerzeit entscheidend bereichert durch die Sammlung unseres Mitglieds Theodor Brüggemann. Frau Dr. Linsmann-Dege und ihr Mitarbeiter Bernhard Schmitz zeigten mit viel freudiger Hingabe die Exponate, sowohl Bücher wie Originalillustrationen. Auch hier ist für Nachschub gesorgt.

Die Exkursion am nächsten Tag (15.6.) setzte diese Besichtigungstour fort, mit einer Fahrt in das benachbarte Düsseldorf zum Goethe-Museum im Schloß Jägerhof, Heimstätte der Sammlung des Leipziger Verlegers Anton Kippenberg, einst ebenfalls Mitglied der Gesellschaft. Die Bilder und schriftlichen Zeugnisse in der ständigen Schau und in der Sonderausstellung Goethe und die Heilkunde vermochte Prof. Dr. Volkmar Hansen, Nachfolger unseres vormaligen Vorsitzenden Jörn Göres, auf sehr lebendige Weise nahe zu bringen. Ein sinnvoller Abschluss dieser Tagung, den am Abend noch ein kleiner Kreis im Kölner Weinlokal Brungs feierte.

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2008 in München

Zuletzt hatte unsere Gesellschaft vor genau dreißig Jahren München besucht. Darauf wies am Begrüßungsabend (22.5.) Prof. Dr. Reinhard Wittmann hin. Welch starke Resonanz diese längst fällige Wiederkehr gefunden hatte, wurde durch die hohe Zahl von 71 Teilnehmern deutlich. Zum diesjährigen Treffen fügte sich, dass gleichzeitig die Stadt ihr Bestehen seit 850 Jahren, die Bayerische Staatsbibliothek seit 450 Jahren feiern konnten. Beiden konnten somit auch die Bibliophilen ihre Reverenz erweisen. Gleich am Freitag (23.5.) bildete der Besuch des Bücherhorts an der Ludwigstraße den angemessenen Auftakt des reichhaltigen Tagungsprogramms. Das Haus hatte zum Jubiläum seine behüteten Schatzkammern geöffnet, und so konnte unser Mitglied Dr. Bettina Wagner von der Handschriftenabteilung mit ihren Kollegen ihre Gäste durch drei Abteilungen führen. Die Sonderausstellung „Kulturkosmos der Renaissance“ erinnerte mit den Hauptwerken des Gründungsbestandes an die Anfänge der vom bayerischen Herzog Albrecht V. 1558 gegründeten Hofbibliothek, die danach gleich durch den Ankauf zwei bedeutender Privatsammlungen angereichert wurde: durch die des Orientalisten Joh. Albrecht von Widmanstetter (1506-1557) und des Handelsherren Johann Jacob Fugger (1516-1575). Letztere enthielt auch die Bibliothek von Hartmann Schedel (1440-1514), dem Autor der berühmten „Weltchronik“. Die Fülle außergewöhnlicher Exponate und der Umfang der Sachgebiete waren groß: Handschriften aus dem vorderen Orient und dem abendländischen Mittelalter, frühe Drucke in großer Vielfalt zu unterschiedlichen Themen, bekannte Prachtwerke darunter, wie etwa das von Dürer illustrierte Gebetbuch Kaiser Maximilians. Eine zweite Gruppe durfte sich die reichen Bestände an Orientalia vorzeigen lassen: hebräische, arabische und griechische Handschriften, Werke islamischer Literatur. Schließlich konnten sich die Besucher in den seit 1963 bestehenden und ausgedehnten Restaurierungs-Werkstätten neueste Methoden zur Reparatur und Erhaltung der Altbestände von erfahrenen Spezialisten vorführen lassen, die kürzlich eingeführte Verwendung von japanischen Bastfasern etwa gehörte dazu.

Die Moderne kam am Nachmittag zu ihrem Recht. Im herrschaftlichen Wohnhaus eines der Künstlerfürsten der Prinzregentenzeit, des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921) werden im Monacensia Literaturarchiv 200 Nachlässe von in München geborenen oder dort wirkenden Autoren und Autorinnen bewahrt. Zu diesem Kreis aus jüngerer Zeit gehören die Vertreter der Schwabinger Boheme um 1900 oder die Familie von Thomas Mann. Lebendig berichteten Dr. Elisabeth Tworek und Christine Hannig über die bewegte Geschichte dieses Quartiers und seiner Bewohner ebenso wie über die hier untergebrachten Bestände und ihre Konservierung. Sie zeigten sodann Beispiele der von ihnen verwalteten 350.000 Autographen und Manuskripte, die durch eine Präsenzbibliothek von 130.000 Bänden ergänzt werden.

Der abendliche Ausklang dieses ersten Tages spielte sich im anheimelnden kleinen Saal der Juristischen Bibliothek im Neuen Rathaus ab. Zum bewährten „Bibliophilen Gespräch“ war diesmal der Münchner Antiquar und Auktionator Karl Hartung eingeladen. Der 95jährige plauderte über eineinhalb Stunden in sehr lebendiger Weise über seine Erfahrungen in diesem Beruf, der für ihn als Mitarbeiter in der bedeutenden Firma Carl & Faber begann und als deren Inhaber endete. Unter seinem Namen wird die Firma heute fortgeführt. Er erinnerte sich an viele, mitunter recht heitere Begegnungen mit Sammlern und Kollegen, berichtete auch über Fälschungen und eingelieferte Ware zweifelhafter Herkunft, durch Fragen von Prof. Wittmann herausgefordert.

Am Samstag (24.5.) versammelte man sich im Deutschen Museum zunächst zur Mitgliederversammlung. Im Jahresbericht des Vorsitzenden wurde auf den erneuerten Werbeprospekt mit der Aufforderung hingewiesen, ihn als Ergänzung zum Internet-Auftritt der Gesellschaft für die persönliche Mitgliederwerbung zu nutzen. Sie ist notwendig, um auf Dauer die bisherigen Aufgaben erfüllen zu können. Die von Prof. Dr. Ute Schneider redigierte nächste Ausgabe des Jahrbuches „Imprimatur“ wird als Zweijahresband pünktlich zur Jahresversammlung 2009 ausgegeben, die nächste Jahrestagung findet vom 12. bis 15. Juni in Köln statt. Schatzmeister Michael Then konnte eine ausgeglichene Bilanz vorgelegen. Anschließend führte Dr. Helmut Hilz mit ausführlichen Erläuterungen durch die Sonderausstellung „Theatrum Machinarium“. Unter diesem Titel waren vom 16. bis zum 18. Jahrhundert veröffentlichte, meist aufwendig illustrierte Bücher zur Mechanik und deren Anwendung in den Vitrinen ausgelegt. Sie dienten als Handbücher für die Praxis, manchmal aber waren sie Gegenstand von Zukunftsträumen, die erst viel später realisiert werden konnten oder aber phantastische Utopien blieben. Es war eine geschickt zusammengefügte Auswahl der 5000 Libri Rari der insgesamt rund 900.000 Bände zur Geschichte der Naturwissenschaften und Technik in einer erst vor einhundert Jahren gegründeten Fachbibliothek.

Die nachfolgende Station am Nachmittag war die Universitätsbibliothek. Hier berichtete Dr. Sven Kuttner über deren Entwicklung. Sie begann 1473 mit einer schon bald 231 Bände umfassenden Bücherei der Artistenfakultät innerhalb der ein Jahr zuvor gegründeten ersten bayerischen Universität in Ingolstadt. Im weiteren Verlauf erhielt sie durch Ankauf oder als Geschenk häufig zahlreiche Büchersammlungen von Gelehrten. Auch Bibliophile waren darunter, wie die 1941 erworbene Bibliothek von Carl Georg von Maassen zeigt. Als die Bibliothek im Jahre 1800 nach Landshut und 1826 dann nach München verlegt wurde, war der Bestand auf 130.000 Bände angewachsen, auch dank der Säkularisation der Klöster. Heute zählt sie trotz großer Kriegsverluste 2,2 Millionen Bände. Aus dem 400.000 Bänden Altbestand wurden einige Beispiel gezeigt.

Das traditionelle abendliche Festessen fand im Eden Hotel Wolff statt. Auch die 96jährige Dr. Lotte Roth-Wölfle, Ehrenmitglied unserer Gesellschaft, hatte sich eingefunden. Nach einem alten Brauch wurden den Teilnehmer kleine Gaben überreicht: Der verhinderte Walter Remy hatte die von Adrian Frutiger gestaltete und illustrierte, dreisprachige Winterthurer Ausgabe von „Das hohe Lied Salomos“ gestiftet; Michael Then und Reinhard Wittmann überraschten mit einem 20seitigen Faksimiledruck der Charakterstudie eines „BücherLiebhabers“ von Johann Joseph Pockh aus seinem sehr seltenen Werk von 1734; wie gewohnt kam von Arno Piechorowski ein Gedicht über „Die Nachtigall“ von Barthold Hinrich Brockes (1746) mit einem Linolschnitt von Zbigniew Dolatowski. In den Pausen trugen Bernd Oetter ein Ringelnatz-Gedicht und Hans Stula die von ihm entdeckten Verse über die Lebensalter (1912) eines Herrn von Freyberg vor.

Den Festvortrag am Sonntag (25.5.) hatte diesmal der Tutzinger Antiquar Eberhard Köstler übernommen, den Titel der 1931 erschienenen „Elemente der Bücherliebeskunst“ nutzend: „Bücher Bücher Bücher Bücher“. Gegenstand waren die Münchner Bibliophilie und ihre wichtigsten Vertreter um 1900, verknüpft mit der damals dort aufblühenden literarischen Moderne, verkörpert auch durch die Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“. Herausgestellt wurden der Literaturwissenschaftler Karl Wolfskehl (1869-1948), der E. T. Hoffmann-Sammler und Autor der Aufsatzsammlung „Der grundgescheute Antiquarius“ Carl Georg von Maassen (1880 –1940) und der Illustrator Rolf von Hoerschelmann (1885-1947). Der Erstere gehörte zu den Initiatoren der von 1907 bis 1913 bestehenden „Gesellschaft der Münchner Bibliophilen“. Nebenbei: zum Schluss erhielten die aufmerksamen Zuhörer als Dankesgabe des Vortragenden das Faksimile eines Mozart-Briefes.

Ein Omnibus-Ausflug am Nachmittag führte nach Freising zur Dombibliothek, die unter ihren 300.000 Bänden insgesamt 224 Inkunabeln und 3.560 Handschriften aufzuweisen hat, teilweise im Barocksaal aufgestellt. Ihr Direktor Dr. Martin Walko führte durch Lesesaal und Magazine, machte mit einigen Beispielen aus den vorwiegend geisteswissenschaftlichen Altbeständen bekannt.

Für die Teilnehmer der Exkursion am Montag (26.5.) war der Besuch der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg ein weiterer Gewinn im Rahmen der Tagung. Von Dr. Andreas Bode wurde sie durch die von Jella Lepmann 1949 gegründete, seit 1983 hier ansässigen Einrichtung geführt, die eine halbe Million Kinder-Jugendbücher in über 130 Sprachen beherbergt, ergänzend dazu 30.000 Bände Fachliteratur. Aufgenommen sind auch Teilnachlässe von Autoren dieser Gattung, sodass in gesonderten Kabinetten Originalausgaben und -illustrationen, handschriftliche Dokumente und persönliche Gegenstände gezeigt werden können: von Erich Kästner (1899-1974), Michael Ende (1929-1995) und James Krüss (1926-1997) sowie als Vorlass der Bilderbuch-Künstlerin Binette Schroeder. Während eines Rundgangs ließen sich den in Vitrinen manche aus der Kindheit vertraute Bücher entdecken.

Die Busfahrt ging weiter nach Tegernsee. Nach dem gemeinsamen Essen auf der Terrasse des „Bräustüberls“ wurde die Büttenpapierfabrik Gmund im Mangfalltal aufgesucht. Frau Lada demonstrierte das handwerkliche Papierschöpfen und ließ dann die in Kellerräumen produzierende ehrwürdige Papiermaschine aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erleben, die Buntpapiere in jeweils gewünschten Farben und naturgemäß kleineren Mengen herstellt. Anschließend empfing Dr. Ekkehard Storck die Gruppe im neuen Pavillon des Gulbransson-Museums und informierte über die Entstehung und Trägerschaft dieser Einrichtung. Der bisherige, dem Künstler geweihte Bau wurde erst einige Tage später wieder eröffnet, dafür waren in einer Sonderausstellung satirische Lithographien von Honoré Daumier und ebenso bissige gesellschaftskritische Zeichnungen der „Neuen Frankfurter Schule“ um die Zeitschrift „Pardon“ zu sehen, unter anderen von Robert Gernhardt und Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. W. Bernstein. Der Tag endete für die Unentwegten mit einem gemütlichen Beisammensein im Münchner „Rechthaler Hof“. Übereinstimmende Meinung war, dass sich die diesjährige Tagung durch vielseitige Eindrücke und interessanten Unterweisungen, durch eine weit gespannte Themenbreite aus Vergangenheit und Gegenwart, nicht zuletzt durch die gut vorbereitete Organisation des Vorsitzenden und Schatzmeisters besonders ausgezeichnet habe.

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2007 in Hannvover

Das Wetter zeigte sich an den Tagen vom 7. bis 11. Juni sommerlich von seiner besten Seite, auch wenn man sich manchmal geringere Hitzegrade gewünscht hätte. Durch den bis an das Tagungshotel reichenden Maschsee verspürte man wenigstens einen Hauch von Meeresfrische. Am dort stattfindenden Begrüßungsabend konnte der Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Wittmann den fast fünfzig Teilnehmer vorab den rechtzeitig fertig gestellten neuen Band des Jahrbuches „Imprimatur“ überreichen, dessen von der Schriftführerin PD Dr. Ute Schneider redigierter Inhalt in seiner thematischen Vielfalt und dessen Ausstattung in mustergültiger Form allgemeinen Beifall fanden.

Der Freitag (8.6.) begann wie üblich mit einer Stadtführung, bei der unser Mitglied Dr. Hans Stula als verdienstvoller Organisator der gesamten Tagung eine Gruppe selbst betreute. Der Gang durch die Innenstadt, das Leibniz-Haus eingeschlossen, endete im Prachtbau des Neuen Rathauses, wo die Stellv. Bürgermeisterin Dr. Hilde Mönnig die Gäste der Landeshauptstadt begrüßte. Am Nachmittag wurde in der Stadtbibliothek im Beisein der Bibliophilen eine Ausstellung über Hannoversche Verlage in den Zwanziger Jahren eröffnet. Der Titel „Silbergäule und Merzhefte“ bezog sich auf die „radikale“ Buchreihe des Verlegers Paul Steegemann (1894-1956) und die dem Dadaismus huldigende Zeitschrift des Dichters Kurt Schwitters (1887-1948), an dessen 120. Geburtstag dieser Rückblick erinnern sollte. Nach der Begrüßung durch die Direktorin Dr. Schelle-Wolff erläuterte Frau Haldenwanger die ausgelegten Drucke und berichtete über jene literarisch fruchtbaren Jahre in der Leinestadt, wobei neben den Genannten auch des Philosophs Theodor Lessing oder der mehr heimatkundlich orientierten Autoren Christoph Spengemann oder Julius Adolf Ey gedacht wurde. Der Tag klang aus mit einem von drei Mitglieder bestrittenen „Bibliophilen Gespräch“. Ulrike Erber-Bader berichtete über die von ihr gesammelten Verlagsalmanache, die schon 2001 in einer zweibändigen Bibliographie erfasst worden sind. Beispiele kriminellen Bücherdiebstahls aus ungebremster Leidenschaft, die Taten des berüchtigten Magister Tinius voran, behandelte Dr. Walter Grasser. Und Bernd Oetter zeigte einen ganzen Koffer voll seltener und manchmal kurioser, meist zufällig aufgefundener mittelalterlicher Handschriften und älterer Druckwerke, in denen die Anwesenden blättern durften.

Am Samstag (9.6.) fand die Mitgliederversammlung in der Niedersächsischen Landesbibliothek statt, die den Nachlass von Gottfried Wilhelm Leibniz hütet und daher nach ihm benannt ist. Der Vorsitzende und Schatzmeister Michael Then lieferten ihre Berichte. Noch ist die Mitgliederzahl stabil, ist die finanzielle Bilanz ausgeglichen. Jedoch fehlt wie überall der Nachwuchs und so müssen alle mithelfen, junge Bücherfreunde und Sammler für unsere Sache zu gewinnen. Später begrüßte Direktor Dr. Georg Ruppel seine Gäste, die drei kleine Ausstellungen besichtigen konnten: im Foyer Bücher und Buchobjekte von Gertrud Boernieck aus Köln (“Bild küsst Wort“), im Lesesaal ausgewählte Beispiele aus den Werken von Wilhelm Busch und im Katalogsaal eine Tarnschriften-Sammlung des Hauses, die Gegenstand der Festrede am nächsten Tage werden sollte. Gezeigt wurden auch die modernen Einrichtungen in diesem Neubau. Den Nachmittag konnte jeder nach eigenem Gutdünken nutzen, für Besuche in Museen oder Antiquariaten. Selbst auf dem Flohmarkt konnte der eine oder andere glückliche Erwerbungen tätigen. Beim abendlichen Festessen im Tagungshotel erfreuten zwei Mitglieder ihre Gefährten mit Gaben: wie immer Arno Piechorowski, mit einem Druck seiner Aldus-Presse Reicheneck, diesmal ein Essay über Leibniz von Ricarda Huch, 1949 posthum veröffentlicht; zum anderen Hans Stula mit dem von ihm 1980 erstellten Gesamtverzeichnis der „Deutschen Bilderbogen für Jung und Alt“ (1867-1873).

Für den sonntäglichen Festvortrag am 10.6. hatte Dr. Ruppelt den Titel „Thomas Mann im Teebeutel“ gewählt. Behandelt wurden die in kleiner Auswahl bereits am Vortage begutachteten Tarnschriften während des Dritten Reiches von im Exil Lebenden oder von den Gegnern im Zweiten Weltkrieg. Beteiligt waren hierbei vor allem die geflohenen KPD-Mitglieder, unterstützt durch ihre internationale Organisation, in geringerem Maße Angehörige der SPD und des katholischen Zentrums. Mit unverfänglichen Umschlägen in gewohnter Aufmachung versehen wurden die verbotenen Texte auf manchmal abenteuerlichen Wegen über die Grenzen eingeschmuggelt. Die Flugblätter der Alliierten wollten aufklärend wirken oder forderten zur Fahnenflucht auf. Der Nachmittag war dem Besuch der Herrenhäuser Gärten gewidmet. Im Hardenbergschen Palais zeigte Gräfin Ursula zu Dohna ihre dort untergebrachte Arbeitsbibliothek zur Gartenkunst, die neuere in- und ausländische Fachliteratur zu diesem Thema umfassend. Den Rundgang durch den berühmten Großen Garten mit seinen Sehenswürdigkeiten leitete Dr. Stula.

Die Exkursion am Montag (11.6.) führte nach Bückeburg. Im dortigen Niedersächsischen Staatsarchiv wurden die Fahrtteilnehmer von Archivdirektor Dr. Hubert Höing begrüßt. Eine dort als große Seltenheit untergebrachte, mit 73 Bänden sehr umfangreiche Kettenbibliothek aus dem 1559 aufgehobenen Franziskaner-Kloster in Stadthagen stellte unser Mitglied Dr. Udo Jobst vor. Frau Liebigke zeigte einige Frühdrucke. Nach dem Mittagessen im Ratskeller wurde das Schloss der Fürsten von Schaumburg-Lippe mit seiner reich dekorierten Kapelle und dem durch eine prunkvollen Tür geschmückten Goldenen Saal besichtigt. Die Rückfahrt wurde in Stadthagen unterbrochen, um im monumentalen Mausoleum des Fürsten Ernst die Figurengruppe des Adrian de Vries zu bewundern.

Es waren abwechslungsreiche Tage, die viele lehrreiche Stunden mit überraschenden Neuentdeckungen in einem vorher nicht erwarteten Maß boten, aber zugleich genügend Zeit für anregende freundschaftliche Gespräche ließen.

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2006 in Salzburg

Unsere Gesellschaft hat zweimal in Wien getagt, zuletzt vor 78 Jahren. Mit dem Vorstand der nur wenig jüngeren Wiener Bibliophilen-Gesellschaft kam es diesmal in Salzburg zu einer erneuten Begegnung. In diesen hochsommerlichen Junitagen waren unsere teilnehmenden Mitglieder von den sehenswürdigen barocken Bauten der Stadt beeindruckt, erst recht von den in Bibliotheken bewahrten Bücherschätzen, die ihnen in einer Auswahl von meist einem Dutzend Zimelien zugänglich waren, die manchmal sogar geblättert werden durften, mit Baumwollhandschuhen natürlich – Handschriften aus karolingischer Zeit oder prächtig illuminierte Codices des Mittelalters mit künstlerisch gestalteten Initialen, Miniaturen und üppiger Ornamentik, oft in verzierten Einbänden.

Am Freitag (16.6.) konnten sogleich in der Bibliothek der 696 gegründeten Erzabtei St. Peter hervorragende, singuläre Zeugnisse romanischer Buchkunst in Augenschein genommen werden. Die Bibliothekare Pater Dr. Eder und Frau Mag. Führer zeigten in der mit stuckierten Decken ausgestatteten „Oberen Bibliothek“ von 1660, benachbart der „Zellenbibliothek“, ausgesuchte Stücke aus einem Bestand von fast 1.300 mittelalterlichen Handschriften, von denen viele aus der bedeutenden Schreibschule des Klosters stammten. Gleichen Sehgenuß, gepaart mit gründlicher Belehrung durch die Bibliothekarinnen Mag. Koll und Gerhardt erfuhren die Besucher in der vor 300 Jahren gegründeten Universitätsbibliothek, vom Arno-Codex aus dem 8. Jahrhundert bis zu den Aquarellen aus der 1790 gedruckten „Flora der Karibik“ des Freiherrn von Jacquin. Aufmerksamkeit verdienten im Lesesaal der juristischen Fakultät die Wandmalereien der Landkartengalerie. Der Tag endete im Vortragssaal des „Hauses der Natur“ mit Referaten dreier Mitglieder der Gesellschaft über ihre Sammlungen. Dagmar von Schack stellte ihre von der Mutter übernommene und an die Kinder weitergereichte Sammlung von Almanachen und Taschenbüchern vor sowie die eigene botanischer Bücher. Über die Erfahrungen bei Einkäufen mit Antiquaren und Auktionatoren plauderte Jens Jenßen, über seine Hallensia-Sammlung berichtete der in der Saale-Stadt aufgewachsene Hans Stula.

Der Samstag (17.6.) begann mit der Mitgliederversammlung. Der Vorsitzende kündigte an, dass der nächste Band des Jahrbuches „Imprimatur“ pünktlich zur Jahresversammlung 2007 in Hannover erscheinen werde, der Schatzmeister konnte eine ausgeglichene Bilanz vorweisen. Die Mitgliederzahl sei konstant geblieben, doch die Werbung um Nachwuchs dürfe nicht nachlassen. Die anschließende Stadtführung in zwei Gruppen, ausgerichtet stadtgeschichtlich vom ortsansässigen Mitglied Peter Matern, geologisch von Prof. Dr. Wolfgang Vetters, mußte durch den einzigen, aber kräftigen Regen in diesen Tage vorzeitig abgebrochen werden, vermittelte dennoch genügend Kenntnisse. Der Nachmittagsausflug mit dem Omnibus führte zunächst nach Schloß Leopoldskron zum 1927 von Max Reinhardt eingerichteten Bibliothekssaal, nachgebildet der St. Gallener Klosterbibliothek. Seit 1959 sind die Regale mit englischer Fachliteratur für die Kursteilnehmer des Salzburg-Seminars bestückt. Nächste Station war nördlich von Salzburg die 1072 geweihte Benediktinerabtei Michaelbeuern. Ihre Blütezeit im 12. Jahrhundert repräsentierte die Walther-Bibel, daneben eine Auswahl weiterer Handschriften, erläutert von Pater Eppenschwandtner. Anschließend konnte eine Sonderausstellung zur Volksfrömmigkeit und zum Salzburger Brauchtum besichtigt werden.

Der Festabend im Gartensaal des Tagungshotels vereinte 55 Teilnehmer. Als Gäste konnten Hofrat Dr. Tillfried Cernajsek, der Vorsitzende der Wiener Bibliophilen-Gesellschaft, und seine Vorstandskollegen Dipl.-Ing. Martischnig und Prof. Dr. Tschurlovits begrüßt werden. Ausgelegt waren Veröffentlichungen der österreichischen Freunde. Die Gaben:

Mozart
Mozart-Bildnis. Einblattdruck mit dem Linolstich der Silhouette von Zbigniew Dolatowski. Aldus-Presse Reicheneck.
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Münchhausen  
Jenßen, Jens: Münchhausiaden. Die Freiherren von Münchhausen und Göttingen. Holzschnitt von Alfred Pohl. 111. Ausgabe der Aldus-Presse Reicheneck 2006

Den Sonntag (18.6.) füllten drei Vorträge im „Haus der Natur“ aus. Hofrat Prof. Dr. Günther G. Bauer, sprach über die in seinem neuesten Buch nachgewiesenen Kinder- und Gesellschaftsspiele, dann leidenschaftlich betriebenen Glücksspiele Mozarts. Am Nachmittag sprach Oliver Matuschek, Bearbeiter des Kataloges der Autographensammlung von Stefan Zweig, über eine ganz andere Leidenschaft des von 1919 bis 1934 meist in Salzburg lebenden Dichters. Prof. Dr. Manfred Tschurlovits beschäftigte sich, unterstützt von Lichtbildern, mit seiner Sammlung von Gerlach's Jugendbücherei, jenen zwischen 1900 und 1920 von Künstlern farbig illustrierten, mit Vignetten, Randleisten und originellen Vorsatzmustern geschmückten Bändchen.

Ziele der Exkursion am Montag (19.6.) waren zwei Klöster in Oberösterreich. Zuerst wurde das 950 Jahre alte Benediktinerstift Lambach angefahren, das ab dem 12. Jahrhundert über ein bedeutendes Skriptorium verfügte. Pater Stoiber, unterstützt von Archivar Mag. Stöckinger, hatte ein Dutzend ausgewählter mittelalterlicher Handschriften bereitgelegt, beginnend mit Mönchsregeln aus dem 9. Jahrhundert, dazu frühe und spätere Musikhandschriften. Im Bibliothekssaal von 1699 mit den gemalten ovalen Deckenfresken überraschte ein Leserad von 1730, ein drehbares Pult für Folianten. Nach einer Mittagspause im Landhotel Schicklberg wurde die Bibliothek des vom Bayernherzog Tassilo 777 gegründeten, mit reichen Kunstschätzen ausgestatteten Benediktinerstiftes Kremsmünster aufgesucht. Untergebracht sind die Handschriften, Inkunabeln und neueren Drucke in einer Folge dreier frühbarocker Säle mit Spiegeldecken und einem Zwischenraum, die in thematischer Ordnung Autoren der Antike bewahren. Bibliothekar Dr. Fill kommentierte eingehend die ausgelegten frühen Handschriften, darunter Erzeugnisse des im 13. Jahrhundert blühenden eigenen Skriptoriums. Damit endete eine außergewöhnliche, von allen hochgelobte Tagung, die unmittelbare Berührungen mit einer Bücherwelt gestattete, wie man sie nur hier erwarten konnte.

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2005 in Göttingen

In diesem Jahr hatte die Gesellschaft der Bibliophilen für ihre 106. Jahresversammlung in den letzten Maitagen die niedersächsische Universitätsstadt Göttingen ausgesucht, genau siebzig Jahre nach ihrem dortigen ersten Besuch, damals eingeladen von der längst nicht mehr existierenden Vereinigung Göttinger Bücherfreunde. Den angereisten fünfzig Teilnehmern wurde das gewohnte abwechslungsreiche Programm geboten, in dem neben Besichtigungen und Vorträgen auch Stunden anregenden Gedankenaustauschs vorgesehen waren. Der erste Tag (27.5.) begann mit einer sachkundigen Führung durch die vom Wall umschlossene Innenstadt mit ihren mittelalterlichen Fachwerkfassaden , der Jacobi-Kirche und ihrem spätgotischen Doppelf lügelaltar, vorbei an Universitätsbauten und Professorenhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts, endend in der großen Halle des zinnenbewehrten Alten Rathauses, wo Bürgermeister Gerhardy die bibliophilen Gäste willkommen hieß.

Am Nachmittag ging es zur Sache: in der Historischen Universitätsbibliothek der 1737 gegründeten Georgia Augusta machten Dr. Helmut Rohlfing und Dr. Joachim Migl mit kostbaren Schätzen dieser großartigen Büchersammlung bekannt. Heute umfaßt sie insgesamt 4,5 Mio. Bände und zählt damit zu den Großen unter den Hochschulbibliotheken. Im Altbestand befinden sich 10.000 Handschriften, 3.100 Inkunabeln sowie 13.000 wertvolle und seltene Drucke, darunter eine der vier weltweit erhaltenen vollständigen Gutenberg-Bibeln auf Pergament, auch ein Musterbuch zur Ausmalung der frühen Drucke jener Zeit. Dank ihres reichen Bestandes an Büchern des 18. Jahrhunderts ist die Bibliothek zuständig für die Sammlung deutscher Drucke dieses Zeitraums im Rahmen der virtuellen Deutschen Nationalbibliothek. Im Forschungslesesaal sind hunderttausende Bände des 18. Jahrhunderts frei zugänglich, erschlossen werden sie im Digitalisierungszentrum.

Am Abend berichtete Klaus Hübner über die Nebentätigkeit eines Göttinger Gelehrten, nämlich Georg Christoph Lichtenberg. Der bis heute lebendig gebliebene Naturwissenschaftler und Publizist hatte ganz im aufklärerischen Sinne von 1778 bis 1799 den Göttinger Taschen-Calender herausgegeben. Vorbereitend dafür war den Tagungsteilnehmern das Bändchen Dieses ephemerische Werckchen von Günter Peperkorn (1992) ausgehändigt worden, in dem dieses frühe populärwissenschaftliche Periodikum gewürdigt wird. Lichtenberg
Imprimatur Nach diesem gelungenen Auftakt begann der zweite Tag (28.5.), wie vorher und nachher begünstigt von strahlendem Sonnenwetter, mit der Mitgliederversammlung. Der Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Wittmann (München) konnte berichten, dass die Mitgliederzahl konstant geblieben und das regelmäßige Erscheinen des Jahrbuches Imprimatur weiterhin gewährleistet ist – der pünktlich vorliegende Band XIX der Neuen Folge (2005) wurde während der Tagung den Anwesenden übergeben. Die turnusmäßige vorgenommene Neuwahl des Vorstandes bestätigte die bisherigen Amtsinhaber: neben dem genannten Vorsitzenden Dr. med. Onno Feenders (Emden) als 2. Vorsitzenden, RA Michael Then (München) als Schatzmeister und Bernd Oetter (St. Augustin) als Beisitzer. Neu gewählt wurde PD Dr. Ute Schneider (Mainz) als Schriftführerin.

Ein Bus brachte die Versammlung anschließend zur Druckerei Hubert & Co., die zum ortsansässigen Verlag Vandenhoeck & Ruprecht gehört und daher speziell wissenschaftliche Bücher für das eigene Haus und für Fremdverlage produziert. Ein Rundgang zeigte, wie heute an PC- und Scanner-Arbeitsplätzen die Übernahme und Aufbereitung der Texte und Abbildungen erfolgt, wie Offset-Druckmaschinen und Bindestraßen für die Verarbeitung selbst kleiner Auflagen eingerichtet sind, wie die fertigen Hard- oder Softcover-Bücher verpackt und auf Hochregalen gelagert werden. Dr. Dietrich Ruprecht berichtete sodann von der 270jährigen Geschichte des Verlages, den der Holländer Abraham Vandenhoeck gründete und den Carl Friedrich Günther Ruprecht 1787 übernahm, dessen Nachkommen seither in der siebten Generation die Firma besitzen und leiten. Er zeigte Raritäten aus dem Verlagsarchiv, darunter bedruckte und gefalzte Rohbogen aus dem 18. Jahrhundert. Neben einer Broschüre zur Verlagsgeschichte erhielt jeder Besucher eine ausgebundene Bleisatzform mit seinem Namen und seiner Anschrift als Erinnerungsgabe.

Im Neubau der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek war ein gekühlter Raum an diesem besonders heißen Tag für zwei Vorträge bereitgestellt. Peter Neumann sprach über den Sammler und Bibliographen Otto Deneke (1875-1956), der seine Bücher als Forschungsmittel verstand und nutzte. Ausgehend von der Versteigerung seiner Bibliothek im Jahre 1909 wurde die zeitgenössische Vorliebe für Originalausgaben deutscher Autoren der klassischen und romantischen Epoche dargestellt, die Verdienste gerade dieses Göttinger Bibliophilen für deren Sichtung und bibliographische Erfassung anerkannt, dessen Funde und Nachforschungen für die kritischen Editionen der Literaturwissenschaft hilfreich waren. Anschließend zeigte Dr. Hans Stula mit Lichtbildern Göttinger Stammbuchkupfer und kommentierte jene Blätter, die zwischen 1750 und 1830 nach dem Vorbild des Adels bei den Studenten mit Eintragungen ihrer akademischen Freunde und Lehrer als Erinnerung an ihre Studienzeit beliebt waren. Anfangs mit Schmuckleisten geziert, später zusätzlich durch Ansichten der Stadt und ihrer Ausflugsziele oder Landschaften von ortsansässigen Kupferstechern ergänzt, wurden sie seit 1780 als Einzelblätter in Schubern aufbewahrt.

Der Festabend vereinte die Bibliophilen in Gebhards Hotel in der Goethe-Allee. Eingefunden hatte sich als auswärtiges Mitglied auch Dr. Roland Folter aus New York mit seiner Gattin. Reich war diesmal die Zahl der Gaben: von Arno Piechorowski als 110. Ausgabe seiner Aldus Presse die Anmerkungen zu Göttingen von Heinrich Heine am Beginn seiner Harzreise von 1824, mit zwei Holzschnitten von Alfred Pohl und einem Nachwort von Jens Jenßen, der den Druck den Mitgliedern gespendet hat; vom Ehepaar Bosch-Gwalter als 124. Kranich-Druck ein Faksimile des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben nach der in der Fondation Martin Bodmer aufbewahrten Handschrift; vom Steidl-Verlag der Gedichtband Jahre mit Windrad von Harald Hartung, gestaltet von Klaus Detjen; von Dr. Werner Grebe die voluminöse Festschrift für Rudolf Juchhoff von 1959 Aus der Welt des Bibliothekars. Schließlich wurden jedem Anwesenden von Dr. Hans Stula ein originales Stammbuchblatt Göttinger Provenienz und von Peter Neumann ein Holzstich-Exlibris von Andreas Brylka überreicht.
Aldus

Den sonntäglichen Festvortrag (29.5.) in der seit 1812 mit Bücherregalen ausgestatteten gotischen Paulinerkirche, einst Teil des Dominikanerklosters und dann erste Unterkunft der Universität und ihrer Bücher, hielt Bibliotheksdirektor Prof. Dr. Dr. h.c. Elmar Mittler, der sich sowohl der Tradition wie den Zukunftsaufgaben verpflichtet fühlt. Dank der weitsichtigen Förderung durch den ersten Kurator Gerlach Adolph von Münchhausen und durch die systematischen, universal ausgerichteten Erwerbungsgrundsätze entstand im 18. Jahrhundert rasch die erste moderne wissenschaftliche Gebrauchsbibliothek mit Vorbildcharakter. Zu den heutigen Dienstleistungsfunktionen gehören die Digitalisierung, das elektronische Publizieren und die Langzeitarchivierung, daneben Ausstellungen und Veranstaltungen. Am Nachmittag erfreute in der ehemaligen Villa eines Textilfabrikanten, heute Sitz des Goethe-Instituts, der junge Pianist Mikhail Mordvinov mit klassisch-romantischen Klavierstücken.

Ziel der traditionellen Exkursion am Montag (30.5.) war diesmal das ehemalige Kloster und jetzige Schloß Corvey bei Höxter an der Weser, heute Sitz des Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey. Die Bibliothek birgt in einer beeindruckenden Raumfolge 67.000 Bände des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus dem Besitz der Landgrafen Hessen-Rotenburg, die 1987 in das Verzeichnis wertvollen Kulturgutes der Bundesrepublik aufgenommen und von Wissenschaftlern der Universität Paderborn 1985 bis 1998 erschlossen wurden – eine Auswahl der Bestände ist auf Microfiches, Untersuchungsergebnisse sind seit 1993 in der Reihe Corvey-Studien veröffentlicht. Hervorzuheben sind 7.400 Romane in 15.000 Bänden, weit über ein Drittel aller zwischen 1815 und 1830 erschienenen deutschsprachigen Romane, von denen 100 überdies Unikate sind. Als Nachfolger des von 1860 bis 1874 dort tätigen Bibliothekars August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zeigte und erläuterte der heutige Betreuer, Dr. Günter Tiggesbäumker, ausgesuchte Schätze. Er führte auch durch das romanische Westwerk mit der Kaiser-Loge des Mittelalters und durch die barock gestaltete Saalkirche. Nach der Rückfahrt durch die Wälder des Solling trafen sich die Unentwegten am Abend nochmals im Tagungshotel zu einer Abschlußrunde, besprachen das in einer großen Fülle Gesehene und Erfahrene. Man wird sich im nächsten Jahr in Salzburg wiedertreffen.

Peter Neumann

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Jahresversammlung 2004 in Frankfurt am Main

Die Jahresversammlungen der Gesellschaft der Bibliophilen wurden schon in den Jahren 1920 und 1932 nach Frankfurt am Main einberufen, am Beginn und am Ende der Weimarer Republik. 1992 unternahm man von Darmstadt aus lediglich einen Abstecher dorthin. So war es an der Zeit, wieder einmal die traditionsreiche Stadt der Buchmessen und Buchverlage als Tagungsort zu wählen, zumal die Gesellschaft hier im Vereinsregister geführt wird. Vom 10. bis 14. Juni trafen sich dort fast 40 Teilnehmer bei wechselhaftem, dennoch angenehmen Frühsommerwetter. Ein besonders reichhaltiges Programm wurde den vielseitigen, weitgespannten Interessen der Sammler und Bücherliebhaber gerecht.

Nach dem Begrüßungsabend am Vortage (10.6.) und nach der gewohnten Stadtführung im Umkreis von Römer und Paulskirche, verbunden mit einem Empfang der Stadt im Kaisersaal des Römers, galt am Freitag der erste Besuch dem Goethe-Haus, eine dem großen Sohn der Stadt erwiesene Reverenz. Frau Dr. Doris Hopp führte durch die Räume, erzählte kenntnisreich über die Familie und das alltägliche Leben im Großen Hirschgraben. Endpunkt war die Bibliothek des Kaiserlichen Rats und Dichtervaters Johann Caspar, die seit langem rekonstruiert wird. Die nächste Station war das Exilarchiv in der Deutschen Bibliothek, wo Frau Silvia Asmus an Hand von Dias sowie Büchern und Manuskripten über Aufbau und Bestand dieser Sammlung von Werken jener Autoren berichtete, die zwischen 1933 und 1945 gezwungen waren, ihre Arbeiten außerhalb Deutschlands zu veröffentlichen. Weiter waren an diesem ersten Tag (11.6.) im Museum für Angewandte Kunst schöne Beispiele islamischer und ostasiatischer Buchkunst zu sehen, von den Kuratoren Frau Dr. Erduman und Herrn Dr. von der Schulenburg t erläutert. Dem Nachmittag mit seinem Überblick über die Zeiten hinweg (deutsche Klassik, Literatur des 20. Jahrhunderts und Buchkunst fremder Kulturen) folgte am Abend eine lebhafte Podiumsdiskussion. Ihr Thema waren bisherige Erfahrungen und künftige Aussichten des Internet-Handels mit alten Büchern; unter Moderation von Dr. Ute Schneider beteiligten sich als Sprecher der Antiquare Gerhard Gruber und Daniel Osthoff, als Vertreter der Sammler Prof. Dr. Reinhard Wittmann und Prof. Dr. Werner Grebe. Die Vor- und Nachteile wurden abgewogen, die Chancen und Probleme angesprochen. Noch fehlt der Überblick und ist die weitere Entwicklung abzuwarten, ehe ein abschließendes Urteil möglich ist.

Der zweite Tag (12.6.) begann mit der Mitgliederversammlung im Tagungshotel "nh Frankfurt-City" . Gedacht wurde des im vergangenen Jahr verstorbenen langjährigen Mitstreiters Hans M. Sendner, des ehemaligen Vorsitzenden der Fränkischen Bibliophilengesellschaft. Der Vorsitzende Prof. Wittmann bestätigte, dass der jüngste Band des Jahrbuchs "Imprimatur" eine ausgezeichnete Resonanz in der Fachpresse gefunden hat. Der nächste Band (NF XIX) wird von Frau Dr. Schneider bereits vorbereitet, schwerpunktmäßig werden dort Sammler und Sammlungen des 17.-19. Jahrhunderts sowie die Buchkunst und Buchgestaltung in der ehemaligen DDR behandelt.
Geplant ist überdies eine "Basis-Bibliothek" für Bibliophile in Form schmaler Bände, deren erster vom Papierhistoriker Dr. Frieder Schmidt vorbereitet wird. In diesem Jahr erhalten die Mitglieder als Gabe den im Leipziger Lehmstedt-Verlag erschienenen Band "Von Büchern und Menschen". Diesen Titel wählte der Leipziger Literaturwissenschaftler Georg Witkowski für seine von 1863 bis 1933 reichenden Erinnerungen. Er war Mitgründer unserer Gesellschaft und deren langjähriger Stellvertretender Vorsitzender, jahrzehntelang auch Redakteur der "Zeitschrift für Bücherfreunde".

Die vom Schatzmeister vorgelegten Zahlen bestätigten einen ausgeglichenen Haushalt, zudem die erfreuliche Tatsache, dass auch Spenden dazu beigetragen haben. Die Versammlung billigte die Universitätsstadt Göttingen als Tagungsort für 2005.

Die Besichtigungen wurden mit dem Besuch der Stadt- und Universitätsbibliothek fortgesetzt (12.6.). Dr. Bernhard Tönnies, Frau Dr. Kersting-Meulemann und Jochen Stollberg zeigten und besprachen ausgewählte Handschriften und Frühdrucke, die Flugschriften der von Gustav Freytag für seine "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" zusammengetragenen Kollektion und zum Dritten die Schätze der bedeutenden Musikaliensammlung.

Am Abend traf man sich zum traditionellen Festessen wieder im Tagungshotel. Die Anwesenden wurden mit ansehnlichen Gaben bedacht: außer der bereits erwähnten Jahresgabe der Gesellschaft mit dem von Elke Rehder illustrierten Druck der "Schachnovelle" von Stefan Zweig (gestiftet von Ulrike Erber-Bader und der Künstlerin); mit der Festschrift des Leipziger Bibliophilen-Abends mit Beiträgen zur Leipziger Buchkunst und Bibliophilie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (gestiftet von Christa und Dr. Onno Feenders sowie Michael Then); schließlich mit der Vorzugsausgabe der Zeitschrift "Antiquariat" vom Juni 1968 mit Beiträgen über Richard de Bury und das Lorscher Evangeliar (gestiftet von Günther Rossipaul).


Abb.: Schachnovelle

Der Festvortrag am Sonntagvormittag (13.6.) fand im Museum für Angewandte Kunst statt. Dr. Bodo Brinkmann (Städel Museum) berichtete "Habent sua fata libelli" – an Hand von fünf Beispielen mit zahlreichen Lichtbildern über die teils traurigen, teils abenteuerlichen Schicksale niederländischer Handschriften, jener prunkvollen und bekannten Stundenbücher des Spätmittelalters, die im letzten Jahrhundert Opfer von Raub und Krieg wurden, durch Wasserschäden verdorben oder durch Plünderungen den Eigentümern gestohlen. Einige blieben verschollen, andere konnten gerettet werden. Anschließend war mehr als ein Dutzend ähnliche Schätze der Abteilung Buchkunst und Graphik zu bewundern, die die Kuratorin der Sammlung der Brüdel Linel, Frau Dr. Eva Linhart, präsentierte. Sie befinden sich seit 1916 im Besitz der Stadt und des Museums. Am Nachmittag führte Frau Carola Seitz durch das Jüdische Museum im Gebäude der einstigen Rothschild-Bibliothek, die seit 1928 der Stadt- und Universitätsbibliothek gehört. Viel konnte man über die uns viel zu wenig vertrauten jüdischen Glaubensvorstellungen und über die religiöse Praxis erfahren, die einmal Teil unseres kulturellen Lebens waren. Bewußt wurden einem auch hier die Verluste, die in unserem Fall bedeutende Sammler und Antiquare betrafen, die in Frankfurt lebten.

Die Exkursion am Montag (14.6.) führte in das nahe Offenbach einige Kilometer mainaufwärts. Zunächst zur "usus"-Werkstatt von Uta Schneider und Ulrike Stoltz, hervorgegangen aus der Gruppe "UnicaT". Die erstere, uns als Geschäftsführerin der "Stiftung Buchkunst" bekannt, beschrieb die Konzepte und die Entstehung einzelner Arbeiten. Dieser willig aufgenommene Einblick in die buchkünstlerische Praxis wird dazu verhelfen, künftig mit besserem Verständnis experimentelle Schöpfungen zu beurteilen. Am Nachmittag wurde das Klingspor-Museum besucht, wo Martina Weisz mit erlesenen Pressendrucken und aufwendig gestalteten Büchern aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bekannt machte, mit jenen Zeugnissen der Reformbewegung um 1900, die in der Bibliothek des Museums verwahrt werden. Anschließend blieb noch Zeit für weitere Exponate, die der Leiter des Hauses, Dr. Stefan Soltek, vorstellte.

Die Fülle des Gesehenen und Gehörten in einer selten erfahrenen Breite war eindrucksvoll, sie erforderte von den Teilnehmern große Beweglichkeit und höchste Aufmerksamkeit. Aber wohl niemand hat diese anstrengenden Tage bereut, vielleicht bedauert, dass auf manches verzichtet werden mußte, was Frankfurt darüber hinaus zu bieten hat. (pn)

Programm (PDF) zum Download

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Jahresversammlung 2003 in Nürnberg

Von ungetrübtem sommerlichen Wetter begleitet war die vom 19. bis 23. Juni stattfindende diesjährige Jahresversammlung unserer Gesellschaft in Nürnberg, das 1969 schon einmal Tagungsort gewesen war. Gastgeber war das Germanische Nationalmuseum, das den Aufseß-Saal für die Zusammenkunft der fast siebzig Teilnehmer bereitgestellt hatte und dessen wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen in das Vortragsprogramm eingebunden waren. Es hatte zudem seine Studio-Ausstellung dem Holzschneider und Pressendrucker Josef Weisz (1894-1969) gewidmet.

Zu sehen gab es diesmal viel (oft auch in die Hand zu nehmen): nach der traditionellen Stadtführung und dem anschließenden Empfang durch den Kulturdezernenten der Stadt im Alten Rathaus beim Besuch der Stadtbibliothek im Pellerhaus, deren Leiterin Frau Dr. Sauer ausgewählte Schätze vor allem Nürnberger Provenienz ausgelegt hatte, mit der Schedelschen Weltchronik als Mittelpunkt. Seltene und schöne Bücher konnten auch in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums betrachtet werden, ebenso bei einem Abstecher nach Erlangen in der dortigen Universitätsbibliothek, vorgezeigt von Direktor Dr. Keunecke, und schließlich bei der Exkursion am letzten Tag nach Schweinfurt in der Bibliothek Otto Schäfer, deren Leiter Georg Drescher über die trotz mancher Einbußen glückliche Fortführung dieser Einrichtung berichtete, wovon die Sonderausstellung über Matthäus Merian d. Ä. zeugte. Bei letzterer Gelegenheit wurde auch das benachbarte Museum Georg Schäfer mit seinen hervorragenden Beispielen deutscher Malerei vornehmlich des 19. Jahrhunderts aufgesucht.

Auftakt der Vorträge bildete die von Prof. Dr. Ursula Rautenberg vollzogene historisch-kritische Betrachtung des "Kult ums Buch", der "uneigentlichen Buchnutzung", wie sie in der Sammelleidenschaft der Bibliophilen ihren Ausdruck findet. Ergänzend dazu befaßte sich Dr. Christiane Lauterbach mit dem Phänomen der "Rara", mit den selten gewordenen Büchern, deren Wertschätzung seit Ende des 18. Jahrhunderts einen spezifischen Markt entstehen ließ. Weitere Vorträge waren der unübersehbar bedeutenden Buchgeschichte der alten Reichsstadt gewidmet. Neuere Forschungsergenisse über Dürers Anfänge als Illustrator stellte Dr. Rainer Schoch vor, über Nürnberger Kinderbücher sprach Frau Dr. Sauer und über Nürnberger Buchmalerei berichtete Dr. Anja Grebe, den frühen Nürnberger Buchvertrieb in der Fuggerzeit schilderte Dr. Johannes Pommeranz. Der von unserem Mitglied Arno Piechorowski für den Festabend im Grand-Hotel nach altem Brauch gestiftete Druck seiner Aldus-Presse Reicheneck enthielt 1781 und 1787 entstandene Texte über Albrecht Dürer von Wilhelm Heinse, dessen 200.Todestag sich jährte.

Auf der vom Vorsitzenden Prof. Dr. Reinhard Wittmann geleiteten Mitgliederversammlung wurde der zum dritten Mal in Folge erschienene und damit eine längere Pause aufholende Band XVIII des von Dr. Ute Schneider herausgegebenen Jahrbuchs "Imprimatur" vogestellt, diesmal in einer besonders aufwändigen und vorbildlichen Buchgestaltung und mit einem weit gefaßten Themenspektrum: dreizehn Beiträge zur Buchkunst und über Buchkünstler, über verschiedenartige Sammelgebiete, über Verlage und Verleger. Der Band ist inzwischen an alle Mitglieder ausgeliefert. Ein neuer Prospekt über die Ziele und Leistungen der Gesellschaft kann Hilfe bei der Werbung neuer Mitglieder sein: wir bitten deshalb darum, ihn in gewünschter Zahl bei der Geschäftstelle unserer Gesellschaft anzufordern, ebenso ein Liste der noch lieferbaren Veröffentlichungen. (pn)

Als Tagungsort für 2004 wurde Frankfurt am Main bestimmt.

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Jahresversammlung 2002 in Emden

Die Bibliophilen-Tage waren diesmal von den am Tagungsort lebenden Mitgliedern Dr. Onno Feenders und Hilgriet Eilers selbständig geplant und vorbereitet worden, unterstützt von der dortigen Johannes a Lasco-Bibliothek und ihrem Förderverein. Den abwechslungsreichen Ablauf und die reiche Substanz des Programms haben die über fünfzig angereisten Teilnehmer dankbar anerkannt, denn sie wurden während der vier Tage von einer überwältigenden Fülle kostbarer und seltener Bücherschätze überrascht und mit vielfältigen Zeugnissen zeitgenössischer Buchkunst vertraut gemacht. Die genannte Bibliothek mit ihrem bedeutenden historischen Buchbestand, deren moderner Neubau in die großartige Ruine der 1943 zerstörten Großen Kirche mit Resten der alten Ausstattung integriert ist, war Tagungsort. Sie bildete den würdigen und feierlichen, dennoch befreienden Rahmen für Vorträge und Ausstellungen, auch für das Festessen. Ausgestellt waren in dem weiten Raum eigens für uns Illustrationen des 20. Jahrhunderts zu antiken Texten aus der Sammlung unseres Mitglieds Dr. Wolfgang Classen, von der Kostproben bereits bei der letzten Tagung zu bewundern waren. An gleicher Stelle führte Heinz-Stefan Bartkowiak in einem Lichtbildervortrag zeitgenössische Handpressendrucke, Einblattdrucke und Mappenwerke vor, berichtete Jens Henkel von der burgart-presse in Rudolstadt über die glücklichen Bedingungen, unter denen in der ehemaligen DDR zensurfreie Künstlerbücher in beachtlicher Zahl und hoher Qualität entstehen konnten, informierte schließlich Walter Schulz als Stiftungsvorstand über das Werden und den weiteren Ausbau der 1559 entstandenen Bibliothek, benannt nach dem Reformator und Erasmus-Schüler aus Polen und heute eine kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts. Die ausgelegten wertvollen Handschriften und Drucke dieser Einrichtung, die in älterer Zeit ausgezeichnete Gelehrtenbibliotheken aufnahm und jüngst das gesamte Kupferstichwerk Otto Rohses erwarb, konnten am Sonntagabend eingehend betrachtet werden.

Die Tagung hatte mit einem Stadtrundgang begonnen, der auf den Turm des stolzen, in neuer Gestalt wiederaufgebauten Rathauses führte und zum altertümlichen Pelzerhaus, wo nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister eine kalligraphisch ausgeführte Emder Chronik zu bewundern war. Die erwähnten Vorträge und die Einführung zur Ausstellung schlossen sich an.

Die Mitgliederversammlung leitete den zweiten Tag ein. Die Ergebnisse der Neuwahl haben wir diesem Bericht vorangestellt. Über die gegenwärtige Situation und die bevorstehenden Aufgaben, über die Mitgliederwerbung und die Kontinuität der Veröffentlichungen, hatte zuvor der Stellvertretende Vorsitzende Peter Neumann referiert. Der nächste "Imprimatur-Band" (NF XVIII) wird von Frau Dr. Ute Schneider vorbereitet und erscheint voraussichtlich im kommenden Jahr. Die nächste Jahresversammlung wird vom 19. bis 23.6.2003 in Nürnberg stattfinden, in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum. Schatzmeister Michael Then bestätigte, dass für die nächste Publikation noch eine ausreichende finanzielle Reserve vorhanden ist.

Ein Ausflug galt Aurich, seit 1744 ostfriesische Regierungshauptstadt. Nach der Begrüßung im mit Fürstenbildnissen geschmückten Landschaftssaal wurde die Landschaftsbibliothek besucht, deren Grundstock die Bücher des preußischen Regierungspräsidenten Derschau aus dem späten 18. Jahrhundert bilden, und das Niedersächsische Staatsarchiv, wo vor allem die Restaurierungswerkstatt große Aufmerksamkeit fand. Zurückgekehrt nach Emden traf man sich im Tagungshotel zum traditionellen Festabend. Gedankt wurde bei dieser Gelegenheit dem scheidenden Vorsitzenden und seinem Stellvertreter, zwei Gaben widmete allen Teilnehmern wie gewohnt die Aldus-Presse Reicheneck (Karl Wolfskehl: "Lobgesang" und Moritz Jahn: "Arkadische Landschaft") – ihr Stifter trug den Jahnschen Text in der ihm vertrauten niederdeutschen Mundart vor.

Am Sonntag wurde nach dem Festvortrag von Walter Schulz nach Norden gefahren, dort das Teemuseum besichtigt und eine ostfriesische Teetafel genossen. Auf diese Weise gestärkt erhielten wir einen Ohrenschmaus: das Spiel auf der gewaltigen Arp-Schnitger-Orgel in der Ludgeri-Kirche.

Die Exkursion am Montag entführte die verbliebenen Teilnehmer in die Niederlande, nach Groningen. Das Museum der 1614 gegründeten Universität hatte eine Ausstellung der dort bis heute entstandenen wissenschaftlichen, aber auch alltäglichen Drucke eingerichtet. In der Universitätsbibliothek konnten unter Anleitung von Prof. Jos MM Hermans und Frau Dr. Gerda Huismann ausgewählte Handschriften und Bücher betrachtet werden, die ein Gegenstück zur älteren Literatur in der Emder Bibliothek bilden. Eine eigens für die Gäste angefertigte kleine Gabe wurde überreicht: der Bericht von Zacharias Conrad von Uffenbach über seinen Besuch in Groningen vom 4. bis 14. April anno 1710.

Für alle Teilnehmer dieser Tage im äußersten Nordwesten der Bundesrepublik war es eine lohnende Entdeckungsreise voller Überraschungen und mit gleichbleibenden Höhepunkten, die in reizvoller Umgebung eine Begegnung mit alten und neuen Büchern vermittelte, wie sie sich der Bibliophile wünscht. (pn)

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